Ein Rach-Marathon (Konzert 1)

Der ungarische Pianist János Balázs spielt an zwei aufeinanderfolgenden Tagen alle vier Klavierkonzerte plus der Paganini-Rhapsodie von Sergei Rachmaninoff. Begleitet wird er dabei durch die Ungarische Nationalphilharmonie (Nemzeti Filharmonikus Zenekar) unter Charles Olivieri-Munroe. Die Konzerte finden am 18. Und am 19. August 2020 jeweils in der Budapester Liszt-Akademie statt, können aber auch online mitverfolgt werden. Das erste Konzert umfasst die Klavierkonzerte Nr. 1 in fis-Moll op. 1 und Nr. 2 in c-Moll op. 18 sowie die deutlich später komponierte Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester op. 43.

Balázs János © Attila Kleb

Durch die anhaltenden Beschränkungen des Kulturlebens aufgrund der Corona-Pandemie erhalten wir nach wie vor eine gewaltige Auswahl an Onlinekonzerten aus aller Welt. Unter diesen stach ein Programm hervor, das alleine aufgrund der pianistischen Potenz bemerkenswert erscheint: der Pianist János Balázs spielt alle Werke für Klavier und Orchester von Sergei Rachmaninoff an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Auch wenn ich digitale Konzerte – allgemein alle aufgenommene oder gestreamte Musik – für nur einen schwaches Abbild des eigentlichen Liveerlebnisses halte, so weckte dieser Marathon doch meine Aufmerksamkeit.

Die vier Klavierkonzerte und die Paganini-Rhapsodie umspannen das Schaffen Sergei Rachmaninoffs beinahe vollständig: das erste Konzert komponierte er 1891 im Alter von 18 Jahren, das vierte von 1926 revidierte er 1941, zwei Jahre vor seinem Tod. Sie bilden nicht nur seinen kompositorischen Werdegang nach, sondern dürfen zweifelsohne als seine gelungensten Werke der großen Form gelten. Die vier symphonisch angelegten Klavierkonzerte präsentieren natürlich in erster Linie den Pianisten und überwältigen durch eine nicht enden wollende Schichtung klaviertechnischer Höchstleistungen. Gleichzeitig aber erkunden sie das Zusammen- und Wechselspiel zwischen Solist und Orchester auf jede erdenkliche Weise und fassen sie zusammen in funktionierend symphonische Gebilde. Sie alle eint ein melancholisches Moll und eine subjektiv weltschmerzende Aura, die durch geballte Emotionalität und Sinnlichkeit ausgedrückt wird, voll im orchestralen wie im pianistischen Satz und immer wieder zu gewaltigen Ausbrüchen kulminierend.

Der erste Konzertabend begann mit dem frühesten der Konzerte, der Nummer 1 Opus 1 in fis-Moll. Dieses auch nach der Revision von 1917 formal noch nicht gänzlich ausgereifte Werk ist das wildeste der Konzerte, ungestüm in seiner Art und expressiv in seiner Aussage. János Balázs zeigt sich als leidenschaftlicher, involvierter Pianist, der tief in die Affektwelt der Musik eindringt und voll in ihr aufgeht. Besonders sticht sein melodisches Gespür hervor, das die horrenden Virtuositäten in den Hintergrund treten lassen, wofür er jedes Thema und jedes Motiv einzeln herausmeißelt. Im Mittelsatz kommt die Zweistimmigkeit des Klaviersatzes gut zum Tragen, wodurch ein hinreißender Kontrapunkt entsteht.

Das Finale des ersten Konzerts wie den Beginn der danach erklingenden Paganini-Rhapsodie nimmt der Pianist gewagt schnell und kann durch den so entstehenden Sog triumphieren, wenngleich so viele Details unhörbar rasch an uns vorbeihuschen. Gerade bei den Variationen über Paganinis ursprünglich für Solovioline geschriebenes Capriccio Nr. 24 entsteht durch das Tempo eine düstere, beinahe gespenstisch anmutende Atmosphäre, welche das folgende „Dies Irae“-Zitat förmlich heraufbeschwört. Die Rhapsodie op. 43 stellt das Klavier vollständig gleichberechtigt neben das Orchester und sorgt so für eine gänzlich andere Rollenverteilung: oftmals spielt das Klavier nur einzelne Töne oder begleitende Passagen, ordnet sich teils gar dem Orchester unter und überlässt diesem manch einen der schönsten Einfälle. Hier blüht die ungarische Nationalphilharmonie unter Charles Olivieri-Munroe am meisten auf, während es die Konzerte nur recht pflichtbewusst begleitet. Aus dem Orchesterapparat überzeugen besonders das Solohorn und die Fagotte.

Getrübt wird die erste Konzerthälfte durch das Fehlen des Piano- und Pianissimobereichs sowohl im Klavier als auch im Orchester. Die Dynamik spielt sich hauptsächlich im Forte ab, wodurch viele der in die Partitur geschriebenen Kontraste und Wechselspiele fehlen, manch eine Wirkung sich gar nicht entfalten kann. Dies macht sich derart kontinuierlich und ausnahmslos bemerkbar, dass es auch nicht auf die schwärmerische Ader der Musik geschoben werden kann.

Diesbezüglich besser erscheint die zweite Hälfte mit dem zweiten und wohl bekanntesten der Klavierkonzerte. Das c-Moll-Konzert ist pure Hochromantik, überbordende Emotion und reine Ausdrucksgewalt; es wird durchzogen von hinreißenden Melodien, die im Falle des Mittelsatzes sogar bis in die Populärmusik vordringen, dessen Thema von Eric Carmen für den Song All by Myself aufgegriffen wird. In eben diesem Mittelsatz zeigt Janós Balázs enorme Tragfähigkeit seiner Melodien und kann die Spannung über weite Strecken halten. Bis an die Grenzen des physikalisch Möglichen geht er durch seine Tempowahl im Beginn des Finals, welches nach anfänglicher Unsicherheit umso fulminanter wirkt. Im Kopfsatz verschmilzt er wie sonst nur in der Pagagnini-Rhapsodie mit dem Orchester und moduliert gemeinsam mit seinen Mitstreitern die herben Kontraste bis zum fulminanten Höhepunkt.

Indem er die einzelnen Akzentuierungen als Melodien ausarbeitet, gelingen Balázs ganz neue Einblicke in die horizontale Achse der Klavierparts, die von den meisten Pianisten unbeachtet bleiben oder im Wust der Noten einfach nicht gehört werden können. Formal gliedert Balázs durch Hervorheben statt Abrunden der kadenzierenden Bindeelemente und setzt so bewusst die einzelnen Abschnitte voneinander ab. Immer wieder macht er auf kleine Details aufmerksam, die ich so noch nie in dieser Musik wahrgenommen habe und das allgemeine Bild dieser Werke ergänzen können.

Als Zugabe gibt es – als wären die drei horrend anspruchsvollen Konzertstücke noch nicht genug – eine hoch virtuose Paraphrase über die „Tritsch-Tratsch“-Polka von Johann Strauss Sohn durch György Cziffra. Ein kleines wie abgedrehtes Stück, das Janós Balázs nach all der geladenen Gefühlsgewalt angenehm nüchtern spielt, dabei wie bereits gewohnt am oberen Tempolimit des Möglichen: aus Wiener Gelassenheit mache Ungarisches Temperament.

[Oliver Fraenzke, August 2020]

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