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Dmitri Schostakowitsch: Editionen zum 120. Geburtstag in Schrift und Klang

Am 25. September jährt sich der Geburtstag Dmitri Schostakowitschs zum 120. Mal. Pünktlich zum Jubiläum erschienen nun die Erinnerungen seiner dritten Ehefrau Irina Antonowna im Jaron-Verlag. Außerdem konnte man sich über gebündelte Wiederveröffentlichungen von ursprünglich als Einzel-CDs herausgekommenen Aufnahmen freuen: Präsentiert Capriccio auf 4 CDs Orchesterlieder und Kantaten, brachte Naxos die gesammelten Filmmusiken des Komponisten auf 7 CDs sowie die Ersteinspielung mehrerer Schauspielmusiken heraus.

Elena Yakovich: Zu Zweit, Jaron Verlag ISBN:978-3-89773-185-1

Kurz vor der Hochzeit mit Irina Antonowna 1962 schrieb Dmitri Schostakowitsch an seinen Freund Wissarion Schebalin über seine dritte Ehefrau: „In meinem Leben ist ein Ereignis von größter Bedeutung eingetreten – ich habe geheiratet. Sie hat nur einen Fehler: Sie ist 27 Jahre alt.“ Doch der nahezu 30-jährige Altersunterschied tat der tiefen Verbundenheit des Paares keinen Abbruch. Von dieser Beziehung und dem gemeinsamen Leben, das bis zu Schostakowitschs Tod 1975 währte, erzählt die 1934 geborene Komponistenwitwe in den autobiographischen Skizzen Zu Zweit.

Sie basieren auf Interviews, die Irina Antonowna mit der Regisseurin Elena Yakovich für deren Dokumentarfilm Two. The Story of Shostakovich’s wife führte. Er kam 2022 in die Kinos, aber um wesentliche Teile der Gespräche gekürzt. Die vollständige, flüssig zu lesende Buchfassung, obwohl insgesamt nur 150 Seiten lang, stellt eine Bereicherung zu den zahlreichen fachliterarischen Biographien dar: weil sie aus persönlich-subjektiver Perspektive auf einen der bedeutendsten Tonschöpfer des 20. Jahrhunderts schaut, den seine Frau als so feinsinnig wie witzig beschreibt.

Ergänzt wird der Band durch private Fotos und die Gegenüberstellung von parallelen Episoden aus dem Leben der Eheleute, bevor sie sich Ende der 50er Jahre kennenlernten. Damals arbeitet Antonowna als Literaturredakteurin beim Sikorski Verlag, zu ihren Aufgaben gehört das Redigieren von Musiktheater-Libretti. In diesem Umfeld gibt es etliche berufliche Berührungspunkte mit Schostakowitsch, privat trifft sie ihn erstmals bei einem gemeinsamen Konzertbesuch. Nur wenige Monate später findet die Hochzeit auf Drängen Schostakowitschs statt. Irina Antonowna wird seine ständige Begleiterin, sie reist mit ihm zu Gastspielen, unterstützt ihn ebenso im Alltag wie in künstlerischen Belangen. Sie erinnert sich ebenso an den Kauf der Wohnungseinrichtung wie an die zehrenden Begleitumstände bei der Entstehung der Babi-Jar-Symphonie. Ihre Schilderungen von Begegnungen mit bedeutenden Zeitgenossen, wie dem Cellisten Rostropowitsch, dem Komponisten Benjamin Britten, der Dichterin Anna Achmatowa oder der mit Schostakowitsch befreundeten Pianistin Maria Judina, die sich öffentlich gegen das Sowjetregime stellte und ihre moralische Integrität trotz Repressalien bewahrte, geben Einblicke in Kultur, Politik und Gesellschaft und sind von besonderem zeithistorischem Wert. Auch nach dem Tod ihres Gatten widmet Irina Antonowna ihm ihr Leben. Die öffentlichkeitsscheue Witwe setzt sich als Erbin für die Bewahrung seines musikalischen Vermächtnisses ein, initiiert die Herausgabe des Gesamtwerks, gründet das Schostakowitsch-Archiv und den DSCH-Verlag. Der Satz „Jedenfalls waren wir wie ein Mensch“ kennzeichnet den fast symbiotischen Charakter der Ehe.

