Archiv der Kategorie: CD-Rezension

Klavierballette

Wergo, Wer 7371 2; EAN: 4 010228 737127

Igor Stravinsky | Petrushka: Bugallo-Williams Piano Duo

Das Bugallo-Williams Piano Duo bringt ihre zweite CD mit Arrangements von Igor Strawinsky heraus. Zu hören sind die Bearbeitungen der beiden Ballette Petruschka und Agon, zudem das Concertino für Streichquartett und Scherzo à la Russe.

Mehr als vierzig Jahre liegen zwischen den beiden Balletten Petruschka (1910-11) und Agon (1953-57). Petruschka zählt zu den drei bis heute regelmäßig programmierten Balletten für das Ensemble der Ballets Russes, gemeinsam mit dem Feuervogel und dem Frühlingsopfer. Der junge Strawinsky befand sich auf einem Hoch expressionistischer Schaffenskraft und verband Modernismen mit typisch russischen Elementen, erzählte in der Musik Geschichten aus seinem Heimatland. Beinahe filmisch gibt sich die Szenerie in Petruschka, die einzelnen Gesten und Figuren arbeitet er minutiös aus und setzte sie in Musik um. Agon ist das genaue Gegenteil, das Ballett beschreibt keinen konkreten Handlungsverlauf, sondern behält abstrakte Gestalt, wobei sich die einzelnen Nummern auf minimalistische Kürze konzentrieren, dabei fast nie die zwei-Minuten-Marke knacken.

Besondere Begeisterung entwickelte Strawinsky für Automaten und mechanisiertes Spiel: Menschliche Gefühle und die Imperfektion des ungleichmäßigen Musizierens hatten hingegen nichts in seiner Musik zu suchen. Dies beherzigt das Bugallo-Williams Piano Duo und bringt Kontinuierlichkeit und ebene Dynamik in die Darbietungen, verzichten dabei jedoch nicht darauf, manche Details besonders herauszuholen. Gewollt metallisch klingen die oberen Register: wie kleine Stahlglocken; die Tiefe wirkt harsch und robust, jedoch nicht ohne Klangfülle. Helena Bugallo und Amy Williams gelingt eine Synthese zwischen orchestraler Vielfalt und den Vorzügen des Klavieranschlags mit dessen Härte und Prägnanz.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Was Tschaikowski wünschte

Nimbus Records, NI 7104; EAN: 0 710357 710421

Tschaikowski Symphonien 5 & 6, Voyedova; London Symphony Orchestra, Yondani Butt (Leitung)

Auf zwei CDs spielt das London Symphony Orchestra unter Yondani Butt späte Orchesterwerke von Pjotr Tschaikowski: Die letzten beiden Symphonien e-Moll op. 64 und h-Moll op. 74, die „Pathétique“, sowie die symphonische Ballade Voyedova op. 78.

Nach neun Jahren Abwesenheit vom Dirigentenpodium kehrte Yondani Butt 2009 wieder zum London Symphony Orchestra zurück und hinterließ uns in den letzten fünf Jahren seines Lebens eine Reihe hochqualitativer Aufnahmen von Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner, Tschaikowski und von französischer Musik. 2012 entstand vorliegende Einspielung von Tschaikowskis späten Orchesterwerken.

Yondani Butt dirigiert das London Symphony Orchestra gewissenhaft und nüchtern, er treibt nicht in Pathos davon, entzieht sich aber auch nicht der Gefühlswelt von Tschaikowski. Die Musik des Russen beschäftigt sich viel mit einfachen Emotionen, zutiefst menschlichen Gedanken und Empfindungen. Eben dies versucht Butt in seinem Spiel umzusetzen, verkünstelt die Linien entsprechend nicht durch willkürliche Rubati. Butt ist kein Romantiker, der in der Musik schwelgt, sondern ein Sachwalter, der die Klangwelt erfasst und umsetzt. Dies birgt den Nachteil, dass wir von den Aufnahmen keine übermäßig-genuinen Inspirationen erwarten können und nicht unentrinnbar gefesselt werden vom Strom der Musik – dafür aber sind die Aufnahmen auf durchweg hoher Qualität ohne Schwankungen. Darüber hinaus sind sie fein reflektiert, so dass sich alles auf dem richtigen Platz befindet. Präzise weiß Butt um die Gesetze von Spannung und Entspannung, kontrastiert und fügt zusammen, hält die langen Sätze formal zusammen. Es gibt absolut nichts, was im Fluss der Musik stört – die Musiker stellen sich in den Dienst des Komponisten und bilden sein Werk ab, wie er es in den Noten wünschte.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Neues Repertoire aus Russland

