Schlagwort-Archiv: Tellef Johnson

Sorabjis „Opus Archimagicum“: Tellef Johnsons überzeugende Ersteinspielung der gewaltigsten aller Klaviersonaten

Opus A Records #004 (7CD); EAN: 1 99874 52177 0

91 Jahre nach ihrer Komposition erschien nun die Erstaufnahme der sicherlich gewaltigsten und schwersten aller Klaviersonaten. Der amerikanische Pianist Tellef Johnson hat die 7½-stündige Klaviersonate Nr. V „Opus Archimagicum“ des Briten Kaikhosru Sorabji (1892–1988) am 18.12.2025 öffentlich uraufgeführt und überzeugt nun mit einer bereits 2021/22 entstandenen sorgfältigen Studioproduktion auf 7 CDs oder BluRay (5.1 bzw. Dolby Atmos), die von einem 322 Seiten starken Hardcover-Buch begleitet wird – ein Meilenstein der Sorabji-Rezeption.

Lesern unseres Blogs dürfte der britische Exzentriker Kaikhosru Shapurji Sorabji kein Unbekannter mehr sein. Ein paar grundsätzliche Infos zu ihm finden sich etwa in der Rezension der deutschen Erstaufführung seiner Sequentia Cyclica. Darüber hinaus sei auf die Kurzbiographie des Sorabji Archivs verwiesen.

Der US-amerikanische Filmemacher, Pianist und Komponist Tellef Johnson (*1977) trat bereits 1998 mit der ersten modernen Darbietung von Sorabjis 2. Klaviersonate, die 1922 und 1924 nur der Komponist selbst gespielt hatte, an die Öffentlichkeit – auf Altarus Records später als CD dokumentiert. Mit 50 Minuten ist diese jedoch kaum eine Vorstufe zu Sorabjis fünfter und letzter Sonate Opus Archimagicum von 1934/35 mit einer Länge von nicht weniger als 7½ Stunden. Danach schrieb der Brite allerdings u. a. noch sechs ähnlich gelagerte Werke, dann freilich als Piano Symphonies betitelt, von denen die drei ersten noch ihrer Uraufführung harren. Tellef Johnsons Beschäftigung mit der 5. Sonate reicht etliche Jahre zurück. Während der Corona-Krise hat er sich schließlich das gesamte, aus drei gewaltigen Teilen bestehende Stück vollständig am Klavier erarbeitet und 2021/22 unter Studiobedingungen eingespielt. Erst am 18. Dezember 2025 wagte er sich an die öffentliche Uraufführung des Riesenwerkes im Oscar Larson Performing Arts Center der South Dakota State University in Brookings. Dies und natürlich genauso seine CD-Einspielung sind fraglos Meilensteine der Sorabji-Rezeption.

Nicht umsonst liegt allen bei Johnsons eigens dafür gegründetem Label Opus A Records erhältlichen Ausgaben, wie der hier besprochenen auf 7 CDs, kein normales CD-Booklet, sondern ein größeres, 322-seitiges Hardcover-Buch „Hearing Is Believing“ bei. Es enthält sehr ausführliche, zumeist extra dafür verfasste Beiträge der namhaftesten Forscher zu Person und Werk Sorabjis sowie lesenswerte Interviews über Opus Archimagicum. Am interessantesten davon ist sicherlich Johnsons eigener Versuch einer Analyse des Stücks, die über eine grobe Beschreibung weit hinausgeht. Zum Beispiel hat der Pianist herausgefunden, dass Sorabji bei der zeitlichen Gesamtanlage wie bei einzelnen Teilen sowohl das Verhältnis des Goldenen Schnitts als auch ganzzahlige Proportionen berücksichtigt zu haben scheint, denen Johnson in seiner Einspielung durch entsprechende Temponahmen möglichst gerecht werden wollte.

Die Partitur der Sonate in modernem Computersatz, erhältlich über das Sorabji Archive, umfasst 432 Seiten DIN A3 quer und wahrscheinlich mehr Noten als alle Beethoven-Sonaten zusammen. Für die drei großen Teile Pars Prima: Arcana minora – Pars Altera: Arcana majora und Pars Tertia [Archimagus] benötigt Johnson jeweils rund 2½ Stunden.

Anders als Sorabjis berühmt-berüchtigtes Opus Clavicembalisticum (siehe hier) enthält Opus Archimagicum vier große „Entwicklungssätze“ (I., IV., V. und VI.), die nicht nur für den Hörer die größten Hürden darstellen, da deren diverse Steigerungswellen keinen bekannten Formmodellen entsprechen und dennoch emotional über lange Zeiträume einigermaßen greifbar gemacht werden müssen. Dies gelingt Johnson vorbildlich und zumeist glaubwürdig. So wird auch schnell klar, dass IV. wohl eine Fortsetzung von I. darstellt. Der kurze II. Satz, offenkundig die „Quadratur“ des Finales aus Chopins b-Moll-Sonate und Alkans Étude op. 76, No. 3, sowie III. – einer der wunderschönen Punta d’Organo Sätze Sorabjis, in dem u. a. Ravels Le Gibet grüßen lässt – wären demnach nur Einschübe.

