Archiv des Monats: November 2026

musica viva: Franck Ollu dirigiert Reudenbach, Iannotta und Zender

Programm:

–Michael Reudenbach: fast dasselbe. Musik für Orchester

-Clara Iannotta: sand like gold-leaf in smithereens. Konzert für Violine, Orchester und Elektronik

–Hans Zender: 33 Veränderungen über 33 Veränderungen. Eine komponierte Interpretation von Beethovens Diabelli-Variationen für kleines Orchester [2010–11, Neufassung 2019]

Mitwirkende: Carolin Widmann (Violine), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Franck Ollu (Leitung), Zoro Babel (Klangregie)

© BRmusicaviva/Astrid Ackermann

Am 30.10. 2026 spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Franck Ollu im gut besuchten Münchner Herkulessaal im Rahmen der musica viva mit Michael Reudenbachs fast dasselbe, Clara Iannottas sand like gold-leaf in smithereens und Hans Zenders Variationen der beethovenschen Diabelli-Variationen eine spannende Mischung aus experimentierenden Uraufführungen und der Auseinandersetzung mit einem „Klassiker“.

Zwar ist der Herkulessaal eigentlich genuin kein Ort für Werke des Genres Klangskulptur oder -landschaft, die ersten beiden Werke bewiesen jedoch, dass auch Stücke, die sich stilistisch an der Grenze zwischen instrumentalem Orchester- oder Konzertwerk und Soundscape bewegen, dort gut wirken können. Bei Reudenbachs fast dasselbe ist der Titel Programm: Es wird versucht, ähnlich bleibendem Material immer wieder etwas Neues abzugewinnen. Ein zunächst solistisch in der Trompete vorgestellter Melodiefetzen wandert durch das Orchester; wird wiederholt, klangfarblich unterschiedlich ausgeleuchtet, variiert permutiert. Das Stück arbeitet mit punktuellen leisen Ereignissen. Es entsteht, auch durch die Verwendung von Mikrotonalität, eine wandernde vibrierende Fläche. Das Orchester wirkt dadurch, dass es nur wenige verschiedene Schichten gibt, wie ein einziges Instrument, fast wie ein lebendiges Wesen, das sich langsam bewegt und dabei Geräusche macht. Die zwischendurch auftretenden metronomischen Schläge der Perkussionsinstrumente lassen an Puls denken. Und doch hat man das Gefühl, die Zeit spiele keine Rolle, dafür vielmehr die Ausbreitung im Raum. Schließlich bewegt sich das Material nicht nur durch das Orchester, sondern damit auch im Raum. Wie in manchen minimalistischen Werken fühlt man sich aus dem klaren fortschreitenden Zeitverlauf heraus genommen. Das Prinzip des Werkes ist nicht neu: von den amerikanischen Minimalisten oder Morton Feldman gibt es ähnliche Stücke. 20 Minuten sind für diese eine Idee allerdings zu lang – oder zu kurz, wenn man wirklich vollständig in eine Klangwelt eintauchen soll.

Clara Iannottas Stück sand like gold-leaf in smithereens nimmt man ebenfalls wie eine Klanglandschaft wahr. Oder vielleicht trifft es Klangmeer besser. Das Publikum taucht ein in ein Klangbad aus rollenden Wellen. Das Prinzip des Werkes ist, dass Geräusche des Spielens elektronisch verstärkt werden und durch die Wiedergabe über an verschiedenen Orten positionierte Lautsprecher auch durch den Raum wandern. Dann wird in verschiedene Klangbestandteile der aufgenommenen Klänge hinein fokussiert. Das erinnert an Stücke wie Stockhausens Mikrophonie. Diese Geräusche mischen sich mit Geräuschen vom Band wie z. B. Rauschen. Das Stück spielt mit der Schwelle, an der man wegen der ähnlichen Klangzusammensetzung als Zuhörer bzw. Zuhörerin nicht wirklich differenzieren kann, was der Ursprung des Geräuschs ist: Zuspielung oder etwas Verfremdetes, gerade Erzeugtes. Als Instrumente verwenden v. a. die Streicher zusätzlich stellenweise Klangschalen und Steine, deren Klang ebenfalls abgenommen und verstärkt wiedergegeben wird. Die Idee, zu experimentieren, wie unterschiedliche Klangerzeuger – akustische und elektronische – doch ähnliche und ineinander übergehende Klänge produzieren können, und diese zu verbinden hat durchaus Charme. Allerdings gilt wie für das erste Stück, dass für diese eine Idee die Länge nicht ganz passend ist. Man fragt sich auch, warum das Werk als Solo-Konzert geschrieben ist, da die Solovioline wegen des beschriebenen elektronischen Verschwimmens selten aus dem Rest herauszuhören ist und auch mit ihrem Material keine herausgehobene Stellung einnimmt.

Krönender Abschluss sind Zenders 33 Veränderungen über 33 Veränderungen. Eine komponierte Interpretation von Beethovens Diabelli-Variationen für kleines Orchester. Sie sind extrem facettenreich und gleichzeitig Interpretation des beethovenschen Werks, Ausdeutung aber auch ein Sinnieren über Motive, deren Klanglichkeit und von ihnen evozierte Stimmungen. Wer es nicht kennt, dem sei dieses Stück ans Herz gelegt! Es ist das letzte einer Reihe solcher Neuinterpretationen Zenders älterer Werke. Bekannt ist von diesen Stücken auch seine Winterreise.

Das BRSO und Franck Ollu spielen mit der meisterhaften Präzision, die das Werk benötigt. Das Changieren zwischen Brüchen von Ursprungsmaterial und Neuem oder Verfremdetem und der anderen Option der Neuinterpretation – weicheren Übergängen –, ist dadurch perfekt wahrnehmbar. Besonders wirkungsvoll ist der Schluss, wenn dem originalen Klaviermaterial direkt die verfremdete Orchesterinterpretation gegenübergestellt wird. Ein wirklich gelungener Konzertabend, der einen, auch noch nach ihrem Verstummen, über die Bedeutung sich verselbständigender Klangentwicklungen nachdenken lässt.

[Johanna Bulitta, November 2026]