Northern Flowers, NF/PMA 99123; EAN: 5 055354 481239

Sergey Mikhaylovich Slonimsky: Symphony Nr. 2, A voice from the chorus; Leningrader Philharmoniker, Gennady Rozhdestvensky

Sergey Mikhaylovich Slonimsky zählt zu den namhaftesten russischen Komponisten und Pianisten der Gegenwart. Northern Flowers veröffentlichte Aufnahmen aus dem Musikarchiv Sankt Petersburg, auf denen seine Zweite Symphonie zu hören ist, ebenso die Kantate „Eine Stimme aus dem Chor“. Es spielen die Leningrader Philharmoniker und das Kammerorchester der Leningrader Philharmoniker unter Gennady Rozhdestvensky. In der Kantate wirkt zudem der Chor der Staatskapelle mit, hinzu kommt der Organist Yuri Semyonov und die Vokalsolisten Eugenia Gorokhovskaya und Sergey Leyferkus.

Erst vor kurzem fiel mir die Partitur der 33. Symphonie von Sergey Slonimsky in die Hände, was mir einmal mehr bewusst machte, welch große Schaffenskraft in dem 1932 geborenen Russen steckt. Sein symphonisches Oeuvre übersteigt allein durch die Anzahl der Werke das der meisten Komponisten abgesehen einiger Ausnahmen wie Joseph Haydn oder Leif Segerstam (wenngleich fraglich ist, ob die Werke Segerstams wirklich als „Symphonien“ zu bezeichnen sind). Im Falle Slonimskys lässt sich wie auch bei Haydn sagen, dass seine symphonischen Werke allesamt Eigenständigkeit und Substanz besitzen. Slonimsky besitzt ein Gespür für Orchestration und langanhaltende Spannung. Einmal gefundene Themenabschnitte kann der Russe über mehrere Minuten ausdehnen, ohne dabei langweilig zu werden; genau im richtigen Moment bringt er neues Material hinein. Mit großen Besetzungen weiß Slonimsky ebenso umzugehen wie seine älteren Kollegen Schostakowitsch und Prokofieff: volles Blech, Schlagwerk und gewaltige Choreinsätze überwältigen den Hörer jedes Mal aufs Neue.

In Anbetracht seiner langen Schaffenszeit möchte man die beiden hier zu hörenden Werke beinahe als Frühwerke titulieren, wenngleich Slonimsky bei Komposition der 2. Symphonie schon auf die 50 zuging und er die Kantate mit über 30 schrieb. Sie besitzen großen Programmwert und ich rechne Northern Flowers hoch an, solche Schätze aus den Archiven zu holen. Bedauernswerterweise überzeugt die CD weder in ihrer Aufmachung, noch ihrer Klangqualität, ihres Booklettextes oder der künstlerischen Leistung – weshalb die Qualität der Musik für sich alleine steht, um diese CD doch den Fans russischer Musik ans Herz zu legen.

Der erst kürzlich verstorbene Gennady Rozhdestvensky dirigiert in dieser Aufnahme keineswegs schlecht, ganz im Gegenteil: In technischer Perfektion leitet er die Musiker präzise und holt alle noch so verborgenen Stimmen in den Vordergrund – und dies ist nicht einfach bei einer so dichten und vielstimmigen Musik wie der von Slonimsky. Mir fehlt jedoch die Lebendigkeit und Frische der Aufführung, die hier einer Oberflächlichkeit und Routine weicht. Rozhdestvensky ist ein Uhrwerk: Vollkommen exakt, aber gleichförmig. Überzeugen können allerdings die Solisten, Yuri Semyonov bringt inniges Gefühl in seine Orgelpartie und sticht regelrecht hervor, indem er seine Klänge sich entfalten lässt, und die beiden Vokalsolisten holen echt russische Kernigkeit in die Kantate, präsent geben sich ihre Stimmen.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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Routiniert polierte Perfektion

Orchid Classics, EAN: 5060189560790, Kat.-Nr.: ORC100079

Carl Nielsen, Erich Wolfgang Korngold: Violinkonzerte; Odense Symphony Orchestra, Kristiina Poska (Leitung), Jiyoon Lee (Violine)

Empfehlenswert ist dieses Album vor allem wegen seines erlesenen Repertoires: Mit Erich Wolfgang Korngolds und Carl Nielsens jeweils einzigen Violinkonzerten stehen hier zwei ausgesprochen interessante Konzerte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Fokus. Korngolds herrlich komplexes, dabei üppig und mit allen Finessen orchestriertes Violinkonzert ist dazu äußerst selten auf Tonträger zu hören und macht mit Nielsens nach wie vor aufregendem Konzertboliden auch eine großartige Figur.

