Archiv des Monats: September 2026

Die Rache des Vaters – Verdis Rigoletto in der Staatsoper Unter den Linden

Die Staatsoper Unter den Linden zeigt in diesem Herbst die vierte Wiederaufnahme von Verdis Rigoletto in einer soliden, doch nicht sehr tiefgehenden Inszenierung.

17/09/2026. Hier werden hohe Erwartungen geweckt. Auf den Gazevorhang, der anfänglich die Bühne für Giuseppe Verdis Rigoletto verhüllt, ist George Grosz‘ Gemälde Widmung an Oskar Panizza projiziert, ein gigantischer, blutrot beleuchteter, von Pest und Syphilis angeführter Leichenzug. Später, im Ballsaal des Herzogs von Mantua, ist es das Aquarell Nieder mit Liebknecht, das die karikaturistisch verzerrten Stützen der Gesellschaft den pornographischen Blick auf nackte Frauenbrüste werfen lässt. Die verheißungsvolle Idee von Bühnenbildner Michael Yeargan scheint für Regisseur Bartlett Sher hinreichendes Zeichen einer dekadenten, zynischen Oberschicht zu sein; so dass seine Inszenierung sich darum offensichtlich nicht groß zu kümmern braucht. So verkommen Grosz‘ messerscharf sezierende, in grotesken Zuspitzungen schockierende Bilder zur bloßen Kulisse einer reichlich angestaubten Darbietung. Sie dient mehr oder weniger der Vorführung großer Sängerstars. Ihre Kompatibilität zum amerikanischen Markt ist damit gesichert – die traditionell ausgerichtete Berliner Staatsoper Unter den Linden arbeitet in dieser Produktion mit der renommierten Metropolitan Opera New York zusammen. Das Prinzip, berühmte Gastsänger zu engagieren und weniger auf Ensemblebildung zu setzen, ist beiden Opernhäusern gemeinsam. Dieser Rigoletto kam bereits 2019 heraus – damals in der Besetzung mit Christopher Maltman in der Titelrolle, Michael Fabiano und Nadine Sierra als Gilda. Nachdem zwischendurch Alfredo Daza Maltman abgelöst hatte und der Herzog durch Pene Pati, Gilda durch Aida Garifullina verkörpert worden war, kommt in diesem September die vierte Wiederaufnahme auf die Bühne der Staatsoper. Den Rigoletto singt diesmal Simon Keenlyside, eine Paraderolle für den britischen Bariton, der damit schon in den verschiedensten Inszenierungen brillierte.

Eine seltsame Unentschlossenheit kennzeichnet die Inszenierung von Bartlett Sher. Vor die Grosz-Prospekte hat Yeargan eine konventionell-naturalistische Szenerie gebaut, die zeitlos sein will, aber auch indifferent wirkt. Anzug- und Würdenträger (Kostüme: Catherine Zuber) bevölkern den herzoglichen Palast, er selbst ist mit allerlei militärischen Ehren behängt, Doch der ist kein Nachwuchs-Autokrat, dem eine präfaschistische Junta aus den Startlöchern hilft. Dafür sind die Herren vom Staatsopernchor einfach zu blass, fehlt auch Ben Bliss als Herzog die nötige Härte. Die Damen tragen Glitzergewänder im Empire-Stil. Er sähe in Verdis berühmter Oper keine metaphysische oder allegorische Ebene, meint der Regisseur dazu. Auch an die durch Grosz gekennzeichneten „Roaring Twenties“ wolle er nicht durch direkte Übertragung anknüpfen, vielmehr die „Dekadenz, Freizügikeit und Orientierungslosigkeit“ dieser Geschichte vom sexsüchtigen Herzog und seinem unterwürfig-hinterlistigen Hofnarren Rigoletto verdeutlichen. Der schlägt allerhand lustige Spiele vor, zum Beispiel einen Rivalen köpfen zu lassen, damit der Herzog sich ungestört mit dessen Frau vergnügen kann. Als die Begehrlichkeit des jungen Herrn sich auf Rigolettos eigene Tochter richtet, wendet sich das Blatt: Nach der „Schändung“ des verliebten Mädchens wird Rache geschworen, ein Mord in Auftrag gegeben, dem Gilda durch tragische Verstrickungen zum Opfer fällt. An diese Geschichte, hier solide und gradlinig erzählt, ließen sich heutzutage einige Fragen stellen. Was steckt hinter dieser symbiotischen Vater-Tochter-Beziehung? Was tut Rigoletto seiner fügsamen Gilda eigentlich an? Was ist Liebe, was Beschützen, was Kontrolle? Wie zeigt sich das soziale Gefälle zwischen Mächtigen und Machtlosen, wie die Ohnmacht des Unterdrückten gegen ein geschlossenes, undurchdringbares System? Rigoletto ist eigentlich ein Loser, der zum Schluss mir dem mit seinen Habseligkeiten vollgepackten Einkaufswagen durch die finstere Stadt irren müsste. Statt dessen sitzt er mit Gilda in einer spießigen zweistöckigen Wohnung, die zwar mit ihren überdimensionalen Glasflächen noch wie ein Überbleibsel des Grosz’schen Panizza-Bildes wirkt, auf dem die Prostituierten in hellerleuchteten Schaufenstern sitzen, doch die Möblierung mit Nachttischlämpchen und Sofas nimmt ihr jede soziale Brisanz. Sie ist eine Oase der bürgerlichen Sicherheit, kein Gefängnis für Gilda, das sie nur zum Kirchenbesuch verlassen darf.

Alles steht und fällt mit den Sängern und Sängerinnen, und die schlagen sich achtbar. Allen voran Elena Villalón, die dem Ensemble der Frankfurter Oper angehörte, an der Royal Ballet & Opera London oder in Glyndebourne gastierte und nun als Gilda ihr Staatsopern-Debut gibt. Zugegeben, eine schlanke, mädchenhafte Engelsstimme hat sie nicht, aber wo findet man die heutzutage noch, wo Stimmen nach Anfangserfolgen überall herumgereicht werden, und sich im Verschleiß des Opernalltags nicht mehr pflegen lassen? Vom klaren, fokussierten Stimmideal, das vielleicht noch bis in die 1980er Jahre galt, sind wir heute weit entfernt. Allzuoft wabert uns die Stimmgewalt mit weit ausholendem Vibrato entgegen; „facettenreich“ ist dafür noch ein gnädiger Ausdruck. Aber Villalòn hat ihre Stimme noch im Griff, erklimmt bruchlos die höchsten Höhen und liefert vor allem ein überzeugendes Rollenportrait. Ihre Gilda ist ganz liebende, begehrende Frau. In der berühmten Arie „Caro nome“ muss sie keine glockenreinen Staccati, Koloraturen, Triller und Spitzentöne vorzeigen, sondern nutzt sie als Ausdruck gesteigerter Emotion. Sie scheint damit die Männer besänftigen zu können: so findet Ben Bliss in seiner großen Szene Anfang des zweiten Aktes („Ella mi fu rapida“ – sie wurde mir entrissen), geradezu anrührende Töne, wenn er besingt dass Gilda ihn fast zur Tugend verleitet hätte. Er zeigt einen wandlungsfähigen Tenor: Farbenreichtum entschädigt für eine gewisse Uneinheitlichkeit, die sich in seinen „Verführungsarien“ („La Donna e mobile“) zu metallischerer Klarheit bündelt. Alexander Tsymbalyuk bietet den der Mörderrolle des Sparafucile angemessenen finsteren Bass, während Anna Kissjudit als seine Schwester Maddalena den Herzog mit mächtigen Alttönen umgarnt. Im enganliegenden grünen Outfit mit wallender roter Mähne entspricht sie dem Bild der Prostituierten, wie sie auch Grosz gemalt haben könnte. Doch der Regiekniff, sie während des Quartetts „Bella figlia dell’amore“ auf einem halb einsehbaren Bett mit dem „Herzog“ auf- und abwippen zu lassen, wirkt eher lächerlich als provokativ. Äußerst eindrucksvoll nimmt sich der junge Bassbariton Hanseong Yun, seit dieser Saison Mitglied des internationalen Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden, der Rolle des Grafen Monterone an: Mit Stock, Frack und Zylinder macht er ehrwürdige Figur, und so mächtig schleudert er seinen Fluch gegen den Herzog und Rigoletto heraus, dass man den Steinernen Gast aus Mozarts Don Giovanni zu hören meint.

