Archiv der Kategorie: CD-Rezension

Von Beethoven bis Bierflaschen

Lawo, LWC1130; EAN: 7 090020 181523

Ketil Hvoslef: Chamber Works No. IV; Ricardo Odriozola, Māra Šmiukše (Violin), Einar Røttingen (Klavier), Ilze Klava (Viola), John Ehde (Cello), Steinar Hannevold (Oboe), James Lassen (Fagott), Britt Pernille Lindvik (Trompete), Håvard Sannes (Posaune), Håkon Nilsen (Klarinette)

Die vierte der insgesamt neun CDs mit Kammermusik des norwegischen Komponisten Ketil Hvoslef ist erschienen: Sie enthält das frühe Sextett, das Beethoventrio, das Klavierquintett und den Nordischen Kontrapunkt für Fiedeln und Bierflaschen.

Seine Eigenständigkeit und persönliche Aussage sowie sein instinktives Gespür für Form machen Ketil Hvoslef zu einem der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart. 1939 wurde er als jüngster Sohn des großen Symphonikers Harals Sæverud geboren, dessen Ruf zwar kaum die Grenzen Norwegens überschreitet, aber dessen Werke doch von Musikern wie Leopold Stokowski oder Jan Henrik Kayser geschätzt, gespielt und aufgenommen wurden. Als Ketil nach Anfängen als Maler entschloss, sich doch der Musik zuzuwenden, nahm er den Namen seiner Mutter Marie Hvoslef an. Doch woher kam der Entschluss, sich von der bildenden Kunst abzuwenden? Es war das Urteil seines Lehrers, das Hvoslef zu diesem Bruch trieb: es gebe keine eigene Aussage in seinem Werk. Und vielleicht gab dies auch Anstoß zu einer nie endenden Suche nach dem „Eigenen“ in seiner Musik: Hvoslef schwört allen Konventionen ab, hat sich nie den Avantgardisten angeschlossen, den Postavantgardisten, Spektralisten, Minimalisten oder sonst einer Stilgruppe. Stattdessen schreibt er Musik, wie sie in ihm aufkommt und sich in ihm entwickelt.

Die Musik von Ketil Hvoslef entwickelt sich frei und organisch, überrascht den Hörer immer wieder und spielt mit Erwartungen. Der Norweger liebt es, sich selbst Grenzen zu setzen und in seinen Möglichkeiten zu beschneiden, um dadurch einen stringenten Fluss zu fördern, der eben nicht durch eine unendliche Vielzahl an Ideen und Möglichkeiten seinen Lauf verliert. Einfachste Mittel genügen Ketil Hvoslef, um mit ihnen die Spannung aufrechtzuerhalten, ohne gekünstelte Manierismen oder Effekthascherei. Die Musik erregt den Hörer und bannt die Aufmerksamkeit, ein Zurücklehnen oder passives Hören hingegen verwehrt sie vollständig.

Das früheste Werk, das für die CD-Reihe eingespielt wurde, ist das Sextett, welches noch Bezüge zu Strawinsky aufweist und durch kontinuierliche Rhythmik und herbe Kontraste besticht. Dunkel und beinahe gruselig erscheint das Beethoventrio, wenngleich ein heiteres Thema aus Beethovens Trio op. 11 immer wieder dazwischenfunkt – wobei diese Ausgelassenheit durch den Kontext immer weiter in Frage gestellt wird. Der Nordische Kontrapunkt für Fiedeln und Bierflaschen wirkt wie ein humorvolles Intermezzo, und doch handelt es sich um seriöse Musik, die beweist, dass Ketil Hvoslef sogar aus Bierflaschen ein Melodieinstrument zaubern kann. Die Flaschen dienen nicht einem reinen Effekt, sondern geben tatsächlich einen Kontrapunkt zu den beiden Violinen und werden eher wie eine Panflöte behandelt. Das Hauptwerk dieser CD ist allerdings das Klavierquintett, welches Hvoslef dem Pianisten Einar Røttingen widmete, es für und mit ihm schrieb. Es besteht aus einem einzigen Satz, der mit einer Länge von 27 Minuten zu den längsten Kammermusiksätzen des Norwegers gehört. Thematisiert wird die Wechselwirkung zwischen einem Klavier und vier zusammengehörigen Streichern. Das Quintett ließe sich als Anti-Quintett bezeichnen, denn das Klavier ist weder virtuos, noch sticht es als Solist hervor: Hvoslef beschneidet seine Möglichkeiten, indem er nur die nötigsten Töne setzt und dabei aus wenigen nackten Noten den vollen Ausdruck schöpfen will. Das Klavier kämpft meist gegen die Streicher an, aber nimmt doch hin und wieder ihre Ideen und Klänge auf – nicht ohne sie in ganz anderes Licht zu rücken.

Wie auch der Komponist wohnen die meisten Musiker dieser Aufnahme in Bergen und kennen sich, musizieren entsprechen lange Zeit miteinander und mit Ketil Hvoslef. Wir hören ein Klangresultat aus jahrelanger Freundschaft, intensiver Arbeit und Verständnis für diese Art von Musik. Alles ist am rechten Platz, die Musiker spielen wie aus einem Atem heraus und können jedes noch so feine Detail umsetzen: Imponierend gestaltet sich das Finale des Klavierquintetts, welches aus einem sich langsam steigernden Crescendo und ebenso langsam abfallenden Decrescendo besteht, beide beinahe unrealisierbar lang. Doch es gelingt den Musikern, eine absolut konstante Dynamikschwellung zu verwirklichen! Andere Effekte wirken auf subtilerer, unterschwelligerer Ebene, wurden in gleicher Weise fein und bewusst umgesetzt. Hier hören wir eine absolut grandiose Leistung aller Beteiligten, wie sie ihresgleichen sucht.

[Oliver Fraenzke, September 2018]

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Sehr französische Indienträume

Chandos; LC 7038; EAN: 0 9511519572 7

Albert Roussel: Évocations;  BBC Philharmonic, CBSO Chorus, Yan Pascal Tortelier (Leitung), Kathryn Rudge (Mezzosopran), Alessandro Fisher (Tenor), François Le Roux (Bariton)

Yan Pascal Tortelier hat sich auf CHANDOS Albert Roussels großem Indienpanorama «Évocations», der vielgespielten Suite F-Dur und der symphonischen Dichtung «Pour une fête de printemps» angenommen. Leider gelingt nicht alles auf überzeugendem Niveau.  

Neben Nikolai Rimski-Korsakow ist Albert Roussel wohl der einzige bekanntere Komponist, der eine Zeit lang zur See gefahren ist, sicherlich ein Grund für beider Liebe zu exotischen Sujets. Wenn heute Roussel vor allem noch für seine 3. und 4. Symphonie – klare Zeugnisse des Neoklassizismus der frühen 1930er Jahre – gerühmt wird, so gab es bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg eine bedeutende Phase, die man impressionistisch nennen muss, auch wenn Roussel das Erbe der Spätromantik längst nicht so konsequent abgelegt hat wie Debussy oder Ravel. Roussel unternahm mit seiner Gattin auch lange nach seiner Militärzeit eine ausgedehnte Hochzeitseise nach Indien und Fernost. Die zwei beeindruckendsten Zeugnisse davon sind Évocations (1910-11) und später seine Opéra-ballet Padmâvatî (1913-1918).

