Eine Sternstunde mit Isabelle Faust und Simon Rattle

Am 15. und 16.10.2026 spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Sir Simon Rattle im Münchner Herkulessaal Antonín Dvořáks „Scherzo capriccioso“, Franz Schuberts große C-Dur Symphonie D 944 und Alban Bergs Violinkonzert »Dem Andenken eines Engels« mit der Solistin Isabelle Faust. Unser Rezensent berichtet über den zweiten Abend.

BRSO, Isabelle Faust und Sir Simon Rattle, 15. 10. 2026 © BR/Michael Hopf

Musikkritiker sind ja eigentlich stets darauf bedacht, auch bei noch so guten Darbietungen das berühmte Haar in der Suppe zu finden. Beim Symphoniekonzert am Freitag erschiene dies fast lächerlich, denn eine derartige Sternstunde gelingt selbst dem BRSO nur selten. Absolut herausragend an diesem Abend war das von diesem Orchester schon mit zahlreichen Weltstars aufgeführte Violinkonzert »Dem Andenken eines Engels« von Alban Berg (1885–1935). Isabelle Faust interpretierte das Stück mit einer zutiefst berührenden Wahrhaftigkeit, die jenseits aller stilistischen Erwägungen gut 25 Minuten lang absolut unter die Haut ging.

Zum ersten Mal in einem öffentlichen Konzert hingegen trägt das BRSO Dvořáks Scherzo capriccioso op. 66 vor. Schon dieses Werk erklingt vielversprechend. Der in Deutschland vernachlässigte 12-Minüter ist weitaus vielschichtiger, als sein Titel vermuten lässt, entstand 1883 in einer Phase des stilistischen Umbruchs und persönlicher Schicksalsschläge. Doch hier finden sich geradezu modellhaft die meisten für den Komponisten typischen Charakteristika, zum Beispiel die seidig-slawische Gestaltung der walzerhaften Momente. Zu phantastischem Witz treten dann auch dunklere Farben hinzu. Oft stellt Dvořák spezielle Instrumente wie Piccoloflöte, Englischhorn oder Bassklarinette besonders heraus – ganz fabelhaft gespielt. Nach einer gewissen dramatischen Zuspitzung endet das Scherzo jedoch triumphal. Rattle dirigiert insgesamt spritzig, das Orchester reagiert mit kontrollierter Leidenschaft.

Bergs letzte vollendete Komposition ist im Grunde genau so komplex gebaut wie fast all seine Musik. Das Violinkonzert, Porträt und Nachruf auf die im April 1935 mit nur 18 Jahren an Kinderlähmung verstorbene Manon Gropius, gilt seit jeher als eines der zugänglichsten Werke der Zweiten Wiener Schule. Berg gelingt hier eine besondere Verschmelzung von Dodekaphonie mit tonalem Material, etwa dem Bachschen Sterbechoral „Es ist genug“,und eine expressionistische Emotionalität, die zugleich noch unmittelbar an spätromantische Idiome anknüpft. Der erste Satz beginnt mit leeren Quinten als einer Art Ursuppe, aus der sich bald mit weiteren Füllnoten eine Zwölftonreihe aufbaut, deren letzte vier Töne dem Anfang besagten Chorals entsprechen. Herrscht zunächst noch jugendlich-unschuldige Unbeschwertheit vor, besonders durch die Verwendung einer Kärntner Volksweise, trübt sich gegen Ende des Satzes die Stimmung bedrohlich ein und lässt Schlimmstes erahnen. Faust spielt hier zart, empfindsam und mit sparsamem, dafür umso effektiverem Vibrato. Das Stück zählt für das Orchester längst zum Kernrepertoire, aber eine derartig perfekte Transparenz und gehaltvolle Ausdeutung wirklich jedes Details hat der Rezensent noch nie irgendwo gehört. Auch alle Tempi trifft Sir Simon Rattle optimal; gerade zu Beginn wird nichts unnötig breitgetreten. Dirigent, Orchester und Solistin sind von Anbeginn musikalisch engstens verschweißt und die Balance ist stets vollendet abgestimmt.

Der zweite Teil führt sofort in die Katastrophe: ein Todeskampf, aus dem sich die Solovioline schmerzvoll herauszuwinden versucht – vergeblich. Faust beherrscht die dafür eingesetzten, unglaublich herausfordernden technischen Kunstgriffe umwerfend; dabei dient alles nur dem musikalischen Ausdruck. Selbst beim auch dynamisch gewaltsamen Zusammenbruch bleibt alles durchhörbar, wie etwa das meist untergehende Harfenglissando. Danach erscheint der Bach-Choral in allerlei Modifikationen (Umkehrung, unterschiedlichsten Orchesterfarben zugewiesen etc.) als ein Sich-Fügen in unabänderliches Schicksal, gleichzeitig bereits Trost für die Hinterbliebenen. Bis zum Schluss, dessen sphärisches Leuchten Berg ein wenig von Zemlinskys Lyrischer Symphonie abgekupfert zu haben scheint, und wo sich die Seele des „Engels“ quasi in jenseitige Höhen erhebt, bleibt Fausts Violinklang trotz Dämpfers erstaunlich präsent; auch dies ein Verdienst von Rattles Vermittlung echter Hingabe an sämtliche Orchesterstimmen. Diese Aufführung dürfte Rezeptionsgeschichte schreiben und hinterlässt beim Publikum unmittelbare Ergriffenheit, bevor ein wahrer Begeisterungssturm losbricht.

Schuberts „große C-Dur“ Symphonie, die den Rezensenten wegen ihrer berühmt-berüchtigten „himmlischen Längen“ schon bei so manchen Aufführungen tatsächlich ermüdete, wirkt unter Rattles Händen durchgehend frisch und langweilt keine Sekunde. Er startet bereits die Andante-Einleitung flott; im Allegro, ma non troppo wird es sogar richtig fetzig. Die Dynamik bleibt fein abgestuft, lediglich ein paar Blechakzente geraten ein wenig marktschreierisch. Die überaus spannungsvoll disponierte Durchführung und die auf die starke Coda gerichtete Reprise gelingen faszinierend. Auch der zweite Satz verzichtet auf jegliche Behäbigkeit; hier begeistern die antagonistischen Bläser-Einwürfe. Das Scherzo, sehr rasch und hochenergetisch, wirkt fast schon wie Berlioz. Alles bleibt wahrhaft tänzerisch, ohne nur oberflächlich zu glänzen. Zum Höhepunkt wird an diesem Abend freilich das gefürchtete Finale, wo uns Schubert in typischer Manie oftmals quasi auf eine womöglich nicht endende „Wanderschaft“ schickt: Der Weg ist das Ziel. Das diese Reise hier doch zu einem glücklichen Ende führt, ohne dass die Zuhörer zwischenzeitlich verlorengehen, ist einmal mehr Rattles musikalischer Übersicht und einem emotional völlig konsistenten Aufbau zu verdanken, dem sein Orchester mitreißend folgt. Nach dem die Stimmung natürlich etwas niederdrückenden Berg erscheint Schuberts Meisterwerk als die genau richtige Antwort für einen überragenden Konzertabend.

[Martin Blaumeiser, 19. Oktober 2026]

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