Beide Werke sind auf dem vorliegenden Album der britischen Edel-Schmiede Orchid Classics dazu in einer äußerst ansprechenden Aufnahme eingefangen worden, die in den Aspekten Spieltechnik, Aufnahmeklang und Poliertheit kaum Wünsche offenlässt.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss auch, dass man eben nicht mit Ecken und Kanten, Persönlichkeit und neuen Erkenntnissen rechnen sollte. Auf geradezu frappierende Weise regiert hier die vollständige Routine: Jiyoon Lee, eine technisch perfekte Violinistin, trifft auf ein technisch perfektes Sinfonieorchester aus Odense, denkbar routiniert dirigiert von Kristiina Poska, die sicherlich eine notengetreue Wiedergabe der Partitur erreicht: aber auf eine so polierte, goldglänzende Weise, dass die ganze Angelegenheit eher wirkt wie ein prêt-à-porter-Schaulaufen.

Sowohl von Korngold als auch von Nielsen gibt es weitaus charaktervollere Aufnahmen, die auch die Abgründe und Extasen beider Konzerte ausloten und in Grenzbereiche vorstoßen, die erst den Wert von Kunst, gerade von solch spätromantischer, harmonisch gewagter, ausmachen. Für Nielsen empfehle ich deshalb nach wie vor die Einspielung der Göteborger Sinfoniker unter Myung-Whun Chung bei BIS mit dem zeitlos unterschätzten Geiger Dong-Suk Kang, während ich für Korngold eine ebenso uneingeschränkte Empfehlung für die Einspielung des Colburn Orchestra unter der Leitung Sir Neville Marriners mit dem jungen Nigel Armstrong ausspreche, erschienen bei Yarlung.

[Grete Catus, Juni 2018]

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Vier Legenden in einer Box

Major 744106; EAN: 8 14337 01441 4 (Kleiber: Major 705608; EAN: 8 14337 010656 – Solti: Major 711708; EAN: 8 14337 01117 8 – Bernstein: Major 735908; EAN: 8 14337 01359 – Karajan: Major 737608; EAN: 8 14337 01376 9)


Great Conductors: Carlos Kleiber, I’m lost to the world; Sir Georg Solti, Journey of a lifetime; Leonard Bernstein, larger than life; Herbert von Karajan, Maestro for the screen – Filme von Georg Wübbolt

Vier legendäre Dirigenten erleben wir aus der Perspektive von Georg Wübbolt, der prominente Stimmen und Angehörige der Künstler vor die Linse holt, um ein umfassendes Bild zu schaffen. Die Filme erschienen alle bereits einzeln, nun gibt es sie in einer Box: Carlos Kleiber: I’m lost to the world, Sir Georg Solti: Journey of a lifetime, Leonard Bernstein: larger than life, Herbert von Karajan: Maestro for the screen.

Unterschiedlicher könnten die vier Dirigenten kaum sein, denen diese Box gewidmet ist: Der weltferne, im Schatten seines Vaters stehende Carlos Kleiber, der Kriegsemigrant und spätere Sir Georg Solti, der feierwütige Leonard Bernstein und der egozentrische Bühnenmensch Herbert von Karajan. Doch was verbindet diese Größen, die wohl den meisten Klassikhörern ein Begriff sein dürften? Es ist ihr Perfektionismus, ihre Liebe zum Detail und ihre Einmaligkeit der Ausstrahlung. Sie rufen Kontroversen hervor, machten sich nicht selten unbeliebt bei den Musikern, nur um ihre Ideologie durchzusetzen und alles für die Musik zu geben.

Georg Wübbolt belichtet die Persönlichkeiten der Dirigenten auf seine eigene und wiedererkennbare Weise, sein Stil zieht sich durch alle Dokumentationen durch und verbindet sie gleich einem roten Faden. Zentral für ihn ist, Angehörige, Freunde und Mitstreiter zu Wort kommen zu lassen, die auch die dunklen Seiten nicht verbergen. Darüber hinaus unterstreicht er das Gesagte durch wohl gewählte Aufnahmen von Konzerten und Proben, was bestimmte Aspekte hervorhebt.

