Schlagwort-Archiv: Royal Scottish National Orchestra

Kühne Harmonien und brachiale Wucht

Hyperion, CDA68205; EAN: 0 34571 29205 3

Das Klavierkonzert (1932-1936) sowie die zweite Ballade für konzertantes Klavier und Orchester (1943) des bulgarischen Komponisten Dimitar Nenov sind – jeweils in Weltersteinspielung – auf der neuesten CD von Ivo Varbanov und dem Royal Scottish National Orchestra unter Emil Tabakov für Hyperion zu hören.

Es ist bereits einige Jahre her, als ein guter Freund und Kollege mir ein Notenheft eines bulgarischen Komponisten brachte, welches mich sogleich durch seine Prägnanz, markerschütternde Gewalt und halsbrecherische Virtuosität in seinen Bann zog. Es war Klaviermusik von Dimitar Nenov, welche mich seit dem nicht mehr los und meine Umgebung zugleich scheinbar kalt ließ. Dies könnte sich vielleicht nun ändern, wo seine Musik in die kundigen Hände von Emil Tabakov fiel, einem Landsmann Nenovs und selbst substanziellen Komponisten, der auch durch sein herausragendes Dirigat aus der Masse hervorsticht. Angestoßen wurde das Projekt durch den Pianisten Ivo Barbanov, der seit 2012 nach einer mehrjährigen krankheitsbedingten Pause wieder mit ungebrochenem Eifer tätig ist.

Dimitar Nenov war in seinen jungen Jahren gefeiert als Pianist und Komponist, doch war auch als Rundfunkproduzent und nicht zuletzt als Architekt tätig, eine Reihe wichtiger Gebäude und Bahnhöfe in Bulgarien gehen auf seine Planung zurück. Mit der Etablierung des Kommunismus in Bulgarien ab 1944 geriet er als Freigeist unter Generalverdacht und wurde mehrfach öffentlich diffamiert, seine Aufnahmen wurden vernichtet und einige Werke durch fremdes Zutun bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Auch wenn sich die Intensität dieser Anfeindungen bald abschwächte, blieben die Spuren dieser Erfahrungen im Schaffen Nenovs unverkennbar bestehen. Nach seinem Tod 1953 war er dann schnell vergessen.

Kühne Harmonien und brachiale Wucht zeichnen die Musik des Bulgaren aus, beinahe zwangsläufig schwingt ein gewisses Unbehagen mit. Selbst extravertiert ausgelassene Passagen weisen eine gewisse Doppelbödigkeit auf, eine unterschwellige Melancholie und Traurigkeit sind durchgehend bezeichnend für Nenovs Musik. Füllige Akkorde in groß besetztem Orchester geben den Werken Dichte und verleihen ihnen eine fast ausweglos scheinende, erdrückende Kraft. Gesangvolle Linien schlagen plötzlich in blanke Gewalt um, Schimmer der Hoffnung werden schnell hinweg gefegt. Diese Musik hat etwas Beängstigendes, aber in gleichzeitig Faszinierendes und Unergründliches.

Die formale Gestaltung des Klavierkonzerts umfasst riesige Dimensionen und überschreitet das beim ersten Hören Erfassbare. Das knapp 45 Minuten dauernde Werk umspannt zwar wie gewohnt drei Sätze, doch hängen diese thematisch zusammen und es entsteht die Wirkung eines einzigen, alles verbindenden Satzes. Martin Georgiev schreibt in seinem rundum informativen Booklettext, die Gesamtheit entspreche einer sehr umfassenden und weitausgreifenden Sonatenhauptsatzform, womit Nenov alles Dagewesene bis hin zu Bruckner und Mahler um Längen überbieten würde. In dieser Weise zeigt sich das Konzert natürlich beim bloßen Hören nicht erkennbar, das Konstrukt übersteigt das vom Menschen Korrelierbare um einiges. Ebenfalls groß dimensioniert ist die Ballade Nr. 2 für konzertantes Klavier und Orchester angelegt, die allgemein etwas zurückgehaltener erscheint als das bombastische Klavierkonzert und auch eine größere Ruhe ausstrahlt. Das Klavier integriert sich mehr in das Orchestergeflecht und steigt eher aus ihm empor, als einen eigenen, nur bedingt von seiner Umgebung abhängigen Part zu bilden.