Herzog und Hofnarr nehmen diesen Fluch, welcher der Vergewaltigung von Monterones Tochter gilt, ohne erkennbare Regung entgegen. Sir Simon Keenlyside als Rigoletto ist die mit den meisten Erwartungen behaftete, deshalb auch die die größte Enttäuschung bereitende Person des Abends. Einen Buckel hat man dem sich hinkend kleiner machenden Sänger noch angeklebt, doch die erzwungene Verkrüppelung scheint ihn im wahrsten Sinne zu behindern. Sein an sich lyrischer, geradliniger Bariton, der als Don Giovanni, Papageno oder als Valentin in Gounods Faust glänzte, erscheint hier schlicht überstrapaziert. Nichts spielerisch Groteskes blitzt am Anfang auf, wenn Rigoletto den Herzog mit abstrusen Ideen unterhalten will. Seine Wutausbrüche sind meistens – laut; auch in der großen Arie „Cortigiani“, wenn er völlig aufgelöst nach seiner Tochter sucht. Das Weinen und Bitten nach seinem Zusammenbruch gelingt ihm mit differenzierterer Tongebung schon besser – doch warum muss er dabei ein weißes Taschentuch aus seiner Jackentasche hervorziehen? Auch in den Duetten mit Gilda kommt weicherer Schmelz zum Vorschein, damit auch eine größere Ausdruckspalette. Trotzdem, der berühmte Bariton erhält den stärksten Beifall von einem Publikum, dem es wohl hauptsächlich um den Belcanto zu tun ist. Doch wer einen wahrhaft erschütternden Rigoletto bei allem konservativen Regieansatz erleben möchte, sehe sich die italienische Verfilmung von 1946 an, mit Tito Gobbi als abstoßendem, anrührendem, exaltiertem, sich selbst in tiefstes Unglück stoßendem Narren und Mario Filippeschi als Herzog mit einem Timbre, das an den siegstrahlenden Operettenhelden Jan Kiepura erinnert: „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau’n.“ Mit gemächlicheren Tempi erreicht Tullio Serafin am Pult des Orchesters der Oper Rom ungleich stärkere Intensität: Plötzlich wird deutlich, dass die Ouvertüre ein Trauermarsch ist, mit schicksalhaft scharfen Hörner- und Trompetenakzenten. Diese Ruhe bringt Domingo Hindoyan mit der Staatskapelle Berlin nicht auf, doch gelingt ihm eine feine, leichte Beweglichkeit, die die Feierlaune am Hof zu Mantua, aber auch die nervöse Zuspitzung des Dramas überzeugend antreiben kann.

[Isabel Herzfeld, September 2026]

musica viva: Strawinskys Geschichte vom Soldaten als Marionettentheater

Programm:

Igor Strawinsky (1882–1971): Die Geschichte vom Soldaten (1918)

Mitwirkende:

Georg Baselitz (Marionetten und Ausstattung), Matthias Bundschuh (Regie), Leonhard Winkler (Ausführender Bildhauer und Figurenbau), Dominique Horwitz (Sprecher)

Intrumentalistinnen und Instrumentalisten: Isabelle Faust (Violine), Pascal Moraguès (Klarinette), Giorgio Mandolesi (Fagott), Reinhold Friedrich (Kornett), Ian Bousfield (Posaune), Wies de Boevé (Kontrabass), Raymond Curfs (Schlagwerk)

Marionettenspielerinnen und Marionettenspieler: Edouard Funck, Ursula Winzer (Der Soldat), Philippe Brunner, Eva Wiener (Der Teufel), Vladimir Fediakov, Maximilian Kiener-Laubenbacher (Die Prinzessin), Veronika Grimme (Der König / Der Veteran), Marion Mayer (Der Ausrufer / Der Trompeter), Philipp Schmidt (Der Trommler), Ensemble des Salzburger Marionettentheaters (Dorfbewohner)

© Astrid Ackermann/BR musica viva

Dieses zweite musica viva Sonderkonzert war im wahrsten Sinne des Wortes ein mehrfach
besonderes Konzert: Ein besonderes Programm, ein besonderes Ensemble, ein besonderer Ort. Zu Gast war aus Salzburg das Marionettentheater mit einem Ensemble um die Ausnahme-Geigerin Isabelle Faust. 2025 hatten sie diese besondere Inszenierung von Strawinskys Histoire du soldat auf den Salzburger Festspielen aus der Taufe gehoben und boten es nun in München im Prinzregententheater dar. Es ist kaum abzuschätzen, ob es für das Publikum einer der drei großen Namen war: Faust als Geigerin, Baselitz als für Figuren und Bühnenbild verantwortlicher Künstler oder der großartige Strawinsky, der den Ausschlag gegeben hat; oder ob es die kaum je dagewesene Möglichkeit war, ein szenisches Werk bei einer musica viva zu erleben – wahrscheinlich war es alles zusammen, der Saal war jedenfalls bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die Geschichte um den Soldaten Josef, der auf seiner Wanderung nach Hause während seines Fronturlaubs vom Teufel verführt wird, fesselt das Publikum. Strawinsky erzählt die Geschichte eines einfachen Mannes, in den man sich sehr gut hineinversetzen kann: Ein armer Mensch, der den Verlockungen nach Reichtum und Ansehen in (oder aufgrund) seiner schlechten Situation erliegt, aber später bitter bereut, menschliche Wärme für Geld und Einfluss verkauft zu haben. Er löst sich von den Umgarnungen, bekommt seine zweite Chance auf Glück, scheitert aber letztendlich, als er es erneut herausfordert. Ein Thema, dass zeitlos und heute weiterhin relevant ist.

Die hageren Figuren von Baselitz haben keine Gesichter und zeigen damit, dass sie niemanden Singulären verkörpern, sondern jeder gemeint sein könnte. Gerade ihr nur recht undefinierter Strichmännchencharakter, lässt sich in diese Richtung deuten. Sie sind „Typen“. Einen weiteren überzeugenden Kunstgriff stellen die Momente im Leben des Soldaten dar, wenn seine Freunde in Schatten und Schemen übergehen. Dann verschwimmt die Zeit und Zeitgenossen schwinden zu noch weniger klar zu fassenden Charakteren.

Man wird der Musik damit absolut gerecht. Sie ist gekennzeichnet von der gleichen vordergründigen Einfachheit wie Figuren und Handlung, hinter der sich in ihrer ironischen Brechung Abgründe auftun. Die Atmosphäre des Gebrochenen ist allgegenwärtig. Die minimalistischen und abstrakten Figuren und das Bühnenbild passen zur ebenso ironisierenden gebrochenen Musik Strawinskys, nicht nur zu Beginn, als Josef wandert, ohne vorwärts zu kommen. Auch musikalisch betrachtet trifft man auf das Aufgreifen von Stereotypen. Ein Walzer zum Tanzen, ein Marsch zum Marschieren des Soldaten und der Triumphmarsch des Teufels am Ende: das sind alles sehr plastisch untermalende Klänge. Die Inszenierung bringt von den erklingenden Instrumenten neben der Geige Josefs auch die Trompete und an wenigen Stellen das Schlagwerk in Form einer Trommel auf die Bühne. Die enge Beziehung von Handlung und Musik, ihre Aufrichtigkeit und Direktheit werden so noch deutlicher. Bezüge und Wiederaufnahmen von Motiven werden in Bilder umgesetzt. Dass das Geigenspiel etwas Übermenschliches nicht aus der Kraft der Figur selbst Kommendes, sondern Magisch-Besonderes ist, zeigt die Inszenierung dadurch, dass der Marionettenspieler immer, wenn Josef Geige spielt, auf der Bühne zu sehen ist.

In der Ausführung ist der Abend nicht weniger besonders als in Programmwahl und Setting. Dominique Horwitz als Sprecher klingt nicht nur so, als würde er unterschiedlichen Rollen eine Stimme geben, sondern er ist, er dröhnt, er krächzt mehrere Stimmen und Rollen. Er wirkt extrem ausdrucksstark, variabel, setzt Reime und Assonanzen sehr passend um. Stellenweise tritt Abstraktion durch Lautsprecher und Stimmverfremdung hinzu. Auch das Ensemble ist perfekt präzise und dabei enorm involviert. Die Schärfe, die Brüche, das Umschlagen, die beißende ja tragische Ironie sind direkt fühlbar. Die Wünsche des Soldaten werden zwar schlussendlich jedes Mal dann doch nicht erfüllt. Dieses Konzert aber lässt keine Wünsche, sondern nur den staunenden Mund offen.