Music for Film, Naxos, Bestellnr.: 8.507016

Schauspielmusiken, Naxos, Bestellnr.: 8.574590

Als Schostakowitschs Nachlassverwalterin engagiert sich Irina Antonowna auch für die Rekonstruktion verschollen geglaubter oder unvollständiger Filmmusiken – einer Gattung, die im Schaffen des Komponisten breiten Raum einnimmt. So ist es etwa ihrer Zustimmung zu verdanken, dass der Dirigent Mark Fitz-Gerald die Originalpartitur des sozialkritischen Stummfilms Odna – Allein wiederherstellte. Sie ist durch die ungewöhnliche Instrumentierung, wie die Verwendung des elektronischen Theremins, bemerkenswert, aber auch wegen der musikalischen Gegensätze zwischen städtischen Alltagsgeräuschen und ländlicher Folklore. 2006 wurde Odna unter Fitz-Geralds Leitung für Naxos eingespielt, zunächst als Einzel-CD veröffentlicht und letztes Jahr in die siebenteilige Kollektion Music for Film des Labels aufgenommen. Sie enthält sechs weitere komplette Soundtracks und ist mit einem ausgesprochen informativen Booklet ausgestattet. Die Kinostreifen unterscheiden sich formal erheblich und spiegeln auch Schostakowitschs Spannweite zwischen Innovation und Anpassung wider. Neuartig war gleich seine erste Filmpartitur, die er 1928 für den zur Zeit der Pariser Kommune spielenden Historienfilm Das neue Babylon schuf – der Titel bezieht sich auf ein Warenhaus. Statt das Geschehen rein zu untermalen, komponierte er eine grellbunte Collage. Populäre französische Melodien, wie Offenbachs Can-Can und die Marseillaise, Marschrhythmen, Zitate aus der Klassik und avantgardistische Einflüssen kommentieren und illustrieren das Geschehen eigenständig. Hingegen dominieren in den Propagandastreifen Der Fall von Berlin und Das unvergessliche Jahr 1919 Pathos und militärische Knalligkeit, im letztgenannten Film untermalt kurioserweise ein süffiges Klavierkonzert eine Kampfhandlung.

Künstlerisch anspruchsvoller ist die düstere, psychologisch ausgefeilte und sparsam orchestrierte Shakespeare-Adaption Hamlet von 1963. Wegen ihres dichten Themengeflechts und der raffinierten Instrumentierung, etwa das Cembalo in Ophelias Wahnsinnsszene, gehört sie zu den stärksten Soundtracks Schostakowitschs.

Gesondert veröffentlicht hat Naxos zwei zwischen 1929 und 1933 entstandene Schauspielmusiken: Der Schuss enthält eine rasante Abfolge von zirkusbunten, grell humoresken Nummern; in Die menschliche Komödie nach Balzac verwendet Schostakowitsch Tänze und Jazzelemente, die eine Salonatmosphäre verbreiten. Die Einspielung enthält noch eine weitere Rarität: Der Marsch der Anarchisten von 1938 als Hommage an Weills Kanonensong aus der Dreigroschenoper. Drei Dirigenten am Pult verschiedener brillanter Orchester sind an den Aufnahmen beteiligt. Den Löwenanteil bestreitet – neben Adriano und Dmitry Yablonsky – Mark Fitz-Gerald. Alle drei schöpfen die Bandbreite der Partituren aus, jonglieren souverän zwischen dissonanter Sinfonik und gefälliger Unterhaltung und geben damit ein starkes Plädoyer für Schostakowitschs Filmmusiken.