Den an die Grenzen des anatomisch Bewältigbaren gehenden virtuosen Herausforderungen ist der Pianist Ivo Varbanov souverän gewachsen, auch ist ihm der trockene, nüchterne Ton zu eigen, der für solch eine Gewaltmusik notwendig ist. Nichts wird verschönert, die Musik wird mit all ihren Kanten und Unebenheiten wiedergegeben, die sie so charakteristisch machen und ihr den diabolischen Charme verleihen. Und doch wäre in manchen, gerade in den ruhigeren Passagen wünschenswert, in der Klangqualität des Klaviers doch auch über die simple Tastenebene hinauszuwachsen, Höhepunkte trompetenartig hervorzuschmettern, tiefe Passagen Fagott-artig zu behandeln und allgemein die Melodik gesanglich aufblühen zu lassen, den Tönen Leben zu verleihen, wo dies am Platze ist. Dies wird erst auffällig durch den Unterschied zum Dirigat Emil Tabakovs, der jede Stimme für sich leben lässt und selbst in den hämmerndsten Klangkaskaden den Sinn für eine subtileree Phrasierung behält. Tabakov holt alles an Musik heraus, was diese auf den ersten Blick oberflächlich-stumpf erscheinenden Klangorgien bieten – und definitiv mehr, als man erwarten dürfte.

[Oliver Fraenzke, August 2017]

Abfolgen wechselnder Zustände

Samuel Adler
Symphony No. 6
Concerto for Cello and Orchestra
Drifting on Winds and Currents

Royal Scottish National Orchestra
Maximilian Hornung, Cello
Dirigent: José Serebrier

Linn Records (2015) CKD 545
6 91062 05452 2

 September 2015, Royal National Orchestra Centre, Glasgow

This is a free design for Deviantart Photoshop Files. Created with a Creative Commons Licence (http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/) Rules for use: 1. When using this template, post copyright post in your project. Always link to this deviant page for copyright. Include author name and link. 2. Do not sell, redistribute or copy this file. 3. Downloads are only from this URL. 4. When using in your project, leave a comment with link to project please...

Der amerikanische Komponist Samuel Hans Adler wird hierzulande kaum bekannt sein. Geboren 1928 in Mannheim, gelang der Familie 1939 die Übersiedlung in die USA – unter Umständen, die schrecklich und wechselvoll waren. Dazu finden Interessierte ein bewegendes Gespräch mit Adler auf Youtube.

In den USA angekommen, erfuhr er eine ausführliche musikalische Ausbildung. Seine Lehrer waren unter anderen Walter Piston, Paul Hindemith, Aaron Copland und Serge Koussevitzky.

Er lehrte von 1997 bis 2014 an der Juilliard School. Das soll nur eine kleine Ahnung vermitteln von all seinen Tätigkeiten und Verpflichtungen. Neben diesen ist er bis heute ein produktiver Komponist, orchestral, kammermusikalisch und vokal. Über 400 Werke wurden bislang veröffentlicht.

Die vorliegende Einspielung umfasst drei seiner Werke, zuerst die dreisätzige sechste Sinfonie aus den 1980er Jahren und das Cello-Konzert.
Samuel Adler instrumentiert vorbildlich durchhörbar, dabei Polyphones meidend. Trotz massiver Ausbrüche immer luzide und tonal basiert.

Die Musik tritt unmittelbar auf! Große Gesten eröffnen die Sinfonie – heftige Akkorde im Blech, pulsierend vom Schlagwerk getragen. Alternierend eingeschoben werden Passagen, die Ruhepole bilden. Tatsächlich wirken die mosaikhaft wechselnden Abfolgen von Erregungen und beruhigenden Abschnitten auf Dauer eher ermüdend, denn es bildet sich keine mitvollziehbare Architektur, ein durchgehender Spannungsbogen fehlt, nichts zwingend Zusammenhängendes. Sequenzen von interessanten und hörenswerten Momenten, die willkürlich wirken. Diese Beliebigkeit ermattet die geweckte Gespanntheit.
Ein Bogen: vom Beginn zum Schluss, mit klarer musikalischer Argumentation, die sinnhaft das Erste mit dem Letzten verbindet – fehlt.

Gleiches gilt auch für das Cello-Konzert, das mit großer Bravour, Engagement und Detailfreude von Maximilian Hornung vorgetragen wird.

