Schlagwort-Archiv: Jens Georg Bachmann

Bildhaft und klangsinnlich – Klavier- und Orchestermusik von Wolfgang-Andreas Schultz

Ambitus, amb 95 624; EAN: 4011392956246

Das bei Ambitus erschienene Album Triptychon für Johann Sebastian Bach macht mit drei Kompositionen von Wolfgang-Andreas Schultz bekannt. Eberhard Hasenfratz (Klavier) spielt die Variationen über ein Thema von J. S. Bach und die fünf Präludien und Fugen Im Blick der Bilder. Das Orchesterwerk Transfiguration wird vom NDR Elbphilharmonie Orchester unter Jens Georg Bachmann gespielt.

Der 1948 geborene Wolfgang-Andreas Schultz hat es als Komponist wie als Musikästhetiker stets als sein Anliegen begriffen, der Musik neue Wege der Entwicklung abseits des im Gefolge der Verklärung der Dodekaphonie zur Dominanz gelangten Avantgardismus zu öffnen. Ein extremes Fortschrittsdenken, das Musikgeschichte nur als permanente Innovation und Überwindung des Alten gelten lässt, verwirft er als einseitig und kurzsichtig. Gerade die Zusammenführung der Tradition mit neuen Ideen interessiert ihn. So war es für ihn nur konsequent, sich ebenso in altmeisterlicher Kontrapunktik zu schulen wie mit der Musik außereuropäischer Kulturen und auch mit Atonalität auseinanderzusetzen. Teils lässt Schultz in seinen Werken gezielt unterschiedliche Musikstile aufeinanderprallen, wie etwa in der vor ein paar Jahren in München inszenierten Oper Achill unter den Mädchen, teils lässt er Anregungen aus verschiedenen Quellen ineinander fließen und sucht die Synthese.

Einen guten Eindruck vom Schaffen des Komponisten erhält man durch das bei Ambitus erschienene Album Triptychon für Johann Sebastian Bach, das zwei Klavierkompositionen und ein Orchesterwerk präsentiert. Die Stücke sind offensichtlich nicht als zusammengehöriger Zyklus gedacht, haben aber gemeinsam, dass Schultz sich in jedem von ihnen auf eine bestimmte Weise auf Bach bezieht. In den Variationen über ein Thema von J. S. Bach verarbeitet er Bachs Choral Ich steh‘ an deiner Krippen hier, die fünf Stücke der Sammlung Im Blick der Bilder sind als Präludien und Fugen gestaltet. Die Beziehung des Orchesterstücks Transfiguration zu Bach liegt weniger in der äußeren Form als in der Verwebung zweier voneinander unabhängiger Strukturen, wie Schultz selbst im Begleittext schreibt.

Man erwarte nun keine Musik, die Bach hörbar nachahmt! Schultz ist kein akademisch-klassizistischer Komponist, der in der engen Anlehnung an historische Vorbilder sein Ideal sieht. Sein Umgang mit den traditionellen Formen ist durchaus frei, wie sich vor allem anhand der Präludien und Fugen zeigt. Jedes dieser Stücke ist durch ein Gemälde inspiriert. Die Vorlagen stammen von Claude Lorrain, Jacopo Tintoretto und Caspar David Friedrich. Unter „Präludium und Fuge“ ist hier keine Folge zweier kontrastierender Stücke zu verstehen. Stattdessen haben wir es hier mit kleinen Tondichtungen zu tun, die improvisatorisch anheben und nahtlos in fugierte Strukturen übergehen, wobei auch die Fugen sehr frei gestaltet sind.

Schultz‘ Musik trägt kaum dramatisches Gepräge. Sie wirkt kontemplativ und nicht selten erzählerisch in der Art eines Rezitativs. Ähnlich wie die Präludien und Fugen muten auch die Bach-Variationen wie Meditationen an, nur dass Schultz hier nicht bestimmte Werke der bildenden Kunst als Vorlage nimmt, sondern den Lebensweg Christi, der in Form von zwölf Variationen nachvollzogen wird. Dies geschieht allerdings ebenfalls sehr bildhaft. Die klanglichen Möglichkeiten des Klaviers werden voll ausgeschöpft, wie z. B. in der Ölberg- und der Passions-Variation, die von unmittelbaren Wechseln von tiefsten und höchsten Lagen geprägt werden. Am Ende steht die Erscheinung des Auferstandenen, dargestellt als in hellen Farben schimmernde Fuge über eine entmaterialisiert anmutende Variante des Themas.

Dass die besondere Stärke des Komponisten in der Gestaltung profilierter, sinnlicher Klänge liegt, zeigt sich nicht zuletzt in der Transfiguration für Orchester. Auch hier diente ein Bild als Inspirationsquelle, nämlich das gleichnamige Gemälde Raffaels. Aus der deutlich zweigeteilten Gestalt des Bildes, das zwei aufeinander bezogene Szenen des Evangeliums gleichzeitig zeigt, gewann Schultz die Idee, zwei musikalische Ebenen zu überlagern. Das Stück beginnt mit Streichertremoli und arkadisch-idyllischen Flötenklängen. Im weiteren Verlauf entwickeln Blechbläser und tiefe Streicher immer größere Aktivität, während in den hohen Holzbläsern und Violinen an einer statischen Klangfläche festgehalten wird. Die Musik steigert sich zu einem Höhepunkt, an dem die Violinen die Aktivität der Blechinstrumente zu übernehmen scheinen, doch setzen sich letztlich die sanften, statischen Klänge durch und bringen das Werk zu einem beruhigten Abschluss. Mit einer Spieldauer von nur acht Minuten dürfte das Werk in einem Symphoniekonzert unschwer unterzubringen sein. Gerade dieses Stück erscheint mir höchst geeignet, seinem Schöpfer Freunde zu gewinnen.

Die Aufführungen der Klavierwerke durch Eberhard Hasenfratz und des Orchesterstücks durch das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Jens Georg Bachmann erweisen den Kompositionen einen guten Dienst. Ein Beiheft mit Werkeinführungen des Komponisten und Abbildungen der vertonten Gemälde runden diese gelungene Produktion ab.

[Norbert Florian Schuck, Oktober 2026]