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Verdrängte Musik jüdischer Meister zu neuem Leben erweckt

Weimar, Festsaal Fürstenhaus, 13. November 2020, 20 Uhr: Jascha Nemtsov, Klavier, und Tehila Nini Goldstein, Sopran, stellten zum Abschluss einer Tagung über „Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Thüringen“ Lieder und Klavierwerke dreier wiederentdeckenswerter Komponisten jüdischer Herkunft vor: Gustav Lewin (1869–1938), Joachim Stutschewsky (1891–1982) und Hans Heller (1898–1969).

Bereits im Frühjahr 2019 beschäftigte sich in Weimar eine Ausstellung mit dem Thema Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Thüringen. Sie wurde begleitet von einer wissenschaftlichen Tagung, deren Beiträge von den Projektleiterinnen Prof. Dr. Helen Geyer und Dr. Maria Stolarzewicz mittlerweile in Buchform herausgegeben worden sind (Verfolgte Musiker im nationalsozialistischen Thüringen. Eine Spurensuche, Köln: Böhlau-Verlag 2020). Nicht nur hinsichtlich der Beleuchtung zahlreicher Einzelschicksale ist diese Veröffentlichung bedeutsam, wird doch hiermit auch erstmals die Einflussnahme der nationalsozialistischen Ideologie auf das Musikleben eines Landes im historischen Zusammenhang dargestellt, das für den Weg der NSDAP zur Macht von eminenter Bedeutung gewesen ist: Drei Jahre vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler hatte sich 1930 in der damaligen thüringischen Landeshauptstadt Weimar erstmals eine Regierung mit nationalsozialistischer Beteiligung gebildet. Thüringen galt den Nazis als „Mustergau“.

Den Thüringer Musikern, die nach 1933 wegen ihrer jüdischen Abstammung oder politischen Haltung von den NS-Machthabern um ihr Wirken und in vielen Fällen um Heimat und Leben gebracht wurden, eine zweite Tagung zu widmen, lag angesichts der Fülle noch ungesichteter Dokumente in der Natur der Sache. Zwar forderte die Covid-19-Pandemie den Tribut, dass die am 12. und 13. November stattfindende Veranstaltung in den virtuellen Raum verlegt werden musste, doch ist es Maria Stolarzewicz zu danken, dass immerhin alles soweit realisiert werden konnte, wie unter den aktuellen Bedingungen eben möglich. So kam am Abend des 13. November im Festsaal des Weimarer Fürstenhauses, des Hauptgebäudes der Musikhochschule Franz Liszt, auch das Abschlusskonzert zustande, das der Musik der auf der Tagung behandelten Komponisten zu erneuter klingender Existenz verhalf. Aufgrund der Pandemieschutzmaßnahmen war die Zuschauerzahl im Saal auf wenige Hochschulangehörige begrenzt; Interessierte konnten die Aufführungen jedoch als Direktübertragung im Internet verfolgen.

Es handelte sich um einen Klavier- und Liederabend. Als Pianist war Jascha Nemtsov zu hören, der in Weimar als Professor für die Geschichte der jüdischen Musik lehrt und sich seit Jahren um die Wiederentdeckung von Komponisten verdient macht, die im nationalsozialistischen Deutschland bzw. in der Sowjetunion verfolgt und verdrängt worden sind. Wie sehr ihm diese Arbeit am Herzen liegt, wurde anhand der Einführungen deutlich, die er zu jedem der vorgetragenen Werke gab: Mit wenigen prägnanten Sätzen gelang es ihm, dem Publikum profilierte Lebensskizzen der Komponisten Gustav Lewin, Joachim Stutschewsky und Hans Heller darzulegen. Nemtsov zur Seite stand die Sopranistin Tehila Nini Goldstein, deren abwechlungsreicher Vortrag den dargebotenen Liedern sehr zu Gute kam.

Die jüdische Abstammung der Komponisten, ihr Wirken in Thüringen und das Verbot ihrer Werke durch den Nationalsozialismus bildeten das einigende Band des Programms. Stilistisch unterschieden sich die vorgetragenen Werke jedoch stark voneinander, was nicht zuletzt auf Generations- und Herkunftsunterschiede ihrer Autoren zurückgeführt werden kann.