Das letzte Stück, die knapp neunminütige Skizze für Orchester “Drifting on Winds and Currents“ – verläuft ebenso.

In Adlers Musik klingen Vorbilder nach: seine Lehrer. Und sein Kollege von der Juilliard School: Peter Mennin (1923-1983), dessen Energie und Beherrschung der sinfonischen Form in der US-amerikanischen Musik unübertroffen sind.

Großartig: die Leistung des Orchesters, die gelungene Tontechnik. Und das, wie so oft, umwerfende Dirigat von José Serebrier, der alles gibt, dieser Musik den funkelnden Mantel umzuwerfen, dessen sie bedarf.

[Stefan Reik, Juni 2016]

Im Reich des feisten Ritters

Ralph Vaughan Williams
„Fat Knight“-Suite, Henry V Overture, Serenade to Music (Orchesterversion)
Label: Dutton Epoch
EAN: 76538773282
Art.-Nr.: CDLX7328

This is a free design for Deviantart Photoshop Files. Created with a Creative Commons Licence (http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/) Rules for use: 1. When using this template, post copyright post in your project. Always link to this deviant page for copyright. Include author name and link. 2. Do not sell, redistribute or copy this file. 3. Downloads are only from this URL. 4. When using in your project, leave a comment with link to project please...

Bis etwa 2007 waren die frühen Werke des Komponisten Ralph Vaughan Williams mit einem Bann belegt. Der Komponist hatte selbst verfügt, dass seine frühen Werke bis zur Norfolk Rhapsody No. 1 nicht veröffentlicht werden sollten. Zum Glück konnte er der Versuchung widerstehen, diese Kompositionen der Vernichtung preiszugeben. Wie wehmütig sind wir alle, dass etwa Komponisten wie Jean Sibelius oder Johannes Brahms, um nur einige Beispiele zu nennen, tatsächlich wohl ganze Werkbestände, mit denen sie nicht zufrieden waren, vernichtet haben. Unabhängig von der Qualität der untergegangenen Stücke, fehlt uns dadurch ein wertvoller Einblick in bestimmte Kompositionsphasen dieser Genies.

Kurz vor ihrem Tod hat Vaughan Williams zweite Ehefrau Ursula Vaughan Williams das Publikations- und Aufführungsverbot ihres Mannes aufgehoben. Seitdem gibt es CD-Veröffentlichung auf CD-Veröffentlichung, meist von den einschlägigen britischen Labels, die sich mit Vaughan Williams bislang vollkommen unbekanntem Frühwerk beschäftigten. Was da zutage kam, war sehr interessant, um die Entwicklung des Komponisten nachzuvollziehen, offenbarte aber keine überraschenden neuen Meisterwerke. Nun ist aber auch diese erste Welle von Veröffentlichungen vorüber, und die Labels machen sich offenbar Gedanken, wie sie die vielen Vaughan Williams-Fans weltweit mit weiteren, bislang unveröffentlichten Pretiosen beglücken können. Was da nahe liegt, sind offenbar Bearbeitungen.

Martin Yates hat sich in den letzten Jahren mit solchen Bearbeitungen immer wieder hervorgetan, sei es auf dem eigenen Label der Vaughan Williams Society (Albion Records), sei es bei anderen Labels wie etwa SOMM Recordings oder, wie hier, Dutton Epoch. Auf der neuesten Vaughan Williams-CD von Dutton überrascht uns eine Orchestersuite aus Vaughan Williams Oper „Sir John in Love“. Der Komponist hatte tatsächlich vor, diese Falstaff-Oper „Fat Knight“ zu nennen, wobei er jedoch wohl irgendwann einsah, dass dieser Titel mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Zuschauermassen in die Opernhäuser treiben würde.

„Sir John in Love“ klingt dann doch deutlich reizvoller. Nun hat Martin Yates eine Orchestersuite aus der Oper auf der Basis eines vom Komponisten angefertigten Klavierauszugs für vier Hände transkribiert. Somit steht uns nun eine ausgesprochen schöne Orchestersuite zur Verfügung, die es vorher noch nicht gab. Angereichert wird das Programm durch eine weitere Transkriptionen, nämlich die eigentlich für Blaskapelle geschriebene „Henry V“-Ouvertüre, sowie durch die orchestrale Version der eigentlich für 16 Gesangssolisten und Orchester geschriebene „Serenade to Music“.