Évocations zeichnet in drei Sätzen ein geheimnisvolles, raffiniert instrumentiertes Bild Indiens; im letzten Satz treten zum Orchester noch drei Gesangssolisten und Chor hinzu. Michel Plasson hat 1986 eine überragende Aufnahme dieses in Vergessenheit geratenen Dreiviertelstünders hingelegt (EMI), an der sich Yan Pascal Tortelier leider messen lassen muss. Die düsteren Schatten des ersten Satzes und die zart changierenden Rosatöne des zweiten (La Ville rose, ein Porträt Jaipurs) gelingen Tortelier gleichermaßen, wenn auch etwas unflexibler bei den Tempi als Plasson. Die Aufnahmetechnik ist bei Chandos etwas direkter und luftiger. Aber was ist dann im dritten Satz mit Chor und Solisten los? Der Chor des City of Birmingham Symphony Orchestra produziert ein gähnend langweiliges Gesäusel, zudem von der Aufnahme zu sehr in den Hintergrund gepresst, ohne jede Präsenz. Aber es kommt noch ärger: Hatte Plasson drei Weltklasse-Solisten (Nicolai Gedda, Nathalie Stutzmann und José van Dam) zur Verfügung, die ihrem Namen alle Ehre machten, können weder Kathryn Rudge noch Alessandro Fisher irgendwelche Akzente setzen – und auch hier sorgt die Technik für eine unidentifizierbare Positionierung. Ehemals Abbados Pelléas, zeigt sich François Le Roux leider nicht einmal mehr als Schatten seiner selbst: Die Stimme ist völlig brüchig, wackelig, detoniert; das könnte man gerade noch als Sprechen, aber nicht mehr als Singen bezeichnen – eine echte Zumutung, die den über 22-minütigen Satz komplett abschießt.

Tadellos dagegen die bereits neoklassizistische Suite F-Dur und die symphonische Dichtung Pour une fête de printemps, die ursprünglich als Scherzo der 2. Symphonie geplant war und mit hübscher Polymodalität (Roussel) überrascht. Hier gelingen Tortelier, der sich ja u.a. bereits als erstklassiger Dutilleux-Dirigent auf Chandos präsentiert hat, differenzierte, rundum erfreuliche Darbietungen. Trotz des Repertoirewerts fällt es mir wegen des absolut verunglückten Finalsatzes der Évocations schwer, diese CD zu empfehlen.

[Martin Blaumeiser, August 2018]

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Mariss Jansons‘ Alpenpanorama

BR-Klassik, LC 20232; EAN: 4 035719001488

Richard Strauss: Eine Alpensinfonie, Tod und Verklärung; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons (Leitung)

Da kann man schon etwas durcheinander kommen: Gerade scheint man beim BR-Klassik-Label das von Mariss Jansons mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bisher eingespielte Repertoire an Orchesterwerken von Richard Strauss neu auf verschiedene Einzel-CDs zu verteilen; es handelt sich dabei aber nicht um Neuaufnahmen. So möchte ich hier trotzdem die ältere Kopplung der Alpensinfonie mit ‚Tod und Verklärung‘ besprechen; mit beiden Werken dringt Jansons hier in die erste Liga der mehr als zahlreichen Konkurrenzeinspielungen vor.  

Richard Strauss‘ „Eine Alpensinfonie“ von 1915 ist die letzte, von der Orchesterbesetzung aufwändigste und auch längste seiner Tondichtungen. An ihr scheiden sich die Geister: bei Orchestermusikern eher unbeliebt, da in ihrer sehr direkten Lautmalerei an den Stationen einer ganztägigen Bergwanderung allzu plakativ, geradezu simpel im Vergleich zu philosophisch wie kompositionstechnisch elaborierteren Werken wie etwa Don Quixote oder Also sprach Zarathustra. Dirigenten mögen sie dagegen sehr, eben weil sie hier mit dem Farbenkasten mal so richtig dick auftragen können. Zubin Mehta, der solche Stücke dann meist innerhalb eines kürzeren Zeitraums gleich mit allen ihm verbundenen Orchestern aufzuführen pflegte, machte mir gegenüber aus seiner Begeisterung keinen Hehl, aber nicht ohne hinzuzufügen: „Na, das reicht dann auch wieder für die nächsten zehn Jahre.“ Beim Publikum ist dieses Alpenpanorama natürlich gerade dafür beliebt, dass über weite Strecken einfach unmissverständlich klar ist, was da musikalisch geschildert wird und so schön die gewaltige Klangpalette eines richtig großen Orchesters – mit Orgel und zusätzlich 12 Hörnern hinter der Szene – demonstriert wird. Strauss erlangte hier den Höhepunkt seiner Instrumentationskunst.

Jansons‘ Alpensinfonie – aus drei Live-Mitschnitten von 2016 aus der Münchner Philharmonie kompiliert – überzeugt natürlich durch aufs Edelste ausgekostete Klangkombinationen, perfekt erarbeitet. Alle gefürchteten Soli (Oboe, Klarinette, besonders Trompete) gelingen tadellos. Auch die Dramaturgie der großen Bogenform und die sich daraus ergebende symmetrische Metamorphose der Hauptmotive kommt klar zur Geltung. Alles erscheint völlig natürlich, organisch, dem hinter der Komposition steckenden pantheistischen Credo werden Orchester und Dirigent mehr als gerecht. Trotzdem: Das Ganze wirkt hier wie eine Filmmusik. Der Zuhörer nimmt – auch emotional – nur virtuell teil an einer Bergwanderung, wird nicht wirklich nass bei Gewitter und Sturm; man ist nicht in den Alpen, sondern eher bei einer Vorführung eines Alpenfilms auf einer Bogenhausener Sommerparty. Zuletzt gelangen beispielsweise Andris Nelsons (City of Birmingham SO, Orfeo 2010) oder Philippe Jordan (Orchestre de l’Opéra National de Paris, Naïve 2009) eindringlichere Darbietungen der Alpensinfonie, die den Rezipienten quasi als Wanderer direkt ins Geschehen hineinkatapultierten. Nelsons enormer dramatischer Zugriff und Jordans unfassbar subtile klangliche Ausdeutung haben mich dann doch mehr begeistert als Jansons‘ routinierte Perfektion. Trotzdem gehört diese Interpretation in die absolute Spitzengruppe von vielleicht fünf oder sechs Einspielungen – gerade auch weil es die Tontechnik des BR wieder einmal schafft, ein fast konkurrenzloses Ergebnis an Durchsichtigkeit bei gleichzeitig größtem Dynamikumfang abzuliefern. Da kann meine, rein musikalisch betrachtet, immer noch unerreichte Lieblingsaufnahme (Rudolf Kempe, Staatskapelle Dresden, EMI 1971) nicht mehr mithalten.

