Ein Hörerlebnis, das mir vor kurzem widerfuhr, erscheint mir mitteilenswert, da es beispielhaft zeigt, wie sehr eine Aufführung bzw. Einspielung den Eindruck bestimmt, den ein Werk beim Hörer hinterlässt.
Ich traf mich mit einem guten Freund zu einem unserer regelmäßigen musikalischen Abende. Fester Bestandteil dieser Sitzungen ist es, ohne weiteren Kommentar eine CD aufzulegen und den jeweils anderen erraten zu lassen, welche Musik gerade läuft. So geschah es auch neulich wieder: Mein Freund legte Musik auf, und ich sollte raten. Was ich hörte, war relativ schnell als Symphonie zu erkennen. Ich vermutete ein Stück aus dem mittleren 20. Jahrhundert; der Komponist schien mir in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg seine künstlerische Sozialisation erfahren zu haben. Das Werk begann mit einem Satz in raschem Tempo mit Themen marschartigen Charakters. Allerdings strahlte der Marsch eine gewisse Schwerfälligkeit aus. Die Aufnahme litt unter einem dumpfen Klang, was der Tontechnik geschuldet sein dürfte, doch schien mir auch das Werk selbst zur klanglichen Härte und Kargheit zu neigen. Die Harmonik war sehr dissonant, wenn auch deutlich tonal zentriert; dennoch schien es dem Stück an Spannung zu mangeln, gerade in dem relativ langen langsamen Satz. Als die Symphonie aus war, musste ich zugeben, nicht weiter zu wissen. Ich legte dar, was wohl für dies, was wohl für jenes sprechen könnte – am ehesten schien mir das Werk von einem US-amerikanischen „Modern Traditionalist“ oder einem Komponisten aus der DDR zu stammen –, nannte ins Blaue hinein ein paar Namen, die mir einfielen, und fügte hinzu, dass ich einen französischen Komponisten ausschließen würde.
Hier wies mich mein Freund darauf hin, dass es sich um das Werk eines französischen Komponisten handelte, und zwar eines Autors von nicht weniger als 12 Symphonien. 12 Symphonien? Da fiel mir nur Darius Milhaud ein. Und tatsächlich: Es war die Symphonie Nr. 4 von Darius Milhaud in der bei cpo erschienenen Gesamtaufnahme mit dem RSO Basel unter Alun Francis!
Natürlich wurde mir sofort mein großer Nachholbedarf in Sachen Milhaud schmerzlich bewusst, eine Bildungslücke, die es zu schließen gilt! Aber abseits dessen faszinierte mich, wie falsch die Fährte war, auf die ich mich beim Hören der Aufnahme begeben hatte. Denn ich hatte zu unserer musikalischen Sitzung ebenfalls ein Werk von Milhaud mitgebracht, nämlich dessen Symphonie Nr. 1 in der Aufnahme des NBC Symphony Orchestra unter der Leitung Leopold Stokowskis, ein Mitschnitt der New Yorker Erstaufführung des Stückes aus dem Jahr 1943. Diese Aufnahme (die CD hatte ich vor allem wegen der ebenfalls darauf enthaltenen Symphonie Nr. 1 von Alan Hovhaness gekauft) hatte mir einen ganz anderen Eindruck vom Stil des Komponisten verschafft! Also schlug ich vor, zur Gegenüberstellung nun die Aufführung der Ersten unter Stokowski zu hören.
Rasch waren wir uns darin einig, dass diese Symphonie ein Meisterwerk ist und die Aufführung die Vorzüge des Stückes aufs schönste vermittelt. Welch eine Biegsamkeit des Rhythmus, welch eine Sanglichkeit in der Melodik herrscht hier! Und trotz der historischen Aufnahmetechnik lässt sich auch die orchestrale Farbenpracht gut erahnen. Mit phänomenalem Klanggespür hat Stokowski die Kontraste zwischen reinen und gemischten Farben und die vielen feinen Abstufungen der Orchestration Milhauds zum Leben erweckt, was natürlich engstens damit verknüpft ist, dass er den mit Dissonanzen reich gespickten Tonsatz bis zu seinen einfachen diatonischen Grundlagen durchdrungen hat. Die Spannung, die in den Harmonien herrscht, schlägt einem wie ein akustischer Funkenflug aus diesem historischen Tondokument entgegen!