Carlos Kleiber: I am lost to the world

„Carlos Kleiber dirigiert nur, wenn sein Kühlschrank leer ist“, gehört zu den bekanntesten Klischees um seine Persönlichkeit. Tatsächlich trat Kleiber mit zunehmendem Alter seltener auf und beschränkte sein Repertoire auf ein immer schmaleres Repertoire, verlangte im Gegenzug allerdings immer höhere Gagen. Er wusste um seinen Rang. Und zeitgleich zweifelte er, verglich sich stets mit seinem übermächtig erscheinenden Vater, dessen Dirigierstil diametral entgegengesetzt war zu seinem eigenen. Der Vater riet Carlos auch von einem Studium der Musik ab, ließ ihn sich für Chemie einschreiben, da ihm die Schwierigkeiten der Musikerlaufbahn selbst nur zu sehr bewusst waren – doch Carlos schwor den Naturwissenschaften schnell ab, zu stark zog ihn das Kapellmeisterpult an. Wo Erich Kleiber minimalistisch und exakt dirigierte, die Kraft aus seiner geistigen Präsenz und seinem eisernen Willen zog, fokussierte sich Carlos auf die Intention des Komponisten, die ihm mehr bedeutete als die genaue Ausführung des Notentextes – dafür bediente er sich einer impulsiven, emotionalen Schlagtechnik, die den Hörer gefangen hielt. Kleibers Bewegungen zeichneten sich durch horizontale Linien aus, welche den Fluss der Musik beschrieben.

Sir Georg Solti: Journey of a Lifetime

Als die Nationalsozialisten in Österreich einmarschierten und die Ungarn eine Übernahme ihres Landes fürchteten, verzeichnete Georg Solti gerade erste Erfolge als Assistent von Bruno Walter und Arturo Toscanini in Salzburg, nachdem er sich unter anderem bei Béla Bartók, Ernst von Dohnányi, Zoltán Kodály und Leó Weiner ausbilden ließ. Die Rechte der Juden wurden beschränkt, das Auftreten verboten, weshalb Solti nach London emigrierte und dort schon bald die Leitung des London Philharmonic Orchestras übernahm, zudem seinen Namen von György zu Georg änderte. Von England kam er über die Schweiz nach Deutschland, wirkte als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. 1947 begann Solti, für Decca aufzunehmen und schuf von da an bis zu seinem Tod hunderte Referenzaufnahmen, widmete sich längere Zeit hauptsächlich den Schallplattenaufnahmen. 1961 kehrte er nach London zurück, leitete das Royal Opera House und wurde 1972 britischer Staatsbürger, nahm allerdings zuvor schon 1969 eine Stelle als Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestras an, womit er sich nach jahrelanger Operntätigkeit nun der Symphonik verschrieb. Bis zu seinem Lebensende 1997 wirkte Solti zeitgleich in verschiedenen Ländern und selbst ein Herzinfarkt konnte ihn nicht von seinen Tätigkeiten abhalten; die Folgen dessen sollten schließlich sein Leben kurz vor seinem 85. Geburtstag beenden.

 Herbert von Karajan: Maestro for the screen

Georg Solti und Herbert von Karajan waren Konkurrenten, ohne sich begegnen zu müssen: Ihre Schallplatten galten als Referenz, wodurch der Vergleich naheliegt. Angeblich kaufte Karajan jede neue Aufnahme von Solti und umgekehrt, um jeweils die Darbietung des anderen zu studieren.

Karajan lebte für die Technik und die Reproduktion seines künstlerischen Werks, Aufnahmen sollten ihn unsterblich machen. Sein Leben lang forschte er nach immer besseren Aufnahmemöglichkeiten, Kameraperspektiven und Wegen der Selbstdarstellung. Mit unterschiedlichen Produzenten probierte Karajan sich aus, Reichenbach, Clouzot und Niebeling loteten das Gleichgewicht zwischen Bild und Ton neu aus. Später war es der Maestro selbst, der die Filme schnitt und sich so selbst in Szene setzen konnte: Wer erkennt nicht die berühmte Locke und die geschlossenen Augen, die zarten wie präzisen Handbewegungen? Karajan gründete seine eigene Filmproduktion, Telemondial, wodurch die Berliner Philharmoniker zu einem der reichsten Orchester weltweit wurde. Die letzten Jahre seines Lebens arbeitete Karajan an seinem Vermächtnis: der Aufnahme und Wiederaufnahme eines riesigen Repertoires, wodurch noch lang nach seinem Tod sein Ruhm weiterleben sollte – und dies noch immer tut.

