Spectrum Concerts Berlin: Wie Phönix aus der Asche

v.l.n.r: Boris Brovtsyn, Mohamed Hiber, Gareth Lubbe, Hartmut Rohde und Claudio Borhórquez © Frank Dodge/Spectrum Concerts

Die Spectrum Concerts Berlin versorgen die deutsche Hauptstadt seit fast vierzig Jahren mit hochkarätiger Kammermusik.

Wer sie hören will, muss nach Berlin fahren. Als „one of the finest Konzertadressen in town“ wurden die Spectrum Concerts Berlin schon vor Jahren bezeichnet; immer wieder erhielten ihre Konzerte und CD-Produktionen höchstes Lob von Presse und Publikum. Gerühmt werden Tiefgang und Authentizität der Interpretationen, perfektes, aber keineswegs steriles Zusammenspiel, das aus Dialog und wechselseitigem Zuhören entsteht – Kennzeichen eines kommunikativen Musizierens wie jeglichen ersprießlichen Zusammenseins überhaupt. Diesen Anspruch stellen und erfüllen die Spectrum-Musiker in hohem Maße, ohne damit im mindesten ideologisch oder abstrakt zu wirken. Im Gegenteil: Ihr Spiel ist von überwältigender sinnlicher Schönheit, die durch Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit frappiert.

Warum tritt eine solche Wundertruppe nicht in der ganzen Welt auf und eilt von Erfolg zu Erfolg? Und wer sind diese „Spectrum Concerts Berlin“ überhaupt? Eine Kammermusikreihe? Ein Veranstalter? Ein Ensemble? In jeder Saison stellt sich das ein bisschen anders dar. Als der aus USA stammende, seit über 40 Jahren in Berlin lebende Cellist Frank Dodge das „Spectrum“-Projekt 1988 ins Leben rief, schwebte ihm ein „transatlantischer Brückenschlag“ zwischen den Kulturen vor: Komponisten wie Robert Helps oder John Harbison begegneten Robert Schumann und Johannes Brahms. Werke von nationalsozialistisch Verfolgten – vor allem derjenigen, die in den USA ihre Zuflucht gefunden hatten – bereicherten bald die Programme. Nach der Maueröffnung verlagerte sich der Schwerpunkt noch stärker auf russische/sowjetische und osteuropäische Musik. Dies lag auch daran, dass hochqualifizierte Musikerinnen und Musiker aus dem Osten nach Berlin drängten, während in Spectrums Anfangsphase Solisten aus den USA zusammen mit hochkarätigen Berliner Musikern, etwa von den Berliner Philharmonikern, auftraten. Doch die Grundidee ist die gleiche geblieben: Wenig bekannte, vernachlässigte und neu entdeckte Werke werden durch die hochqualifizierte Darbietung mit bewährtem Repertoire konfrontiert, können so ihr geistig-emotionales Potential entfalten und finden auch beim Publikum offene Ohren. Was im Kammermusiksaal der berühmten Berliner Philharmonie beifällig aufgenommen wurde, war bald auch auf anderen Bühnen gefragt. Komponisten wie Ernest Bloch, Ernst Toch, Sergej Tanejew und Ernö von Dohnányi erlebten so ihre Rehabilitation, nicht zuletzt durch auf CD gebannte Konzertmitschnitte. Das horrend schwierige Oktett von George Enescu trat von hier aus seinen Siegeszug an und erklang bald in Verbier, beim Hambacher Musikfest des Mandelring-Quartetts oder dem Internationalen Kammermusikfestival Utrecht zu hören oder ging mit „Janine Jansen & Friends“ auf Tournee. Da der künstlerische Leiter Frank Dodge zwar auf einen festen Pool von Musikern zurückgreifen kann – die „Spectrum-Familie“ –, für jedes Projekt aber sein Ensemble flexibel zusammenstellt, tragen seine Spitzensolisten die Stücke quasi in die Welt hinaus, spielen sie auf verschiedenen Festivals in unterschiedlichen Besetzungen. Auf diese Weise wirkt Spectrums Pionierarbeit weit über Berlin hinaus, obwohl sich seine Veranstaltungen selbst am festen Standort Berlin abspielen.

