Schlagwort-Archiv: Genuin classics

Durch und durch leidenschaftlich

Genuin Classics, GEN 17464; EAN: 4 260036 254648

Auf der neuesten CD der deutsch-koreanischen Konzertpianistin Caroline Fischer sind die Appassionata Op. 57 und die Pathétique Op. 13 von Ludwig van Beethoven sowie die Romance variée Op. 3 und die g-Moll-Sonate Op. 22 Robert Schumanns zu hören.

Der Titel der vorliegenden CD entspricht dem Spiel Caroline Fischers trefflich: Piano Passion. Leidenschaft ist die Maxim der deutsch-koreanischen Pianistin, die sich vor allem von Inspiration und Intuition treiben lässt. Gerade durch letzteres entstehen einige fesselnde Momente, die innerlich erspürt und dem Hörer nachvollziehbar vermittelt werden. Andererseits lässt das Vertrauen auf Intuition auch manche Oberflächlichkeit oder Effekthascherei zu. So kann Fischers Klavierspiel schwerlich als einheitlich beschrieben werden, zu erwarten bleibt immer neues und unerwartetes Agieren. Kristallklares Rauschen und vorwärtsgerichtetes Brausen sind gerade in den Ecksätzen anzutreffen, Fischers Anschlag bleibt dabei durchgehend luzide und leicht. Sensibel besticht sie mit eben diesem im Finale der Appassionata und in Schumanns g-Moll-Sonate, lediglich der Kopfsatz von Beethovens Opus 57 erscheint nivelliert und phasenweise orientierungslos. In der Romance variée Op. 3 von Clara Schumann unterstreicht sie die Weiblichkeit dieses Werkes, welches ganz auf der Höhe der Zeit komponiert und mit allen musikalischen wie pianistischen Herausforderungen gespickt ist. In Beethovens und Robert Schumanns Musik meißelt sie jedoch nicht weniger das Männliche und unbeirrbar Entschlossene heraus, lässt Akkorde wuchtig schmettern (wenngleich sie die berühmten engen Akkorde in der Tiefe bei Beethovens Sonaten durch Betonung der Höhen abmildert) und ein kraftvolles Forte ertönen. Caroline Fischer holt manches versteckte Detail hervor und begegnet den allesamt nicht selten zu hörenden Werken auf eine ganz individuelle Weise, gibt ihnen eine persönliche und eigene Note, die durchaus für neue Erkenntnisse sorgen kann.

[Oliver Fraenzke, August 2017]

Der wahre Avantgardist in neuer Referenzqualität

Dmitri Schostakowitsch
Sonaten für Violine und Klavier op. 134 (1968) und für Viola und Klavier (1975)
Mirjam Tschopp (Violine, Viola), Riccardo Bovino (Klavier)
Genuin GEN 16428 (EAN: 4260036254280)

Hätte es je eine originellere Übernahme von tragenden Elementen eines großen Meisterwerks gegeben als im Finale von Schostakowitschs letzter Komposition, der Bratschensonate, die er einen Monat vor seinem Tod vollendete? Die Art, wie hier der Kopfsatz von Beethovens ‚Mondschein’-Sonate anklingt, ist wahrlich unheimlich und zeugt von einer ungeheuren inneren und äußeren Freiheit. Wie hatte Schostakowitsch selbst zwei Jahrzehnte zuvor, 1955, geschrieben:

„Ich glaube, Originalität im Musikschaffen ist umfassend zu verstehen. Die Übernahme einzelner Elemente von großen Komponisten der Vergangenheit bedeutet noch lange nicht ein Abschreiben von Seiten oder Takten aus bekannten Werken. Man muss die Technologie ihres Schaffens gründlich durchdenken, sie verstehen und dann dieses oder jenes Element zu seinen eigenen Zwecken benutzen, indem man es abändert oder – besser noch – entsprechend seiner eigenen künstlerischen Aufgabenstellung weiterentwickelt.“

