Archiv des Monats: März 2026

Milhaud-Symphonien – Protokoll eines Hörvergleichs

Ein Hörerlebnis, das mir vor kurzem widerfuhr, erscheint mir mitteilenswert, da es beispielhaft zeigt, wie sehr eine Aufführung bzw. Einspielung den Eindruck bestimmt, den ein Werk beim Hörer hinterlässt.

Ich traf mich mit einem guten Freund zu einem unserer regelmäßigen musikalischen Abende. Fester Bestandteil dieser Sitzungen ist es, ohne weiteren Kommentar eine CD aufzulegen und den jeweils anderen erraten zu lassen, welche Musik gerade läuft. So geschah es auch neulich wieder: Mein Freund legte Musik auf, und ich sollte raten. Was ich hörte, war relativ schnell als Symphonie zu erkennen. Ich vermutete ein Stück aus dem mittleren 20. Jahrhundert; der Komponist schien mir in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg seine künstlerische Sozialisation erfahren zu haben. Das Werk begann mit einem Satz in raschem Tempo mit Themen marschartigen Charakters. Allerdings strahlte der Marsch eine gewisse Schwerfälligkeit aus. Die Aufnahme litt unter einem dumpfen Klang, was der Tontechnik geschuldet sein dürfte, doch schien mir auch das Werk selbst zur klanglichen Härte und Kargheit zu neigen. Die Harmonik war sehr dissonant, wenn auch deutlich tonal zentriert; dennoch schien es dem Stück an Spannung zu mangeln, gerade in dem relativ langen langsamen Satz. Als die Symphonie aus war, musste ich zugeben, nicht weiter zu wissen. Ich legte dar, was wohl für dies, was wohl für jenes sprechen könnte – am ehesten schien mir das Werk von einem US-amerikanischen „Modern Traditionalist“ oder einem Komponisten aus der DDR zu stammen –, nannte ins Blaue hinein ein paar Namen, die mir einfielen, und fügte hinzu, dass ich einen französischen Komponisten ausschließen würde.

Hier wies mich mein Freund darauf hin, dass es sich um das Werk eines französischen Komponisten handelte, und zwar eines Autors von nicht weniger als 12 Symphonien. 12 Symphonien? Da fiel mir nur Darius Milhaud ein. Und tatsächlich: Es war die Symphonie Nr. 4 von Darius Milhaud in der bei cpo erschienenen Gesamtaufnahme mit dem RSO Basel unter Alun Francis!

Natürlich wurde mir sofort mein großer Nachholbedarf in Sachen Milhaud schmerzlich bewusst, eine Bildungslücke, die es zu schließen gilt! Aber abseits dessen faszinierte mich, wie falsch die Fährte war, auf die ich mich beim Hören der Aufnahme begeben hatte. Denn ich hatte zu unserer musikalischen Sitzung ebenfalls ein Werk von Milhaud mitgebracht, nämlich dessen Symphonie Nr. 1 in der Aufnahme des NBC Symphony Orchestra unter der Leitung Leopold Stokowskis, ein Mitschnitt der New Yorker Erstaufführung des Stückes aus dem Jahr 1943. Diese Aufnahme (die CD hatte ich vor allem wegen der ebenfalls darauf enthaltenen Symphonie Nr. 1 von Alan Hovhaness gekauft) hatte mir einen ganz anderen Eindruck vom Stil des Komponisten verschafft! Also schlug ich vor, zur Gegenüberstellung nun die Aufführung der Ersten unter Stokowski zu hören.

Rasch waren wir uns darin einig, dass diese Symphonie ein Meisterwerk ist und die Aufführung die Vorzüge des Stückes aufs schönste vermittelt. Welch eine Biegsamkeit des Rhythmus, welch eine Sanglichkeit in der Melodik herrscht hier! Und trotz der historischen Aufnahmetechnik lässt sich auch die orchestrale Farbenpracht gut erahnen. Mit phänomenalem Klanggespür hat Stokowski die Kontraste zwischen reinen und gemischten Farben und die vielen feinen Abstufungen der Orchestration Milhauds zum Leben erweckt, was natürlich engstens damit verknüpft ist, dass er den mit Dissonanzen reich gespickten Tonsatz bis zu seinen einfachen diatonischen Grundlagen durchdrungen hat. Die Spannung, die in den Harmonien herrscht, schlägt einem wie ein akustischer Funkenflug aus diesem historischen Tondokument entgegen!

