Etwas zahme Klavierkonzerte britischer Komponistinnen

SOMM Recordings SOMMCD273; EAN: 7 4887122732 3

Auf dem SOMM-Label hören wir drei Werke für Klavier und Orchester, komponiert von zwei britischen Komponisten mit zwei Generationen Abstand. Dora Bright stand mit ihrem 1. Klavierkonzert und den Variationen, hier gespielt von Samantha Ward, noch völlig im 19. Jahrhundert, während Ruth Gipps in ihrem Konzert (Solist: Murray McLachlan) bereits mehr mit dem Stil ihrer Lehrer – vor allem Gordon Jacob – liebäugelte. Als Bonus-Track spielt das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Charles Peebles noch Gipps’ kurze Orchesterstudie “Ambarvalia”.

War erst zu Beginn letzten Jahres eine Chandos-CD der Symphonien Nr. 2 & 4 von Ruth Gipps (1921-1999) erschienen (siehe meine Kritik hier), legte SOMM im Herbst nochmal mit Gipps‘ relativ frühem g-Moll Klavierkonzert op. 34 (1947) nach. Die gleich quasi als Wunderkind – vor allem am Klavier – hervorgetretene Komponistin blieb zeitlebens der Tonalität treu und generell anti-modernistisch. Im Klavierkonzert, das bereits im ersten Solo die Vollgriffigkeit der Gattungsbeiträge von Arnold Bax oder Arthur Bliss teilt, kann man wie in vielen anderen Werken Gipps‘ aus diesem Zeitraum wieder eine deutliche Vorliebe für modale melodische Wendungen finden. Meisterhaft ist die immer atmosphärisch punktgenaue Einbindung von Bläsersoli in den Gesamtkontext; überhaupt ist die Orchestrierung – man spürt die Schule Gordon Jacobs – überaus farbig und hält den gesamten, immerhin knapp 15-minütigen Kopfsatz lebendig. Leider nivellieren hier der Pianist Murray McLachlan – immer schon Spezialist für britische und russische Klaviermusik des 20. Jahrhunderts – und Dirigent Charles Peebles die durchaus gegenstrebigen Charaktere von energischem Vorwärtsdrängen und zarter Lyrik ein wenig zugunsten von Letzterem; an sich ist die Darbietung jedoch tadellos. Im Verhältnis zum ersten Satz sind der folgende, langsame und das Vivace-Finale doch recht konventionell, aber dennoch interessant und hübsch anzuhören. Im Finale wird kokette Virtuosität geschickt mit Pseudo(?)-Folkloristik verbunden – der Schluss ist geplant wirkungsvoll.

Die zwei Generationen ältere Dora Bright (1862-1951 – über sie gibt es im Gegensatz zu Gipps seit neuestem sogar einen MGG-Artikel) war trotz des hohen Alters komplett ein Kind der Romantik. Ihr erstes Klavierkonzert (a-moll) von 1888 steht noch ganz im Einflussbereich Chopins oder Griegs, versucht aber erst gar nicht, dem „Biss“ männlicher Komponistenkollegen nachzueifern. Tatsächlich gelingt Bright ein, wie auch immer, weiblich erscheinender Gegenentwurf: kein Auftrumpfen, sondern scheue Zurückhaltung in Schönheit. Die Konsequenz, gerade im Kopfsatz, ist erstaunlich; dieser wirkt aber dann doch insgesamt zu zahm, trotz etlicher guten melodischen Einfälle und stellenweise jugendlichen Überschwangs. Die Naivität der beiden anderen Sätze zeugt aber noch von großer Unreife. Auf einem ganz anderen Level sind dann die zuletzt 1910 revidierten Variationen für Klavier und Orchester: Als Großes eine Brückenform schnell – langsam – schnell bildend, ist jede der sieben Variationen für sich trefflich, aber gleichzeitig Teil einer Entwicklung. Die Instrumentation ist ebenfalls deutlich elaborierter als im Konzert: Ein Werk, das wirkliche Beachtung verdient!

Samantha Ward spürt den Besonderheiten von Brights Musik mit größter Sensibilität nach. Ihr Klavierklang ist immer anheimelnd und voll positiver Energie – jedes harmonische Detail kommt hier zu seinem Recht, souverän und unaufgeregt. Es ist ein echter Genuss, ihr zuzuhören, was so manche Schwächen der Kompositionen vergessen macht. Der Einsatz des Royal Liverpool Philharmonic Orchestras ist von Ernsthaftigkeit geprägt – naturgemäß sind Musiker und Dirigent bei Gipps‘ entwickelterer Orchestersprache mehr in ihrem Element. Wer nicht auf absolut geniale Eingebungen wartet, wird mit dieser aufnahmetechnisch überzeugenden Einspielung durchaus seine Freude haben.

[Martin Blaumeiser, März 2020]

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