Schlagwort-Archiv: STACCATO-Verlag

Zwischen zwei Welten

Der russische Pianist  ANDREJ HOTEEV – Zwischen zwei Welten
Herausgegeben von Gabriele Helbig

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Staccato Verlag ISBN 978-3-932976-70-4

Nie vorher gehört, den Namen Hoteev, aber entsprechend neugierig machte ich mich an die Lektüre dieses Buches. Dass Hoteev die Original-Fassungen der drei Klavierkonzerte von Pjotr Ilitsch Tschaikowsky entdeckt hat und als erster auch einspielte, war die erste spannende Information, denn eigentlich glaubt doch jeder, dass die Fassungen, die man – vor allem vom 1. und 2. Konzert – kennt, dass diese die „richtigen“, die originalen sind, aber weit gefehlt…

Also wollte ich doch mehr wissen über einen russischen Pianisten, der seit 1993 in Hamburg zu Hause ist, dessen Werdegang eben in diesem sehr detailreichen und spannenden, gut zu lesenden Buch nunmehr dankenswerterweise in deutscher Übersetzung dargestellt wird: vor allem durch ihn selber, anscheinend angeregt durch die Herausgeberin  Gabriele Helbig, der an dieser Stelle schon einmal ein Lob gebührt. Denn was der Leser nicht nur über den Pianisten Hoteev erfährt, sondern vor allem über die russische Mentalität, Lebensart, Pädagogik und sonstige Umstände im Leben eines Künstlers, eines Pianisten, das ist so informativ wie unterhaltsam und lässt die Gegensätze zwischen hier und dort sehr klar und machvollziehbar werden.

Natürlich kommen alle wichtigen Zeitgenossen, Lehrer, Musiker und auch die entsprechenden Politiker vor, die es ja teilweise – vor allem durch die kafkaesk allmächtige „„Bürokratia“ (sozialitische Bürokratja) unzähligen Künstlern verdammt schwer gemacht hat. Man denke nur an Schostakowitsch oder Weinberg…

Dass selbst so berühmte Männer wie Svjatoslav Richter in einer winzigen Wohnung hausen musste, wie viele andere seiner Kollegen samt ihren Familien auch, können wir uns heute nur schwer vorstellen. Dem gegenüber steht dennoch eine Art von Verbundenheit, wie sie vermutlich nur ein solches System als Gegenströmung hervorbringt.

Hoteevs Urteile über seine „Favoriten“  – Richter und Gilels z. B. –, aber auch über seine Lehrer, von denen er allerdings eine ganze Anzahl „verschliss“, wenn seine Mutter, über die er den Kontakt zur deutschen Sprache und zur deutschen Kultur bekam, mit ihnen nicht mehr so recht einverstanden war, gehen über übliches ”name-dropping“ weit hinaus. Man spürt die ganze Liebe und Hochachtung, die Verbundenheit mit ihnen allen sehr deutlich. Die Unterschiede zwischen der „Landstadt“ St. Peterburg und der „Hauptstadt“ Moskau spielen eine große Rolle.

Mit am spannendsten allerdings ist dann die Suche nach den Originalen der drei(!) Klavierkonzerte Tschaikowskys, an denen der Herausgeber und bedeutende Komponist Sergej Tanejew in besten Absichten die meisten „Sünden“ beging, die teilweise allerdings auch auf den Zustand der hinterlassenen Manuskripte zurückzuführen sind. Jedenfalls ist es Hoteev gelungen, die originalen Fassungen nach vielen Recherchen und Forschungen zu rekonstruieren und auch einzuspielen.

Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, denen Klaviermusik und die Biographie eines ihrer bemerkenswertesten Zeitgenossen am Herzen liegt. Sie werden die Lektüre nicht bereuen.