Da wir die Gesamtaufnahme zur Hand hatten, wollte ich nun auch die Erste Symphonie unter Francis hören. Wie hätte ich das Werk wohl eingeschätzt, wäre ich ihm zuerst in dieser Aufnahme begegnet? Dem Fortschritt der Tontechnik zum Trotz entfaltet die jüngere Einspielung nicht annähernd den Zauber der älteren – und man merkt, dass die rein aufnahmetechnischen Aspekte für den Eindruck nicht ausschlaggebend sind. Vor allem stechen die Unterschiede des Musizierens selbst ins Auge bzw. ins Ohr: Wo Stokowski das Orchester zum Singen bringt, hält Francis es bloß im Takt und sorgt dafür, dass es tüchtig von einem Taktstrich zum nächsten kommt. Stokowskis Musizieren dagegen bewirkt, dass man beim Hören gar nicht an Taktstriche und dergleichen denkt! Zudem handelt es sich bei Stokowskis Aufnahme um eine echte Aufführung des ganzen Werkes. Das Stück wurde im Rundfunk gespielt wie in einem Konzert und direkt übertragen. Nun sind mir zu den Bedingungen, unter denen Francis‘ Studioaufnahmen entstanden, keine Einzelheiten bekannt. Die Musik klingt hier jedoch sehr danach, als sei sie abschnittsweise aufgenommen worden, ohne dass man die Werke, oder wenigstens einzelne Sätze, vollständig in einem Zug gespielt hätte. Möglicherweise ist es schlicht einem solchen Vorgehen geschuldet, dass die Musik so ziellos und schwerfällig erscheint.
Zum Abschluss unserer Sitzung bot mir mein Freund noch an, Milhauds eigene Aufnahme der Vierten aufzulegen. Gern nahm ich dieses Angebot an. Meine Hoffnung, dadurch einen günstigeren Eindruck von dem Stück zu erhalten, wurde nicht getäuscht. Ein Komponist ist nicht zwangsläufig der beste Dirigent seiner eigenen Werke – siehe etwa Strawinskij oder Walton –, doch Milhaud überzeugt in dieser Rolle vollkommen. Wie bei Francis handelt es sich um eine Studioproduktion, aber sie stand offensichtlich unter einem viel günstigeren Stern. Der einleitende Marsch gerät unter der Leitung des Komponisten deutlich schwungvoller, die Orchestergruppen wirken besser aufeinander eingespielt (siehe schon zu Beginn die kontrapunktischen Gegensätze!), die Harmonien vibrieren ähnlich wie in Stokowskis Aufnahme der Ersten, und der langsame Satz erscheint wesentlich kurzweiliger als unter Francis (was nicht in erster Linie am absolut rascheren Tempo Milhauds liegt).
Es geht hier nicht darum, an Francis‘ Gesamtaufnahme herumzumäkeln (zumal ich, wie gesagt, gar nicht alle Einspielungen dieser Reihe kenne). An sich ist es eine gute Idee, das Schaffen eines offensichtlich bedeutenden Symphonikers in seiner Gänze präsentieren zu wollen. Wenn in diesem Falle optimale Resultate nicht erreicht wurden, so mögen äußere Bedingungen wie Proben- und Aufnahmezeiten ihren Teil dazu beigetragen haben. Vielleicht war es den Verantwortlichen auch wichtiger, dass die Aufnahmen gemacht wurden, als wie dies geschah. Immerhin handelte es sich in manchen Fällen um Ersteinspielungen. Wenn dem so ist, wirft das natürlich die Frage auf, ob ein solches Vorgehen einem Werk tatsächlich nützt. Der Moment, in welchem man als Hörer merkt, dass man ein Werk verkannt hat, weil man es nur in einer suboptimalen Aufführung oder Aufnahme zu hören bekam, ist jedenfalls befreiend.