Neugier und Risikofreude, die kurze, aber intensive Probenphase, in der man die Werke gemeinsam auf ihre Substanz befragt, der freundliche, kommunikative Umgang miteinander, das alles strahlt auf der Bühne aus und gibt der Musik eine unglaubliche Lebendigkeit, ja Dringlichkeit. Sie teilt sich auch da mit, wo von Spectrums explorativen Programmpfaden ein wenig abgewichen wird. Im dritten Konzert der 38. Saison begegneten am 30. September 2026 die beiden Streichquintette von Felix Mendelssohn-Bartholdy Mozarts berühmtem g-Moll-Quintett. Das mag konventionell erscheinen, doch zumindest die beiden Mendelssohn-Werke kann man getrost als „unbekannt“ bezeichnen. Auch zeigt die direkte Konfrontation, wie brüchig das Klischee ist, Mendelssohn als Kopie eines Mozart darzustellen, der nur „sonnig“ oder „heiter“ vor sich hinträllert – also das Klischee eines Klischees. Die Vorstellung vom „glatten“, „formvollendeten“, dabei „oberflächlichen“ Mendelssohn, der an die emotionalen, grüblerisch-zerrissenen Tiefen eines Robert Schumann niemals heranreichen kann, verdankt sich nationalsozialistischer Ideologie und prägt auch heute noch die Rezeption zumindest in Deutschland. Die Spectrum-Musiker strafen sie sofort Lügen. Mendelssohn schrieb sein Quintett Nr. 1 in A-Dur 1826, mit 17 Jahren. Im selben Jahr entstand auch die berühmte „Sommernachtstraum“-Ouvertüre, das hinreißende Oktett ein Jahr zuvor. Doch dieses Stück ist von völlig anderem Charakter. Es verblüfft und bezaubert durch den Reichtum gegensätzlichster Themen auf engstem Raum, die mit aller kontrapunktischen Kunstfertigkeit verarbeitet werden – der junge Komponist war von seinem Lehrer Zelter in allen traditionellen Techniken gründlich unterwiesen worden. Boris Brovtsyn gibt dem lieblichen Anfangsthema der ersten Geige süßen Schmelz, aber doch eine Geradlinigkeit, die es nie in Sentimentalität abrutschen lässt. Wie dieser Geiger phrasiert und artikuliert, wie er behutsam Tempi steigert und wieder zurücknimmt, damit das ganze Ensemble führt, lässt sich nicht übertreffen.

Brovtsyn gehört zum eisernen Bestand des Spectrum-Ensembles; seit 2008 war er in jeder Saison dabei, ist zur tragenden Säule des gemeinsamen Musizierens durch seine Akribie, seine Klangfantasie und seine glaubwürdige Emotionalität geworden. Er begann sein Studium in Moskau, schloss es in London ab, wo er seither lebt. Er ist der Typ Musiker, der von seinen überragenden Fähigkeiten kein Aufhebens macht, völlig uneitel hinter dem Werk zurücktritt. Starallüren findet man bei den Spectrum-Musikern ohnehin nicht. Claudio Bohórquez belebt Mendelssohns Werk mit burschikosen Cello-Einwürfen, tritt immer wieder durch ungewöhnliche Vitalität hervor. Zwei gänzlich verschiedene Temperamente stellen die beiden Bratscher dar: Hartmut Rohde äußerst beweglich, mit offenem, schlankem Ton, Gareth Lubbe viel ruhiger, geerdeter, mit samtweicher, voluminöser Tongebung. Ihr Positionswechsel bei Mozart verändert die gesamte Klangbalance. Hier ist Rohde für den breiten Melodiestrom zuständig, während Lubbe nervöses Figurenwerk beisteuert – aufstörend vor allem in den Moll-Teilen des Es-Dur-Adagios. Mohamed Hiber an der zweiten Geige muss gewiss die undankbarste, unauffälligste Rolle spielen, die er souverän und subtil unterstützend versieht. Doch auch er kann markant hervortreten, etwa in den Spitzentönen des leichtfüßigen Staccato-Themas in Mendelssohns Erstling. Seine Virtuosität fordert alle Spieler aufs äußerste, die sich im rasanten Scherzo in den Rausch unablässiger, dabei auch noch fugierten Sechzehntelbewegungen spielfreudig hineinsteigern.