Für Vaughan Williams-Fans, und diesmal nicht nur für die, ist das ein durchaus lohnendes, kurzweiliges Programm. Das ausführende Royal Scottish National Orchestra macht seine Sache wie immer recht gut, hat aber auch die von diesem Orchester bereits bekannten Probleme im Bereich der Blechbläser, die bei den Schotten in meinen Ohren keinen internationalen Spitzenstandard repräsentieren. Der Sound der Aufnahme entspricht dem üblichen guten aber routinierten Dutton-Standard. Auch wenn das Label neuerdings mit der Veröffentlichung auf SACD punkten will (was zweifellos durch den Mehrkanalaspekt ein Pluspunkt für Leute mit Surroundanlage sein mag), so ist der Aufnahmestandard bei Dutton nach wie vor meist nicht mehr als gute Tonmeister-Routine. Und so durfte sich hier diesmal Michael Ponder austoben, der zu den aus UK bekannten Freelancern gehört, die u.a. auch für DECCA, onyx oder Naxos die Mikrofone aufstellen.

Als Fazit könnte man ziehen, dass CDs wie diese unbestreitbar den Vorteil haben, dass sie neue Blickwinkel auf die Musik von Ralph Vaughan Williams eröffnen. Gravierender Nachteil der Vaughan Williams-Veröffentlichungen der letzten Jahre, die sich ja ganz überwiegend mit dem bislang unbekannten Frühwerk oder dem in irgendeiner Form abseitigeren Werk des Komponisten beschäftigt haben, sehe ich persönlich darin, dass sie zunehmend vom Hauptwerk ablenken.

So sei nochmals betont, dass Vaughan Williams am allerbesten über seine Sinfonien entdeckt werden sollte und über seine wunderbaren, leider sträflich vernachlässigten Instrumentalkonzerte. Auch seine durchaus interessanten Opern sollten ruhig stärker Zentrum des Interesses gerückt werden. So glücklich ich als eingeschworener Vaughan Williams Fan über jede Neuentdeckung bin, so muss ich doch sagen, dass sie nicht immer halten, was sie versprechen. Und das kann sogar etwas abträglich sein, wenn es darum geht, neue Anhänger für die Musik dieses großen britischen Komponisten zu begeistern. Und so ist doch diese neue Vaughan Williams-CD von Dutton letztendlich das, was der Brite wohl ein „Mixed Bag“ nennt.

[Grete Catus, März 2016]

Violinklänge versilbert

Linn Records CKD 520; EAN: 6 91062 05202 3

Paul1

Flötenvirtuosin Katherine Bryan adaptiert in ihrem neuen Album „Silver Bow“ Musik für Violine und Orchester. Mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Jac van Steen hat sie ein facettenreiches Programm aufgenommen, welches vorwiegend aus Werken des 19. Jahrhunderts besteht, sich jedoch auf keine Gattung festlegen möchte. So findet sich hier sinfonische Programmmusik von Vaughan Williams genauso wie rein solistische und kammermusikalische Stücke von Paganini, Schostakowitsch, Massenet und Saint-Saёns.