Eine echte Referenzaufnahme gelingt Jansons hingegen bei Tod und Verklärung. Das ist mitreißend, der minutiös kalkulierte musikalische Aufbau der einzelnen Abschnitte und die große Verwandlung der Musik zum Schluss werden zu einer ergreifenden Reise in die noch ganz romantische Vorstellungswelt eines gerade mal 25-Jährigen von Leben und Tod. Die Höhepunkte wirken gnadenlos in ihrer Gewalt, übertriebenes Pathos (wie z.B. bei Karajan) wird jedoch vermieden, die Verklärung bleibt als Nachhall des vorhergegangenen „Schicksals“ keineswegs utopisch, sondern vermag direkt zu berühren – Tod als Erlösung? Dieses Stück hatte mich vorher noch nie in seinem tiefen Ernst derart gefangen genommen wie in dieser Darbietung – eine Glanzleistung, die ich jedem Strauss-Begeisterten unbedingt empfehlen darf.

[Martin Blaumeiser, August 2018]

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Zwei Rachmaninow-Meisterwerke in mustergültiger Aufnahme

BR-Klassik, LC 20232; EAN: 4 035719001549

Sergey Rachmaninov: The Bells, Symphonic Dances; Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons (Leitung)

Auf dem BR-Klassik Label gibt es nun die beiden vielleicht bedeutendsten Orchesterwerke Sergei Rachmaninows, die vierteilige Chorsinfonie „Die Glocken“ sowie die „Symphonischen Tänze“ mit Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in wirklich Maßstäbe setzenden Live-Mitschnitten (Jan. 2016 bzw. Jan. 2017) aus dem Münchner Herkulessaal. Ein neuer Höhepunkt in Mariss Jansons‘ Diskographie.

Nicht erst, seitdem einem Rachmaninows Klavierkonzerte (insbesondere Nr. 2 & 3) langsam aus den Ohren zu quellen drohen, war mein Lieblingswerk des russischen Komponisten dessen große, viersätzige Chorsinfonie Die Glocken (1913). Die Vertonung des berühmten Gedichts Edgar Allen Poes in der monumentalen Übersetzung Konstantin Balmonts (man vergleiche Strawinskys Zwesdóliki – Le Roi des étoiles nur ein Jahr zuvor) ist ein gewaltiger Kosmos des Lebens und des Todes – von den die Jugend symbolisierenden Schlittenglöckchen des ersten Satzes über Hochzeitsglocken, Sturmglocken bis zu den Totenglocken des Finales. Dass Mariss Jansons hierbei mit den nuancenreichen Instrumentationseffekten adäquat umzugehen weiß, ist schon fast selbstverständlich. Aber wie ihm durch kongeniales Timing gelingt, die verschiedenen Stimmungen wirklich auf den Punkt zu bringen und dabei den perfekt einstudierten Chor (Peter Dijkstra) zu konstanten Höhenflügen zu verleiten, erscheint geradezu sensationell. Das Stück hört man in Deutschland leider viel zu selten; Simon Rattles Einspielung von 2012 war zugleich die erste Aufführung mit den Berliner Philharmonikern überhaupt! Aber es gibt ein paar gute CDs: Meine bisherige Referenz war Vladimir Ashkenazy (Decca 1984), mit ebenfalls überzeugender Chor- und Orchesterleistung (Concertgebouw). Jansons hat das dramaturgische Verständnis dafür, wie quasi volkstümlich anmutende Melodik im Zusammengehen mit gregorianischen Anklängen (Dies irae) eine solche emotionale Durchschlagskraft entwickelt, dass man den zur Entstehungszeit eigentlich rückwärtsgewandten Kompositionsstil gerne vergisst. Wenn ich mir den apokalyptischen dritten Satz anhöre, so nimmt etwa Rattle zu Beginn ein schnelleres, aufgeregteres Tempo. Nach den ersten beiden Eskalationswellen ist hier aber bereits so viel Pulver verschossen, dass das Poco meno nach der Fermate (Zif. [71]) nicht mehr breit genug genommen wird, und die weiteren Steigerungen längst nicht mehr die Energie entwickeln wie bei Jansons, der an gleicher Stelle ruhiger beginnt, aber trotz mehr klanglichen Gewichts schier unendliche Reserven zu haben scheint. An derartigen Scharnierstellen zeigt sich vielfach die überlegene Souveränität des lettischen Dirigenten. Idealbesetzungen sind auch die drei Gesangssolisten, grandios der Bariton Alexey Markov im vierten Satz.

Auf gleiche Weise überzeugend gelingen Jansons die drei Symphonischen Tänze, Rachmaninows letztes Orchesterwerk und irgendwie die Summe seines Schaffens – mit zahlreichen Anspielungen auf frühere Werke; und auch das Dies irae ist natürlich wieder mit dabei. Sowohl was die großen Bögen der weitgespannten Sätze angeht als auch die Detailarbeit, ist diese Live-Aufführung zweifellos eine echte Sternstunde. Hier wird Jansons‘ lange Rachmaninow-Erfahrung verlustfrei auf ein Orchester übertragen, dessen homogene Spitzenleistung die reine Freude ist und bei mir selbst die 1995er-Aufnahme von Jewgeni Swetlanow (Canyon Classics) vom Thron stößt. Diese auch aufnahmetechnisch mustergültige CD sollte sich kein Rachmaninow-Fan entgehen lassen.

Übrigens: Wer nun nach all dem Lob glaubt, da sei nichts mehr zu toppen, konnte in München eines Besseren belehrt werden: Keine vier Wochen nach dem Jansons-Konzert hat hier im Februar 2017 Kirill Petrenko mit dem Bayerischen Staatsorchester bei den Symphonischen Tänzen nach einhelliger Meinung tatsächlich noch eins draufgelegt – felix Bavaria.

[Martin Blaumeiser, August 2018]

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Ein Durcheinander an Raritäten

Thorofon, CTH2644; EAN: 4 003913 126443

„… in trunken-schönem Tanz!“: Erich Wolff, Ludwig Thuille, Anton Urspruch, Siegfried Wagner; Rebecca Broberg (Sopran), Thorsten Scharnke (Tenor), Peter P. Pachl (Deklamation), Rainer Maria Klaas (Klavier), Vokalistinnen des pianopianissimo-musiktheaters

Vokal- und Klavierwerke von Erich Wolff, Ludwig Thuille, Anton Urspruch und Siegfried Wagner birgt die CD mit dem Titel „… in trunken-schönem Tanz!“. Wir hören Rainer Maria Klaas am Klavier, er musiziert mit der Sopranistin Rebecca Broberg, dem Tenor Thorsten Scharnke und Peter P. Pachl als Sprecher. Das Programm besteht aus den Vier Liedern op. 3 sowie der Schlussszene von Zlatorog von Wolff, dem Melodram „Die Tanzhexe“ aus Thuilles Feder, Ouvertüre und Vorspiel zum zweiten Akt aus Urspruchs „Der Sturm“ sowie dessen Potpourri aus „Das Unmöglichste von Allem“, zudem „Das Bales-Tänzchen“ für Sopran, Tenor, Sprecher und Klavier von Siegfried Wagner und eine Fantasie aus dessen „Herzog Wildfang“ in einer Zusammenstellung durch Eduard Reuss.

