Schlagwort-Archive: Heitor Villa-Lobos

Überraschend und bezaubernd: Villa-Lobos‘ Klaviermusik für Kinder

Quartz Music, Art.-Nr. QTZ2129 / EAN: 880040212928

Heitor Villa-Lobos: Complete Solo Piano Works Vol. 4/5; Marcelo Bratke (Klavier)

Heitor Villa-Lobos soll mehr als 1000 Kompositionen hinterlassen haben, deswegen ist es schon eine Ansage, wenn jemand mit dem Versprechen antritt, tatsächlich die vollständige Solomusik für Klavier des Südamerikaners einspielen zu wollen. Der ausgezeichnete brasilianische Pianist Marcelo Bratke tut ebendies und tritt damit in die Fußstapfen seines berühmten Landsmanns Nelson Freire, der in den 1970er-Jahren für Teldec zwei Alben mit Villa-Lobos‘ Klavierwerken einspielte und seine Beziehung zum Werk des wohl bedeutendsten südamerikanischen Komponisten für die DECCA in einer weiteren Einspielung 2012 untermauerte.

Freire freilich war weit entfernt von einem enzyklopädischen Ansatz, wie ihn Marcelo Bratke für das britische Kleinstlabel Quartz Music verfolgt. Bratke begann seine Edition 2011 und legt nun auf einen Schlag Vol. 4 und 5 seiner laufenden Gesamtaufnahme zusammengefasst als Doppel-Album vor. Das erscheint auch durchaus sinnvoll, befindet sich auf diesem Doppel-Album doch die gesammelte Klaviermusik, die Villa-Lobos für Kinder komponiert hat.

Da eröffnet sich ein verblüffend großes und reiches Werk leichter und leichtester Klavierstückchen, die aber trotz ihres niedrigen Schwierigkeitsgrades jederzeit Kunstwerkstatus beanspruchen können. Das Geheimnis ist hier ebenso wie bei den Werken für Klavierschüler, die beispielsweise von Schumann oder Bartók überliefert sind, dass die jungen Klavieranfänger vom Komponisten wirklich ernstgenommen werden. Das erkennbare Ziel des Komponisten Villa-Lobos war es ohrenscheinlich, große Musik unter Einsatz kleinstmöglicher pianistischer Mittel zu verfassen.

Einige dieser bezaubernden Miniaturen sind zutiefst berührend in ihrer schlichten Schönheit, und in ebensolchem Maße wie Villa-Lobos fröhliche Musik für Kinderhand geschrieben hat, hat er auch an melancholische, ja, manchmal geradezu zerbrechlich wirkende Kompositiönchen gedacht, womit er einer suchenden, verletzlichen Kinderseele wahrscheinlich weitaus mehr gerecht wurde als viele der zwangs- und dauerfröhlichen Anfängerstücke, die in den üblichen Anfänger-Lehrbüchern zu finden sind. Villa-Lobos‘ Emotionen, die in diesen überraschend kunstvollen Miniaturen zum Leben erweckt werden, wirken hingegen ganz echt und ehrlich. Die Bandbreite reicht von herzhaft volkstümlichen, für hiesige Ohren angenehm exotisch-brasilianisch klingenden Miniaturen bis hin zu balletthaften Stücken, die in ihrem Duktus offenbar eine Art „Chopin für kleine Leute“ sein sollen.

Interpret Marcelo Bratke erweist sich in seiner beeindruckenden Fähigkeit diese anspruchslose Musik mit großer Ernsthaftigkeit und wunderbarer Empfindung vorzutragen als ein idealer Interpret und als ein Pianist, der sich hinter seinem großen Landsmann Freire nicht verstecken muss. Eine wirklich wunderbare Edition, die jeder Klaviermusikfreund kenne sollte! Als einzigen Kritikpunkt könnte man die Aufnahmetechnik nennen, die durch eine relativ nahe Mikrofonierung des Instruments einen etwas zu trockenen Höreindruck vermittelt. Etwas mehr Raumklang hätte der Aufnahmetechnik gut getan.