Orchestral Songs, Capriccio, Bestellnr.: C7465

Eine weitere Kassette widmet sich Schostakowitschs Vokalwerken mit Orchester. Das Label Capriccio hat auf 4 CDs stilistisch vielfältige Orchestral Songs zusammengestellt, die seine widersprüchliche Haltung zum Sowjetstaat spiegeln. Neben tiefgründigen, unterschwellig systemkritischen Liederzyklen befinden sich auch zwei reine Propagandastücke. Die so pompöse wie zackige, bis zum Finale mächtig anschwellende Kantate Die Sonne scheint über unser Vaterland von 1952 glorifiziert den Kommunismus. Bereits 1949 komponierte er sein erstes großes Oratorium Das Lied von den Wäldern. Darin preisen Tenor- und Basssolo, Kinderstimmen und gemischter Chor die Aufforstung kriegszerstörter Areale durch den „Gärtner“ Stalin, der zum Wohle des Volkes die Natur wieder zum Blühen bringt. Die Musik biedert sich in ihrer melodiösen Süße, den plakativen Steigerungen und den folkloristischen Elementen dem offiziellen Geschmack an. Im Vergleich zu diesem Oratorium fällt der Kontrast zu dem ein Jahr früher komponierten Zyklus Aus jüdischer Volkspoesie op. 79a besonders krass aus. Mit den stimmungsvollen Liedern über das Leben in einem Schtetl reagierte Schostakowitsch musikalisch auf den staatlichen Antisemitismus. Um eine Aufführung zu erreichen, fügte er jedoch einen fragwürdigen Schluss ein: er rühmt das Glück, das das Sowjetregime den Juden bescherte. Trotzdem fand die Premiere in der ursprünglichen Klavierfassung erst 1954 statt, 1963 folgte die nachträgliche Orchestrierung. Rund zehn Jahre später, an seinem Lebensende, schuf Schostakowitsch noch zwei größere, persönlich geprägte Vokalwerke für kleine und große Instrumentalbesetzung. Sowohl die Sechs Romanzen nach Worten von Marina Zwetajewa als auch die Irina Antonowna gewidmete Michelangelo-Suite beziehen sich auf eigenwillige Künstlerpersönlichkeiten und thematisieren Sinnsuche, rückblickende Selbstreflexion und Abschied. Tamara Sinyavskaya bringt die Melancholie der Romanzen mit pastosem, dramatisch auffahrendem Alt zur Geltung, Anatoly Kotcherga verleiht der Suite mit seinem mächtigen Bass eine eindringliche Introvertiertheit. Idiomatisch besetzt ist auch das weitere Gesangsensemble: die Sopranistin Nina Fomina, die Tenöre Vladimir Kasatschuk und Anatoly Babykin sowie die Bässe Arkady Mishenkin und Stanislav Sulejmanov sind nicht nur stilistisch gewandt, sondern loten als Muttersprachler die Texte subtil aus. Für die musikalische Qualität sorgen zudem der durchschlagskräftige WDR Rundfunkchor und das Sinfonieorchester Köln. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Michail Jurowski. Die enge persönliche Beziehung des Dirigenten zum Komponisten verleiht den Aufnahmen besondere interpretatorische Authentizität. Er vermeidet Pathos, hebt Zwischentöne heraus und sorgt für einen fließenden Ablauf.

[Karin Coper, September 2026]

Musik für Bauch und Seele mit Spaßgarantie

Cpo 777 875-2; EAN: 761203787524

Grete3

Manche Familien sind über Generationen hinweg der Musik verbunden. Die Familie Jurowski ist so eine Familie: Opa Vladimir – Komponist, Sohn Michail – Dirigent, Enkel Vladimir – ebenfalls Dirigent (wurde kürzlich unter etwas merkwürdigen Umständen zum Chef des RSO Berlin erklärt). Schön ist es, wenn sich die Generationen quasi die Hand reichen, so, wie auf diesem neuen Album des Labels cpo.