Es sind absolute Raritäten, welche die Musiker auf vorliegender CD zusammenbrachten: Sowohl die Vier Lieder op. 3 von Erich Jacques Wolff als auch das Melodram „Die Tanzhexe“ wurden erst kürzlich wiederentdeckt, nachdem sie lange Zeit als verschollen galten; bei beinahe allen Titeln handelt es sich um Ersteinspielungen. Die Komponisten gehören allesamt zu Meistern ihres Fachs, bleiben allerdings heute nur wenigen Kennern vorenthalten. Erich Wolff zählte seinerzeit zu den bedeutenden Liederkomponisten, verschwand jedoch nach seinem Tod schnell aus den Programmen; Ludwig Thuille wird als Komponist der Münchner Schule in den letzten Jahren nach und nach wieder entdeckt; Siegfried Wagner verbleibt trotz gewaltigen Oeuvres im Schatten seines übermächtigen Vaters. Das Verschwinden dieser Komponisten lässt sich schwer nachvollziehen, vor allem auch das von Anton Urspruch, einem Lieblingsschüler von Liszt, Raff und Lachner, dessen handwerkliches Geschick, musikalisches Bewusstsein und Inspiration besticht.

Doch darüber hinaus erschließt sich mir der Sinn und Zusammenhang dieser Konstellation nicht. Die Mischung aus Liedern für eine oder mehrere Personen, Melodramen und Klavierwerken mag nicht so recht zusammenpassen, auch wenn sich inhaltlich sicherlich Gemeinsamkeiten finden lassen.

Die Darbietungen überzeugen nicht, Rebecca Broberg präsentiert sich gehetzt und unruhig und Peter Pachl überartikuliert „Die Tanzhexe“ als Sprechgesang. Die Wirkung von Thorsten Scharnke und den Vokalistinnen des pianipianissio-musiktheaters verblasst schnell. Pflichtbewusst, aber weder inspiriert noch reflektiert, geht Rainer Maria Klaas an seine Klavierstimmen – was wieder zeigt, dass ein gewaltiges Repertoire nicht für Qualität in der Ausführung stehen muss. In manchen Titeln unterminiert schlechte Aufnahmequalität zusätzlich den Höreindruck. Am besten gelang die Fantasie aus „Herzog Wildfang“ von Eduard Reuss und die Ouvertüre zu „Der Sturm“.

[Oliver Fraenzke, August 2018]

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Saurets «Études-Caprices» als überzeugende Klangstudien

Naxos, LC 05537; EAN: 7 4731338437 2

Émile Sauret: 24 Études-Caprices, Op. 64 Vol. 2 (Nos. 8-13); Nazrin Rashidova (Violine)

Die aus Aserbaidschan stammende, junge britische Geigerin Nazrin Rashidova hat sich vorgenommen, Émile Saurets (1852-1920) gewaltigen, durch alle Dur- & Molltonarten gehenden Zyklus der 24 «Études-Caprices» op. 64 für Violine solo einzuspielen. Dies ist die zweite Veröffentlichung (mit Nos. 8 – 13) des auf vier CDs angelegten Projekts bei Naxos.

Der französische Geiger Émile Sauret galt auf seinem Instrument als Wunderkind und war sogleich Schüler des für die belgisch-französische Violinschule des 19. Jahrhunderts so stilbildenden Violinvirtuosen Charles-Auguste de Bériot. Später studierte er in Leipzig noch Komposition bei Salomon Jadassohn. Neben einer internationalen, bis über den großen Teich reichenden Solistenkarriere war Sauret dann aber vor allem auch als Pädagoge in den großen Musikzentren (Berlin, London usw.) gefragt. So entstanden mehrere Kompendien von Violinübungen, die zum Teil sehr systematisch alle Spieltechniken des Instruments durchforsten. Die 24 «Études-Caprices» op. 64 aus der Zeit an der Londoner Royal Academy of Music (1903 bei Simrock erschienen) fallen aber allein schon deswegen aus dem üblichen Rahmen, weil die Einzelstücke respektable Längen bis zu 14 Minuten aufweisen.

So sind diese ungewöhnlichen Etüden dann natürlich mehrteilig und bieten in sich bereits Abwechslung, weil sie sich nie auf nur ein technisches Problem beschränken. Andererseits ist klar, dass sie nicht zyklisch (der Quintenzirkel wird im Quartabstand erschlossen, einer Dur-Etüde folgt jeweils eine im Moll-Parallelklang) aufgeführt werden können und sollen. Tatsächlich überrascht, wie vielgestaltig hier vor allem an der Vervollkommnung schönen, expressiven Klangs gearbeitet wird. Obwohl es auch kontrapunktische Abschnitte gibt (etwa die zweistimmige Fuge zu Beginn der Étude-Caprice Nr. 12 b-moll), liegt hier der Fokus – anders als bei den Solo-Violinwerken von Max Reger – eindeutig auf Schönklang. Und der gelingt Nazrin Rashidova wirklich bewundernswert. Zudem darf sie hier auf genau der Stradivari spielen, die selbst einmal Sauret gehörte und heute seinen Namen trägt. Einzeln für sich genommen sind Saurets Etüden auch musikalisch durchaus zwingend, aber die häufige Sequenzierung eines Motivs bzw. einer Spielfigur immer gleich durch alle Violinregister kann deren Übungscharakter dann doch nicht wirklich verbergen. Abgesehen von der Tatsache, dass es auch einige mehr oder weniger direkte Anspielungen auf berühmte Violinliteratur gibt, verfügt Sauret selten über wirklich eigenständige Ideen. Daran kann auch das Engagement der Solistin (die im Übrigen auch über diesen Zyklus promoviert) nicht viel ändern. Dennoch sind die Études-Caprices eine mehr als willkommene Repertoireergänzung bei den Werken für Sologeige um 1900. Nicht viele Violinisten dürften technisch und musikalisch die den Stücken adäquate Konzentration aufbringen, um hier gleichermaßen zu überzeugen wie Frau Rashidova.

[Martin Blaumeiser, August 2018]

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Endlich wieder da: Stárek in Kaiserslautern

SWR music, EAN: 747313950188 /   Kat.-Nr.: SWR19501CD

Antonín Dvořák – Slawische Tänze Opp. 46 & 72; SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern, Jiří Stárek (Leitung)

Das Label des SWR veröffentlichte vor kurzem die ersten Titel einer neuen Low Budget-Serie, bei der man schon für wenige Euro in den Genuss (?) von Aufnahmen der SWR-Orchester und der einstigen SWR-Chefdirigenten kommen kann. Neben den üblichen Verdächtigen (Norrington, Bour, Cambreling, Prêtre) kommen nun auch einige Aufnahmen eines Dirigenten wieder zum Vorschein, der zu den regelmäßigen Gastdirigenten beim SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern zählte und einige der besten Einspielungen beim SWR-Label vorlegte: Jiří Stárek.