Edvard Hagerup Grieg wurde am 15. Juni 1843 in Bergen geboren und zeigte beim Klavierunterricht mit seiner Mutter Gesine Hagerup früh musikalische Begabung, wohingegen er die Schule vernachlässigte und schließlich die dritte Klasse wiederholen musste. Griegs Perspektiven änderten sich, als die Familie Ole Bull als Gast empfing, der nicht nur einer der bedeutendsten Geiger damaliger Zeit war, sondern als Komponist die Musik Norwegens maßgeblich veränderte: Er kämpfte für das Norwegische, Urtypische und Bäuerliche in der Musik, womit er später auch Grieg anstecken sollte. Auf den Rat Bulls begann Grieg 1858 ein Studium der Musik inLeipzig, wo zu seinen Lehrern neben Carl Reinecke auch Ignaz Moscheles und Louis Plaidy zählten. Griegs Berichten zufolge habe er nichts gelernt in Deutschland, auch von seinen Lehrern wurde er als aufmüpfig beurteilt; und doch sind Griegs handwerkliches Geschick und Wissen um einfache, aber effektive Formgestaltung sowie seine kontrapunktischen Fähigkeiten zweifelsohne auf ein gründliches Studium zurückzuführen.
Neue Einflüsse erhielt Grieg in Kopenhagen, wohin er 1863 nach kurzem Aufenthalt in seiner Heimat reiste. In Niels W. Gade fand er seinen neuen Lehrer, der bis heute zu den erfolgreichsten Komponisten Dänemarks gehört. Dieser überzeugte Grieg, ein großer Komponist müsse große Symphonien schreiben, und so machte sich Grieg an seine c-Moll-Symphonie. Diese zog er allerdings vor der Uraufführung zurück, als Johan Svendsen sein symphonisches Erstlingswerk vorlegte, das Grieg für überlegen hielt. Uraufgeführt wurde die Symphonie erst 1980 in Russland, womit das von Grieg ausdrücklich verlange absolute Aufführungsverbot des Werks gebrochen wurde. Kurze Zeit nach der Symphonie folgten auch die Klaviersonate e-Moll op. 7 und die Violinsonate F-Dur op. 8, die beide bis heute regelmäßig auf Konzertprogrammen zu finden sind. Ole Bull kritisierte Gades Einfluss im Werk seines Schützlings und forderte ihn dazu auf, Musik zu komponieren, die sein Land ehre und nicht den Spuren Gades folge. In Dänemark lernte Grieg auch Rikard Nordraak kennen, mit dem zusammen er 1864 Euterpe gründete, eine Vereinigung zur Förderung nordischer Musik. Für Euterpe entstanden die Humoresken op. 6, die erstmalig den Bezug zu den norwegischen Bauerntänzen „Slåtter“ aufweisen.
Weiter ging die Reise 1866 nach Christiania, heute Oslo, wo er seine Cousine Nina Grieg heiratete, mit der er eine Tochter bekam, Alexandra, die allerdings im Alter von 13 Monaten verstarb. 1869 ging er nach Rom und traf dort Franz Liszt, der hingerissen war von der Musik des Norwegers. Besonders begeistert zeigte sich Liszt vom Kopfsatz des neu komponierten Klavierkonzerts a-Moll op. 16, welches er dem Publikum prima vista präsentierte.
Zurück in der Hauptstadt Norwegens wollte Grieg eine feste Orchestervereinigung gründen, woraus sich später die Osloer Philharmonie entwickeln sollte. Ab 1874 konnte er als freier Künstler von staatlichem Künstlerlohn leben, konzentrierte sich entsprechend mehr aufs Komponieren und war nicht so sehr auf andere Geldquellen angewiesen. Arbeiten an einer ersten nationalen Oper Norwegens mit Bjørnstjerne Bjørnson gab Grieg auf (mit ihm schuf Grieg bereits Sigurd Jorsalfar op. 22 und Bergliot op. 24) und nahm dafür ein Angebot Ibsens an, der Grieg dafür gewinnen wollte, Bühnenmusik für eine Aufführung von Peer Gynt zu komponieren. Das Werk und die beiden Orchestersuiten daraus erwiesen sich sogar noch vor dem Klavierkonzert als größte Erfolge Griegs.