Da wir die Gesamtaufnahme zur Hand hatten, wollte ich nun auch die Erste Symphonie unter Francis hören. Wie hätte ich das Werk wohl eingeschätzt, wäre ich ihm zuerst in dieser Aufnahme begegnet? Dem Fortschritt der Tontechnik zum Trotz entfaltet die jüngere Einspielung nicht annähernd den Zauber der älteren – und man merkt, dass die rein aufnahmetechnischen Aspekte für den Eindruck nicht ausschlaggebend sind. Vor allem stechen die Unterschiede des Musizierens selbst ins Auge bzw. ins Ohr: Wo Stokowski das Orchester zum Singen bringt, hält Francis es bloß im Takt und sorgt dafür, dass es tüchtig von einem Taktstrich zum nächsten kommt. Stokowskis Musizieren dagegen bewirkt, dass man beim Hören gar nicht an Taktstriche und dergleichen denkt! Zudem handelt es sich bei Stokowskis Aufnahme um eine echte Aufführung des ganzen Werkes. Das Stück wurde im Rundfunk gespielt wie in einem Konzert und direkt übertragen. Nun sind mir zu den Bedingungen, unter denen Francis‘ Studioaufnahmen entstanden, keine Einzelheiten bekannt. Die Musik klingt hier jedoch sehr danach, als sei sie abschnittsweise aufgenommen worden, ohne dass man die Werke, oder wenigstens einzelne Sätze, vollständig in einem Zug gespielt hätte. Möglicherweise ist es schlicht einem solchen Vorgehen geschuldet, dass die Musik so ziellos und schwerfällig erscheint.

Zum Abschluss unserer Sitzung bot mir mein Freund noch an, Milhauds eigene Aufnahme der Vierten aufzulegen. Gern nahm ich dieses Angebot an. Meine Hoffnung, dadurch einen günstigeren Eindruck von dem Stück zu erhalten, wurde nicht getäuscht. Ein Komponist ist nicht zwangsläufig der beste Dirigent seiner eigenen Werke – siehe etwa Strawinskij oder Walton –, doch Milhaud überzeugt in dieser Rolle vollkommen. Wie bei Francis handelt es sich um eine Studioproduktion, aber sie stand offensichtlich unter einem viel günstigeren Stern. Der einleitende Marsch gerät unter der Leitung des Komponisten deutlich schwungvoller, die Orchestergruppen wirken besser aufeinander eingespielt (siehe schon zu Beginn die kontrapunktischen Gegensätze!), die Harmonien vibrieren ähnlich wie in Stokowskis Aufnahme der Ersten, und der langsame Satz erscheint wesentlich kurzweiliger als unter Francis (was nicht in erster Linie am absolut rascheren Tempo Milhauds liegt).

Es geht hier nicht darum, an Francis‘ Gesamtaufnahme herumzumäkeln (zumal ich, wie gesagt, gar nicht alle Einspielungen dieser Reihe kenne). An sich ist es eine gute Idee, das Schaffen eines offensichtlich bedeutenden Symphonikers in seiner Gänze präsentieren zu wollen. Wenn in diesem Falle optimale Resultate nicht erreicht wurden, so mögen äußere Bedingungen wie Proben- und Aufnahmezeiten ihren Teil dazu beigetragen haben. Vielleicht war es den Verantwortlichen auch wichtiger, dass die Aufnahmen gemacht wurden, als wie dies geschah. Immerhin handelte es sich in manchen Fällen um Ersteinspielungen. Wenn dem so ist, wirft das natürlich die Frage auf, ob ein solches Vorgehen einem Werk tatsächlich nützt. Der Moment, in welchem man als Hörer merkt, dass man ein Werk verkannt hat, weil man es nur in einer suboptimalen Aufführung oder Aufnahme zu hören bekam, ist jedenfalls befreiend.

[Norbert Florian Schuck, März 2026]