Ob es nun daran lag, dass Stárek die Ehre zu Teil wurde, sowohl unter Václav Talich als auch unter Karel Ančerl studiert zu haben oder ob es andere Einflüsse gewesen sein mögen: Stárek war jedenfalls ein Vollblut-Könner von Format. Dies beweist kaum eine andere Aufnahme besser, als die Gesamt-Einspielung von Dvořáks wunderbaren Slawischen Tänzen Opp. 46 und 72: Hier stimmt einfach alles. Nicht nur sind die Einsätze des fantastisch spielenden SWR Rundfunkorchesters Kaiserslautern hyper-exakt und „auf den Punkt“, sondern vor allem die Dynbamikbandbreite ist ganz außergewöhnlich. In einem Repertoire, das viele Dirigenten meist eher „so abspulen“, entdeckte Stárek reichlich Dynamikabstufungen und feinste Klangfarben, die im Zusammenwirken eine ungeheure Spannung ausmachen.

Die vorliegende Aufnahme ist eine der allerbesten Einspielungen von Dvořáks Slawinschen Tänzen, die es auf dem Markt gibt, und nun zu einem unverschämt günstigen Preis zu haben. Wer würde da noch lange zögern? Und wer denkt, bei einem einschlägigen tschechischen Label würde er besser fündig, sollte hier zuerst einmal ein Ohr riskieren, denn in der SWR-Einspielung paart sich eine Interpretation, wie man sie auch bei den tschechischen Doyens der Vergangenheit nicht besser findet mit einer atemberaubenden Soundtechnik, die auch höchste Hifi-Ansprüche zufriedenstellt. Es ist das Gesamtpaket, das zählt. Und dieses Gesamtpaket ist in dieser SWR-Aufnahme bemerkenswert gut, ich würde fast sagen: konkurrenzlos gut.

[Grete Catus, August 2018]

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Romeo und Julia – märchenhaft?

Naxos (2CD), LC 05537; EAN: 7 4731335347 7

Sergey Prokofiev: Romeo and Juliet. Complete ballet; Baltimore Symphony Orchestra, Marin Alsop (Leitung)

Nach ihrer Gesamteinspielung aller Symphonien Prokofjews hat die amerikanische Dirigentin Marin Alsop nun das komplette Ballett »Romeo und Julia«, op. 64 mit dem Baltimore Symphony Orchestra für Naxos aufgenommen.

Bei der Studioaufnahme einer Ballettmusik muss man sich als Dirigent fragen, inwieweit man hier realistisches Bühnengeschehen abbilden will, oder ob man alle bei einer Live-Aufführung mit Tänzern nötigen Kompromisse – etwa das Nachgeben bei Hebungen, generell vielleicht zurückhaltendere Tempi – komplett beiseite lässt, und eine quasi „ideale“ Konzertdarbietung anstrebt. Dies wäre ja bei einer Oper so gar nicht denkbar. Beim mittlerweile wohl beliebtesten aller großen Handlungsballette, Prokofjews Romeo und Julia, haben sich die meisten Interpreten für Letzteres entschieden. Die nach wie vor maßstabsetzenden Einspielungen von Lorin Maazel (Cleveland Orchestra, Decca 1973) und Seiji Ozawa (Boston Symphony Orchestra, DG 1986) gehen dabei an die Extreme, die fast filmisch-dramatischen Sequenzen des Balletts (der Kampf und „Mercutio“ im 1. Akt etc.) kommen mit äußerstem Tempodruck daher und vieles klingt auch absichtsvoll rabiat. Marin Alsop versucht, auch diese Abschnitte klanglich sehr ausgewogen zu nehmen, vertraut auf insgesamt etwas ruhigere Tempi. Ihr gelingen gerade bei den lyrischen (Julia-) Stellen herrliche Details; der Tanz der Ritter wirkt geradezu grotesk steif und charakterisiert die Bühnensituation umso treffender. Insgesamt gleicht Alsops Darbietung jedoch einem großen Märchentableau, also eher indirekt erzählter Prosa als direkt zupackender Bühnendramatik. Über 144 Minuten geht dieses Konzept aber dann nicht auf: Alsops Detailverliebtheit lässt das Stück in viele, kleine Einzelepisoden zerfallen, die großen dramatischen Entwicklungen bleiben klebrig. Ihr untrügliches Verständnis für Prokofjews typische Harmonik und seine sehr speziellen Klangkombinationen lässt aber durchgängig aufhorchen. Das Baltimore Symphony Orchestra verfügt über einen edlen Streicherapparat, aber das Blech kann mit den beiden oben genannten Orchestern an Präzision nicht ganz mithalten. Die gute Aufnahmetechnik überzeugt durch natürliche Räumlichkeit, das Schlagwerk ist leicht unterbelichtet. Hier gelingt eine feine, geradezu edle Realisation der Partitur, die aber nicht auf Dauer gefangen nimmt.

[Martin Blaumeiser, August 2018]

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Ein unbewältigter Romantiker – Anton Urspruchs Klavierwerk

Hänssler Classic (3CD), LC 13287; EAN: 8 814881605 4

Anton Urspruch: Complete Piano Works; Ana-Marija Markovina (Piano)

Die in Deutschland aufgewachsene Kroatin Ana-Marija Markovina hat nun bei Hänssler ihre bereits 2010 begonnene Einspielung sämtlicher Klavierwerke des aus Frankfurt stammenden Spätromantikers Anton Urspruch (1850-1907) vollendet.

Ana-Marija Markovina hatte zuletzt mit ihrer Gesamtaufnahme der Klaviermusik von C. Ph. E. Bach (auf 26 CDs!) Furore gemacht. Wahrscheinlich war dadurch das Projekt, das Klavierwerk Anton Urspruchs komplett einzuspielen, liegen geblieben. Die Aufnahmedaten, die Hänssler im Booklet nennt, sind leider irreführend! Die Aufnahmen von knapp zwei der drei CDs sind identisch mit der 2011 bei GENUIN classics (GEN11205) erschienenen Doppel-CD (aufgenommen 2010 in Bielefeld), lediglich der Rest kann – wie hier global angegeben – vom Bayerischen Rundfunk 2016 in Neumarkt (i.d. Opf.) produziert worden sein.