[Grete Catus, November 2018]

Bedrohliches und Humoreskes

Fagottkonzerte von Jolivet, Tomasi, Françaix und Villa-Lobos
Matthias Rácz (Fagott)
Stuttgarter Kammerorchester, Johannes Klumpp

Jean Françaix: Concerto pour basson et 13 archets (1979)
Henri Tomasi: Concerto pour basson et archets avec harpe (1961)
André Jolivet: Concerto pour basson, archets, harpe et piano (1954)
Heitor Villa-Lobos: Ciranda de sete notas für Fagott und Streicher (1933)
Jean Françaix: Divertissement pour basson et archets (1942)

Ars Produktion ARS 38174 (EAN: 4260052381748)

0031

Vier Französische Konzerte für Fagott und kleine Besetzung – teils nur Streicher, teils ergänzt durch Harfe (Tomasi) oder Harfe und Klavier (Jolivet) – hat Matthias Rácz mit dem Stuttgarter Kammerorchester unter Johannes Klumpp eingespielt, zuzüglich Villa-Lobos’ ‚Miranda de sete notas’ von 1933. Rácz beherrscht sein Instrument in seltener Vollendung, er ist ein wirklicher Erzähler auf dem Fagott, und auch das Virtuose ist bei ihm in besten Händen. Das Fagottkonzert ist – nach prominenten Vorläufern wie Mozart oder Weber – eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts (in der romantischen Epoche hatten die Bläser als Solisten mit Orchesterbegleitung allgemein einen schwachen Stand, wenn man von Webers Klarinettenkonzerten einmal absieht; da ist man schon froh über ein Oboenkonzert von Klughardt, ein Flötenkonzert von Reinecke, das erste Hornkonzert von Richard Strauss). Die Anordnung vorliegenden Programms ist etwas seltsam, indem das mit Abstand unbedeutendste, trivialste Werk am Anfang steht: das Konzert von Jean Françaix von 1979, also auch das am spätesten entstandene. Es ist deshalb etwas peinlich, weil zwar erlesenste technische Fertigkeit von allen Beteiligten gefordert wird, jedoch der Gehalt und die expressive Spannweite nicht über das Niveau von Charlie Chaplin oder Zirkusmusik hinausgeht. Die Ecksätze sind ungefähr so anspruchsvoll wie ‚Mein Hut, der hat drei Ecken’, und so etwas hat schon Darius Milhaud (etwa in ‚Le Bœuf sur le toît’) schon viel besser und origineller gemacht. Einzig der langsame Satz hat eine andere Substanz, doch wird er hier schlicht zu zügig genommen (mit zusätzlichen  Beschleunigungen zwischendurch, die der Komponist nicht vorsah), und irgendwie wissen hier alle Beteiligten nicht so recht, was sie außer Andacht in diese Musik ‚hineininterpretieren’ sollen… Natürlich wusste Françaix genau, was er tat, und hat seine Aufgabe technisch in jeder Hinsicht makellos gelöst, solange wir nicht darauf achten, ob die größere Form irgendwie bezwingend sei. Um wieviel besser ist sein frühes Divertissement von 1942, ursprünglich mit Bläserquintettbegleitung komponiert und damals verloren gegangen, später von Graham Waterhouse rekonstruiert – mit dieser launigen, kurzweiligen Musik klingt die CD so amüsant wie feinsinnig ironisch aus. Man hört: Françaix war ein Mann der kleinen Formen, die beherrschte er vollendet, ob man seine meist absichtlich belanglose Musik mag oder nicht, und für ein Konzert von gut 23 Minuten Länge (in vier Sätzen) reichte die Spannung einfach nicht aus, jedoch sehr wohl für ein gleichfalls viersätziges Divertimento von neun Minuten Dauer. Den Musikern hat jedenfalls beides eine Menge Spaß gemacht, was man auch auf Schritt und Tritt hört, und der untadelige Solist hat seinen durchweg großen Auftritt.
