Schritte einer langen Reise

Sheva Contemporary, SH 168; EAN: 8 033776 711681
(Mittlerweile auch über Amazon bestellbar, ansonsten via Discovery Records)

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Auf zwei CDs spielet Minjeong Shin den vollständigen ersten Band der Anthologie ‚Steps’ des englischen Komponisten Peter Seabourne ein; wie auch die anderen (bislang) vier Bände erschien das Resultat bei Sheva Contemporary.

Als „musikalischen Reisebegleiter“ bezeichnet Peter Seaboune seine Anthologie „Steps“, die mit fünf Bänden und einer gesamten Spielzeit von in etwa fünf Stunden mittlerweile beträchtlichen Umfang gewonnen hat. Der erste Band, mit 85 Minuten der bislang längste, ist der letzte, der noch zur Einspielung ausstand – was nun die Südkoreanerin Minjeong Shin nachholte. Die Stücke aus den Jahren 2001 bis 2006 sollten nicht als einheitlicher Zyklus verstanden werde. Eher handelt es sich um eine freie Kollektion von Einzelwerken, die lediglich unter dem Namen „Steps“ zusammengefasst wurden. Entsprechend können sie in beliebiger Auswahl und Reihenfolge dargeboten werden, und auch Minjeong Shin hält sich nicht an die genaue Abfolge der Partitur (welche auf der Homepage Seabournes kostenlos zum Download bereit steht).

Zwar gibt es einige Stücke, welche einfacher zu bewältigen sind, doch verlangt ein Großteil hohes technisches Niveau und musikalische Intelligenz. Hohe Komplexität zeichnet die Sammlung aus, verquere Konfliktrhythmik und ausschweifende Tonalitätskonstrukte erzielen eine schwebende wie zerfasernd fließende Bewegung, welche die Stücke in einer organischen Form hält und die innere Dynamik nicht zum Erliegen kommen lässt. Beinahe meditative Zustände werden in lyrisch ausgebreiteten langsamen Passagen erreicht, wobei niemals ein gewisser innerer Zwiespalt erlischt, zu keiner Zeit behält der Hörer Boden unter den Füßen. Eine einzige zarte Melodie auf statischem Grund reicht Seabourne aus, um eine unverwechselbare Atmosphäre zu schaffen. Dann bäumt sich diese wieder auf, aus ihr erwächst dichte Polyphonie mit kontinuierlichem rhythmisch-perkussiven Reiz und großer harmonischer Dichte – und schließlich ebbt es wieder ab, nur die rhythmische Aktivität bleibt als Gegenpol zur tatsächlichen Ruhe.

Als wahrer Glücksgriff für die Einspielung stellt sich Minjeong Shin heraus. Nicht alleine, dass sie technisch über alle Zweifel erhaben ist und in erlesener Perfektion spielt, auch reflektiert sie jede noch so kleine Stimme und phrasiert detailreich auf Mikroebene. Dynamisch schöpft sie aus den kleinsten Zwischennuancen und kann so gerade in der Mehrstimmigkeit überzeugen, ihre Stimmführung ist frappierend. Wie intensiv die Proben gemeinsam mit dem Komponisten waren, lässt das ausgereifte Resultat erahnen. Lediglich die trockene Studioakustik, die vor allem den kristallklaren Anschlag hervorzuheben versucht, raubt dem Klang merklich Volumen und die orchestral tragenden Klangfarben, die die Gesamtwirkung über die eines gewöhnlichen Klaviers hinaus erhoben hätten.

[Oliver Fraenzke, März 2017]

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