Urspruchs zu Lebzeiten hochgeschätztes Soloklavierwerk besteht lediglich aus sechs Opusnummern, die Einzelstücke daraus haben aber teils beachtliche Längen. Seine musikalische Ausbildung erhielt Urspruch bei Joachim Raff, später war er einer der Lieblingsschüler Franz Liszts. Stilistisch hingegen knüpft er mit einer gewissen Phantastik vor allem direkt an Schumann an – und der meist recht vertrackte Klaviersatz ähnelt weit mehr dem von Brahms als dem Liszts. Frau Markovinas Herangehensweise wird allerdings den Ansprüchen nur wenig gerecht. Zwar schreibt Urspruch über erstaunlich weite Strecken f – ff vor; Markovina tappt aber hier in die Falle und gerät regelmäßig in recht undifferenziertes, pedalbetontes Gewummere. Die zugegebenermaßen bei solchen Passagen an der Grenze der Ausführbarkeit stehende Kontrapunktik wird zwar angedeutet; aber um wirklich klar zu werden, fehlt es an konsequenter Artikulation im Detail und vor allem stören teils sehr willkürliche Temposchwankungen. Schumanns romantische Visionskraft in Kombination mit Brahmsscher Faktur scheint die Pianistin schon auf technischer Ebene zu überfordern. Da, wo Urspruchs Musik tatsächlich gefährlich an die Grenze des „Ausflippens“ gerät – was durchaus wagemutig und interessant sein könnte –, erklingt sie in Markovinas Darbietung häufig unverständlich, so z.B. im fünften der musikalisch ergiebigen Fantasiestücke op. 2. Diese Musik steht zwar irgendwo zwischen allen Stühlen, aber ihre klare Form und emotionale Stringenz benötigte eher eine hochvirtuose, aber von nüchterner Präzision geprägte Gestaltungskraft etwa eines Swjatoslaw Richter. So wirkt sie hier stellenweise leider nur etwas überdreht bis verrückt. Rein lyrische Passagen und die kleinteiligen Deutschen Tänze op. 7 gelingen Markovina überzeugender – aber das ist nur eine Facette dieses vielschichtigen Spätromantikers. Neugierig machen kann diese Edition schon – ihren Meister muss Urspruchs Klaviermusik aber erst noch finden.

[Martin Blaumeiser, August 2018]

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Drei Mal gegen den Strich

Cracked Anegg records, crack0066; EAN: 9 120016 850749

„Trillium“ heißt das neue Jazz-Projekt, das drei einzigartig-individuelle Künstler zusammenführt: den Gitarristen Gerard Guse, die Bassistin Gina Schwarz und den Schlagzeuger Ramon Lopez. Bei Cracked Anegg Records erschien nun ihre erste CD, in der sie ihren Sound in elf Tracks ausleben.

Ein Trio mit Gitarre, Bass und Schlagzeug bietet einerseits zahlreiche klangliche Möglichkeiten, lässt den Wechsel zwischen akustischen und elektronischen Elementen zu und verleiht dem Bass eine besonders wichtige Rolle, da er keine harmonische oder melodische Unterstützung eines Klaviers bekommt. Sowohl Gitarre als auch Bass erreichen hohe Lagen, können aber auch gemeinsam die Tiefe erforschen. Und andererseits ist der Klang solch eines Trios nackt, denn keines der Instrumente kann ohne elektronische Mittel die Töne länger halten, als die Saiten schwingen. Keine Bläser oder Streicher schmücken die Musiker aus, was ihnen schnelle Reaktion und flexible Gestaltung der melodischen und harmonischen Strukturen abverlangt. Ausgefeiltes Wechselspiel und ein Miteinander in jeder Hinsicht sind erforderlich, um auf einem Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trio etwas „Vollständiges“ erwachsen zu lassen.

Als Initiator des Projekts „Trillium“ gilt der deutsche Jazzpianist Joachim Kühn, den der Schlagzeuger Ramon Lopez in Ibiza besuchte. Dies veranlasste Kühn, eine Session in seinem Studio zu organisieren, wozu er den Gitarristen Gerard Guse hinzuholte. Begeistert von diesem Sound kam ihm die Idee, Gina Schwarz hinzuzuholen und zu sehen, wie die drei harmonieren – und wurde von ihr und der Konstellation als Trio überzeugt.

Heraus kam ein Album, das vor Eigenheit und Individualität nur so strotzt: Die drei Musiker wagen, um zu gewinnen. Wendig wechselt das Trio zwischen den Abschnitten, schwenkt von gefundenem Groove und nachvollziehbaren Melodien plötzlich um zu freien und klangbasierten Sphären, lässt es dabei für den Hörer offen, ob sie wieder zurückkehren, oder ob die Reise sie ganz wo anders hin führen wird. Allgemein wird die Musik von Freiheit und Ungebundenheit – wenn nicht sogar von Unbekümmertheit – charakterisiert. Doch gleich, wohin die Musik die drei gerade bringt, sie agieren stets als Einheit zusammen und ergänzen einander vollkommen. Viele Passagen leben mehr von erwirkten Zuständen denn von musikalischem Fortgang und teils fehlt mir ein identifizierbares melodisches Gerüst oder eine hörbare Struktur; das Risiko dazu ist bei so viel Eigensinn nachvollziehbar. Dafür belohnen Guse, Schwarz und Lopez den Hörer über lange Strecken mit unerhörter Musik, die gegen den Strich geht.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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Was die Welt jetzt braucht

Muse Alliance, MA 008; EAN: 4 260164 630176

What the world needs now; Ensemble Sarband; Joel Frederiksen (Bass, Laute, Arciliuto), Rebal Alkhodari (Tenor, Ud), Vladimir Ivanoff (Perkussion, Ud), Mohamad Fityan (Nay, Kawala)

Auf ihrer bei Muse Alliance erschienen CD „What the world needs now“ präsentiert das Ensemble Sarband Lieder aus den arabischen Ländern, Amerika, England und den sephardischen Regionen sowie neue Kompositionen. Die Zusammenstellung verfolgt das Ziel einer länderübergreifenden Verständigung und eines Miteinanders der Kulturen. Vladimir Ivanoff leitet das Projekt künstlerisch und wirkt an Perkussion und Ud, Joel Frederiksen singt Bass, spielt dazu Laute und Arciliuto, Rebal Alkhodari hören wir als Tenor und Ud-Spieler und Mohamad Fityan hören wir an Nay und Kawala.

Crossover-Projekte erscheinen in den letzten Jahren gehäuft auf dem Markt, die Mischung von Musik aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen erfreut sich großer Beliebtheit bei den Hörern. Ein Großteil dieser Zusammenstellungen wirkt recht beliebig und uninspiriert zusammengebastelt, ist hauptsächlich auf die Resonanz beim Käufer ausgelegt.

Das Ensemble Sarband gehört nicht zu diesen: Vom ersten Ton an verspürt man eine andere Antriebskraft hinter dem Projekt. Die vier Musiker gehen mit innbrünstiger Leidenschaft und Hingabe an die von ihnen gespielten Stücke heran. Sie hören nicht nur bewusst aufeinander, sondern versuchen, die Vorzüge der anderen in ihr eigenes Spiel zu integrieren. Der Austausch steht im Vordergrund: Die Werke stammen aus unterschiedlichen Epochen, Ländern und Kulturkreisen, wären ohne dieses Projekt vermutlich nie aneinandergeraten. Die Auswahl wurde nicht willkürlich getroffen, sondern verfolgt eine innere Logik; die Musiker brachten Werke aus ihren jeweiligen Heimatländern oder Interessensgebieten mit und teilten sie mit den anderen – sie arbeiteten gemeinsam an der Musik, so dass jeder seine eigene Note mit hinein brachte.