Gustav Lewin, 1869 geboren, assimilierte sich der Gesellschaft des kurz nach seiner Geburt gegründeten Deutschen Reiches und fühlte sich voll und ganz als Deutscher. Gegen seine rassistisch motivierte Entlassung aus dem Dienst an der Weimarer Musikhochschule, wo er 32 Jahre lang als Klavierlehrer, Gesangspädagoge und Dirigent des studentischen Orchesters gewirkt hatte, protestierte er mit einem Brief an das Thüringer Volksbildungsministerium, in dem er bekannte: „Deutschsein im Sinne Richard Wagners war für mich eine Selbstverständlichkeit.“ Zermürbt von antisemitischen Schikanen hungerte er sich 1938 zu Tode. Die dargebotenen Stücke, eine quirlige Caprice für Klavier und fünf Lieder, zeigen ihn als einen handwerklich tadellosen, formsicheren und klanglich abwechslungsreich gestaltenden Komponisten der Kaiserzeit, dessen Wagner-Verehrung in den Liedern immer dann deutlich wird, wenn er rezitativisch gestaltete Takte einbaut. Geschickt versteht er es, diese mit den umgebenden melodiebetonten Abschnitten zu verknüpfen, und auch in der Harmonik begegnet manch feine Wendung.

Einen starken Kontrast zu Lewins von traditionellem Dur und Moll bestimmter Musik boten die Vier jüdischen Tanzstücke von Joachim Stutschewsky, der 1891 in der heutigen Ukraine zur Welt kam. Stutschewsky wuchs in einer Familie von Klezmer-Musikern auf, bevor er mit 18 Jahren nach Deutschland ging. Er ließ sich als Cellist in Jena nieder und begründete dort ein Streichquartett. Nach längeren Aufenthalten in Zürich und Wien, floh er in Folge der Annexion Österreichs 1938 nach Palestina, wo er 1982 starb. Neben seinem Wirken als schaffender und nachschaffender Musiker betätigte sich Stutschewsky auch als Musikwissenschaftler und verfasste grundlegende Schriften über die Volksmusik der osteuropäischen Juden – es ist die Zeit, in der sich in Russland die Komponistengruppe der „Neuen jüdischen Schule“ formiert, und in der auch Ernest Bloch beginnt, in seiner Musik eine jüdische Identität zu kultivieren. Wie sehr sich Musikethnologie und künstlerisches Schaffen in Stutschewskys Werk ergänzen, konnte man anhand der Tanzstücke nachvollziehen. Über einfachen, rhythmischen Bässen entfalten sich in ihnen stufenreiche, melismatische Melodien, in denen sich Affekte des Frohsinns und der Traurigkeit in jener für die Musik der Klezmorim typischen Weise mischen.

Im Gegensatz zu dem nur wenig älteren Stutschewsky konnte sich der 1898 in Greiz geborene Hans Heller vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr als Musiker profilieren. Achtzehnjährig zum Kriegsdienst eingezogen, kehrte er mit einer schweren Armverletzung zurück, die ihm eine Pianistenlaufbahn unmöglich machte. Er wandte sich daraufhin ganz der Komposition zu und wurde in Berlin Schüler Franz Schrekers. Gerade als er anfing, als Komponist zu größerer Bekanntheit zu gelangen, kam Hitler an die Macht. Heller floh nach Frankreich, wo ihn der Nationalsozialismus nach dem deutschen Sieg 1940 einholte. Er wurde inhaftiert und zur Zwangsarbeit gepresst. Unmittelbar bevor er nach Auschwitz deportiert werden sollte, gelang ihm die Flucht. Mitglieder der Resistance versteckten ihn bis Kriegsende. 1946 versuchte er einen Neuanfang in den Vereinigten Staaten, kehrte aber 1959 nach Deutschland zurück. Dass das Vergessen, das sich nach seinem Tode 1969 über ihn breitete, gänzlich unverdient war, zeigt seine Musik deutlich. Zwar erscheint der auf Gedichte von Anton Wildgans komponierte Liederzyklus Vom kleinen Alltag, dessen reimlose Verse in Hellers Vertonung erst recht prosaisch anmuten, eher als Dokument der in den 1920er Jahren beliebten Sachlichkeits- und Sprödigkeitsmode – Hellers Klaviersonate op. 3 jedoch kann man getrost ein Meisterwerk nennen. Das knapp gefasste Stück in drei ineinander übergehenden Sätzen zeigt seinen Komponisten als kühnen, expressionistisch angehauchten Harmoniker und souveränen kontrapunktischen Gestalter. Angesichts eines solchen Werkes fragt man sich, welche Entdeckungen eine weitere Sichtung von Hellers Nachlass noch zu Tage fördern wird? Man liest von einem pazifistischen Oratorium aus seiner amerikanischen Zeit, von Symphonien, Kammermusik für Streicher, Klavierfugen. Offenbar haben wir hier eine bedeutende Stimme vor uns, die mehr Gehör verdient als sie aufgrund widriger Umstände zu Lebzeiten gefunden hat.