[Ulrich Hermann, September 2017]

Ein überlauter Schrei der Begeisterung

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Eine vollkommen neue Methode versprach Otto Viktor Maeckel 1938 mit seinem Buch „Das organische Klavierspiel“, welche er nach jahrelanger Unterrichtserfahrung hier niederschrieb. Zu einer Überarbeitung kam es nie, da Maeckel bereits im Jahr darauf verstarb und somit nicht auf Kritik oder eventuell selbst festgestellte Defizite eingehen konnte. Der STACCATO-Verlag gibt nun den Reprint des Werkes des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Pädagogen heraus, versehen mit einem Vorwort und kritischen Anmerkungen des Klavierprofessors Gregor Weichert.

Sein ganzes Leben verbrachte O. V. Maeckel mit der Suche nach der „perfekten“ Methode der Klaviertechnik, wie sie laut dem Autor alle großen Pianisten – allen voran Franz Liszt – von Natur aus anwenden, aber nicht in der Lage sind, diese zu beschreiben und somit zu lehren. Ziel soll sein, mit möglichst wenig Kraftaufwand und unter völligem Verzicht auf unnötige Energievergeudung das Klavierspiel zu verbessern und die Technik vollkommen werden zu lassen. Dazu soll der kürzeste, schnellste und natürlich auch einfachste Weg gewählt werden. In der festen Ansicht, schließlich erfolgreich die perfekte Technik entschlüsselt zu haben, bot Otto Viktor Maeckel vierwöchige Kurse an, in denen er seinen Schülern die Grundlagen der Methode in intensivem Training darlegte. Nach diesen vier Wochen sollten die wichtigen Aspekte verinnerlicht sein und die Schüler sie von selbst ausbauen und vertiefen können. 1938 schließlich, nach etlichen Jahren der Unterweisung in seiner Methode, ließ er sich darauf ein, diese auch schriftlich zu fixieren.

O. V. Maeckel gliedert seine Schule in acht Kapitel: Alle Möglichkeiten des einstimmigen Spieles auf dem Klavier; der gleichzeitige Anschlag mehrerer Tasten auf dem Klavier; Triller, Tremolo und Sprünge; die Anwendung der Pedale; die geteilte Hand; das polyphone Spiel; der Unternormalton; das virtuose Klavierspiel.

Der eigentliche Kern der Methode liegt allerdings bereits vollständig im ersten Kapitel vor, der Rest lässt sich vollständig von selbst aus dem einstimmigen Spiel erschließen (vor allem, da es immer wieder mit den selben Anschlagsarten erklärt und weitergeführt wird) oder ist nicht sonderlich neuartig, ja nicht einmal relevant oder wissenswert. Im entscheidenden ersten Kapitel erläutert Maeckel nach einigen Freiübungen ohne Klavier drei Anschlagsarten, die die zentrale Aussage der Methode sind: der „Normalton“, ein ausschließlich durch die natürliche Schwere der von der Gravitationskraft nach unten gezogenen Hand erzeugter Ton; die „schnelle Fingerbewegung“ aus dem Knöchelgelenk; und der „singende Ton“, welcher durch eine Beschleunigung des Fingers während des Anschlags den Dämpfer früher als gewohnt heben lässt und somit die Obertöne früher mitklingen lässt, was wiederum für einen klangschöneren und sanglicheren Ton sorgen soll.

Als zentrale Grundlage für diese Methode sieht der Autor vor allem, wie etliche Male betont, den „federleichten Arm“ an, womit er sich deutlich vom Gewichtsspiel distanziert. Statt sich zu verkrampfen und Kraft anzuwenden, soll nur die genannte „schwere Hand“ eingesetzt werden, so dass der Ruhepunkt der Fingerspitze eigentlich der unterste Punkt der Taste ist; Die Kraftaufwendung betrifft lediglich das Obenhalten der Hand über den Tasten, von wo aus beim Anschlag die Natürlichkeit der Gravitation den Finger sinken lässt. All dies erklärt Maeckel möglichst wissenschaftlich begründet und immer wieder auf die Physik verweisend, stets auf einen sicheren Beweis aus. Auch wenn einige seiner Wissenschaftsbezüge recht vage erscheinen und auch nicht immer richtig sind, ist doch ein Großteil recht sinnvoll und lässt die Methode gut mitvollziehbar erscheinen. Alles in allem ist der Aufbau recht stringent, wodurch das jeweilige Kernthema aus dem Vorherigen erklärbar und logisch ist.

