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musica viva: Strawinskys Geschichte vom Soldaten als Marionettentheater

Programm:

Igor Strawinsky (1882–1971): Die Geschichte vom Soldaten (1918)

Mitwirkende:

Georg Baselitz (Marionetten und Ausstattung), Matthias Bundschuh (Regie), Leonhard Winkler (Ausführender Bildhauer und Figurenbau), Dominique Horwitz (Sprecher)

Intrumentalistinnen und Instrumentalisten: Isabelle Faust (Violine), Pascal Moraguès (Klarinette), Giorgio Mandolesi (Fagott), Reinhold Friedrich (Kornett), Ian Bousfield (Posaune), Wies de Boevé (Kontrabass), Raymond Curfs (Schlagwerk)

Marionettenspielerinnen und Marionettenspieler: Edouard Funck, Ursula Winzer (Der Soldat), Philippe Brunner, Eva Wiener (Der Teufel), Vladimir Fediakov, Maximilian Kiener-Laubenbacher (Die Prinzessin), Veronika Grimme (Der König / Der Veteran), Marion Mayer (Der Ausrufer / Der Trompeter), Philipp Schmidt (Der Trommler), Ensemble des Salzburger Marionettentheaters (Dorfbewohner)

Dieses zweite musica viva Sonderkonzert war im wahrsten Sinne des Wortes ein mehrfach
besonderes Konzert: Ein besonderes Programm, ein besonderes Ensemble, ein besonderer Ort. Zu Gast war aus Salzburg das Marionettentheater mit einem Ensemble um die Ausnahme-Geigerin Isabelle Faust. 2025 hatten sie diese besondere Inszenierung von Strawinskys Histoire du soldat auf den Salzburger Festspielen aus der Taufe gehoben und boten es nun in München im Prinzregententheater dar. Es ist kaum abzuschätzen, ob es für das Publikum einer der drei großen Namen war: Faust als Geigerin, Baselitz als für Figuren und Bühnenbild verantwortlicher Künstler oder der großartige Strawinsky, der den Ausschlag gegeben hat; oder ob es die kaum je dagewesene Möglichkeit war, ein szenisches Werk bei einer musica viva zu erleben – wahrscheinlich war es alles zusammen, der Saal war jedenfalls bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die Geschichte um den Soldaten Josef, der auf seiner Wanderung nach Hause während seines Fronturlaubs vom Teufel verführt wird, fesselt das Publikum. Strawinsky erzählt die Geschichte eines einfachen Mannes, in den man sich sehr gut hineinversetzen kann: Ein armer Mensch, der den Verlockungen nach Reichtum und Ansehen in (oder aufgrund) seiner schlechten Situation erliegt, aber später bitter bereut, menschliche Wärme für Geld und Einfluss verkauft zu haben. Er löst sich von den Umgarnungen, bekommt seine zweite Chance auf Glück, scheitert aber letztendlich, als er es erneut herausfordert. Ein Thema, dass zeitlos und heute weiterhin relevant ist.

Die hageren Figuren von Baselitz haben keine Gesichter und zeigen damit, dass sie niemanden Singulären verkörpern, sondern jeder gemeint sein könnte. Gerade ihr nur recht undefinierter Strichmännchencharakter, lässt sich in diese Richtung deuten. Sie sind „Typen“. Einen weiteren überzeugenden Kunstgriff stellen die Momente im Leben des Soldaten dar, wenn seine Freunde in Schatten und Schemen übergehen. Dann verschwimmt die Zeit und Zeitgenossen schwinden zu noch weniger klar zu fassenden Charakteren.

Man wird der Musik damit absolut gerecht. Sie ist gekennzeichnet von der gleichen vordergründigen Einfachheit wie Figuren und Handlung, hinter der sich in ihrer ironischen Brechung Abgründe auftun. Die Atmosphäre des Gebrochenen ist allgegenwärtig. Die minimalistischen und abstrakten Figuren und das Bühnenbild passen zur ebenso ironisierenden gebrochenen Musik Strawinskys, nicht nur zu Beginn, als Josef wandert, ohne vorwärts zu kommen. Auch musikalisch betrachtet trifft man auf das Aufgreifen von Stereotypen. Ein Walzer zum Tanzen, ein Marsch zum Marschieren des Soldaten und der Triumphmarsch des Teufels am Ende: das sind alles sehr plastisch untermalende Klänge. Die Inszenierung bringt von den erklingenden Instrumenten neben der Geige Josefs auch die Trompete und an wenigen Stellen das Schlagwerk in Form einer Trommel auf die Bühne. Die enge Beziehung von Handlung und Musik, ihre Aufrichtigkeit und Direktheit werden so noch deutlicher. Bezüge und Wiederaufnahmen von Motiven werden in Bilder umgesetzt. Dass das Geigenspiel etwas Übermenschliches nicht aus der Kraft der Figur selbst Kommendes, sondern Magisch-Besonderes ist, zeigt die Inszenierung dadurch, dass der Marionettenspieler immer, wenn Josef Geige spielt, auf der Bühne zu sehen ist.

In der Ausführung ist der Abend nicht weniger besonders als in Programmwahl und Setting. Dominique Horwitz als Sprecher klingt nicht nur so, als würde er unterschiedlichen Rollen eine Stimme geben, sondern er ist, er dröhnt, er krächzt mehrere Stimmen und Rollen. Er wirkt extrem ausdrucksstark, variabel, setzt Reime und Assonanzen sehr passend um. Stellenweise tritt Abstraktion durch Lautsprecher und Stimmverfremdung hinzu. Auch das Ensemble ist perfekt präzise und dabei enorm involviert. Die Schärfe, die Brüche, das Umschlagen, die beißende ja tragische Ironie sind direkt fühlbar. Die Wünsche des Soldaten werden zwar schlussendlich jedes Mal dann doch nicht erfüllt. Dieses Konzert aber lässt keine Wünsche, sondern nur den staunenden Mund offen.

[Johanna Bulitta, September 2026]