Im Jahr darauf starben beide Elternteile Griegs innerhalb kürzester Zeit, was Grieg zu seinen beiden musikalisch wohl substanziellsten Werken trieb: dem Streichquartett g-Moll op. 27 und der Ballade op. 24 in gleicher Tonart.
Die frühen 1880er-Jahre waren durchzogen von einer tiefen Krise, die sich persönlich durch eine Trennung von seiner Frau Nina und künstlerisch durch eine Formkrise beginnend mit seiner Cellosonate a-Moll op. 36 abzeichnete – der Komponist war der Ansicht, er könne keine geschlossene Form mehr schreiben. Grieg reiste in Richtung Frankreich, wo er die Malerin Leis Schjelderup treffen wollte, kehrte allerdings zuvor schon zurück und versöhnte sich mit seiner Frau. Anlässlich des 200. Geburtstags von Ludvig Holberg, dem „Moliere des Nordens“, sollte Grieg eine Kantate schreiben, die ihn allerdings wenig inspirierte. Er legte ein durchschnittliches Werk vor, konzentrierte sich parallel auf ein anderes Stück zu gegebenem Anlass: Aus Holbergs Zeit, Suite im alten Stil op. 40, in welcher er Formmodelle der Barockzeit mit romantischer Musik aktualisierte. Der Formkrise war Grieg damit allerdings noch immer nicht entkommen, erst 1886 entfloh er seiner Angst, keine große Form mehr komponieren zu können, indem er die Dritte Violinsonate c-Moll op. 45 veröffentlichte.
Troldhaugen, Villa von Edvard Grieg (Foto von: Oliver Fraenzke)
Zuvor schon erwarb Grieg 1884 seine berühmte Residenz in der Nähe Bergens: Troldhaugen. Hier lebte er bis zu seinem Tod und liegt nun unterhalb des Hauses begraben; heute dient das Gebäude als Museum, daneben steht eine neu gebaute Konzerthalle. 1887 fand ein geschichtsträchtiges Treffen in Leipzig statt: Brahms, Tschaikowsky und Grieg saßen an einem Tisch: Während Brahms und Tschaikowsky sich zwar menschlich leiden konnten, verabscheuten sie die Musik des jeweils anderen, zu Grieg bauten beide menschlich wie künstlerisch ein gutes Verhältnis auf.
Nach der Jahrhundertwende verschlechterte sich Griegs Gesundheit rapide: Bereits als junger Mann verlor er durch eine Krankheit die Funktion eines Lungenflügels, nun wurden die Atembeschwerden kritisch. Am 4. September 1907, nach einer letzten Tour nach Deutschland, starb er im Zentralkrankenhaus Bergen in den Armen seiner Frau.
Musik und Stil
Grieg zählt zu den großen Nationalromantikern des 19. Jahrhunderts, die sich auf die Volksmusik beriefen. Formal bleibt er weitgehend klassisch-konservativ, harmonisch hingegen beschritt er neue Pfade und ebnete den Weg für den Impressionismus in Frankreich: Debussy und Ravel betrachteten beide Grieg als eine ihrer zentralen Inspirationsquellen.
Als Meister der kleinen Formen geltend, brachte Grieg uns doch zahlreiche grandiose Werke großen Formats: Die frühesten dieser sind die Klaviersonate e-Moll und die Erste Violinsonate F-Dur, wobei die Klaviersonate bereits Ideen enthält, welche Grieg später im Klavierkonzert a-Moll wiederaufgriff und erweiterte. Die beiden Sonaten entstanden zeitgleich, die Zweite Violinsonate G-Dur op. 13 folgte kurze Zeit später. In ihr wendet sich Grieg aktiv der Volksmusik zu und erhebt sie in die Sphären von Konzertmusik, der erste Satz ist ein ausgedehnter norwegischer Volkstanz. Von der ersten Aufführung an etablierte sich das Klavierkonzert a-Moll op. 16 zu einem Publikumsliebling: Die eingängige Thematik, die harmonischen Wechsel und das Ursprüngliche und Natürliche dieses Werks begeistern jedes Mal von Neuem. Düster und aufbrausend geben sich das Streichquartett g-Moll und die Klavierballade, in denen Grieg den Tod seiner Eltern verarbeitete: Das Quartett bildet eine Geschichte ab um einen Pakt mit einem Wassergeist, die Ballade errichtet sich auf einer Volksmusikmelodie, welche in Variationsform bearbeitet wird und in alle Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt: Trauer, Resignation, Hoffnung, Wut, Angst, Unsicherheit, Ausgelassenheit und mehr spiegeln sich in den dreizehn Variationen der Klavierballade, die umfangreicher und technisch noch anspruchsvoller ist als Chopins g-Moll-Ballade op. 23 und Züge aufweist von Schumanns Symphonischen Etüden op. 13. Die Cellosonate führt zum Klavierkonzert zurück und behält packende Dramatik, die Dritte Violinsonate ist ebenfalls ein energiegeladenes Werk voll innerer Zerrissenheit und eruptiver Gewalt.