Alles andere hat weit mehr Substanz. Villa-Lobos ist noch zu akademisch europäisch verstanden, da ist vor allem mehr schwereloser Groove drin. Doch muss man in allen Stücken bemerken, wie sehr das Orchester unter Klumpp rhythmisch „auf Zack“ ist. In diesem Werk dominiert das Fagott unangetastet und darf unentwegt singen. Insgesamt eine Freude, das zu hören.
Eine für mich großartige Entdeckung ist das 1961 entstandene Konzert des korsisch-stämmigen Henri Tomasi (1901-71), der vor dem Krieg einige Jahre das französische Radio-Kolonialorchester in Vietnam leitete und später das Orchestre National de France. Heute ist er vor allem durch sein Trompetenkonzert und die Flötenkonzerte bekannt. Er schrieb aber unzählige weitere Konzerte, eigentlich nur das Cello hat er nicht bedacht. Sein Fagottkonzert besticht mit einer unergründlichen Mischung aus Bedrohlichem und Humoreskem, das niemals in jene Gefilde der Belanglosigkeit abgleitet, vor welchen französische Musik gelegentlich nicht sicher ist. Auch die Orchestration ist von erlesenster Finesse, und durch alles führt ein energetischer roter Faden, der die Spannung nicht abreißen lässt. Solist und Orchester meistern die virtuose Faktur mit bemerkenswert präziser Leichtigkeit. In dieser Musik kommen unterschiedlichste Einflüsse zusammen, bis hin zu niemals plakativ zur Schau gestellten Exotismen, und dabei klingt sie stets distinguiert südfranzösisch. Und: sie kreiert einen imaginären ‚Film noir’. Man könnte an Truffauts ‚Geheimnis der falschen Braut’ oder ‚Die Braut trug schwarz’ denken – an jeder Ecke lauert eine unheimlich verführerische und gefährliche Deneuve oder Moreau… Danach dürfte es kaum jemanden geben, der nicht gerne mehr von Tomasi hören möchte.
Die Krone gebührt freilich immer noch André Jolivet für sein grandioses Konzert von 1954. Nur ein Klavier tritt zu Streichern und Harfe hinzu, und was für eine wilde Farbigkeit, was für eine magische Alchimie! Das zweisätzige Werk ist zurecht ein Klassiker geworden, und Matthias Rácz darf nun zu den feinsten Musikern seines Fachs gezählt werden. Es ist aber auch (wie Tomasi übrigens in nicht geringerem Maße) herrlich dankbar für sein Instrument geschrieben. Jolivet schafft es sogar, eine ‚Fuge’ frenetisch obsessiv klingen zu lassen, sozusagen eine Transzendenz des Akademischen mit einer fast schon rohen Schroffheit, einer archaisierenden Auslegung moderner Klangmittel herzustellen. Und er lotet das ganze Spektrum von mystischer Introspektion bis zu frenetischer Überdrehtheit aus. Jazz und Orient begegnen sich hier in einem Geist, der die Abgründe liebt und doch stets eine französische Rationalität auf der Hinterhand hat, die bei aller systematisch betriebenen Enthemmung nicht den Klischees von Pathos, Sentimentalität oder prätensiös neutönerischem Bruitismus aufsitzt. Großartig – wie vieles von Jolivet, das heute fast kein Mensch kennt (man denke nur an seine drei Symphonien, das Klavierkonzert, die Cellokonzerte). Und wieder glänzen alle Beteiligten mit Geistesgegenwart und Präzision. Natürlich gibt es auch Fehlleistungen wie das pompös vierschrötige Ritardando am Ende des ersten Satzes, das überhaupt nicht passt, sondern im letzten Moment den resoluten Charakter sabotiert. Gemessen an dem, was wir kennen, ist es insgesamt jedoch auf sehr hohem Niveau. Das gilt auch für die durchsichtige und ausgewogene Aufnahmetechnik und den Bookletessay, den sich Daniel Knaack und der Dirigent in simuliertem Zwiegespräch teilen.
[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, März 2016]