[Johanna Bulitta, September 2026]

Sorabjis „Opus Archimagicum“: Tellef Johnsons überzeugende Ersteinspielung der gewaltigsten aller Klaviersonaten

Opus A Records #004 (7CD); EAN: 1 99874 52177 0

91 Jahre nach ihrer Komposition erschien nun die Erstaufnahme der sicherlich gewaltigsten und schwersten aller Klaviersonaten. Der amerikanische Pianist Tellef Johnson hat die 7½-stündige Piano Sonata No. V „Opus Archimagicum“ (KSS58) des Briten Kaikhosru Sorabji (1892–1988) am 18.12.2025 öffentlich uraufgeführt und überzeugt nun mit einer bereits 2021/22 entstandenen sorgfältigen Studioproduktion auf 7 CDs oder BluRay (5.1 bzw. Dolby Atmos), die von einem 322 Seiten starken Hardcover-Buch begleitet wird – ein Meilenstein der Sorabji-Rezeption.

Lesern unseres Blogs dürfte der britische Exzentriker Kaikhosru Shapurji Sorabji kein Unbekannter mehr sein. Ein paar grundsätzliche Infos zu ihm finden sich etwa in der Rezension der deutschen Erstaufführung seiner Sequentia Cyclica. Darüber hinaus sei auf die Kurzbiographie des Sorabji Archivs verwiesen.

Der US-amerikanische Filmemacher, Pianist und Komponist Tellef Johnson (*1977) trat bereits 1998 mit der ersten modernen Darbietung von Sorabjis 2. Klaviersonate, die 1922 und 1924 nur der Komponist selbst gespielt hatte, an die Öffentlichkeit – auf Altarus Records später als CD dokumentiert. Mit 50 Minuten ist diese jedoch kaum eine Vorstufe zu Sorabjis fünfter und letzter Sonate Opus Archimagicum von 1934/35 mit einer Länge von nicht weniger als 7½ Stunden. Danach schrieb der Brite allerdings u. a. noch sechs ähnlich gelagerte Werke, dann freilich als Piano Symphonies betitelt, von denen die drei ersten noch ihrer Uraufführung harren. Tellef Johnsons Beschäftigung mit der 5. Sonate reicht etliche Jahre zurück. Während der Corona-Krise hat er sich schließlich das gesamte, aus drei gewaltigen Teilen bestehende Stück vollständig am Klavier erarbeitet und 2021/22 unter Studiobedingungen eingespielt. Erst am 18. Dezember 2025 wagte er sich an die öffentliche Uraufführung des Riesenwerkes im Oscar Larson Performing Arts Center der South Dakota State University in Brookings. Dies und natürlich genauso seine CD-Einspielung sind fraglos Meilensteine der Sorabji-Rezeption.

Nicht umsonst liegt allen bei Johnsons eigens dafür gegründetem Label Opus A Records erhältlichen Ausgaben, wie der hier besprochenen auf 7 CDs, kein normales CD-Booklet, sondern ein größeres, 322-seitiges Hardcover-Buch „Hearing Is Believing“ bei. Es enthält sehr ausführliche, zumeist extra dafür verfasste Beiträge der namhaftesten Forscher zu Person und Werk Sorabjis sowie lesenswerte Interviews über Opus Archimagicum. Am interessantesten davon ist sicherlich Johnsons eigener Versuch einer Analyse des Stücks, die über eine grobe Beschreibung weit hinausgeht. Zum Beispiel hat der Pianist herausgefunden, dass Sorabji bei der zeitlichen Gesamtanlage wie bei einzelnen Teilen sowohl das Verhältnis des Goldenen Schnitts als auch ganzzahlige Proportionen berücksichtigt zu haben scheint, denen Johnson in seiner Einspielung durch entsprechende Temponahmen möglichst gerecht werden wollte.

Die Partitur der Sonate in modernem Computersatz, erhältlich über das Sorabji Archive, umfasst 432 Seiten DIN A3 quer und wahrscheinlich mehr Noten als alle Beethoven-Sonaten zusammen. Für die drei großen Teile Pars Prima: Arcana minora – Pars Altera: Arcana majora und Pars Tertia [Archimagus] benötigt Johnson jeweils rund 2½ Stunden.

Anders als Sorabjis berühmt-berüchtigtes Opus Clavicembalisticum (siehe hier) enthält Opus Archimagicum vier große „Entwicklungssätze“ (I., IV., V. und VI.), die nicht nur für den Hörer die größten Hürden darstellen, da deren diverse Steigerungswellen keinen bekannten Formmodellen entsprechen und dennoch emotional über lange Zeiträume einigermaßen greifbar gemacht werden müssen. Dies gelingt Johnson vorbildlich und zumeist glaubwürdig. So wird auch schnell klar, dass IV. wohl eine Fortsetzung von I. darstellt. Der kurze II. Satz, offenkundig die „Quadratur“ des Finales aus Chopins b-Moll-Sonate und Alkans Étude op. 76, No. 3, sowie III. – einer der wunderschönen Punta d’Organo Sätze Sorabjis, in dem u. a. Ravels Le Gibet grüßen lässt – wären demnach nur Einschübe.

Neben halbwegs konsistenten Tempi überzeugt bei Johnsons Interpretation vor allem die erstaunlich präzise Realisierung von Sorabjis selbst für die Entstehungszeit absurd komplexen, rhythmisch irrationalen Überlagerungen der einzelnen Klangschichtungen. Auch beim Akkordwerk, das teilweise ebenso phantastische Dimensionen annimmt, ist der Pianist den immensen technischen Anforderungen absolut gewachsen. Seine Dynamik – der Komponist gibt kaum Hinweise – ist abwechslungsreich und gerät nie zur reinen Kraftmeierei. Kaum zu erwähnen braucht man, dass hier wirklich alles, was in der Partitur fast durchgehend auf drei, stellenweise sogar bis zu sechs Systemen notiert ist, tatsächlich erklingt. Dies wäre etwa bei manchen Werken Xenakis’ (Synaphai) definitiv unmöglich. Allein die Verteilung der Notenmassen auf zwei Hände überhaupt sicher zu organisieren, ist schon eine Herkulesaufgabe. Aus vielen Momenten – namentlich in III. Punta d’Organo oder dem großen Adagio (VI.) – kitzelt Johnson die unvergleichliche Delikatesse Sorabjischer Klangwelten völlig natürlich und überwältigend heraus, ohne dass die simultan vorhandenen unterschiedlichen Materialebenen unter den Tisch zu fallen drohen. Und die manchmal abrupten, heftigen Kontraste präsentiert er wohlüberlegt, ohne sofort zu übertreiben.

Der dritte, letztlich komplizierteste Teil des Stücks (Archimagus) ist trotzdem neben den obengenannten Sätzen II & III für den Hörer am fasslichsten, weil hier mit vertrauten Techniken gearbeitet wird, lediglich ungeahnt ausufernd. Er besteht aus einem Preludio, einem Preludio-corale sopra „Dies Irae“, einer Cadenza sowie einer abschließenden, fünfstimmigen Tripelfuge. Allein diese dauert bei Johnson 82 Minuten. Das gesamte Werk gründet sich auf Motiven bzw. Tonfolgen, die man – ohne dies hier genauer darzulegen – aus dem Namen des ursprünglich angedachten Widmungsträgers, Bernard Bromage (1899–1957), ableiten kann. Leicht erkennbar fungiert „B“ (im Deutschen: „H“) als eine Art Zentralton. Bromage schrieb als Buchautor über okkultistische Themen; daher auch die Bezüge zum Tarot. Nachdem sich Sorabji mit ihm verkracht hatte, widmete er das Stück Clinton Gray-Fisk. Neben diesen Keimzellen und dem Sorabji zeitlebens faszinierenden Dies irae macht sich jedoch schnell ein weiteres Motiv breit: B–A–C–H, mit dem über gleißenden Akkordtürmen auch alles, keineswegs unerwartet, endet.