Neben halbwegs konsistenten Tempi überzeugt bei Johnsons Interpretation vor allem die erstaunlich präzise Realisierung von Sorabjis selbst für die Entstehungszeit absurd komplexen, rhythmisch irrationalen Überlagerungen der einzelnen Klangschichtungen. Auch beim Akkordwerk, das teilweise ebenso phantastische Dimensionen annimmt, ist der Pianist den immensen technischen Anforderungen absolut gewachsen. Seine Dynamik – der Komponist gibt kaum Hinweise – ist abwechslungsreich und gerät nie zur reinen Kraftmeierei. Kaum zu erwähnen braucht man, dass hier wirklich alles, was in der Partitur fast durchgehend auf drei, stellenweise sogar bis zu sechs Systemen notiert ist, tatsächlich erklingt. Dies wäre etwa bei manchen Werken Xenakis’ (Synaphai) definitiv unmöglich. Allein die Verteilung der Notenmassen auf zwei Hände überhaupt sicher zu organisieren, ist schon eine Herkulesaufgabe. Aus vielen Momenten – namentlich in III. Punta d’Organo oder dem großen Adagio (VI.) – kitzelt Johnson die unvergleichliche Delikatesse Sorabjischer Klangwelten völlig natürlich und überwältigend heraus, ohne dass die simultan vorhandenen unterschiedlichen Materialebenen unter den Tisch zu fallen drohen. Und die manchmal abrupten, heftigen Kontraste präsentiert er wohlüberlegt, ohne sofort zu übertreiben.

Der dritte, letztlich komplizierteste Teil des Stücks (Archimagus) ist trotzdem neben den obengenannten Sätzen II & III für den Hörer am fasslichsten, weil hier mit vertrauten Techniken gearbeitet wird, lediglich ungeahnt ausufernd. Er besteht aus einem Preludio, einem Preludio-corale sopra „Dies Irae“, einer Cadenza sowie einer abschließenden, fünfstimmigen Tripelfuge. Allein diese dauert bei Johnson 82 Minuten. Das gesamte Werk gründet sich auf Motiven bzw. Tonfolgen, die man – ohne dies hier genauer darzulegen – aus dem Namen des ursprünglich angedachten Widmungsträgers, Bernard Bromage (1899–1957), ableiten kann. Leicht erkennbar fungiert „B“ (im Deutschen: „H“) als eine Art Zentralton. Bromage schrieb als Buchautor über okkultistische Themen; daher auch die Bezüge zum Tarot. Nachdem sich Sorabji mit ihm verkracht hatte, widmete er das Stück Clinton Gray-Fisk. Neben diesen Keimzellen und dem Sorabji zeitlebens faszinierenden Dies irae macht sich jedoch schnell ein weiteres Motiv breit: B–A–C–H, mit dem über gleißenden Akkordtürmen auch alles, keineswegs unerwartet, endet.

Sorabjis Opus Archimagicum hat selbstverständlich seine Längen, abgesehen von der rein zeitlichen Dimension. Manche Abschnitte superlativistischer Pianistik wirken maßlos bis penetrant. Einige musikalische Entwicklungen beginnen so zäh wie die Evolution des Lebens auf der Erde. Dies ist jedoch angesichts der Gesamtkonzeption verschmerzbar. Kaum jemand wird sich das Werk auf CD sogleich am Stück anhören, ist aber mit Tellef Johnsons wegweisender Wiedergabe zu jeder Zeit in besten Händen. Aufnahmetechnisch ist diese tour de force ebenfalls hervorragend gelungen: gut mikrofoniert, immer adäquat ausgesteuert, ohne Klirren und sehr räumlich. Allenfalls einige wenige Schnittgrenzen kann man über Kopfhörer vielleicht wahrnehmen. Die 5.1-Abmischung auf Blu-Ray soll sogar noch besser klingen – insgesamt ist dieses Projekt eine sensationelle Leistung.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass nur zwei Monate nach Johnsons Erstaufführung ein weiterer Pianist Opus Archimagicum öffentlich gespielt hat: der damals erst 23-jährige Chinese Yi-Chung Huang in New York und Chicago (beides auf Youtube zu finden). Er benötigt rund 70 Minuten weniger als Johnson – vor allem die Fuge gerät ihm wahnwitzig rasch – und hat ein komplett anderes Aufführungskonzept, das in Fachkreisen äußerst kontrovers diskutiert wird. In jedem Fall verbietet es sich, nach nur zwei Interpreten als Kritiker den Eindruck erwecken zu wollen, man wüsste bereits sicher, wie diese Mammutkomposition „richtig“ anzugehen sei; daher hier keine vergleichende Besprechung.

Tellef Johnsons Aufnahme ist nur direkt bei Opus A Records aus den USA zu beziehen. Der Preis von 90 $ (evtl. plus Zollgebühren etc.) für die 7-CD-Schachtel (Gold Edition) inkl. Buch erscheint angesichts der Bedeutung dieser Veröffentlichung angemessen. Für Sorabji-Fans ist deren Erwerb ein Muss.

[Martin Blaumeiser, 23. September 2026]