Zwanzig Jahre später, im Streichquintett B-Dur op. 87, ist der Rausch verflogen. Alles ist nun klarer, geordneter, griffiger, nicht so kompliziert. Für Ferdinand David, seinen Konzertmeister am Leipziger Gewandhaus, schrieb Mendelssohn hier fast ein Violinkonzert. Die aufsteigende Dreiklangsbewegung des Kopfthemas nimmt dennoch eine Erinnerung an das Oktett des Sechzehnjährigen auf. Doch das Scherzo ist jetzt ein Allegretto scherzando, eine melancholische Serenade. Natürlich beeindruckt Mendelssohns Ernsthaftigkeit, die Sorgfalt seiner Themenverarbeitung, die kontrapunktische Schreibweise, die melodische Erfindungskraft auch hier. Doch der überwältigende Schwung der Jugend, der unbekümmert viel zu viele Einfälle in das Werk hineinpackt, sich vor Inspiration gar nicht zu lassen weiß, ist doch gezähmt. Dabei ist Herzstück aller drei Werke der langsame Satz, schon im ersten Mendelssohn-Quintett eine tiefernste Klage über den Tod seines Jugendfreundes Eduard Rietz, die vielleicht eher zur Tarnung den Titel „Intermezzo“ trägt, im klassizistischen zweiten ein schmerzhaft zerrissenes d-Moll-Adagio. Bei Mozart soll das heilige Es-Dur der „Zauberflöte“ tröstende Gelassenheit inmitten der g-Moll-Wehmut der vorhergegangenen Sätze bringen, doch zwei dramatische Moll-Episoden entlarven das als untauglichen Versuch. Subtil unterläuft Mozart formale Vorgaben: Aufschreiende Synkopen lassen sein „Menuett“ zerbersten, und im Finale wird fast frivol Walzer getanzt.

Einmütigkeit des Spiels, gemeinsames Atmen, ansteckende Spielfreude sind Kennzeichen dieses großartigen Musizierens, das wie immer Begeisterung eines kleinen, aber sehr aufmerksamen Publikums hervorruft. Kein Wunder, dass dieses Kammermusikprojekt einfach nicht totzukriegen ist, immer wieder wie Phönix aus der Asche aufersteht. Die ersten vierzehn Jahre war es im reichen, subventionsfreudigen Deutschland eine exotische Pflanze: Privatpersonen und Berliner Unternehmen kamen für Saalmieten und Künstlergagen auf. Im siebten Jahr des Bestehens ergänzte dies die Gründung eines Vereins durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. „Oft war alles organisiert, der Saal gemietet, die Künstler engagiert, nur wo das Geld herkommen sollte, wussten wir manchmal kurz vor dem Termin noch nicht“, erzählt Frank Dodge, bis heute künstlerischer Leiter. Doch es klappte immer. Erst 2002 sorgte eine jährliche Förderung aus dem Hauptstadtkulturfonds für etwas mehr Sicherheit. Diese wurde im Zuge der Kürzungen durch den Kultursenat Ende 2025 komplett gestrichen. Das Eröffnungskonzert der 38. Spectrum-Saison am 21. Januar 2026 sollte eigentlich auch das letzte sein. Dazu war ein Programm der „letzten Werke“ gewählt worden: Die f-Moll-Fantasie für Klavier zu vier Händen und das Streichquintett C-Dur von Franz Schubert, beides im letzten Lebensjahr des Komponisten entstanden, bildeten die „Winterreisen“-Stimmung verbreitende Klammer um das A-Dur-Quintett von Alexander Glasunow, dessen Helligkeit in fast schmerzhaftem Kontrast dazu stand. Doch während die Presse die ersten Nachrufe verfasste, war schon für Dezember ein Abend mit Werken der in der Sowjetunion verschwiegenen oder auch drangsalierten Komponisten Nikolai Karetnikow und Mieczysław Weinberg geplant, quasi als Zukunftshoffnung. Und Frank Dodge wäre nicht er selbst, wenn er nicht mittlerweile zwei Stiftungen aufgetan hätte, die in der laufenden Saison die üblichen vier bis fünf Konzerte und Spectrums Bestehen bis zur Feier des 40jährigen Jubiläums am 22. Januar 2028 sichern. Mit Zoltan Kodálys Serenade für zwei Violinen und Viola sowie den Oktetten von Jean Françaix und Franz Schubert in der Besetzung für Klarinette, Fagott, Horn, zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass ist diesmal eine erheblich optimistischere Stimmung zu erwarten.

[Isabel Herzfeld, Oktober 2026]

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