Sorabjis Opus Archimagicum hat selbstverständlich seine Längen, abgesehen von der rein zeitlichen Dimension. Manche Abschnitte superlativistischer Pianistik wirken maßlos bis penetrant. Einige musikalische Entwicklungen beginnen so zäh wie die Evolution des Lebens auf der Erde. Dies ist jedoch angesichts der Gesamtkonzeption verschmerzbar. Kaum jemand wird sich das Werk auf CD sogleich am Stück anhören, ist aber mit Tellef Johnsons wegweisender Wiedergabe zu jeder Zeit in besten Händen. Aufnahmetechnisch ist diese tour de force ebenfalls hervorragend gelungen: gut mikrofoniert, immer adäquat ausgesteuert, ohne Klirren und sehr räumlich. Allenfalls einige wenige Schnittgrenzen kann man über Kopfhörer vielleicht wahrnehmen. Die 5.1-Abmischung auf Blu-Ray soll sogar noch besser klingen – insgesamt ist dieses Projekt eine sensationelle Leistung.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass nur zwei Monate nach Johnsons Erstaufführung ein weiterer Pianist Opus Archimagicum öffentlich gespielt hat: der damals erst 23-jährige Chinese Yi-Chung Huang in New York und Chicago (beides auf Youtube zu finden). Er benötigt rund 70 Minuten weniger als Johnson – vor allem die Fuge gerät ihm wahnwitzig rasch – und hat ein komplett anderes Aufführungskonzept, das in Fachkreisen äußerst kontrovers diskutiert wird. In jedem Fall verbietet es sich, nach nur zwei Interpreten als Kritiker den Eindruck erwecken zu wollen, man wüsste bereits sicher, wie diese Mammutkomposition „richtig“ anzugehen sei; daher hier keine vergleichende Besprechung.

Tellef Johnsons Aufnahme ist nur direkt bei Opus A Records aus den USA zu beziehen. Der Preis von 90 $ (evtl. plus Zollgebühren etc.) für die 7-CD-Schachtel (Gold Edition) inkl. Buch erscheint angesichts der Bedeutung dieser Veröffentlichung angemessen. Für Sorabji-Fans ist deren Erwerb ein Muss.

[Martin Blaumeiser, 23. September 2026]

Musik und Kunst – Hommage à Brâncuşi

Gabriel Iranyi und Thomas Hell / © Thomas Hell

Berlin, 11. September 2026: Ein Programm, wie es Thomas Hell im knapp hundert Personen fassenden „Großen Salon“ der Schwartzschen Villa in Berlin-Steglitz anbietet, würde ihm kein Veranstalter der etablierten Konzertinstitute abnehmen. Das Besondere ereignet sich mal wieder abseits der Event-Locations. Barockmusik geht mit neuen und neuesten Klängen subtile Verbindungen ein. Das wird überlagert vom Konzept „Musik und Kunst“, das hier auf die soeben zuende gegangene Ausstellung „Constantin Brâncuşi“ in der Neuen Nationalgalerie Bezug nimmt. Als „Hommage à Brâncuşi“ zum 150. Geburtstag ist dieses Konzert denn auch deklariert. Hell entwickelte das Konzept zusammen mit dem Komponisten Gabriel Iranyi, der sich von Brâncuşi bereits zu zwei Klavierstücken inspirieren ließ und diese nun zum vierteiligen, hier uraufgeführten Zyklus Brancusiana erweiterte. Der rumänisch-ungarisch-jüdische Komponist, der im rumänischen Jassy und Tel Aviv lehrte und seit 1988 freischaffend in Berlin lebt, fand seine Inspirationsquellen bereits mehrfach in Werken der Bildenden Kunst. Davon zeugen Fünf Skizzen zu Bildern von Paul Klee für Bläserquintett, eine Hommage à Chagall oder die Leonardo-Fragmente für Sopran, Flöte und Harfe als bildnerisch-philosophisher Tribut. Iranyis knappe, fast aphoristische, damit umso prägnantere Schreibweise kommt dem konsequenten Reduktionismus des Bildhauers Brâncuşi entgegen. Der Schlüssel zum Klavierzyklus ist das an den Schluss gesetzte, bereits 1981 entstandene Stück Maiastra – der Titel bedeutet so etwas wie „Vogel des Wunders“. Brâncuşi schuf seinen „Meistervogel“ in 29 Variationen von zunehmender Stilisierung. Der nach oben gereckte Körper, die schimmernde Metalloberfläche suggerieren zugleich ein Streben nach Transzendenz und Spiritualität. Aus ruhig schreitenden Basstönen, einem geheimnisvollen Untergrund, erheben sich heftige Vorschläge und Repetitionen, ein Frage- und Antwortspiel, das sich virtuos steigert. Parallelbewegungen in verschiedenen Schichten und scharfen Rhythmen, herausgeschleuderte Diskanttöne, die Zuckungen des Vogels bezeichnend, mögen an Olivier Messians Catalogue d’Oiseaux erinnern. Doch Iranyi setzt Statik und Bewegung viel flexibler gegeneinander, schafft interessante Spannungsverhältnisse zwischen verschiedenen sich überlagernden und durchkreuzenden Klangebenen. Bird in Space (Vogel im Raum) von 2005 nutzt dieses Klangmaterial in extremer Zuspitzung, scharfe, enggefügte Akkorde, die sich in über die Register verteilte Einzeltöne auffächern. Die Essenz des Fliegens zeigt sich hier äußerst reduziert und konzentriert. Die im vorigen Jahr komponierten Mittelstücke The Sleep, a marble dream (Der Schlaf, ein Marmortraum) und For Views on Prometheus (Vier Blicke auf Prometheus) thematisieren das Weiterleben des Materials nach vollendetem Schaffensprozess und die Verschiedenartigkeit der Betrachtungsweisen, setzen auf melodische Fragmente, variierte Akkordketten und Ausdrucksgesten.

Thomas Hell spielt dies alles mit rhythmischer Präzision und beeindruckendem Farbenreichtum, einer Intensität, die den Spannungsbogen nie zerbrechen lässt. Leider spielen ihm die akustischen Gegebenheiten einen Streich: der brillante Steinway-Flügel klingt einfach zu kompakt und mächtig für den kleinen Raum, der zudem dem Klang mit niedriger Decke und glatten Wänden überhaupt keine Entfaltungsmöglichkeiten erlaubt. So muss einiges an Differenzierungen eher erahnt werden – ein stärkeres Piano-Spektrum, meint der Pianist im Gespräch, würde die Klangfarben allzusehr reduzieren. Hell, der nach ausgedehnten Konzertreisen und Lehrtätigkeiten in Hannover und Stuttgart eine Professur für Klavier und Kammermusik an der Musikhochschule Mainz ausübt, hat sich – neben dem ebenfalls beherrschten Standardrepertoire – auf Klaviermusik des 20. und 21. Jahrhunderts spezialisiert. Als herausragend gilt seine Aufführung sämtlicher 18 Etudes pour piano von György Ligeti, die er auch beim Label WERGO einspielte. Ligetis Etüde Columna infinita bezieht sich auf Brâncuşis berühmte Skulptur Unendliche Säule, der vielleicht wichtigsten, fast 30 Meter hohen Skulptur des Bildhauers, die zum Unesco-Welterbe gehört. Ligetis Stück, meint der Pianist, führe wie eine Lokomotive über die Zuhörer hinweg und sei eigentlich nur durch die Tastatur des Klaviers begrenzt. Tatsächlich werden seine aufsteigenden Elemente immer wieder neu angesetzt, greifen ineinander und überlappen sich. Ein unendlicher Sog entsteht auf diese Weise. George Enescus Suite Nr. 2 schließt sich an, 1901 komponiert, unmittelbar nach Abschluss des Studiums bei Jules Massenet und Gabriel Fauré, ist sie ein Zeugnis der frühen Reife dieses bedeutendsten Komponisten Rumäniens. Im ihrem vom Impressionismus zum Neoklassizismus herüberblickenden Zuschnitt steht sie dem Tombeau de Couperin des Mitschülers Maurice Ravel gar nicht so fern, doch ihre Quint- und Quartschichtungen entfalten eine ganz eigene Klanglichkeit, in der das Obertonspektrum farbgebend mitschwingt. Des cloches sonores hat sie Enescu auch betitelt – der Glockenklang war im Osteuropa des 19. und frühen 20. Jahrhunderts allgegenwärtig. Zugleich schlägt die Suite in ihrer barocken Satzfolge – Toccata, Sarabande, Pavane und Bourée – den Bogen zum Eingangsstück des Abends: Die Toccata D-Dur von Johann Sebastian Bach ist in Hells intensiver, gleichwohl plastisch gliedernder Darbietung ein Vitalitätsrausch, tiefe Innenschau und im finalen Presto eine Explosion namenloser Freude. Dem antwortet besinnlich als Zugabe die Busoni-Fassung des Bach-Chorals Nun komm, der Heiden Heiland. Da heben sich plötzlich die einzelnen Stimmen plastisch voneinander ab, erklingt aus Piano-Schattierungen berührend die Choralmelodie. Pianist und Flügel scheinen sich endlich besser verstanden zu haben.