Michail Jurowski dirigiert hier zwei sehr reizvolle Werke seines Vaters Vladimir Jurowski. Jener war bei niemand Geringerem als Nikolai Mjaskowski in die Lehre gegangen, der bekanntlich zu den zwar noch immer vernachlässigten, nichtsdestotrotz aber bedeutenden Sinfonikern Russlands im 20. Jahrhundert zählte. Mjaskowski (der selbst bei Glière, Liadow und Rimsky-Korsakow studierte) hat einige der wichtigsten Komponisten der UdSSR ausgebildet, darunter u.a. Aram Chatchaturjan, Dmitri Kabalewski und Boris Tschaikowsky. Wer in Mjaskowskis Kompositionsklasse ging, der hatte auf jeden Fall Chancen auf eine Karriere in Sowjetrussland.
Vladimir Jurowski hingegen verstarb früh, und sein Œuvre geriet vielleicht auch deswegen in Vergessenheit. Zugegebenermaßen ist die auf diesem Album zu hörende fünfte Sinfonie und die Kollektion „sinfonischer Bilder“ die den neugierig machenden Titel „Russische Maler“ trägt, auch kompositorisch nicht dasselbe Niveau wie man es bei den prominenteren Schülern Mjaskowskis finden kann. Auch das ausführende Norrköping Symphony Orchestra lässt in fast allen Orchestergruppen durchscheinen, dass es nicht zur Elite der nordeuropäischen Sinfonieorchester gezählt werden kann, wenngleich es sich sehr erfolgreich bemüht, seine allerdings allzu offensichtlichen Schwächen vergessen zu machen.
Trotz dieser Einschränkungen möchte ich diese CD mit russischer Sinfonik jedem wärmstens ans Herz legen, der sich für tonale russische und nordeuropäische Orchestermusik des 20. Jahrhunderts begeistern kann. Warum? Weil diese Platte einfach Laune macht!
Diese CD ist schlicht und ergreifend eine große Spaßmaschine: Diese einfach klasse klingende Musik, die sofort ins Ohr geht, riesig besetzt und sehr effektvoll in Szene gesetzt, diese Anklänge an die Musik von Jurowskis Zeitgenossen, die eine Vergleichbarkeit mit Werken etwa Kurt Atterbergs, Gavriil Popovs oder in Teilen auch Dmitri Schoastakowitschs durchaus erlauben. Das ist einfach so unterhaltsam, dass man dran bleibt, und es verliert auch nach einigen Durchläufen keinen Reiz – was wiederum durchaus für die Kompositionen spricht.
Die fünfte Sinfonie ist riesig besetzt, inklusive einer megalomanisch eingesetzten Kirchenorgel im – am wenigsten überzeugenden – letzten Satz. Am meisten begeistert mich der erste Satz mit seiner sinistren Hintergründigkeit, seinem effektvollen Dynamikspektrum, den schlau eingesetzten Bläserpartien, den nachtglänzenden Streichern und dem „schostakowitschesken“ Schluss. Das hat man zu Jurowskis Zeit in den USA auch nicht besser oder effektvoller gemacht.
Leider fallen die beiden anderen Sätze der Sinfonie im Vergleich zum ersten etwas ab, was die Jurowski-Fünfte im Endeffekt daran hindert, zu den wirklich großen Werken ihrer Zeit gezählt werden zu können.
Die „Russischen Maler“ sind im Vergleich zur Sinfonie geradezu brav, was wohl auch die Bilder gewesen sein mögen, die der Komposition zum Vorbild dienten – zumindest legen deren Titel das nahe. Bilder, die Titel tragen wie „Iwan Tsarewitsch reitet den Grauen Wolf“, „Winterszene“ oder „Porträt einer unbekannten Frau“ klingen dann eben musikalisch entsprechend.
Ein Fazit für diese CD zu ziehen ist also alles andere als einfach: Einerseits haben objektiv betrachtet weder die Werke noch die Interpreten eine unumwundene Empfehlung verdient, andererseits macht dieses Album einfach so viel subjektiven Spaß, dass ich es immer wieder in den CD-Player schiebe und mich daran erfreue. Wer also den Kopf ausschalten kann, bekommt hier Musik für Bauch und Seele mit viel russischem Flair und einer 1A-Spaßgarantie.

[Grete Catus, November 2015]