Ein besseres Beispiel dafür könnte es nicht geben. Danach ist derlei in der Sowjetunion in Mode gekommen, doch selbst bei Schnittke nicht auf solcher beklemmend befreiten Höhe. Und heute erweist sich Schostakowitsch damit im Nachhinein als wahrer Avantgardist, denn heute ist solches Mäandern zwischen den Zeiten und Stilen allgemeine Verfahrensweise in der sogenannten ‚Postmoderne’, wenngleich eben meist mit peinlichen und kaum je mit wirklich hörenswerten oder gar zusammenhängend tragfähigen Resultaten. Dergleichen Probleme – die von unseren Zeitgenossen in ihren eigenen Werken gar nicht als solche wahrgenommen werden – kannte Schostakowitsch nicht, denn bei ihm funktioniert es so unvorhersehbar wie folgerichtig organisch.

Die Neuaufnahme der Bratschensonate und der um sieben Jahre vorangegangenen Violinsonate für den unübertroffenen David Oistrach durch die Schweizer Geigerin und Bratscherin Mirjam Tschopp und den Turiner Pianisten Riccardo Bovino bewegt sich auf olympischen Höhen. Nicht nur, das Mirjam Tschopp sowohl auf der Geige als auf der Bratsche eine herausragende Virtuosin ist: Bei ihr klingt die Bratsche zudem nicht wie eine tiefere Geige, sondern eben wirklich originär, wie eine Bratsche im schönsten Sinne klingen kann, als authentischer Ausdruck des Alt-Registers mit grandios mächtiger Tiefe. Mirjam Tschopps Ausdruck umfasst eine weite Skala. Grundsätzlich fällt eine unsentimental innige Herbheit auf, die sich allerdings in idealtypischer Weise mit Schostakowitschs weltabgewandtem Spätstil verbindet. Riccardo Bovino ist ihr ein souverän mitgestaltender und intensiv zuhörender Partner, und beide sind in jeder Hinsicht bestens aufeinander abgestimmt, auch in den dynamisch heikelsten Abschnitten bilden sie ein exzellent abgestimmtes Duo. Überhaupt ist das dynamische Spektrum mit entschlossener Bewusstheit sehr weit gespannt. Hinzu kommt eine vorzügliche Aufnahmetechnik, die wohl auch von der ausgezeichneten Akustik der Leipziger Bethanienkirche profitiert haben dürfte. Hier ist in allen Belangen superbe Arbeit geleistet worden, und auch Eckhard van den Hoogens kenntnisreicher Begleittext hält da gut mit.

Ein paar kritische Kleinigkeiten möchte ich dennoch anmerken: Dem Ganzen täte des öfteren noch mehr Tempokonstanz über die großen Abschnitte hinweg gut; und dynamisch entspricht die Realisierung nicht immer ganz dem musikalischen Sinn. So werden etwa manche Crescendi, die eigentlich nur zur nächsten Dynamikstufe hinführen sollen, übermäßig hervorgehoben, wodurch dann am Ziel die Dynamik wieder zurückgenommen werden muss. Auch das gegenteilig ausmündende Crescendo mit anschließendem subito piano (dieses einst von Beethoven mit so einmaliger Wirkung eingeführte Mittel) wird gelegentlich nicht konsequent zum Ende geführt. Auch über manche Phrasierung kann man diskutieren, doch das fällt dann doch nicht so sehr ins Gewicht, und als Fazit ist zu sagen: Es handelt sich um eine Referenzaufnahme, wie seit Jahrzehnten keine gleichrangige vorgelegt wurde. Gerne hören wir mehr von diesen außergewöhnlich ernsthaften und befähigten Künstlern.

[Lucien-Efflam Queyras de Flonzaley, August 2016]

Schönklang mit Mozart

Genuin classics Gen 15371; EAN: 4 260036 253719

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Die Klaviersonaten Nr. 16 in C-Dur KV 545, Nr. 11 in A-Dur KV 331 und Nr. 12 in F-Dur KV 332 von Wolfgang Amadeus Mozart sind auf der Neuerscheinung der koreanisch-kanadischen Pianistin Jennifer Lim beim Leipziger Label Genuin Classics zu hören.

