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Kleinmeisterlich

Toccata Classics, TOCC 0373; EAN: 5 060113 443731

Auf der zweiten der geplanten drei CDs mit der gesamten Orchestermusik von Henry Cotter Nixon hören wir das Präludium zur romantischen Operette The Witch of Esgair, das Concert-Stück op. 14 für Klavier und Orchester, das Scherzo Op. 16 mit dem Titel May Day, Dance of the Sea Nymphes: Pizzicato for Strings und die Concert Overture No. 2: Anima et Fide. Es spielt das Kodály Philharmonic Orchestra unter Paul Mann, am Klavier agiert Ian Hobson.

Toccata Classics brachte uns bereits eine Vielzahl großer Entdeckungen, von Reicha und Juon bis Hopekirk, Rosner und Tabakov, Tansman, Englund und Stankovych, um nur wenige all der bedeutenden Komponisten zu nennen, welche das Label im Katalog führt. Bei so einer großen Auswahl unbekannter Musik ist es nun doch verzeihlich, auch einmal einen Fehlgriff zu machen, was bedauerlicherweise mit der Gesamteinspielung der Orchestermusik von Henry Cotter Nixon (1842 – 1907) geschieht. Der Sohn des Komponisten Henry George Nixon ist in dem Sinne kein schlechter Komponist, lediglich kleinmeisterlich und absolut austauschbar. Er besitzt durchaus Charme in seinen kleinen Stücken leichteren Charakters, verliert sich allerdings in längeren Formen schnell im Irgendwo. Nixon konnte seinerzeit sicherlich in seinem örtlichen Umfeld einige Leute begeistern, nur sind wir heute durch die Möglichkeiten der Musikaufzeichnung und -wiedergabe nicht mehr auf regionale Kleinmeister angewiesen und können stets alle Größen in unser Wohnzimmer holen.

Es ist vor allem das thematische Material, das Nixon in seinem Komponieren beschränkte: Den Themen fehlt es an Prägnanz und Wiedererkennungswert, wodurch es uninteressant ist, die Arbeit mit diesen hörend nachzuvollziehen. Harmonisch bleibt die Musik stark an die Grundfunktionalitäten der herkömmlichen Muster gebunden, somit kann auch die Harmonik nicht über thematische Schwächen hinweghelfen. Besonders im Concert-Stück kommt derart Langeweile auf, hohle Virtuosität ohne erkennbare übergeordnete Struktur verwässert die Großform. Hörenswert sind vor allem die Stücke leichteren, operettenhaften Charakters wie die Ouvertüre zu The Witch of Esgair, ein Themen-Potpourri, oder die Pizzicato Dance of the Sea Nymphs, eine Schöpfung von beinahe Strauß’schem Witz und Prägnanz mit dem – meines Erachtens – bezauberndsten Themas dieser CD.

Die Musiker bemühen sich, der Musik Leben und Farbenvielfalt zu entlocken, und so schaffen sie schöne Momente. Schwer hat es vor allem Ian Hobson, der sich in dieser Musik lediglich von seiner fingerfertigen Seite zeigen kann, ohne lyrische Qualitäten unter Beweis stellen zu können. Doch was von ihm zu hören ist, gefällt. Paul Mann allerdings ist begeistert vom Komponisten, und diese Zuneigung ist hörbar – und in seinem Text im Booklet auch ablesbar.

[Oliver Fraenzke, Februar 2018]

Music for Yodit

Music For My Love – Celebrating the Life of a Special Woman
100+ New Works for String Orchestra, Volume One

Johannes Brahms / arr. Ragnar Söderlind: ‚Von ewiger Liebe’; Robin Holloway: Music for Yodit; Poul Ruders: Lullaby for Yodit; Mihkel Kerem: A Farewell for Yodit; Andrew Ford: Sleep; Steve Elcock: Song for Yodit, Op. 23; Brett Dean: Angels’ Wings (Music for Yodit); Jon Lord / arr. Paul Mann: Zarabanda Solitaria; John Pickard: –forbidding mourning…; Ragnar Söderlind: ‚Å, den svalande wind…’: 15 Variations on a Norwegian Folk Tune, Op. 120; Maddalena Casulana / arr. Colin Matthews: Il vostro dipartir