Das Konzert machte deutlich, welch verschiedene Wege jüdische Komponisten im Deutschland des frühen 20. Jahrhundert einschlugen, und dass Werke, die jahrzehntelang nicht erklungen sind, blühendes Leben ausstrahlen können, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt. Mögen Jascha Nemtsovs Forschungen weiterhin von solch schönen Erfolgen gekrönt sein!

[Norbert Florian Schuck, November 2020]

Spanisch-jüdische Gesänge

Goldstein / Nemtsov: hänssler classic, HC18003; EAN: 8 81488 18003 9

Levitin / Wagner: Rondeau, ROP6155; EAN: 4 037408 061551

        

Gleich zwei Gesamteinspielungen von Alberto Hemsis Coplas Sefardies laufen gerade an: Sie enthalten die ersten vier der insgesamt zehn Bände mit jeweils sechs Gesängen. Die ersten beiden Sammlungen resultierten aus Hemsis Reisen nach Rhodos, die folgenden basieren auf Melodien, welche der Komponist in Thessaloniki sammelte. Vorgetragen werden die Lieder einmal (aufgenommen: 23.-26. Oktober 2017) von der Sopranistin Tehila Nini Goldstein und von Jascha Nemtsov am Klavier sowie einmal (9.-12. Oktober 2017) vom Bariton Assaf Levitin und dem Pianisten Naaman Wagner.

Das Interesse für die Musik seiner ererbten Kultur erwachte bei Alberto Hemsi nicht etwa im Kreise seiner jüdisch-sephardischen Familie, sondern während seines Studiums in Mailand. Ein Professor behauptete, dass die jüdischen Melodien verloren gegangen seien –  Anreiz genug für Hemsi, ihm das Gegenteil zu beweisen. Seine Forschungsreisen, die in den frühen 1930er Jahren begannen, führten ihn unter anderem nach Rhodos, Thessaloniki, Alexandria, Anatolien und Istanbul. Hemsi sammelte 232 Texte und 68 Melodien, wobei die unbegleiteten Lieder auf Ladino gesungen wurden, der heute beinahe ausgestorbenen Sprache spanischer Juden. Der Komponist griff in die Quellen ein, passte sie an das westliche Takt- und Tonartsystem an und schuf der gängigen Vortragspraxis entsprechend aufführungsgerechte Fassungen. Dazu unterlegte er ihnen Klavierbegleitung, welche entstehende Bilder und Emotionen verstärkt und untermalt.

Die Aufnahme von Assaf Levitin und Naaman Wagner verfolgt in erster Linie das Ziel, die vorliegenden Noten wiederzugeben und Vortragsanweisungen miteinzubeziehen. Es existiert kein Augenmerk darauf, sich individuell in die spanisch-jüdische Welt einzuleben und echten Ausdruck zu entfalten. Verständlich wird natürlich die Synthese spanischer Folklore und jüdischer Tradition, in die Elemente des Arabischen, Türkischen und bisweilen sogar Italienischen hineinspielen. Diese Erkenntnis jedoch verdanken wir weit mehr den Kompositionen als den darbietenden Musikern. Levitin intoniert sauber, doch sein Vortrag ist gleichförmig und ohne stimmliche Mannigfaltigkeit. Wagner spielt distanziert und zurückgehalten, meist trocken.