Eine gute Darbietung der Musik Wolfgang Amadeus Mozarts sei eine der höchsten Künste für einen Pianisten, heißt es immer wieder. Und tatsächlich erweist es sich als Herausforderung der Extraklasse, diese so scheinbar leicht überschaubare und technisch zumeist auch für Laien bewältigbare Musik wirklich zu ergründen. Jede Melodie ist mit aufmerksamstem Fingerspitzengefühl in detailliertester Feinheit auszugestalten, die Unterstimmen dürfen dabei trotz oft ostinaten Figurenwerks niemals mechanisch werden, und auch sie bergen fortwährend herrliche Melodieelemente und offenbaren harmonische Finessen, die nach der heute gewohnten Erfahrung chromatisch-dissonant aufgeladener Musik zwar bei Weitem nicht mehr so stark wirken wie damals, aber umso mehr ständig neu entdeckt werden müssen. Und indem all dies klingende Gestalt wird, hat der Pianist die wohl komplexeste Aufgabe wahrzunehmen: Die Bewältigung der Form als zusammenhängendes Erlebnis, als nicht abreißender, atmend artikulierter Spannungsbogen. Wie soll man mit den themeninternen Melodiewiederholungen umgehen, wie sieht dies wiederum in großen Wiederholungen aus, auf welche Art transzendieren die Kontraste dabei und wie soll mit neu auftauchendem Material innerhalb der so oft wiederkehrenden Motive umgegangen werden? Diese und noch viele andere Fragen sind maßgeblich für ein adäquates Mozartspiel.

Jennifer Lim hat für ihre Einspielung drei grundverschiedene Sonaten ausgewählt. Sie beginnt mit der schlichten Sonate C-Dur KV 545, der spätesten der drei vorliegenden Werke, welche von Mozart als kleine Sonate für Anfänger bezeichnet wurde und heute vor allem durch den in der Erstausgabe abgedruckten Titel „Sonata facile“ berühmt ist. Doch wer sie einmal intensiv erarbeitet hat, weiß, dass dieser Titel auch auf den zweiten Blick noch trügt, denn so facile ist es keinesfalls, die Natürlichkeit auch ungekünstelt und frei entstehen zu lassen. Noch populärer ist die Sonate in A-Dur KV 331, vor allem deren Finale „Alla Turca“. Eindrucksvoll gestaltet ist in dieser vor allem der erste Satz, ein circa viertelstündiger Zyklus aus sechs Variationen über ein höchst anmutiges Thema. Ein verschollen geglaubtes umfassendes Teilautograph Mozarts dieser Sonate wurde 2014 in Budapest entdeckt und führte zu einer neuen Ausgabe des Verlags G. Henle, was allerdings auf der vorliegenden Aufnahme noch nicht umgesetzt wurde. Abschluss des CD-Programms bildet die F-Dur-Sonate KV 332, fünf Jahre nach der in A-Dur entstanden. Hier herrschen extreme Kontraste zwischen Dur und Moll, ganz unerwartet braust im Kopfsatz d-Moll auf und verdrängt das zarte Thema. Spannend gibt sich auch das Finale, eine unablässig herrschende Jagd, die im Gestus schon fast an den vierten Satz von Franz Schuberts Sonate c-Moll D 958 anklingen mag, der genau 50 Jahre später geschrieben wurde.