Kodály Philharmonic Orchestra (Debrecen), Paul Mann

Toccata Classics, TOCC CD 0333 (EAN: 9060113443335)

Eigentlich hätte die Albumserie ‚Music for Yodit’ heißen sollen, doch davon ausgehend, dass dies stets erklärungsbedürftig geblieben wäre, entschied sich Martin Anderson, Labeleigner und künstlerischer Leiter von Toccata Classics, für den Titel ‚Music For My Love’. 2008 hatte er die im eritreischen Asmara geborene Yodit Tekle kennengelernt, und als der gemeinsame Sohn Alex vier Jahre alt war, erfuhren sie, dass Yodit Magenkrebs hatte. Martin bat einige Komponistenfreunde um Stücke zu ihrem Trost, die dann – nach ihrem Tod am 24. April 2015 – zu Gedenkstücken wurden. Vor allem aber war die Reaktion so überwältigend, dass die Zahl der Stücke mittlerweile auf über 100 angewachsen ist, allesamt für Streichorchester – und diese Werke sollen nun also nach und nach alle auf CD erscheinen, in der Serie ‚Music For My Love’, deren erste Folge jetzt vorliegt. Es handelt sich also zugleich um einen einmaligen Akt der Repertoireschöpfung. Das erste Album wird von einem Streicherarrangement des Brahms-Lieds ‚Von ewiger Liebe’ (ohne Gesang) durch den großen norwegischen Symphoniker Ragnar Söderlind eröffnet, der mit 15 Variationen über eine norwegische Volksweise auch das hochdramatisch romantische, so mannigfaltige wie einheitliche Hauptwerk beigesteuert hat. Und Söderlind ist nicht der einzige bedeutende Meister, der hier vertreten ist. Robin Holloway hat ein herrlich herb einprägsames und in der Substanz verdichtetes, sehr poetisches Stück geschrieben, und John Pickard, der große britische Tondichter unserer Zeit, verfasste mit ‚…forbidding mourning…’ ein Meisterwerk  ornamentischer Kontrapunktik, das auch durch seine Geschlossenheit überzeugt. Kleinigkeiten trugen der Däne Poul Ruders und der Australier Brett Dean (sehr apart!) sowie Andrew Ford bei. Der in Tallinn gebürtige Mihkel Kerem hat ein introvertiertes Stimmungsgemälde geschaffen, wie auch Steve Elcock, dessen ‚Song for Yodit’ als erste Gabe entstanden ist. Der Dirigent der Aufnahme, die in Debrecen mit dem Kodály Philharmonic Orchestra gemacht wurde, hat die feierliche ‚Zarabanda Solitaria’ des einstigen Deep Purple-Keyboarders Jon Lord arrangiert, und zum Abschluss erklingt das ergreifende Madrigal ‚Il vostro dipartir’ von Maddalena Casulana (2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, gedruckt 1568 in Venedig), der ersten Europäerin, deren Musik einen Verleger fand, in einer schönen Einrichtung von Colin Matthews. Die Zusammenstellung ist sehr gelungen, einige der Werke sind eine echte Bereicherung für die reiche Literatur für Streichorchester. Die Aufnahmen und die Klangqualität sind ordentlich, das Booklet ist sehr informativ. Ein wirklich gelungener, berührender Beginn einer Serie, die nicht nur aufgrund ihrer Entstehungsumstände weithin Beachtung verdient – und Martin Anderson beweist auch hier einmal mehr, dass er es versteht, das unmöglich Scheinende möglich zu machen, dank der Wertschätzung, die die Komponisten ihm persönlich und seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Entdecker, Produzent, Enthusiast, Kritiker und Verleger entgegenbringen.

[Christoph Schlüren, Dezember 2016]