Die Instrumentation ist mit Du, Arciliuto, Laute und Schlagwerk archaisch, der Klang verpflichtet sich einer historischen Vorstellung, die allerdingt nicht erdacht , sondern erfühlt und damit frisch und unverbraucht – aktualisiert – erscheint. Die menschliche Stimme steht über weite Strecken im Vordergrund: Joel Frederiksen hören wir als hinreißenden Bass mit markantem, voluminösem Timbre; Rebal Alkhodaris Tenorstimme geht über den tonalen Rahmen hinaus in die mikrotonalen Ornamente arabischer Musik. Die Gegenüberstellung dieser beiden Stimmen bezaubert, das Reine und Tiefe der christlichen Musik im Wechsel mit der expressiven und strahlenden Stimmwelt des muslimisch-orientalischen Gesangs.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

Stilpalette

Ars Produktion Schumacher, ARS 38 248; EAN: 4 260052 382486

Christian Erny plays Arthur Lourié piano works

Christian Erny spielt ausgewählte Klavierwerke des aus Russland stammenden Komponisten Arthur Lourié. Auf dem Programm stehen die Cinq Préludes fragiles op. 1, Deux Estampes op. 2, Valse, Intermezzo, Petite Suite en Fa, Gigue, Nocturne und Lullaby.

Das Leben Arthur Louriés war durchsetzt von Misserfolgen und Neuanfängen, von stetigem Wandel. Von Russland über Deutschland und Frankreich verschlug es Lourié bis in die USA, wo er resigniert starb; begleitet wird diese Reise von einer Palette an Stilbrüchen und -änderungen, als Komponist wagte er sich an immer neuere Ausdrucksmittel.

Seine ersten Werke beziehen sich hauptsächlich auf die Musik Frankreichs um die Jahrhundertwende, nur bedingt schweben Anklänge der russischen Spätromantik mit. Als früher Glücksgriff erweist sich sein Opus 1, fünf fragile Präludien, die auf geringem Raum prächtige Farben und innige Gefühle offenbaren. Die Deux Estampes op. 2 fahren im Kielwasser Debussys, sowohl die Titel als auch die Musik verbeugen sich vor dem stillen Revolutionär. Sie setzen sich aus typischen Elementen und Harmonien von Debussys Musik zusammen, die Lourié lose zusammenkittete. Werke aus Louriés Berliner Zeit zeigen Anklänge an Stawinskys Neoklassizismus, was sich nicht zuletzt auf eine persönliche Verbindung der beiden Komponisten zurückführen lässt. Größeres Format besitzen Nocturne und Intermezzo, beide 1928 komponiert; hier wendet sich Lourié neuen Ausdrucksformen zu, ein aufkeimender Personalstil scheint durch, den Verbitterung und rückwärtsgewandte Nostalgie auszeichnet.

Die Stärke Christian Ernys liegt auf dem Feld des Momentzaubers, durch seinen flüchtig-weichen Anschlag schafft er eine zarte, schwelgende Atmosphäre. Die Vergänglichkeit schwingt mit, was den Hörer anregt, aktiv mitzuerleben. Während ich bei seinen Aufnahmen als Dirigent das Gefühl bekam, der Chorklang halte in der Harmonie und im Übergang der Klanggebilde nicht zusammen, stimmt Erny am Klavier die Intervalle ab, so dass jeder Ton hervorklingt. Weiterforschen könnte Erny noch am Zusammenhalt der Struktur: Er bemüht sich kaum, die längeren Werke als Einheit zu verstehen, belässt sie in ihrer losen Gestalt. Hierdurch verfallen gerade die Estampes in Einzelteile, denen der Bezug zueinander fehlt, aber auch die Nocturne und das Intermezzo

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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Die Flöte im Dialog

TYX Art, TXA 18113; EAN: 4 250702 801139 

Robert Gloslot: Chamber Music; Peter Verhoyen (Flöte, Piccolo), Dimitri Mestdag (Oboe, Englisch Horn), Geert Baeckelandt, Marija Pavlovic (Klarinette), Pieter Nuytten (Fagott), Ann-Sofie Vande Ginste, Gudrun Verbanck (Violine), Bieke Jacobus (Bratsche), Lieselot Watté (Cello), Eliz Erkalp (Horn), Roel Avonds (Bassposaune), Eline Gloslot (Harfe) und Stefan De Schepper (Klavier).

Kammermusik des 1951 geborenen Belgiers Robert Groslot hören wir auf der neuen Erscheinung aus dem Hause TYX Art. Auf dieser CD befinden sich die Stücke: Poème secret, Confused Conversations, Hibernaculum, The Green Duck, The Phoenician Sailor und Statement, Reflection and Conclusion. Die ausführenden Musiker sind Peter Verhoyen (Flöte, Piccolo), Dimitri Mestdag (Oboe, Englisch Horn), Geert Baeckelandt, Marija Pavlovic (Klarinette), Pieter Nuytten (Fagott), Ann-Sofie Vande Ginste, Gudrun Verbanck (Violine), Bieke Jacobus (Bratsche), Lieselot Watté (Cello), Eliz Erkalp (Horn), Roel Avonds (Bassposaune), Eline Gloslot (Harfe) und Stefan De Schepper (Klavier).

In meiner letzten Rezension kritisierte ich, Robert Groslots Werke hätten nicht immer einen konkreten Zusammenhang und fielen gerade in großen Formen auseinander. Nachdem ich nun mehr von der Musik des Belgiers gehört habe, muss ich dieses Urteil nur revidieren und den Schöpfer als ernstzunehmenden wie begabten Komponisten bezeichnen. Es hat etwas Zeit gebraucht, die Musik dieses Komponisten zu verstehen und ihre Qualität zu erkennen. Gloslot schreibt in einem eigenständigen, vielseitigen Stil, der sich größtenteils noch in tonalen Sphären aufhält, sie allerdings auch ausweitet und ihre Grenzen erforscht. Dabei versteht er, die Instrumente geschickt und dankbar einzusetzen, ihre Charakteristika herauszuarbeiten. Formell ist Gloslot ein Neuerer, dem man sich unbefangen nähern muss, um hinter sein Prinzip zu kommen: Er verwendet keine traditionellen Formmodelle, wirft aber die Bausteine seiner Musik auch nicht wahllos auf das Papier; Robert Gloslot entwickelt seine Musik aus dem Prinzip der Konversation, beinahe auf sprachlicher Ebene. Die Wechselwirkung der verschiedenen Instrumente oder von eigenständigen Ebenen einer einzelnen Stimme bringt die Musik voran und entwickelt sie auf eine natürliche, da zutiefst menschliche, Weise. Dabei geht der Komponist über die allgemeine Konversation heraus, erschließt immer neue Wege der Kommunikation, wie sie auch in seinen Titeln oft zu finden sind. The Phoenician Sailor ist ein Musterbeispiel dieses Prinzips, hier agieren die Instrumente teils gegen-, teils miteinander, unterbrechen sich, vervollständigen die Phrasen der anderen, kämpfen gegeneinander an, zweifeln aneinander und versöhnen sich.