[Isabel Herzfeld, September 2026]

Orchester der Grausamkeit: Rihms „Tutuguri“ in der Isarphilharmonie

Zum Saisonstart der musica viva lud die Ernst von Siemens Musikstiftung am 6. September 2026 zu ihrem räsonanz Stifterkonzert in die Münchner Isarphilharmonie ein. Das Lucerne Festival Contemporary Orchestra unter der Leitung von Jörg Widmann spielte Wolfgang Rihms gewaltiges Poème dansé „Tutuguri“.

© Astrid Ackermann / BR

Die diesjährige Saison der musica viva des Bayerischen Rundfunks startete angesichts der räumlichen und klanglichen Anforderungen von Wolfgang Rihms (1952–2024) riesig besetztem, schlagzeuglastigen Tanzpoem Tutuguri (1980–82) mal wieder in der Isarphilharmonie statt im Herkulessaal. Die Ernst von Siemens Musikstiftung demonstrierte mit der Einladung des erst seit 2021 bestehenden Lucerne Festival Contemporary Orchestra zum Münchner räsonanz Stifterkonzert, dass heute auch zu Akademien – hier die 2004 von Pierre Boulez ins Leben gerufene Lucerne Festival Academy – gehörige Orchester den Leistungsstandard großer, fester Profi-Klangkörper erreichen und extrem aufwändige Werke der Neuen Musik perfekt aufführen können. Boulez und Rihm folgend, leitet seit 2026 der Münchner Komponist Jörg Widmann die Luzerner Akademie und stellte sich an diesem Abend auch als Dirigent der anspruchsvollen Aufgabe; nach Luzern und Berlin die dritte Aufführung mit dem teils sehr jungen Ensemble. Selten hat man eine derart neugierig machende Einführung – Mark Sattler im Gespräch mit Widmann und Michael Engelhardt – gehört wie vor diesem Konzert.

Rihms fast 140-minütige, zweiteilige Komposition in vier „Bildern“ wurde durch das Gedicht „Tutuguri – Der Ritus der schwarzen Sonne“ aus dem Hörspiel Pour en finir avec le jugement de dieu des französischen Dramatikers, Schauspielers und Theater-Theoretikers Antonin Artaud (1896–1948) angeregt. Das Werk ist aber weder eine „Vertonung“ des Gedichts, schon gar nicht ein Handlungsballett, obwohl Rihm einzelne Sprachfetzen eines zentralen, die angestrebte Utopie paradox beschreibenden Satzes aus dem Hörspiel dem an wenigen kürzeren Stellen vom Tonband eingespieltem Chor (SWR Vokalensemble, Einstudierung: Rupert Huber) zuweist; übersetzt: „Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden.“ Gegen ein über 90 Musiker starkes Orchester mit sechs gewaltigen Schlagzeug-Batterien hätte ein Live-Chor ohne Verstärkung keine Chancen.

Schauspieler und Dramaturg Michael Engelhardt rezitiert zu Beginn in Kostüm und eindringlicher Körperhaltung eines völlig „abgerissenen“, verstörten Individuums Artauds Gedicht als Ganzes, vor den einzelnen Bildern nochmals die entsprechenden Abschnitte. Zusammen mit Sarah Müller hat er Tutuguri neu ins Deutsche übersetzt, besonders um der Mehrdeutigkeit des Wortes „cruauté“ – eben nicht nur „Grausamkeit“, sondern auch „Nacktheit“ bzw. „Rohsein“ – gerecht zu werden. Trotzdem darf man in Anlehnung an den von Artaud geprägten Begriff des „Theaters der Grausamkeit“ bei Rihms Stück durchaus von einem Orchester der Grausamkeit sprechen, vor allem wegen der über weiten Strecken vorherrschenden, geradezu infernalischen Lautstärke.

Das Orchester – 50 Streicher, nur dreifach besetzte Bläser, Klavier, Harfe, Pauken sowie 6 Solo-Schlagzeuger – ist natürlich trotzdem hochdifferenziert notiert und technisch absolut herausfordernd für alle Musikerinnen und Musiker, die mit unglaublichem Engagement an Rihms Werk herangehen. Widmann hat die nie langweilige, vielschichtige Partitur minutiös mit seinem Orchester erarbeitet und agiert als Dirigent ungemein energetisch, erreicht eine immer überzeugende Dynamik und Klangschichtung, tänzelt und springt manchmal auf dem Podium, wird so dem Untertitel schon äußerlich gerecht. Nur der erste Teil (Bilder I-III) dauert quasi non-stop 90 Minuten. Immer wieder gibt es bereits hier Abschnitte, die exzessiv vom Schlagwerk dominiert werden, das nach einem Aufschrei des Sprechers noch von vier in den Ecken des HP8 platzierten Tam-Tams und weiteren zehn nun auf Ölfässer und Gewindestangen eindreschenden Spielern aus dem Orchester verstärkt wird. Artaud hatte 1936 den Peyote-Kult des mexikanischen Tarahumara-Stammes miterlebt. Als Hörer muss man sich schon sehr offen auf den dies reflektierenden musikalischen Ritus einlassen, um eine Art Befreiung erleben zu können.

© Astrid Ackermann / BR

Im 2. Teil bleiben nur noch sechs Solo-Schlagzeuger (siehe Tags; insgesamt zehn Spieler teilen sich die schweißtreibende Arbeit der beiden Teile untereinander auf) auf der Bühne, jetzt auch lediglich mit Instrumentarium ohne definierte Tonhöhen, also verschiedenste Trommeln, Becken und Tam-Tams. Diese scheinbare Reduktion führt jedoch geplant zu noch stärkerer Konzentration und wohl auch objektiv zu einem im Schnitt viel höherem Schalldruckpegel als im ersten Teil. Selbst in der 11. Reihe mit dem Rezensenten gerät diese stetige Zwerchfellmassage zu einem 45-minütigen Exerzitium nahe an der Schmerzgrenze. Dagegen sind japanische Taiko-Ensembles ein laues Lüftchen. Die hochvirtuose, ununterbrochene Raserei der Solisten wird von Widmann erneut überragend und mit musikalisch subtiler Unterstützung koordiniert – was für eine phantastische Leistung aller Beteiligten! Wie vorher das gesamte Orchester erhält die Schlagzeuggruppe langanhaltenden, begeisterten Applaus eines beglückt-überwältigten Publikums. Tutuguri muss man einmal erlebt haben – aber das dürfte dann wieder für etliche Jahre reichen.

[Martin Blaumeiser, 8.9.2026]

Dmitri Schostakowitsch: Editionen zum 120. Geburtstag in Schrift und Klang

Am 25. September jährt sich der Geburtstag Dmitri Schostakowitschs zum 120. Mal. Pünktlich zum Jubiläum erschienen nun die Erinnerungen seiner dritten Ehefrau Irina Antonowna im Jaron-Verlag. Außerdem konnte man sich über gebündelte Wiederveröffentlichungen von ursprünglich als Einzel-CDs herausgekommenen Aufnahmen freuen: Präsentiert Capriccio auf 4 CDs Orchesterlieder und Kantaten, brachte Naxos die gesammelten Filmmusiken des Komponisten auf 7 CDs sowie die Ersteinspielung mehrerer Schauspielmusiken heraus.

Elena Yakovich: Zu Zweit, Jaron Verlag ISBN:978-3-89773-185-1

Kurz vor der Hochzeit mit Irina Antonowna 1962 schrieb Dmitri Schostakowitsch an seinen Freund Wissarion Schebalin über seine dritte Ehefrau: „In meinem Leben ist ein Ereignis von größter Bedeutung eingetreten – ich habe geheiratet. Sie hat nur einen Fehler: Sie ist 27 Jahre alt.“ Doch der nahezu 30-jährige Altersunterschied tat der tiefen Verbundenheit des Paares keinen Abbruch. Von dieser Beziehung und dem gemeinsamen Leben, das bis zu Schostakowitschs Tod 1975 währte, erzählt die 1934 geborene Komponistenwitwe in den autobiographischen Skizzen Zu Zweit.

Sie basieren auf Interviews, die Irina Antonowna mit der Regisseurin Elena Yakovich für deren Dokumentarfilm Two. The Story of Shostakovich’s wife führte. Er kam 2022 in die Kinos, aber um wesentliche Teile der Gespräche gekürzt. Die vollständige, flüssig zu lesende Buchfassung, obwohl insgesamt nur 150 Seiten lang, stellt eine Bereicherung zu den zahlreichen fachliterarischen Biographien dar: weil sie aus persönlich-subjektiver Perspektive auf einen der bedeutendsten Tonschöpfer des 20. Jahrhunderts schaut, den seine Frau als so feinsinnig wie witzig beschreibt.