Der Zweifel gehörte zu Griegs lebenslangen Weggefährten, immer wieder überarbeitete er alte Werke und verwarf seine Skizzen, unter anderem mehrere Instrumentalkonzerte kamen nie über ein Skizzenstadium hinweg, andere Werke wie sein F-Dur-Streichquartett blieben unfertig. Aus dem Finale der Klaviersonate strich Grieg eine lange Passage, den Höhepunkt des zweiten Satzes setzte er vom Fortissimo ins Pianissimo, entsagte somit der Zurschaustellung von Virtuosität.
Der Angst vor langen Formen entfloh Grieg, indem er kurze Sätze aneinanderreihte, wie bei der Holberg-Suite, deren längster Satz, die innige Air, in der ursprünglichen Klavierfassung lediglich vier Seiten umfasst. In großen Kontexten behält Grieg gerne eine klare Struktur, Reprisen sind meist ganz regelkonform durchgeführt und auch in seinen Miniaturen vertraut Grieg einer exakten Wiederkehr von bekanntem Material.
Gern gespielt werden die zahlreichen Klavierminiaturen des Norwegers, allen voran seine 66Lyrischen Stücken in zehn Bänden, vernachlässigt im Repertoire sind hingegen seine etwa 180 Lieder. In den Lyrischen Stücken tastet sich Grieg langsam an die Volksmusik heran, anfangs nennt er seine Stücke „Im Volkston“, oder „Norwegisch“, später erst betitelt er sie nach den Bauerntänzen.
Das Norwegische ist omnipräsent im Schaffen Griegs, sei es durch Stilisationen von Bauerntänzen oder durch Bearbeitungen von Volksliedern, was viele Melodien vor dem Vergessen bewahrte. Die Liedtranskriptionen und -bearbeitungen op. 66 dürften die feingeistigsten Umsetzungen sein, op. 72 rückt das Volkstümliche mehr in den Konzertkontext. Auch die Ballade beruht auf einer Melodie, die von Ludvig Mathias Lindeman aufgezeichnet wurde.
Zuletzt zu nennen ist das abbildende Element in Griegs Musik: Für eine treffende Illustration überging der Norweger alle Regeln bis hin zu freien Quintrückungen in Glockenklang aus den Lyrischen Stücken. Ob Grieg nun im An den Frühling ganze Lawinen talwärts rutschen lässt, die Vöglein quirlig durcheinandersingen oder das Bächlein ununterbrochen rauschen, die Bilder sind stets eindeutig. Und wer erkennt nicht die Morgenstimmung als DIE Darstellung einer Landschaft bei aufgehender Sonne? Was Peer Gynt betrachtete, hören wir nun in zahlreichen Filmen als Untermalung des angehenden Tages.