Ganz anders ist da die Aufnahme mit Tehila Nini Goldstein und Jascha Nemtsov realisiert: Die Musiker lassen sich deutlich mehr Zeit für die Lieder, auf ihre CD passen lediglich 20 der Lieder (bei Levitin 24 in insgesamt kürzerer Zeit). Das improvisatorische Element gewinnt mehr an Bedeutung, ebenso der Fokus auf die jüdischen Klangwelten. Hemsi schrieb selbst über sein Werk: „Genauso, wie die Poesie ihre Geschichte in unzählbaren Versen erzählt, singt die Musik ihre Geschichte in Klängen ohne Taktstriche. […] Deshalb zeichnet sich dieser Gesang durch Improvisation und ständig veränderte Variation aus. […] Niemals aufgeschrieben oder notiert, ist es ein natürlicher Gesang, erdacht anhand von Klängen und nicht Noten.“ Das Zitat spiegelt sich in vorliegender Einspielung, die sich eben die nötigen Freiheiten nimmt, um die klingende Authentizität zu beschwören. Goldstein singt inbrünstig, lyrisch, mit großer Ausdrucksbandbreite und dynamisch fein ausgewogen. Aufmerksam wirkt Jascha Nemtsov mit, hört wach zu und setzt um, schafft dabei eine funktionierende Symbiose mit der Sängerin. Hier erspüren wir ein Gefühl für das Leben hinter diesen Liedern, Musik wie gesellschaftlicher Kontext werden uns nahe gebracht.

Raten würde ich dringend zu der Aufnahme mit Goldstein und Nemtsov. Die Gefahr ist groß, dass wir bei Levitin und Wagner die Schuld dafür, dass wir die Musik nicht verstehen können und sie uninspiriert vor sich hin plätschert, bei den Liedern selbst suchen. Dass jedoch diese Lieder ganz im Gegenteil sogar hohen Repertoirewert besitzen, wird klar, wenn wir Goldstein und Nemtsov zuhören.

[Oliver Fraenzke, April 2018]

Grandiose Klaviermusik aus dem Gulag

Hänssler Classic, 5CDs, LC 13287; EAN: 0881488170351

Nachdem letztes Jahr bereits die 24 Préludes sowie die 24 Präludien & Fugen gewissermaßen als Auskopplungen bei Hänssler veröffentlicht wurden, erscheint jetzt endlich auf 5 CDs eine größere Auswahl aus dem (erhaltenen) Klavierwerk des russischen Komponisten Vsevolod Zaderatsky (1891-1953), der einen Großteil seines Lebens unter politischer Verfolgung litt und sogar zwei Jahre im Gulag verbringen musste. Die Darbietung des als Spezialist für jüdische Musik geschätzten Jascha Nemtsov kann nur als phänomenal bezeichnet werden.

Diese Entdeckung ist eine echte musikalische Sensation! Nachdem die Fachwelt sich jahrzehntelang um eine erfolgreiche Rehabilitierung der im Dritten Reich verfolgten bzw. ermordeten Komponisten beispielsweise aus Theresienstadt (Krása, Ullmann, Haas…) bemüht hat, steckt eine entsprechende Aufarbeitung der unter den Sowjets bedrängten russischen Komponisten noch eher am Anfang.

Dem russischen Musikwissenschaftler und Pianisten Jascha Nemtsov ist es zu verdanken, dass im vergangenen Jahrzehnt das Klavierwerk des russischen Komponisten Vsevolod Zaderatsky, der zu Lebzeiten weder gedruckt noch aufgeführt wurde, ans Licht kam. Zaderatsky – gleichaltrig mit Prokofieff – studierte ab 1910 in Moskau erfolgreich bei Tanejew und Ippolitov-Ivanov. 1920 entging er nur knapp der Exekution durch die russische Geheimpolizei Felix Dserschinskis. Als Offizier der Weißen Armee und ehemaliger Musiklehrer der Zarenfamilie hatte Zaderatsky dabei ganz schlechte Karten. Bis auf vier Moskauer Jahre (1930-34) und die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, in der er jedoch weiter vom Sowjetischen Komponistenverband diskreditiert wurde, lebte er in der Verbannung, von 1937-39 sogar im Gulag. Seine Werke bis 1926 wurden komplett vernichtet.

Die im sibirischen Gulag 1937-38 entstandenen 24 Präludien & Fugen sind – ganz abgesehen von ihrer unglaublichen Entstehungsgeschichte – ein musikalisches Wunderwerk. Es fällt zeitlich nicht nur vor Hindemiths Ludus tonalis, sondern insbesondere auch weit vor Schostakowitschs entsprechenden Zyklus (op. 87, 1951). Natürlich ist auch für Zaderatsky Johann Sebastian Bach das große Vorbild, aber hier begegnet uns weit mehr als eine bloße Hommage. Die stilistische wie auch emotionale Spannweite übertrifft Schostakowitsch deutlich: Ein einzigartiger musikalischer Kosmos wird hier aufgespannt. Die Verbindung des Materials von den Präludien zu den Fugen ist überzeugend; meist wirkt das Paar wie aus einem Guss. Generell bleibt Zaderatsky zwar der Tonalität verpflichtet und die Stücke des Zyklus folgen in ihrer Anordnung dem Quintenzirkel. Dennoch arbeitet der Komponist sehr charakteristisch mit vielen Dissonanzen, vor allem Mini-Clustern aus einer oder mehreren kleinen Sekunden, die ein völlig anderes Klangbild ergeben als bei Schostakowitsch – in seiner Wirkung zudem noch konzertanter. Der Zyklus wurde erst 2015 von Jascha Nemtsov uraufgeführt, die Entdeckung auch in Russland bejubelt.