Ergänzt wird der Band durch private Fotos und die Gegenüberstellung von parallelen Episoden aus dem Leben der Eheleute, bevor sie sich Ende der 50er Jahre kennenlernten. Damals arbeitet Antonowna als Literaturredakteurin beim Sikorski Verlag, zu ihren Aufgaben gehört das Redigieren von Musiktheater-Libretti. In diesem Umfeld gibt es etliche berufliche Berührungspunkte mit Schostakowitsch, privat trifft sie ihn erstmals bei einem gemeinsamen Konzertbesuch. Nur wenige Monate später findet die Hochzeit auf Drängen Schostakowitschs statt. Irina Antonowna wird seine ständige Begleiterin, sie reist mit ihm zu Gastspielen, unterstützt ihn ebenso im Alltag wie in künstlerischen Belangen. Sie erinnert sich ebenso an den Kauf der Wohnungseinrichtung wie an die zehrenden Begleitumstände bei der Entstehung der Babi-Jar-Symphonie. Ihre Schilderungen von Begegnungen mit bedeutenden Zeitgenossen, wie dem Cellisten Rostropowitsch, dem Komponisten Benjamin Britten, der Dichterin Anna Achmatowa oder der mit Schostakowitsch befreundeten Pianistin Maria Judina, die sich öffentlich gegen das Sowjetregime stellte und ihre moralische Integrität trotz Repressalien bewahrte, geben Einblicke in Kultur, Politik und Gesellschaft und sind von besonderem zeithistorischem Wert. Auch nach dem Tod ihres Gatten widmet Irina Antonowna ihm ihr Leben. Die öffentlichkeitsscheue Witwe setzt sich als Erbin für die Bewahrung seines musikalischen Vermächtnisses ein, initiiert die Herausgabe des Gesamtwerks, gründet das Schostakowitsch-Archiv und den DSCH-Verlag. Der Satz „Jedenfalls waren wir wie ein Mensch“ kennzeichnet den fast symbiotischen Charakter der Ehe.

Music for Film, Naxos, Bestellnr.: 8.507016

Schauspielmusiken, Naxos, Bestellnr.: 8.574590

Als Schostakowitschs Nachlassverwalterin engagiert sich Irina Antonowna auch für die Rekonstruktion verschollen geglaubter oder unvollständiger Filmmusiken – einer Gattung, die im Schaffen des Komponisten breiten Raum einnimmt. So ist es etwa ihrer Zustimmung zu verdanken, dass der Dirigent Mark Fitz-Gerald die Originalpartitur des sozialkritischen Stummfilms Odna – Allein wiederherstellte. Sie ist durch die ungewöhnliche Instrumentierung, wie die Verwendung des elektronischen Theremins, bemerkenswert, aber auch wegen der musikalischen Gegensätze zwischen städtischen Alltagsgeräuschen und ländlicher Folklore. 2006 wurde Odna unter Fitz-Geralds Leitung für Naxos eingespielt, zunächst als Einzel-CD veröffentlicht und letztes Jahr in die siebenteilige Kollektion Music for Film des Labels aufgenommen. Sie enthält sechs weitere komplette Soundtracks und ist mit einem ausgesprochen informativen Booklet ausgestattet. Die Kinostreifen unterscheiden sich formal erheblich und spiegeln auch Schostakowitschs Spannweite zwischen Innovation und Anpassung wider. Neuartig war gleich seine erste Filmpartitur, die er 1928 für den zur Zeit der Pariser Kommune spielenden Historienfilm Das neue Babylon schuf – der Titel bezieht sich auf ein Warenhaus. Statt das Geschehen rein zu untermalen, komponierte er eine grellbunte Collage. Populäre französische Melodien, wie Offenbachs Can-Can und die Marseillaise, Marschrhythmen, Zitate aus der Klassik und avantgardistische Einflüssen kommentieren und illustrieren das Geschehen eigenständig. Hingegen dominieren in den Propagandastreifen Der Fall von Berlin und Das unvergessliche Jahr 1919 Pathos und militärische Knalligkeit, im letztgenannten Film untermalt kurioserweise ein süffiges Klavierkonzert eine Kampfhandlung.

Künstlerisch anspruchsvoller ist die düstere, psychologisch ausgefeilte und sparsam orchestrierte Shakespeare-Adaption Hamlet von 1963. Wegen ihres dichten Themengeflechts und der raffinierten Instrumentierung, etwa das Cembalo in Ophelias Wahnsinnsszene, gehört sie zu den stärksten Soundtracks Schostakowitschs.

Gesondert veröffentlicht hat Naxos zwei zwischen 1929 und 1933 entstandene Schauspielmusiken: Der Schuss enthält eine rasante Abfolge von zirkusbunten, grell humoresken Nummern; in Die menschliche Komödie nach Balzac verwendet Schostakowitsch Tänze und Jazzelemente, die eine Salonatmosphäre verbreiten. Die Einspielung enthält noch eine weitere Rarität: Der Marsch der Anarchisten von 1938 als Hommage an Weills Kanonensong aus der Dreigroschenoper. Drei Dirigenten am Pult verschiedener brillanter Orchester sind an den Aufnahmen beteiligt. Den Löwenanteil bestreitet – neben Adriano und Dmitry Yablonsky – Mark Fitz-Gerald. Alle drei schöpfen die Bandbreite der Partituren aus, jonglieren souverän zwischen dissonanter Sinfonik und gefälliger Unterhaltung und geben damit ein starkes Plädoyer für Schostakowitschs Filmmusiken.

Orchestral Songs, Capriccio, Bestellnr.: C7465

Eine weitere Kassette widmet sich Schostakowitschs Vokalwerken mit Orchester. Das Label Capriccio hat auf 4 CDs stilistisch vielfältige Orchestral Songs zusammengestellt, die seine widersprüchliche Haltung zum Sowjetstaat spiegeln. Neben tiefgründigen, unterschwellig systemkritischen Liederzyklen befinden sich auch zwei reine Propagandastücke. Die so pompöse wie zackige, bis zum Finale mächtig anschwellende Kantate Die Sonne scheint über unser Vaterland von 1952 glorifiziert den Kommunismus. Bereits 1949 komponierte er sein erstes großes Oratorium Das Lied von den Wäldern. Darin preisen Tenor- und Basssolo, Kinderstimmen und gemischter Chor die Aufforstung kriegszerstörter Areale durch den „Gärtner“ Stalin, der zum Wohle des Volkes die Natur wieder zum Blühen bringt. Die Musik biedert sich in ihrer melodiösen Süße, den plakativen Steigerungen und den folkloristischen Elementen dem offiziellen Geschmack an. Im Vergleich zu diesem Oratorium fällt der Kontrast zu dem ein Jahr früher komponierten Zyklus Aus jüdischer Volkspoesie op. 79a besonders krass aus. Mit den stimmungsvollen Liedern über das Leben in einem Schtetl reagierte Schostakowitsch musikalisch auf den staatlichen Antisemitismus. Um eine Aufführung zu erreichen, fügte er jedoch einen fragwürdigen Schluss ein: er rühmt das Glück, das das Sowjetregime den Juden bescherte. Trotzdem fand die Premiere in der ursprünglichen Klavierfassung erst 1954 statt, 1963 folgte die nachträgliche Orchestrierung. Rund zehn Jahre später, an seinem Lebensende, schuf Schostakowitsch noch zwei größere, persönlich geprägte Vokalwerke für kleine und große Instrumentalbesetzung. Sowohl die Sechs Romanzen nach Worten von Marina Zwetajewa als auch die Irina Antonowna gewidmete Michelangelo-Suite beziehen sich auf eigenwillige Künstlerpersönlichkeiten und thematisieren Sinnsuche, rückblickende Selbstreflexion und Abschied. Tamara Sinyavskaya bringt die Melancholie der Romanzen mit pastosem, dramatisch auffahrendem Alt zur Geltung, Anatoly Kotcherga verleiht der Suite mit seinem mächtigen Bass eine eindringliche Introvertiertheit. Idiomatisch besetzt ist auch das weitere Gesangsensemble: die Sopranistin Nina Fomina, die Tenöre Vladimir Kasatschuk und Anatoly Babykin sowie die Bässe Arkady Mishenkin und Stanislav Sulejmanov sind nicht nur stilistisch gewandt, sondern loten als Muttersprachler die Texte subtil aus. Für die musikalische Qualität sorgen zudem der durchschlagskräftige WDR Rundfunkchor und das Sinfonieorchester Köln. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Michail Jurowski. Die enge persönliche Beziehung des Dirigenten zum Komponisten verleiht den Aufnahmen besondere interpretatorische Authentizität. Er vermeidet Pathos, hebt Zwischentöne heraus und sorgt für einen fließenden Ablauf.

