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Abfolgen wechselnder Zustände

Samuel Adler
Symphony No. 6
Concerto for Cello and Orchestra
Drifting on Winds and Currents

Royal Scottish National Orchestra
Maximilian Hornung, Cello
Dirigent: José Serebrier

Linn Records (2015) CKD 545
6 91062 05452 2

 September 2015, Royal National Orchestra Centre, Glasgow

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Der amerikanische Komponist Samuel Hans Adler wird hierzulande kaum bekannt sein. Geboren 1928 in Mannheim, gelang der Familie 1939 die Übersiedlung in die USA – unter Umständen, die schrecklich und wechselvoll waren. Dazu finden Interessierte ein bewegendes Gespräch mit Adler auf Youtube.

In den USA angekommen, erfuhr er eine ausführliche musikalische Ausbildung. Seine Lehrer waren unter anderen Walter Piston, Paul Hindemith, Aaron Copland und Serge Koussevitzky.

Er lehrte von 1997 bis 2014 an der Juilliard School. Das soll nur eine kleine Ahnung vermitteln von all seinen Tätigkeiten und Verpflichtungen. Neben diesen ist er bis heute ein produktiver Komponist, orchestral, kammermusikalisch und vokal. Über 400 Werke wurden bislang veröffentlicht.

Die vorliegende Einspielung umfasst drei seiner Werke, zuerst die dreisätzige sechste Sinfonie aus den 1980er Jahren und das Cello-Konzert.
Samuel Adler instrumentiert vorbildlich durchhörbar, dabei Polyphones meidend. Trotz massiver Ausbrüche immer luzide und tonal basiert.

Die Musik tritt unmittelbar auf! Große Gesten eröffnen die Sinfonie – heftige Akkorde im Blech, pulsierend vom Schlagwerk getragen. Alternierend eingeschoben werden Passagen, die Ruhepole bilden. Tatsächlich wirken die mosaikhaft wechselnden Abfolgen von Erregungen und beruhigenden Abschnitten auf Dauer eher ermüdend, denn es bildet sich keine mitvollziehbare Architektur, ein durchgehender Spannungsbogen fehlt, nichts zwingend Zusammenhängendes. Sequenzen von interessanten und hörenswerten Momenten, die willkürlich wirken. Diese Beliebigkeit ermattet die geweckte Gespanntheit.
Ein Bogen: vom Beginn zum Schluss, mit klarer musikalischer Argumentation, die sinnhaft das Erste mit dem Letzten verbindet – fehlt.

Gleiches gilt auch für das Cello-Konzert, das mit großer Bravour, Engagement und Detailfreude von Maximilian Hornung vorgetragen wird.

Das letzte Stück, die knapp neunminütige Skizze für Orchester “Drifting on Winds and Currents“ – verläuft ebenso.

In Adlers Musik klingen Vorbilder nach: seine Lehrer. Und sein Kollege von der Juilliard School: Peter Mennin (1923-1983), dessen Energie und Beherrschung der sinfonischen Form in der US-amerikanischen Musik unübertroffen sind.

Großartig: die Leistung des Orchesters, die gelungene Tontechnik. Und das, wie so oft, umwerfende Dirigat von José Serebrier, der alles gibt, dieser Musik den funkelnden Mantel umzuwerfen, dessen sie bedarf.

[Stefan Reik, Juni 2016]

Neue Welten

Warner Classics, LC 02822; EAN: 8 25646 13201 0

0036

Das gesamte Symphonieschaffen Antonín Leopold Dvořáks, seine Legenden und andere Orchesterwerke wie Auszüge aus den Slawischen Tänzen spielte der in Uruguay geborene und in New York lebende Komponist und Dirigent José Serebrier mit dem Bournemouth Symphony Orchestra auf sieben CDs ein. Die Box erschien bei Warner Classics.

