Toten-Langeweile

Odradek, ODRCD329; EAN: 8 55317 00329 5

Drei symphonische Dichtungen von Franz Liszt in einem Arrangement des Komponisten für Klavier vierhändig sind auf der CD „Totentanz“ von Chie Tsuyuki und Michael Rosenboom zu hören, das ebenfalls von Liszt stammende Titelstück bearbeiteten die beiden Pianisten selbst für ihre Besetzung.

Arrangements von Orchesterstücken auf dem Klavier zu präsentieren ist eine unterschätzte Kunst: Es bedarf genauesten Studiums der originalen Partitur sowie aller Klangfarben der Orchesterinstrumente, um diese so lebendig und natürlich wie möglich nachzuahmen. Das Klavier muss den Klang tragen wie die Streicher, sanft figurieren wie das Holz, markant hervorglitzern wie das Blech und voluminös aus der Tiefe rumoren wie die Pauken. Franz Liszt revolutionierte die Klaviertranskription und ermöglichte es, ein gesamtes Orchester quasi lebensecht auf dem Tasteninstrument darzustellen. Die Realisierbarkeit dieses herausfordernden Unterfangens bezeugen Pianisten wie Yury Martynov (Beethoven/Liszt Symphonien Nr. 1-9) oder Juan José Chuquisengo (Beethoven/Liszt Symphonie Nr. 7, 2. Satz auf „Transcendent Journey“), die beide auf ihre Weise einen vollen und vielschichtigen Klang zu erzeugen wissen und reflektiert die Illusion eines großen Ensembles aus den Tasten zaubern.

Von orchestralen Klängen findet sich keine Spur auf der CD des Duos Tsuyuki & Rosenboom, das klangliche Resultat verbleibt rein in pianistischen Sphären. Und auch in diesen bleiben Vielfalt und Ausgestaltung untergeordnet, das Spiel ist grobflächig und beschränkt sich auf ein Minimum an Dynamikabstufungen. Hauptsächlich ist ein unkontrolliertes Hämmern mit vereinzelten, uninspiriert-flachen Intermezzi zu hören, das abgesehen von der technisch-mechanischen Seite unerschlossen bleibt. Alles plätschert beiläufig vor sich hin, Struktur und Stringenz bleiben Fehlanzeige. Das Eigenarrangement der Paraphrase über „Dies Irae“, des Totentanzes, ist angereichert mit grummelnden Geräuscheffekten im Klavier, die bei der pianistischen Darbietung allerdings deplatziert wirken (bei Martynov oder Chuquisengo würden sie sich sicherlich trefflich in den reichen Klangapparat eingliedern). Einige Passagen sind stimmig zwischen den Pianisten aufgeteilt, und es herrscht allgemein eine professionelle Abstimmung zwischen den Musikern. Doch zum Tanzen kommt der Tod nicht, der düstere Schrecken und das dämonische Aufbegehren des Originals gehen in oberflächlichen Technikkaskaden unter. Wenn hier jemand stirbt, so ist es der Zuhörer – vor Langeweile.

[Oliver Fraenzke, März 2017]

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