[Karin Coper, September 2026]

40 Jahre Festival „Raritäten der Klaviermusik“ im Schloss vor Husum

Das Husumer Festival „Raritäten der Klaviermusik“ feierte vom 22.–29. August 2026 sein 40-jähriges Bestehen; eine höchst bemerkenswerte Leistung für eine Veranstaltungsreihe, die sich ausschließlich Repertoire widmet, das im „normalen“ Konzertbetrieb sonst praktisch nie zu hören ist, sich jedoch gerade deshalb im internationalen Klavierzirkus längst einen festen Platz erobert hat. Die acht so gut wie ausverkauften Konzerte gestalteten diesmal das Klavierduo Ludmila Berlinskaya & Arthur Ancelle, Emanuele Delucchi, Lukas Geniušas, Peter Froundjian, Claire Huangci, Artur Pizarro, Nadejda Vlaeva und Marc-André Hamelin. Unser Rezensent Martin Blaumeiser war die ganze Woche dabei.

Emanuele Delucchi / © Nicolai Froundjian

Das Duo Berlinskaya/Ancelle eröffnet die Jubiläumsreihe mit Originalkompositionen für zwei Klaviere. Poulenc zu Beginn klingt etwas pauschal, und die Three Fantasies on Old Themes des gebürtigen Moskauers Victor Babin (1908–1972), die leicht an Strawinsky anknüpfen, erreichen nicht dessen Individualität. Überzeugender gelingen danach Cécile Chaminades elegant-virtuoser Valse carnevalesque und Pas des Cymbales. Der musikalische Fluss und die Agogik des Duos wirken stets stimmig und die beiden halten hervorragenden Kontakt zum Publikum. Bei schnellerem Laufwerk ist die hauptsächlich von Ancelle gesteuerte Synchronisation nicht absolut perfekt. Klanglich wird es häufig recht knallig und Crescendi beginnen meist schon auf zu hohem Niveau. Dies nivelliert leider dann die beiden Hauptwerke, Amy Beachs ausladende Suite Founded upon Old Irish Melodies und Anton Arenskys Suite Nr. 2 „Silhouettes“. Hier begeistern vor allem die wunderbar schrägen Rubati im II. Satz La coquette. Insgesamt mangelt es dem Programm an echtem Tiefgang und man beschränkt sich in erster Linie auf quasi orchestrale Illusion; nur ein Aspekt der Literatur für zwei Klaviere.

In die Fußstapfen eines legendären Supervirtuosen unter den Composer-Pianists begibt sich der italienische Pianist Emanuele Delucchi. Von Leopold Godowskys berühmt-berüchtigten 53 Paraphrasen über Chopins Etüden spielt er genau jene 16, mit denen dieser am 6. 12. 1900 im Berliner Beethoven-Saal für Furore gesorgt hatte und so in direkte Konkurrenz mit Ferruccio Busoni trat, der die neue Wirkungsstätte der Philharmoniker zuvor eröffnet hatte. Delucchi versteht genau Godowskys Intentionen einer weitgehenden Metamorphose und macht nicht den Fehler, das Material der ursprünglichen Etüden zu sehr hervorzuheben, sondern den Zuhörern die Transformation zu einer gänzlich neuen musikalischen Idee zu vermitteln. Dies gelingt ihm faszinierend; seine phänomenale Technik ermöglicht nicht nur Durchsichtigkeit der komplexen polyphonen Stimmführung, sondern zugleich Wohlklang, der selbst im Fortissimo nie forciert erscheint. Mit der kontrapunktischen Godowsky-Bearbeitung von Webers Aufforderung zum Tanz setzt er am Schluss des offiziellen Programms sogar nochmal eins drauf. Doch die einzige, engagierte Klaviersonate Sergej Ljapunows sowie die eigenen hübschen, mit verschiedenen historischen Situationen der Klaviermusik in gemäßigt moderner Tonsprache kommunizierenden Stücke des Pianisten selbst werden gleichermaßen grandios dargeboten – verdient riesiger Beifall für einen manuell wie intellektuell hellwachen Künstler.

Der russisch-litauische Pianist Lukas Geniušas bringt zunächst drei Vertreter der russischen Avantgarde zwischen 1910 und 1920. Er spielt Skrjabins letzte 5 Prėludes op. 74, in denen dessen harmonische Sprache voll entwickelt erscheint und die Abkehr von der Tonalität fast an den Expressionismus von Schönbergs Op. 11 heranreicht, das einmalige mixolydische Kanon-Experiment des mit nur 26 Jahren aus dem Leben geschiedenen Alexej Stantschinsky sowie Arthur Louriés achtteiligen, ideenreichen Zyklus rojal v detskoj, den man auf Deutsch am ehesten mit „Flügel im Kinderzimmer“ übersetzen könnte. Diesem stellt Geniušas dann als „echte“, ganz kurze Kinderstücke Ignaz Friedmans acht Vignettes op. 76 gegenüber. Beide Sammlungen sind konzentrierte Kostbarkeiten, die es kennenzulernen lohnt und die Geniušas emotional und dynamisch fein abgestuft auslotet. Seine schnörkellose, unmittelbar berührende Charakterisierungskunst bringt hingegen bei den Stücken aus der Suite zu Strawinskys Geschichte vom Soldaten wenig. Für diese Musik ist ein Soloklavier schlicht zu monochrom, um interessant zu bleiben. Über welche pianistischen Fähigkeiten der Künstler verfügt, beweist er schließlich in einer Auswahl aus Godowskys Triakontameron und drei vortrefflichen Bearbeitungen Rachmaninows von Mussorgskys Hopak und eigenen Liedern. Mit dessen Prélude op. 32, Nr. 13 als Zugabe könnte Geniušas’ immer kultivierter, runder Klavierklang freilich genauso gut riesige Säle füllen.

Peter Froundjian, Gründer und künstlerischer Leiter des Husumer Festivals – siehe unser Interview vom Vorjahr – ließ es sich nicht nehmen, zum 40-jährigen Jubiläum selbst einen Abend ausschließlich seinem Herzensanliegen, der in Deutschland immer noch unterschätzen nordischen Musik, zu widmen. Im inklusive Zugaben mit drei Stunden Netto-Spielzeit die Zuhörer doch sichtlich ermüdendem Programm stellt Froundjian nicht weniger als 43 Stücke von 17 verschiedenen Komponistinnen und Komponisten vor. Die vollständige Liste findet der Leser im Flyer des Festivals (S. 14-15). Neben geläufigeren Namen wie Sibelius, Sinding oder Palmgren bringt der Pianist etliche teils überraschend hochwertige Raritäten zu Gehör. Pickt man ein paar Rosinen heraus, sind die erst kürzlich im Druck erschienenen, tiefgründigen Klavierstücke der Dänin Hilda Sehested (1858–1936) von 1915/16, die hochvirtuose Etüde op. 17 Nr. 2 des Norwegers Halfdan Cleve (1879–1951) oder die pianistisch gekonnt orchestral konzipierten Lyrischen Stücke und das Intermezzo op. 8 Nr. 3 des Schweden Adolf Wiklund (1879–1950) zu erwähnen. Die gesamte Darbietung gerät emotional aufrichtig, zugleich unaufgeregt und klanglich sorgfältig austariert. Statt die Programmfolge im Wesentlichen nach den Nationalitäten der Komponisten zu gruppieren, hätte Froundjian vielleicht mit einer individuelleren Anordnung einige historische Verbindungen deutlicher machen können.