Um zunächst einmal auf den gewählten Titel einzugehen: Die Flöte als silbernen Bogen zu bezeichnen ist eine witzige bildliche Beschreibung der Essenz dieser CD, wirkt anfangs jedoch sehr gewagt, beinahe provozierend. Man ist sich über diese Bezeichnung erst nach dem Höreindruck im Klaren, denn auf den ersten Blick haben beide Instrumente nicht sehr viel gemein. So lässt sich im Klang zwar noch eine gewisse Ähnlichkeit heraushören, unterscheiden lassen sich Violine und Querflöte aber vor allem in der unterschiedlichen Klangerzeugung. Auch Bryan, die den Zuhörer mittels ihres farbenreichen, virtuosen, klangsensiblen Spiels durch diesen Übergang vom Streich- zum Blasinstrument führt, schafft es nicht immer, diese Grenze vollkommen verschwinden zu lassen. So ist vor allem der Charakter von Saint-Saёns „Introduction et Rondo capriccioso Op. 28“ beinahe gänzlich verloren gegangen. Diese Komposition, gewidmet dem spanischen Geigenvirtuosen Pablo de Sarasate, beginnt mit einem zarten, sehnsuchtsvollen Violin-Thema, welches nach und nach auf das tänzerische Rondo hinführt. Sehr grazil und beinahe burlesk anmaßend erinnert dieses Spiel von teuflischer Besessenheit der Violine doch sehr an Saint-Saёns „Danse macabre“. Von dem dämonischen, schneidenden Unterton ist bei Bryan jedoch wenig übrig geblieben. Es wirkt unbeholfen, unbedarft, manchmal unfreiwillig komisch, wenn sie hier versucht, den Geigenklang mit einer Flöte zu imitieren.  Dasselbe bei den Zigeunerweisen des ebengenannten Widmungsträgers, des Virtuosen und Komponisten Pablo de Sarasate: auch hier bekommt die Musik eine andere Intention und verfehlt die vom Schöpfer intendierte Wirkung. Rein objektiv betrachtet ist das jedoch nicht zwangsweise etwas Schlechtes. Oft eröffnet es uns eine neue Perspektive auf etwas Bekanntes neue Räume.
Steht Bryan z. B. bei Paganinis „Caprice No. 24“ mehr interpretatorischer Handlungsspielraum zur Verfügung, so ist man durchaus beeindruckt, wie sie mit bläserspezifischen Techniken wie Flatterzunge, Doppel- bzw. Tripelzunge den Geigenklang, hier geprägt durch repetitive Figuren, Tremoli, Doppel-,Tripel- und Quadrupelgriffe, täuschend echt imitiert. Besonders hervorzuheben ist die, laut ihrer eigenen Aussage selbst entwickelte, „Plop- Zungentechnik“, bei welcher der Ton durch das vorzeitige Verschließen der Luftöffnung den gezupften (pizzicato-) Ton auf einem Streichinstrument nachahmt.
Ist der Charakter bei den beiden oben genannten Werken doch stark verfehlt worden, gelingt Bryan bei Vaughan Williams’ impressionistischem Konzertstück „The Lark Ascending“ jedoch eine Neuschöpfung. Sie imitiert nicht nur den Klang der Violine, nein, sie geht noch weiter. Sie nimmt die Musik als solche an wie sie ist. So trifft sie im wahrsten Sinne des Wortes den richtigen Ton und gibt diesem Tongemälde eine neue Farbe. Man fühlt sich an Debussys „Prélude a l´après midi d´un faune“ erinnert, wenn Bryan bei Vaughan Williams die Flöte des Pan erklingen lässt, so unschuldig Vogelmelodien imitiert. Auch das sehr impressionistisch angehauchte Harmoniefundament bringt das Royal Scottish National Orchestra mit gut ausgewogenen Bässen und Celli zur Geltung und verhilft diesem paradiesischen See zur Vollkommenheit.
Dieses nuancenreiche, klangsensible Spiel bezaubert auch bei Massenets weltberühmter Méditation aus der Oper Thaїs. Auch hier verschmilzt ihr Klang wunderbar mit dem des Orchesters und nimmt den sanften, ruhigen Charakter vollends an. Wie bei Vaughan Williams bekommt der Zuhörer das Gefühl, man würde Originalliteratur zu Gehör bekommen. Ihr lyrisches, expressives Spiel bietet sich selbstverständlich auch für Romanzen an, weshalb es kein Wunder ist, warum auf dieser CD gleich drei vertreten sind. Allesamt, darunter auch Fritz Kreislers „Liebesleid“ aus alten Wiener Tanzweisen, sind sie nett anzuhören, aber fallen doch eher in die Kategorie „leichte Musik zum Genießen“, wobei Bryan auch hier dem Violincharakter in nichts nachsteht.
Dazu ist noch zu sagen, dass die äußerst lebendige Aufnahmetechnik den qualitativ hochwertigen Eindruck unterstreicht. So empfinde ich beispielsweise das manchmal etwas laute Einatmen genauso interessant wie die eigentliche Musik, denn es dient wie eine Art Impuls, sich voll und ganz auf sie einzulassen.
Mit Transkriptionen ist das so eine Sache. Es können dabei sehr gewöhnungsbedürftige Ergebnisse herauskommen oder kleine Perlen in Erscheinung treten. Letzteres trifft meines Erachtens auf diese hörenswerte CD zu.

[Paul Prechtel; Oktober 2015]