Näher an Schostakowitschs gleichnamigem Zyklus (op. 34, 1933) liegen Zaderatskys 24 Préludes (1934), die trotz einiger experimenteller Elemente andererseits mehr auf Chopin verweisen. Von den drei Klaviersonaten sind die ersten beiden (1928) die interessanteren. Nach der Vernichtung seiner Werke, zwei Jahren Haft und einem Selbstmordversuch orientieren sie sich an den großen, einsätzigen Sonaten Skrjabins, Roslavez‘ und Feinbergs, sind aber depressiver und zerrissener. Die vielgliedrige, gewaltige zweite Sonate muss man mehrfach hören, bis sich ihre Teleologie erschließt. Dagegen wirkt die dritte, tonale Sonate von 1939 deutlich konventioneller, ohne jedoch typische Eigenheiten Zaderatskys zu verleugnen: Kompromiss an die Machthaber nach der Freilassung aus dem Gulag?

Die beiden Klavierzyklen Die Front (1944) und Die Heimat (1946) weisen schon von ihren Satztiteln her auf den sozialistischen Realismus: ein Trugschluss! Nur oberflächlich geben sie sich konziliant. Die Front bedient sich nicht einmal als Maske propagandistischer Kriegsrhetorik, ganz im Gegensatz zu manchen musikalischen Äußerungen einiger Avantgardisten (vgl. Mossolows E-Dur-Sinfonie), die sich in den Kriegsjahren aus Angst vor Stalin zu Konformität gezwungen sahen. Vielmehr zeigt der Zyklus ungeschminkt die Schrecken des Krieges, ganz ohne Agitation, vergleichbar vielleicht nur mit Leo Ornsteins anklagendem Klavierzyklus Poems of 1917. Ziemlich ironisch gibt sich dann auch Die Heimat. Pianistisch ist dies alles höchst virtuos; Zaderatsky beherrscht die Klangpalette des Instruments souverän. Ganz erstaunlich etwa Die Fabrik: Die mechanistische Lautmalerei erinnert einerseits an Mossolows Eisengießerei, greift aber bereits auf Stücke wie Frederic Rzewskis Winnsboro Cotton Mill Blues vor. Die kürzeren Zyklen aus gefälligeren Miniaturen, meist um 1930 entstanden, erreichen zumindest das Niveau bekannterer zeitgenössischer Russen wie Kabalewski oder Alexander Tscherepnin.

Jascha Nemtsovs Interpretationen sind nicht nur pianistisch makellos. Er erfasst sowohl die teilweise – für einen Tanejew-Schüler wenig überraschend – komplizierte Polyphonie der Präludien & Fugen als auch die Ironie der nur scheinbar dem sozialistischen Realismus verpflichteten Klavierzyklen und die tiefe Depression der beiden ersten Klaviersonaten. Die Stimmführung bleibt immer transparent, die gewählten Tempi sind goldrichtig und die musikalischen Charaktere werden mit einer staunenswerten Plastizität getroffen. Von lyrischem Schönklang bis zu ausgefransten Dissonanzen wird der Klavierklang orchestral ausgelotet. Und bei den 24 Préludes erkennt der Hörer sofort die musikhistorischen Bezüge. Kurz: Mit dieser Darbietung, die zudem auch aufnahmetechnisch überzeugt, darf man wunschlos glücklich sein. Nemtsov verfasste überdies den hochinformativen Booklettext. Den Namen Zaderatsky sollte man jetzt in einem Atemzug mit längst bekannten russischen Klaviermeistern nennen dürfen, zumal die Werke nun wohl endlich im Druck erscheinen werden. Wunderbar, dass diese CD-Box dazu als höchst gelungener Vorreiter dienen kann.

[Martin Blaumeiser, Oktober 2017, korrigiert Februar 2018]