Eines der meistgespielten und bekanntesten Werke der klassischen Musik ist die „Symphonie aus der neuen Welt“, die 9. Symphonie des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák, ein jeder wird zumindest eine Auswahl ihrer Themen im Kopf haben und sie sofort wieder erkennen. Umso eigenartiger eigentlich, dass nur sie so zu Weltruhm kam. Neben dem überragenden Cellokonzert und dem Violinkonzert werden die Symphonien Nummer sieben und acht auch noch recht häufig gespielt, doch was ist mit deren sechs fantastischen Vorgängern, die in den Archiven verstauben? Bereits in der ersten Symphonie, „Die Glocken von Zlonice“ von 1865, ist der typische Dvořák-Stil unverkennbar und manifestiert sich in jedem weiteren seiner symphonischen Werke. Das ausgiebige Exzerzieren und Steigern von so prägnanten wie einprägsamen Themen darf als eines der zentralen Charakteristika von Dvořáks Musik angesehen werden und zieht sich von seinen frühen Kompositionen bis hin zu den fünf späten Tondichtungen, die nach den Symphonien entstanden sind. Obgleich der Komponist Anfangs wenig Glück mit der Symphonie zu haben schien – die erste galt als verschollen und wurde erst 1936 als Antiquariatsfundstück uraufgeführt, und auch die zweite war lange Zeit verloren –, schrieb er weiter und schenkte so der Welt noch sieben weitere Symphonien, jede für sich ein wahrhaft bedeutendes Werk.

Dieses bedeutsame Schaffen fiel nun in die Hände von José Serebrier, der sowohl als Dirigent wie auch als Komponist nicht zufällig einen großen Namen hat. In beiden Bereichen sind seine Leistungen auf einer großen Anzahl an CD-Veröffentlichungen für verschiedenste Labels belegt. Immer wieder spielt Serebrier auch unbekanntere Werke ein und schenkt uns somit Referenzaufnahmen in Vergessenheit geratenen Repertoires. Nach seiner letzten Warner-Box mit sämtlichen Symphonien und Konzerten von Alexander Glazunov 2012 lautete also das nächste große Projekt: Dvořák.

Auch hier gelangen einmal wieder absolute Referenzaufnahmen. José Serebrier entlockt dem Bournemouth Symphony Orchestra einen vielseitigen und farbenreichen Klang, es entsteht eine unvergleichlich dichte Struktur, und Serebrier besticht mit einem Gespür für lange Steigerungen bis hin zur unfassbar berstenden Spannung. Gerade auch Wiederholungen, die viel zu oft lediglich als simple und stur gleiche Abfolgen dargeboten werden, erhalten hier einen musikalischen Sinn und dienen dem Aufbau. So wird beispielsweise die Expositionswiederholung der Neunten ein wahres Erlebnis, aus dem vernebelten ersten Vortrag entsteht eine viel aufgeladenere und drängendere Wiederholung, welche unweigerlich auf den Höhepunkt in der Durchführung hinführt. Bei all dem legt der Dirigent zudem feinstes Rhythmusgefühl an den Tag, welches der Musik eine gewaltige Prägnanz verleiht. Unweigerlich wird ersichtlich, wie viele eigene Gedanken sich Serebrier über diese Musik gemacht, wie lange er mit seinem Orchester geprobt hat und wie frei er doch die Musik aus sich heraus entstehen lässt – nichts wirkt gekünstelt oder gewollt, alles erfüllt seinen eigenen musikalischen Zweck und entgleist zu keiner Zeit in falsche Übertreibungen. Auch der interessante Booklettext entstammt der Feder des Dirigenten und lässt den Leser wissenswerte Details über die Werke und im Falle der ersten Symphonie auch über die Korrekturen (sowie das lange Hadern mit den offensichtlichen Fehlern) erfahren.

Doch ist kein Musiker etwas ohne sein Instrument und kein Dirigent ohne sein Orchester. Und auch das „Instrument“ von José Serebrier ist auf Hochglanz poliert und makellos rein. Das Bournemouth Symphony Orchestra brilliert durch technisch einwandfreie Leistung und außergewöhnliche musikalische Darstellungsgabe. Sämtliche Soli passen sich in den Gesamtklang ein und sind frei von mechanischem Vibrato oder Eigenzurschaustellung. Mir persönlich besonders im Kopf geblieben sind die herrlichen Solopassagen der großen Flöte, die so unberührt rau und hauchig ertönten, dass direkt das Schwingen des Materials Kern des Klanges zu sein schien.

Einmal wieder gelingt es José Serebrier, mit einer Gesamtaufnahme vollkommen zu begeistern. Mit jugendlicher Frische und gereifter Auffassungsgabe gelingt es ihm, den Symphonien eine unverbrauchte Vitalität in größter Natürlichkeit zurückzugeben – eine absolut uneingeschränkte Empfehlung wert!

[Oliver Fraenzke, März 2016]