Die Pianistin vertritt ein sehr eindeutiges Bild von Mozart, ihr Spiel ist durchgehend äußerst zart und stets dem geordneten Wohlklang verpflichtet. Jede Stimme wird hörbar durch die präzise Fingerarbeit, die die aufbrausendsten Läufe wie ein leichtes Windspiel erscheinen lassen. So lädt Mozarts Musik unter den Fingern Jennifer Lims direkt zum Träumen ein, so wohl fühlt sich der Hörer in den kristallinen Strukturen. Zwar verzichtet sie dabei auf eine genaue Einhaltung der vorgegebenen Dynamiken und auf die von Mozart minutiös differenzierten Akzentuierungen, doch ist dies dem nur auf diese Art entstehenden Gesamteindruck geschuldet, und da dieser auch sinnvoll überdacht ist, ist ein solcher Eingriff durchaus wohlgefällig. Deutlich spürbar ist die Zuwendung zu dieser Musik, die sich in jeder Note des Spiels von Jennifer Lim manifestiert und den Hörer angenehm berührt. Lediglich zwei Aspekte stören ein wenig das Gesamtbild dieser Aufnahme: Zum einen ist es die Angewohnheit, unreflektiert jede einzelne Wiederholung zu spielen ungeachtet dessen, ob es auch hinsichtlich der Gesamtform Sinn ergibt. Bei Mozart haben zwar die meisten Wiederholungen eine Bedeutung, sofern sie auch mit eben dieser umgesetzt werden, doch ist es meines Erachtens musikalisch redundant, die Wiederholung der Durchführung und Reprise im Sonatenhauptsatz zu exerzieren. Es ist nahezu unmöglich, vom Schluss des Geschehens noch einmal in den Höhepunkt des Satzes zu springen, nur um daraufhin nachvollziehbar zum gleichen Ende zurückzukehren und dabei eine durchgehende Spannung zu erzeugen. Das zweite, was stört, ist die automatische Zurückdrängung aller Unterstimmen unter die Melodie der Oberstimme. Gerade in der A-Dur-Sonate herrscht ein unglaublich vielfältiges Stimmengeflecht, und die tiefen Stimmen dürfen sehr häufig eigenständig in Beziehung treten mit dem Diskant. Wenn dies gut herausgemeißelt wird, können polyphone Passagen entstehen oder auch herzerwärmende Duette ertönen, so wie Liebesarien aus einer Oper. Zwar sind bei Jennifer Lim diese Unterstimmen deutlich wahrzunehmen, doch sich zu Gleichberechtigung aufzuschwingen vermögen sie nicht. Kleinere und nur punktuell spürbare Unstimmigkeiten wie zu spitze statt auf damaligen Klavieren nur mögliche etwas nachhallendere Staccati in der zweiten Variation der KV 331 fallen dagegen weniger ins Gewicht. Die Tempowahl ist größtenteils gut getroffen, besonders die langsamen Sätze erhalten einen soliden, weder eilenden noch stagnierenden Charakter, nur manches Allegro geht ein wenig zu geschwind nach vorne. Was der Pianistin exzellent gelingt, ist die Verwendung des Pedals, das zu keiner Zeit etwas nur ansatzweise verwischen lässt, aber doch präsent und oft eingesetzt ist. So verlieren die Sonaten nichts von ihrer tonlichen Präsenz und unbestechlichen Klarheit, gewinnen jedoch gleichzeitig an Obertönen und Klangraum durch das Pedal. Dazu nötig ist eine Beherrschung des Teilpedals in der oberen Hälfte der möglichen Senkung, die von den meisten Pianisten quasi überhaupt nicht genutzt wird.

Die Aufnahmetechnik im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses Leipzig verleiht dem Klavier einen seidenen Klang, der wie gemacht zu sein scheint für das Spiel Jennifer Lims. Der Booklettext von Michael Juk aufgrund dessen Gespräch mit der Pianistin bietet zwar einmal eine neue Idee, die Werke durch ein subjektiv gefärbtes Licht darzustellen anstatt die so oft genannten Kompositionsdaten und Rezeptionsfakten erneut aufzuzählen, strotzt jedoch vor unnützen Details wie der Beschreibung des vor ihnen platzieren Essens (das zwar den Autoren satt gemacht haben mag, meinen Wissensdurst jedoch nicht stillen kann) und enthält natürlich hervorgehoben die wichtige Produzentenrolle Juks. Doch soll solch selbstverliebtes Getöse nicht ablenken von einer alles in allem durchaus gelungenen Darbietung von drei so herrlichen Sonaten aus der Feder des bis heute populärsten Komponisten weltweit: Wolfgang Amadeus Mozart.

[Oliver Fraenzke, Oktober 2015]