Aufnahmen im Vergleich
Es liegt eine beachtliche Anzahl an Gesamteinspielungen Griegs vor, besonders das Symphonische Oeuvre wurde in den letzten Jahren mehrfach vollständig aufgenommen. Ein „Must have“ für alle Grieg-Fans bleibt die „Grieg Edition“ von Brilliant Classics, welche fast das gesamte Schaffen des Norwegers auf 21 CDs bannt: Hervorzuheben hierbei ist die Klaviermusik mit Håkon Austbø. Eivind Aadland legte mit dem WDR Sinfonieorchester Köln eine Gesamtaufnahme des Orchesterwerks vor (erschienen bei audite), die durch Plastizität und Ökonomie der Mittel besticht, sachlich und feingeistig fasst er diese Musik auf. Etwa zeitgleich brachte Naxos die „Complete Orchestral Works“ heraus mit Bjarte Engeset, dem Malmö Symphony Orchestra und dem Royal Scottish National Orchestra. Das Glanzstück hier ist die gesamte Bühnenmusik zu Peer Gynt, die nicht nur in den beiden Suiten zu hören ist, wie in den anderen verglichenen Einspielungen. Herbert Schuch kann im Klavierkonzert für audite mehr überzeugen als Håvard Gimse für Naxos. Wo Engeset in der Gesamtaufnahme allgemein empfehlenswert ist, enttäuschen seine Einspielungen für Streichorchester, die es auch in die Box geschafft haben. Carl Petersson legte für Grand Piano das a-Moll-Konzert vor und begeistert vom ersten bis zum letzten Ton – darüber hinaus spielt er das unvollendete h-Moll-Konzert, von welchem nur wenige Fragmente erhalten sind, in der Vervollständigung von Helge Evju, eine Weltersteinspielung. Leider vergriffen ist die Aufnahme des Komponisten und Dirigenten Nicolas Flagello, der aus einem schlechten Orchester (Da Camera di Roma) Unvorstellbares herausholt und eine der brillantesten Aufnahmen der Holberg-Suite hervorbringt.
Die Kammermusik lernte ich durch die 3-CD-Box von Brilliant Classics kennen, die ungeschlagen vom Preis-Leistungs-Verhältnis ist: Die Aufnahmen sind vielleicht nicht die Überragendsten, und doch geben sie vieles preis, was die Kammermusik ausmacht – überraschend innig gibt sich das g-Moll-Streichquartett. Die Violinsonaten glänzen in der Referenz-Aufnahme mit Ingolf Turban und Jean-Jacques Dünki, die Musiker erfüllen jeden Takt mit Ausdruck und Substanz. Ein weiterer Schatz, der komplett verborgen blieb, ist die Aufnahme dreier Sonaten mit Tateno, Rautio und Söderblom. Die neueste Aufnahme, welche mir in die Finger fiel, ist die Erste Violinsonate mit den Schwestern Birringer, welche frei und organisch entsteht, durch Musizierfreude mitreißt. Das gleiche Werk erschien nun mit Aleksey Semenenko und Inna Firsova.
Mehr noch als die Orchester- und Kammermusik wurde die Klaviermusik aufgenommen. Mitreißen können dabei vor allem die Stars von früher: Arturo Benedetti Michelangeli belebt jeden Ton des Klavierkonzerts ebenso wie der Solomusik, Emil Gilels bringt unvorstellbares Gefühl aus allen 66 Lyrischen Stücken und Walter Gieseking achtet bei diesen auf jedes noch so kleine Detail. In neueren Aufnahmen finden wir oft Auszüge aus den Lyrischen Stücken, so etwa sehr puppenhaft gekünstelt von Alice Sara Ott oder übermäßig frei von Janina Fialkowska. Die wohl bekannteste Gesamteinspielung des Klavierwerks ist die von Einar Steen-Nøkleberg, der zwar live interessante Details hervorholt, dessen Aufnahmen allerdings doch auf Masse produziert scheinen, makellos, aber uninspiriert wirken. Auch Skizzen und Verworfenes hören wir bei diesem Pianisten. Zwei der Schätze aus Griegs Zeit seien noch hervorgehoben: Percy Grainger, der sich als junger Mann noch mit Grieg anfreundete, präsentierte mit Leopold Stokowski das Klavierkonzert in einer unerhört bezaubernden Version und spielte unter anderem die Ballade ein, für die er lediglich 12(!) Minuten brauchte. Und Grieg können wir selbst erleben, wie er seine eigenen Werke darbietet: 1903 entstanden Aufnahmen auf Wachsplatte und 1906 verewigte er sich auf einer Klavierrolle von Welte Mignon – heute würde keiner seine Musik so spielen, doch als Dokument der Musikgeschichte sind diese Aufnahmen unentbehrlich.