Peter Froundjian / © Nicolai Froundjian

Die gebürtige Amerikanerin Claire Huangci hat u. a. 2018 den Geza-Anda-Wettbewerb gewonnen und zeigt vier Komponistinnen – Clara Schumann, Fanny Hensel, Amy Beach und Florence Price – zunächst jeweils von ihrer lyrischen Seite, dann mit einem mehr virtuosen Stück, wobei sich die Pianistin als geradezu explosives Energiebündel mit Hang zu rekordverdächtigen Tempi entpuppt. Dies gefällt noch bei Hensels überaus quirliger Introduktion und Capriccio H 349 und Prices Fantaisie negre Nr. 2 – eine späte Replik auf Liszts Ungarische Rhapsodien mit afroamerikanischem Material. Später gibt es exorbitant Schwieriges aus den USA. Bleibt Huangcis pianistische Farbpalette im Piano seltsam blass, erscheint ihr allzu drastischer Zugriff ab dem Forte dem täglich bestens vorbereitetem Steinway D und der Akustik des Rittersaals völlig unangemessen, was das Publikum bei John Coriglianos ziemlich merkwürdigem, fünfteiligem Hybrid Etude Fantasy von 1976 absolut nicht gutheißt, obwohl die Pianistin hier der notierten Dynamik präzise folgt. Dies zeigt allerdings auch einmal mehr, dass man bereits mit nur halbwegs modernem Repertoire nur noch einen kleineren Teil der Husumer Stammgäste erreicht. Im Gegensatz zu ihrer exzellenten CD-Einspielung der Sonate Samuel Barbers von 2024 stört Huangcis spitzer Anschlag an diesem Abend hier umso mehr. Das Changieren zwischen Trauer und wütender Fassungslosigkeit im 1. und 3. Satz wirkt auch deshalb mehr aufgesetzt anstatt zu berühren. Der zweite Satz kommt lediglich als nervöses Hirngespinst daher. Die zu Recht gefürchtete, geniale Schlussfuge bewältigt Huangci mit einer technischen Brillanz ohnegleichen, aber selbst dort scheint die Durchdringung der ernstgemeint strengen musikalischen Strukturen unsensibel und oberflächlich, denn Barber war zweifellos viel mehr Romantiker als die Pianistin ihm hier zugestehen möchte.

Der Abend von Artur Pizarro – bereits mit drei Jahren auf dem Podium und später Sieger etwa beim Leeds International Piano Competition 1990 – wird für den Rezensenten zur eigentlichen Überraschung des diesjährigen Festivals. In Husum spielt der Portugiese allerdings schon zum sechsten Mal. Hier kommen alle positiven Qualitäten hochkarätiger Klavierkunst zusammen: eine wirklich unglaubliche Farbigkeit, ideales Verständnis von Harmonik, Agogik, hochdifferenzierte, dabei nie übertriebene Dynamik und eine generell faszinierende, bis in die feinsten Nuancen kontrollierte Anschlagskultur. Emmanuel Chabriers Dix Pièces pittoresques (1881) sind als Charakterstücke ungemein lebendig, kontrastreich und immer pianistisch recht anspruchsvoll. Pizarro kostet diesen wegweisenden, aber kaum im Konzertsaal präsenten Markstein hin zum musikalischen Impressionismus mit Delikatesse aus, nimmt die Zuhörer ebenso bei Faurés Valse-Caprice Nr. 3 op. 59 und den Três Peças von Armando José Fernandes (1906–1983) hundertprozentig mit. Die am Schluss vorgestellte, völlig tonale vierte Klaviersonate (1954) von Enrico Tomás de Lima – ebenso ein Landsmann des Pianisten – kann da nicht mithalten. Dies liegt jedoch einzig am Stück selbst, nicht am engagierten Vortrag. Der robuste Beginn des Kopfsatzes und auch das Seitenthema verlieren sich. Später erhält alles mehr Zug, bleibt dennoch zu eindimensional. De Limas Ostinati sind nur im langsamen zweiten Satz spannungsvoll, der außerdem die stärkste Substanz und ernste, dunkel-impressionistische Farben bringt. Das Finale zelebriert selbstbewusste Folklore, freilich weitaus schlichter als manches Vergleichbare etwa aus Südamerika. Die vollendet dargebotene Zugabe, vor der sich Pizarro scherzhaft bekreuzigt, Camille Chevillards intrikat schwere Bearbeitung von Chabriers berühmtem España, mündet in nicht enden wollenden Jubel.

Nicht so erfreulich gelingt der Versuch der bulgarisch-stämmigen Pianistin Nadejda Vlaeva, ausschließlich Unbekanntes von zwölf (!) Liszt-Schülern aus der Versenkung hervorzuholen. Dies scheitert zunächst daran, dass sich so manches Werk in der Tat als noch nicht einmal zweitrangig bezeichnen ließe, wie die geradezu lächerlich uninspirierte – heißt: stinklangweilige – Konzertparaphrase (?) Julie Rivé-Kings (1854–1937) Old Hundred über den Choral Praise God, from whom all blessings flow, der selbst blendende Technik nicht auf die Beine helfen kann. Auch einige Stücke bekannterer Namen, etwa Emil von Sauers hausbackener Walzer Echo de Vienne oder das einfältige An der Quelle des später in die USA übergesiedelten Ungarn Rafael Joseffy lassen keinerlei eigenständige Persönlichkeit erkennen. Oft helfen sich die komponierenden Pianisten hier mit allzu offensichtlichen Wiederholungen, und Frau Vlaeva scheint kaum interessiert, mit leicht variierten musikalischen Parametern mehr Abwechslung hereinzubringen, setzt stattdessen auf Kürzungen. Bei der pianistisch eigentlich zunächst vielversprechenden, sich dann bald festfressenden Toccata chromatique Giuseppe Ferratas ist dies eine absolute Notwendigkeit, beim ebenfalls zu langem Alpenglühen der Jungfrau aus Franz Bendels nettem Zyklus Schweizer Bilder aber formzerstörend. Aus dieser Masse belangloser Petitessen ragen qualitativ lediglich die fünf Phantasiebilder op. 5 des später weltberühmten Dirigenten Felix Weingartner heraus: richtig gute Musik. Bei den absurd virtuosen Variationen Moriz Rosenthals überschätzt Vlaeva dann ein wenig ihre technischen Möglichkeiten: ein eher enttäuschender Abend.

Schließlich kommt am 29. 8. nach vierjähriger Pause der für die Husumer „Raritäten“ vielleicht prägendste Künstler wieder: Marc-André Hamelin. Nach zwei aufschlussreichen, schon auf Beethoven hinweisenden kurzen Rondos aus den Sammlungen für Kenner und Liebhaber von Carl Philipp Emanuel Bach und der über Strecken ausgedünnt gesetzten, irgendwo im Niemandsland zwischen Schostakowitsch und Prokofjew anzusiedelnden 1. Klaviersonate (1940) Mieczysław Weinbergs, die er knackig präsentiert, spielt Hamelin zwei eigene Stücke. Die dem Gedenken an den Schallplattenproduzenten Joe Patrych gewidmete düstere Mazurka von 2024 sowie die nochmals minimal überarbeitete, witzige und an Nikolai Kapustins auskomponierten Jazz anknüpfende Suite à l’ancienne sind geistreiche, vielschichtige Klavierfinessen. Für viele Besucher ist der Brasilianer Radamés Gnattali (1906–1988) wohl die auffallendste Neuentdeckung der Konzertreihe 2026. Hamelin hat zwar 1996 einige kürzere Stücke des bienenfleißigen Arrangeurs südamerikanischer Popularmusik hier aufgeführt, kann aber mit der teils heiklen Gratwanderung Gnattalis eigener Kompositionen zwischen Nationalismus – z. B. in der noch ganz in der Liszt-Nachfolge stehenden Rapsodia brasileira (1930) über einige Kinderlieder –, Jazz und individuell ausgeprägter, beinahe reiner Unterhaltungsmusik erneut glänzen. Seine Auswahl demonstriert Gnattalis große Bandbreite und der Kanadier trifft stets den richtigen Tonfall. Als Dank für ein begeistertes Publikum und anlässlich des Jubiläums gibt es dann als Ausklang des Festivals alle sieben Virtuoso Etudes after Gershwin Earl Wilds, unter Hamelins Händen natürlich absolut hinreißend.

Wenn man dem Festival und Peter Froundjian für das erneut durchgängig hohe Niveau gratulieren und weitere erfolgreiche Jahre wünschen darf, sei an dieser Stelle doch vorsichtig daran erinnert, dass bei einer in nächster Zeit zwangsläufigen Verjüngung des Publikums das bisherige Konzept zumindest weitergedacht werden sollte. Der Vorrat noch ungespielten Repertoires überwiegend aus der Zeit zwischen 1860 und 1935 ist nicht wirklich endlos, so dass man neuere Bereiche erschließen müsste, ohne die Zuhörer unnötig zu vergraulen. Motto-Abende nur mit ganz kurzen Stücken erweisen sich als mindestens so anstrengend wie modernere Ansätze. Dieses Jahr hörte man definitiv zu wenig umfangreichere Werke – auch davon gäbe es genug Interessantes selbst noch unter den Spätromantikern. Als Beispiele seien die vier Sonaten Rheinbergers oder die große Sonate von Joseph Haas genannt; und von Anton Rubinstein erklang hier bislang nur die erste von vier Sonaten-Schwergewichten. Nur Mut!

[Martin Blaumeiser, 4. September 2026]