Dreizehn Musiker sind auf dieser Einspielung zu hören und sie alle überzeugen durch feines und reflektiertes Spiel. Es gelingt ihnen, auf musikalische Weise miteinander zu kommunizieren und lebhaft herüberzubringen, was Gloslot intendiert. Herauszuheben ist Peter Verhoyen an der Flöte, welche das Hauptinstrument aller hier zu hörenden Stücke ist: Mühelos bewegt er sich durch die virtuosen Passagen und brilliert durch klaren Rhythmus. Als Solist wie auch in den Kammermusikkonstellationen überragt er, gliedert sich in jede Besetzung ein und schafft ein reibungsloses Miteinander aller Beteiligten.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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Die verwehrten Orchestersuiten

Supraphon: SU4194-2; EAN: 0 99925 41942 4

Leoš Janáček: Orchestral Suites; Jenůfa, Kát’a Kabanová, Fate; Prague Radio Symphony Orchestra, Tomáš Netopil (Leitung)

Leoš Janáček schrieb keine Orchestersuiten zu seinen Opern, zahlreiche Komponisten lieferten sie nach. Drei dieser Neuzusammensetzungen hören wir auf vorliegender CD mit dem Prague Radio Symphony Orchestra unter Tomáš Netopil: Jenůfa, Kát’a Kabanová und Fate.

Oft gelangen die Orchestersuiten, die Komponisten aus ihren Opern oder Bühnenmusiken ziehen, zu wesentlich größerer Bekannt- und Beliebtheit, als diejenigen Werke, aus denen sie entstammen. Griegs Suiten aus Peer Gynt geben ein deutliches Beispiel: die Bühnenmusik wird fast nie als Ganzes aufgeführt. Auch Komponisten wie Richard Strauss machten sich die Form der Orchestersuite zunutze, um den Einfluss ihrer Opern auch in die Konzertsäle zu bringen.

Leoš Janáček gilt als grandioser Opernkomponist und dennoch werden seine Bühnenwerke außerhalb Tschechiens vergleichsweise selten programmiert: Eine Opernproduktion ist aufwändig und teuer, das Singen in tschechischer Sprache eine zusätzliche Aufgabe für die Sänger. Als logische Konsequenz reichen zahlreiche Komponisten Zusammenstellungen aus den Opern nach, die uns Leoš Janáček verwehrte, wobei sie auf Sängerpartien oder Bühnengeschehen verzichten. Dies ermöglicht uns, eine Auswahl an „Highlights“ aus den Bühnenwerken auch auf dem Konzertpodium zu erleben, was sich leichter realisieren lässt, als eine Opernaufführung.

Tomáš Netopil leitet uns durch die musikalische Welt seines Landsmannes, bringt dabei zahllose Stimmen aus dem Geflecht hervor und lässt sie miteinander und gegeneinander wirken. Die einzelnen Titel aus den Opern besitzen innere Geschlossenheit, manche aufgeladen mit wirkungsvoll magischem Klang. Die Übergänge verbinden die Nummern größtenteils geschickt, ohne übermäßig mit dem Fluss zu brechen.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

Exotismus und Klischee

NEOS 11606; EAN: 4 260063 116063

Rupert Huber: rūḥ-i-gulāb · Mein Venedig; Chor des Bayerischen Rundfunks, Madīḥ Ensemble, Rupert Hubert (Leitung), Doris Huber (Schalenglocken)

Werke für Chor mit Instrumentalisten von Rupert Huber hören wir auf vorliegender CD aus dem Hause NEOS. Als Hauptwerk erklingt rūḥ-i-gulāb („Die Seele der Rose“), ein Modem für fünfstimmigen Chor, ägyptisches Madīḥ Ensemble und zehn Schalenglocken nach einem Gedicht von Sharaf al-Din al-Būsīrī, welches von Friedrich Rückert ins Deutsche übersetzt wurde. Es singt der Chor des Bayerischen Rundfunks zu den Instrumentalklängen vom Madīḥ Enselmble mit Doris Huber an den Schalenglocken. Das zweite zu hörende Werk heißt „Mein Venedig“ für gemischten Chor mit Schalenglocken, Okarinas und Röhren nach einem Gedicht von Rose Ausländer; der Komponist dirigiert beide Werke.

Rupert Hubers Musik dient der Wirkung, der vom Musiker aus den Hörer überspringenden Energie. Eine Aufführung soll die Partitur so getreu wie möglich wiedergeben, die intendierte und nach Möglichkeit verschriftlichte Vorstellung des Komponisten so genau wie möglich wiedergeben. Diesen Übergang von Vorstellung zu Kodifizierung zu Wahrnehmung und Wirkung beschreibt Huber mit dem technischen Begriff Modulation, nennt seine Werke entsprechend „Modems“.

Die beiden auf dieser CD vorliegenden Modems könnten genauso gut „Stimmungsbilder“ betitelt werden, denn das charakterisiert ihren Gehalt mit einem verständlichen Begriff. Es handelt sich um überwiegend statische Werke ohne besondere Kontraste, deren Gleichförmigkeit tranceartige Wirkung erzielt. Die Musik will den Hörer in einen gewissen Zustand bringen, dient mehr dem Erleben als dem tatsächlichen Hören. Dazu bedient sie sich Stilmitteln, die leicht einzuordnen sind. In rūḥ-i-gulāb sind dies Exotismen: ein Ensemble voll von arabischen Instrumenten und ein dazu passender Gesang, Schwingungen durch die Schalenglocken und nur leicht variierte rhythmische Gestalten. Die primäre Wirkung verfehlt rūḥ-i-gulāb nicht, der Hörer fühlt sich sogleich ein in eine südöstliche Welt; doch er muss in ihr verharren für über 45 Minuten. Denn es passiert nicht viel, was die Aufmerksamkeit bannen könnte oder den Wunsch, dieser Klangsphäre weiterhin beizuwohnen. Es fehlen Kontraste, neue und bereichernde Elemente, welche die Musik würzen; stattdessen erhalten wir unaufhörlich das Gleiche: regelrecht anbiedernde Exotismen, die den Musikethnologen mehr reizen würden als den Hörer, der irgendwann gesättigt ist.

„Mein Venedig“ bedient sich eines anderen Klischees, nämlich dessen der Konturlosigkeit und der Undurchdringbarkeit. Das Werk verweigert traditionelle Notationsformen, so dass die Partitur aus Textanweisungen besteht, an die sich der in drei Reihen aufgestellte und mit jeweils einem Instrument (Schalenglocken, Okarinas oder Röhren) versehene Chor zu halten hat. Eröffnet wird „Mein Venedig“ durch allmählich aufkommendes Rauschen und Flüstern: ein gerne verwendeter Effekt für zeitgenössische Komponisten, um ihre Musik einzuleiten. Doch danach? Danach passiert erneut nichts mehr, was von Belang wäre: die Musik verharrt in dieser Flüster- und Rauschwelt, ohne dass es einen großen Ausbruch oder spürbare Kontraste gäbe.

Vielleicht wirkt diese Musik ja auf denjenigen, der sie live hört, doch gebannt auf CD verblasst ihr Effekt zu nicht enden wollender Kontinuität.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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