Der Grund dafür, warum die an sich wahrhaft lesenswerte und spannende Methode sich bis heute niemals durchsetzen konnte, ist die Hybris O. V. Maeckels, die ihn immer und immer wieder aufs Neue dazu bringt, zu betonen, wie toll und neuartig seine Methode ist und dass alle anderen Methoden doch komplett unnatürlich und falsch seien. Zu lange wird belegt, warum die eigene Schule so fantastisch ist, und dass auch Liszt allen Augenzeugenberichten nach eigentlich nur diese wiedergefundene Methode angewandt haben kann. Weichert schreibt darauf allerdings versöhnend eingehend in seinem Beschluss über das Buch sehr trefflich, man müsse damit Nachsehen haben, denn Maeckel geriet nach 32 Jahren der Suche sein „Heureka“ eben ein wenig überlaut.

Die Methode an sich zu bewerten, fällt – wie wohl verständlich sein dürfte – schwer. Natürlich war es mir nicht möglich, in der Zeit seit Erhalt des Buchs die gesamte Methodik selbst zu erproben, auch wenn ich mich recht zeitintensiv an den drei Hauptanschlagsarten versucht habe. Diejenigen Quellen, die sich intensiv mit „Das organische Klavierspiel“ auseinandergesetzt haben, also sowohl seine Schüler (nach eigenen Aussagen Maeckels) als auch 1938 sein Verleger Franz Hanemann und der Neuherausgeber Gregor Weichert, sind allesamt überzeugt davon. Und auch ich würde mich nach meinen bisherigen Studien davon keineswegs distanzieren. Zwar sollte der Pianist diese Methode nicht als alleingeltendes Heiligtum ansehen und jede nicht in dem Buch beschriebene Technik a priori verteufeln, aber gerade die Grundlagen sind nicht zu widerlegen, und die drei Hauptanschlagsarten sind das bewusste Erlernen und Anwenden wert. Besonders überzeugen kann die Annahme, dass die heruntergedrückte Taste der Ruhepunkt ist und das Niederschlagen selbst nicht der Moment des Kraftaufwands ist. Bei Beachtung dessen erhält der Musiker automatisch ein deutlicheres Gespür dafür, wie viel Energie überhaupt anzuwenden sei, und verbraucht diese nicht unnötig, was sowohl dem Spiel an sich als auch dem Körper und Geist des Spielers nur zu Gute kommen kann. In wie weit auch der „singende Ton“ perfektionierbar ist, lässt sich schwer sagen, doch ist die Technik tatsächlich gut anwendbar, um entsprechenden Passagen einen runden und vollen Ton zu verleihen.

Sowohl Vorwort als auch Bemerkungen zu „Das organische Klavierspiel“ von Gregor Weichert sind kurz, prägnant und wohlüberlegt geschrieben. Sofort wird Weigerts intensive Beschäftigung mit vorliegendem Werk bemerkbar, und seine kritische Auseinandersetzung damit. Er nickt nicht alles einfach ab, sondern gibt an entsprechenden Stellen nützliche Kommentare hinzu und ist sich auch im Beschluss ganz genau im Klaren, welche Aspekte besonders nützlich und welche eher vernachlässigbar sind.

Weder die Kurse O. V. Maeckels noch sein 1938 erschienenes Buch schafften es, seiner Methode bleibende Bekanntheit zu verschaffen – vielleicht gelingt es nun mit dieser Reprint-Ausgabe. Wert wäre, zumindest einmal davon bewusst Kenntnis genommen zu haben und sich die wesentlichen Aspekte nicht nur durch den Kopf gehen zu lassen.

[Oliver Fraenzke, Dezember 2015]