Ein Engel im Jetzt

 

Isotopia Records; isotopia 001; EAN: 5 060268 640887

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Constance Hauman wagt einen ganz neuen Stil in ihrem Album Falling Into Now, welches die erste Veröffentlichung ihres neu gegründeten Labels Isotopia Records im Vertrieb Naxos ist. An der Seite der singenden und klavierspielenden Constance Hauman agiert der Schlagzeuger Ross Pederson, der neben Drums und Percussion auch Bass, Gitarre und Midi übernimmt.

Falling Into Now in eine Genreschublade zu stecken, würde dem Album alles andere als gerecht werden. Die Sängerin Constance Hauman ist ein wahres Chamäleon auf dem Gang durch die Musikgeschichte: Bekannt geworden durch ein spontanes Einspringen in Bernsteins Candide und heute vor allem respektiert durch die erste Live-Einspielung von Alban Bergs Lulu, wo sie in Koppenhagen in der Titelrolle zu hören ist, kann Constance Hauman auch anders. In Falling Into Now experimentiert sie vor allem mit elektronischen Klängen und atmosphärischen Klangwolken, aber ebenso mit Improvisation. Dieser Musik einen eindeutigen Stempel aufzudrücken oder der Versuch, sie möglichst umfassend unter eine allgemeingültige Beschreibung zu zwängen, würde ihre Unmittelbarkeit und ihre offene Vielschichtigkeit ignorieren. Jeder Titel für sich fordert eigentlich eine individuelle Besprechung.

Constance Hauman erweist sich auch in dieser experimentellen Musik als eine Musikerin ersten Ranges. Sie kann sich flexibel in jeder Stimmung und jedem Stil zurechtfinden, ohne dass es zu irgendeiner Zeit gekünstelt oder gespielt wirkte. Ihre Stimme ist klar und lupenrein, kann jedoch bei Bedarf auch sehr düstere Timbres annehmen und mit spontanen Umschwüngen verblüffen. Besonders zeichnet sich Haumans Stimme durch einen oft eingesetzten leichten Hauchton aus, der ihr immer etwas frivol Lockendes sowie Selbstsicheres verleiht. Bei jedem Ton fühlt der Hörer ihre Verbundenheit mit ihren Liedern und den Rollen, in die sie zu schlüpfen vermag; sie fühlt sich durchgehend wohl in ihrer Haut und blüht in der Musik auf, als gäbe es für sie nichts schöneres auf der Welt, als gerade eben genau dieses Stück zu singen. Hinzu kommt eine unbestechliche Sauberkeit aller Noten bis in die ungünstigsten Lagen und in allen Dynamikabstufungen, die sie so voll auszunutzen vermag. Äußerst angenehm fällt auch auf, dass Constance Hauman nicht zu denen gehört, die über jeden Ton ein ausgebreitetes Vibrato legen müssen, sie benutzt dieses sowie auch andere Klangeffekte nur dann, wenn es ihr auch wirklich sinnvoll erscheint und lässt sie somit nicht zur bloßen mechanischen Routine werden.

Relativ randständig genannt auf diesem Album wird Ross Pederson, der abgesehen vom Klavier für alle Instrumentals zuständig sowie für Aufnahme und Mix verantwortlich ist. Pederson schafft ein dichtes Klanggewebe, über dem Constance Hauman sich frei entfalten kann, ohne darin unterzugehen oder isoliert auf einer hohlen Begleitung zu schweben. Stets besitzt das Instrumental eine rhythmische Prägnanz und vielseitige Anlage. Insgesamt ist es recht effektgeschwängert und immer wieder durchsetzt von elektronischen Klangspektren oder Echoeffekten, welche jedoch auch nicht zu standardisiert und vor allem nicht zu übertrieben herüberkommen.

Die Programmauswahl mit vierzehn Titeln auf von Constance Hauman geschriebene Texte deckt ein breites Spektrum an verschiedensten Welten ab, die alle gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Kein Lied fällt auf irgendeine Art und Weise negativ aus dem Rahmen. Selbst die Improvisationen sind äußerst stringent und werden zusammengehalten durch einen bewussten Spannungsbogen, sowohl vom Gesang her als auch hinsichtlich der Begleitstimmen. Direkt vom ersten Einsatz in Dark Angel an, welches für mich sofort an erster Stelle ein absolutes Highlight darstellt, wird der Hörer gefesselt und lässt sich in alle Bereiche der menschlichen Gefühlswelt mitschleifen. Bei jedem neuen Track fiebert man aufs Neue, was nun folgen mag, und auch innerhalb der Stücke bleibt man so oft im Ungewissen, was einen als nächstes erwartet, dass einen die Spannung und die Konzentration nicht verlassen.

Ein Booklettext ist leider nicht beigegeben, und so sind alle Informationen über die Musiker, die ja doch recht aufschlussreich wären, aus dem Internet zusammenzusuchen. Dafür bietet das Begleitheft eine ausgesprochen künstlerische Aufmachung, jede Seite ist in einem neuen und stets stimmigen Stil gelayoutet und passt vollkommen zu den jeweilig abgedruckten Liedtexten. Die Sängerin stellt sich auf den beigefügten Fotos immer wieder in verschiedenem Licht dar, und so hüllt sich auch um sie eine künstlerisch geheimnisvolle Aura, die das ganze Album charakterisiert. Aufgenommen wurde die Musik zwischen 2012 und 2014 in New York City und Paris – hier steckt eine lange und ausgereifte Arbeit dahinter, und diese wird hörbar!

[Oliver Fraenzke, November 2015]

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