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In sich perfektionierte Momente

Solo Musica, SM 338; EAN: 4 26123 643386

Auf zwei CDs hören wir das gesamte Oeuvre für Violoncello und Klavier von Ludwig van Beethoven gespielt durch Margarita Höhenrieder und Julius Berger: Die fünf Cellosonaten F-Dur op. 5/1, g-Moll op. 5/2, A-Dur op. 69, C-Dur op. 102/1 und D-Dur op. 102/2 sowie Variationen über Händels „Judas Maccabäus“ (Tochter Zion freue Dich) WoO 45, und über zwei Arien aus Mozarts Zauberflöte: „Ein Mädchen oder Weibchen“ op. 66 und „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ WoO 46.

Beethoven erschuf mit seinen Duosonaten eine vollkommen neue Herangehensweise an diese Gattung: übernahm bislang das Streichinstrument die führende Rolle, welches durch ein Tasteninstrument lediglich begleitet wurde, so stehen die beiden Partner bei Beethoven gleichberechtigt nebeneinander. Begründet kann dies vor allem durch seine eigenen Fähigkeiten am Instrument werden, die er in den Aufführungen seiner Werke unter Beweis stellen wollte – so wirkt es teils gar, das Klavier übernehme die führende Rolle. Diese Tradition hält bis heute an; nicht zuletzt auch, da doch die meisten Komponisten vom Klavier her kommen oder zumindest fundierte Kenntnisse dieses Instruments besitzen.

Nicht nur durch die musikgeschichtliche Sonderstellung erfreuen sich Beethovens Werke für Cello und Klavier ungebrochener Beliebtheit, sondern auch durch ihre überraschenden Formkonzepte, die überkochenden wie parallel verdichteten Emotionen und den gebündelten Fokus auf eine kontinuierliche Fortschreitung strahlen sie einzigartigen Reiz aus. So kennt wohl jedes Cello-Klavier-Duo diese Musik und machte sich profunde Gedanken über die musikalische Umsetzung – auf der anderen Seite kann dadurch auch ein gewisser „Abnutzungs-Effekt“ entstehen, wenn Musiker diese Werke zu oft schon gespielt haben und die Entdeckungsfreudigkeit verlieren zugunsten funktionierender Konzepte einer Darbietung.

Margarita Höhenrieder und Julius Berger setzen auf Präzision und Klarheit. Die einzelnen Zellen erscheinen in sich geschlossen und perfektionistisch ausgefeilt, weshalb sich bei mir sogleich ein gewisser Bezug zu der Aufnahmeweise des Dirigenten Herbert von Karajan auftut. Die Musiker wählen große Tempokontraste, wobei sie darauf achten, die Adagios noch im Fluss wahrnehmen zu können und in den Allegros so wild wie möglich agieren zu können, ohne dabei undeutlich zu werden. Auch wird erkennbar, dass Höhenrieder und Berger sich intensiv nicht nur mit der Musik, sondern auch den Quellen aufeinandergesetzt haben und gerade Ideen der frühen Deutungsweisen mit in ihre Musik aufgenommen haben.

Wenngleich die Musik so also vom technischen Standpunkt her makellos erscheint, so kann ich sie auf musikalischer Ebene oft nicht nachvollziehen: Die einzelnen Phrasen bleiben zu sehr in ihrer Geschlossenheit, um einen übergeordnet formalen Bogen zu schaffen und die Formkonzepte von Beethoven hörbar umzusetzen. Selbst innerhalb dieser Phrasen fehlt der erlebte Bezug zwischen den einzelnen Intervallen, sei es im harmonischen wie im melodischen Kontext. Mancherorts entsteht ein steriler Eindruck. In den Scherzi gelingen Höhenrieder und Berger beschwingte Momente, die den Hörer sogleich mitgehen lassen, doch schnell gleiten diese auch in gestelzte Überspielungen ab, was gerade in den beiden Mozart-Themen deutlich wird.

 [Oliver Fraenzke, Juli 2020]

Eine hohe Inspiration

Inspired by MOZART

Julius Berger, Violoncello
Margarita Höhenrieder, Klavier

Nimbus Alliance NI 6319
0 710357 631924

Ulrich0014

Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Zwölf Variationen über das Thema „Ein Mädchen oder Weibchen“ aus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ op. 66 (1798)
Ludwig van Beethoven
Sieben Variationen über das Thema „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ aus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ Kinsky-Halm WoO 46 (1801)
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
„Anfang eines Adagios“ für Violoncello und Klavier nach dem Fragment KV 480a (1790)
Franz Xaver Mozart (1791-1844)
„Grande Sonate für Klavier und Violoncello (oder Violine) E-Dur, op. 19 Nottelmann WV VI: 13 (1814)
(Amadame Josephine de Baroni, geborene Comtesse Castiglioni gewidmet)
Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier und Violoncello A-Dur, op. 69 (1809)
(dem Freiherrn Ignaz von Gleichenstein gewidmet)

Wenn eine exzellente Pianistin und ein hervorragender Cellist eine CD mit ausgezeichneter Musik aufnehmen, kann eigentlich nur etwas Außergewöhnliches draus werden, oder? Wenn dazu noch ein hochqualifizierter Tonmeister zur Verfügung steht,  kann sich das Ergebnis sowohl vom Musikalischen als auch vom Tontechnischen her hören und sehen lassen, wie die vorliegende CD zeigt. So ein direkt aufgenommener Flügel und ein wohlklingendes Violoncello sind selten in der weitgehenden Balance, kein Wunder, dass die Musik wie im echten Raum zu entstehen scheint. Natürlich sind das – bis auf eine Ausnahme – keine Novitäten, die man da zu hören bekommt, aber das Wie ist es eben, das den Unterschied macht. Auch wenn ich mir an einigen wenigen Stellen das Klavier zugunsten des Cellos etwas weniger im Vordergrund gewünscht hätte, so höre ich doch die beiderseitige Lust am Spiel und an der Gemeinsamkeit des Musizierens. Mit aller Energie und Spielfreude wird hier gespielt. Und die Sonate von Mozarts Sohn Franz Xaver ist eine echte Entdeckung, die seine quälenden Selbstzweifel im Nachhinein Lügen straft, ein absolut gelungenes Werk, dessen drei Sätze durchaus beeindrucken. Besonders das Andante espressivo lässt an musikalischer Tiefe und melodischem Reichtum nichts zu wünschen übrig.
Die Beethoven’sche Sonate op. 69 ist zum Abschluss natürlich das Stück, um die Möglichkeiten dieser Instrumental-Kombination, die ja auch heute mit den verschiedensten Musiker-Persönlichkeiten gut im Konzert vertreten ist, besonders eindrucksvoll zur Geltung zu bringen. So bleibt nur zu wünschen, die beiden Musiker nicht nur auf CD, sondern als Steigerung live im Konzert zu hören.

[Ulrich Hermann, Januar 2016]