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Musik und Kunst – Hommage à Brâncuşi

Gabriel Iranyi und Thomas Hell

Ein Programm, wie es Thomas Hell im knapp hundert Personen fassenden „Großen Salon“ der Schwartzschen Villa in Berlin-Steglitz anbietet, würde ihm kein Veranstalter der etablierten Konzertinstitute abnehmen. Das Besondere ereignet sich mal wieder abseits der Event-Locations. Barockmusik geht mit neuen und neuesten Klängen subtile Verbindungen ein. Das wird überlagert vom Konzept „Musik und Kunst“, das hier auf die soeben zuende gegangene Ausstellung „Constantin Brâncuşi“ in der Neuen Nationalgalerie Bezug nimmt. Als „Hommage à Brâncuşi“ zum 150. Geburtstag ist dieses Konzert denn auch deklariert. Hell entwickelte das Konzept zusammen mit dem Komponisten Gabriel Iranyi, der sich von Brâncuşi bereits zu zwei Klavierstücken inspirieren ließ und diese nun zum vierteiligen, hier uraufgeführten Zyklus Brancusiana erweiterte. Der rumänisch-ungarisch-jüdische Komponist, der im rumänischen Jassy und Tel Aviv lehrte und seit 1988 freischaffend in Berlin lebt, fand seine Inspirationsquellen bereits mehrfach in Werken der Bildenden Kunst. Davon zeugen Fünf Skizzen zu Bildern von Paul Klee für Bläserquintett, eine Hommage à Chagall oder die Leonardo-Fragmente für Sopran, Flöte und Harfe als bildnerisch-philosophisher Tribut. Iranyis knappe, fast aphoristische, damit umso prägnantere Schreibweise kommt dem konsequenten Reduktionismus des Bildhauers Brâncuşi entgegen. Der Schlüssel zum Klavierzyklus ist das an den Schluss gesetzte, bereits 1981 entstandene Stück Maiastra – der Titel bedeutet so etwas wie „Vogel des Wunders“. Brâncuşi schuf seinen „Meistervogel“ in 29 Variationen von zunehmender Stilisierung. Der nach oben gereckte Körper, die schimmernde Metalloberfläche suggerieren zugleich ein Streben nach Transzendenz und Spiritualität. Aus ruhig schreitenden Basstönen, einem geheimnisvollen Untergrund, erheben sich heftige Vorschläge und Repetitionen, ein Frage- und Antwortspiel, das sich virtuos steigert. Parallelbewegungen in verschiedenen Schichten und scharfen Rhythmen, herausgeschleuderte Diskanttöne, die Zuckungen des Vogels bezeichnend, mögen an Olivier Messians Catalogue d’Oiseaux erinnern. Doch Iranyi setzt Statik und Bewegung viel flexibler gegeneinander, schafft interessante Spannungsverhältnisse zwischen verschiedenen sich überlagernden und durchkreuzenden Klangebenen. Bird in Space (Vogel im Raum) von 2005 nutzt dieses Klangmaterial in extremer Zuspitzung, scharfe, enggefügte Akkorde, die sich in über die Register verteilte Einzeltöne auffächern. Die Essenz des Fliegens zeigt sich hier äußerst reduziert und konzentriert. Die im vorigen Jahr komponierten Mittelstücke The Sleep, a marble dream (Der Schlaf, ein Marmortraum) und For Views on Prometheus (Vier Blicke auf Prometheus) thematisieren das Weiterleben des Materials nach vollendetem Schaffensprozess und die Verschiedenartigkeit der Betrachtungsweisen, setzen auf melodische Fragmente, variierte Akkordketten und Ausdrucksgesten.

Thomas Hell spielt dies alles mit rhythmischer Präzision und beeindruckendem Farbenreichtum, einer Intensität, die den Spannungsbogen nie zerbrechen lässt. Leider spielen ihm die akustischen Gegebenheiten einen Streich: der brillante Steinway-Flügel klingt einfach zu kompakt und mächtig für den kleinen Raum, der zudem dem Klang mit niedriger Decke und glatten Wänden überhaupt keine Entfaltungsmöglichkeiten erlaubt. So muss einiges an Differenzierungen eher erahnt werden – ein stärkeres Piano-Spektrum, meint der Pianist im Gespräch, würde die Klangfarben allzusehr reduzieren. Hell, der nach ausgedehnten Konzertreisen und Lehrtätigkeiten in Hannover und Stuttgart eine Professur für Klavier und Kammermusik an der Musikhochschule Mainz ausübt, hat sich – neben dem ebenfalls beherrschten Standardrepertoire – auf Klaviermusik des 20. und 21. Jahrhunderts spezialisiert. Als herausragend gilt seine Aufführung sämtlicher 18 Etudes pour piano von György Ligeti, die er auch beim Label WERGO einspielte. Ligetis Etüde Columna infinita bezieht sich auf Brâncuşis berühmte Skulptur Unendliche Säule, der vielleicht wichtigsten, fast 30 Meter hohen Skulptur des Bildhauers, die zum Unesco-Welterbe gehört. Ligetis Stück, meint der Pianist, führe wie eine Lokomotive über die Zuhörer hinweg und sei eigentlich nur durch die Tastatur des Klaviers begrenzt. Tatsächlich werden seine aufsteigenden Elemente immer wieder neu angesetzt, greifen ineinander und überlappen sich. Ein unendlicher Sog entsteht auf diese Weise. George Enescus Suite Nr. 2 schließt sich an, 1901 komponiert, unmittelbar nach Abschluss des Studiums bei Jules Massenet und Gabriel Fauré, ist sie ein Zeugnis der frühen Reife dieses bedeutendsten Komponisten Rumäniens. Im ihrem vom Impressionismus zum Neoklassizismus herüberblickenden Zuschnitt steht sie dem Tombeau de Couperin des Mitschülers Maurice Ravel gar nicht so fern, doch ihre Quint- und Quartschichtungen entfalten eine ganz eigene Klanglichkeit, in der das Obertonspektrum farbgebend mitschwingt. Des cloches sonores hat sie Enescu auch betitelt – der Glockenklang war im Osteuropa des 19. und frühen 20. Jahrhunderts allgegenwärtig. Zugleich schlägt die Suite in ihrer barocken Satzfolge – Toccata, Sarabande, Pavane und Bourée – den Bogen zum Eingangsstück des Abends: Die Toccata D-Dur von Johann Sebastian Bach ist in Hells intensiver, gleichwohl plastisch gliedernder Darbietung ein Vitalitätsrausch, tiefe Innenschau und im finalen Presto eine Explosion namenloser Freude. Dem antwortet besinnlich als Zugabe die Busoni-Fassung des Bach-Chorals Nun komm, der Heiden Heiland. Da heben sich plötzlich die einzelnen Stimmen plastisch voneinander ab, erklingt aus Piano-Schattierungen berührend die Choralmelodie. Pianist und Flügel scheinen sich endlich besser verstanden zu haben.

[Isabel Herzfeld, September 2026]