Leonard Bernstein: Larger Than Life

Zu den großen Jubilaren dieses Jahr gehört neben Claude Debussy und Gottfried von Einem auch der 1918 geborene Leonard Bernstein, eine zerrissene und kontroverse Figur, die als Dirigent, Pianist, Komponist, Lehrer und Moderator in Erinnerung bleibt. Über Nacht wurde Bernstein berühmt, als er für Bruno Walter einspringen musste und in dieser spontanen Rolle das Publikum in den Bann riss. Auf Einladung Georg Soltis leitete er als erster Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg das Orchester der Bayerischen Staatsoper. Die deutschsprachigen Länder etablierten sich als eine Art zweite künstlerische Heimat für Bernstein, er war regelmäßiger Gastdirigent beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und den Wiener Symphonikern. Unsterblich machten ihn zwei seiner Kompositionen, West Side Story und Candide, sowie allgemein seine Bühnenwerke; seine reine Instrumentalmusik hingegen erreichte nie an diesen überwältigenden Erfolg. Bernstein erwies sich als phänomenaler Pädagoge, galt nicht nur als erstklassiger Lehrer, sondern brachte viele Kinder und Jugendlichen durch die „Young People’s Concerts“ und „Omnibus“ an die klassische Musik heran. Die letzten Jahre über verschrieb er sich vermehrt der Lehrtätigkeit – Bernstein wollte sein Wissen weitergeben, bevor er stirbt. Einmalig war Bernsteins Vertrauen in seine Musiker, wenn er plötzlich mitten im Konzert das Dirigieren aufhörte und nur der Musik lauschte: Hier entstand eine Verbindung, welche bis heute ihresgleichen sucht.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Oase der Unbeschwertheit

Incipit Novum, Inno-04; EAN: 4 260442 211075

Christine Maria Rembeck: Dahinter die Stille. Neue Lieder

Christine Maria Rembeck singt „Neue Lieder“ und begleitet sich selbst auf dem Klavier. Die Vorlagen entstammen verschiedenen Epochen und Ländern, sie alle wurden von der Musikerin arrangiert und teilweise improvisiert. Im Titel „Gebet“ fügt Daniel Gatz eine Klarinettenstimme hinzu, drei Lieder werden durch Nora Thiele am Schlagzeug ergänzt.

Der Titel dieser Einspielung, „Dahinter die Stille. Neue Lieder“, weckt bei mir die Vorstellung von avantgardistischen, geräuschhaften Vokalkompositionen, die sich nach Möglichkeit allem Dagewesenen entziehen. Umso überraschter war ich, als mich genau das Gegenteil erwartete: Christine Maria Rembeck singt fünfzehn leichte, bekömmliche Lieder voll Harmonie und Frieden. Wer die Sängerin nicht kennt, wird also schnell auf die falsche Fährte gelockt.

Als „Generalpause“ vom Alltag bezeichnet Christine Maria Rembeck ihre CD, die zum Abschalten einladen soll. Eine kleine Oase der Unbeschwertheit und Leichtigkeit, fernab aller Probleme des wirklichen Lebens. Sanftmütig schwebt ihre Stimme durch die Lieder, erfüllt von zartem Ausdruck. Wollte man die Einspielung in eine Schublade einordnen, so fielen schnell Begriffe wie Neotonal oder Klassik-Pop, da sich die Mittel auf ein Minimum beschränken. Doch diese Bezeichnungen fallen voreilig, denn unvermittelt reichern Exotismen wie ein Mantra oder Kirtan die Ausdruckswelt an. Am Schluss erhält der Hörer eine Collage verschiedenartiger Stile, Sprachen und Emotionen, die durch die Ruhe des Vortrags zusammengehalten werden.

Die Sängerin begleitet sich selbst, wodurch die Stimme zwangsläufig im Fokus steht und das Klavier mehr in den Hintergrund rutscht. Dafür gestaltet Christine Maria Rembeck ihre Stimme umso facettenreicher und feingliedriger. Eine zweite Ebene fügen stellenweise der Klarinettist Daniel Gatz und die Schlagzeugerin Nora Thiele hinzu.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Hard and Heavy

Cracked Anegg records, crack0056; EAN: 9 120016 850602

Gina Schwarz Unit feat. Jim Black: Woodclock

Für die Gina Schwarz Unit holte sich die Namensgeberin drei ihrer Lieblingsmusiker mit an Bord: Fabian Rucker am Saxophon und der Bassklarinette, Benjamin Schatz an den Tasten und Heimo Trixner an der Gitarre. Die Bassistin Gina Schwarz komplettierte die Unit mit dem gefragten Schlagzeuger Jim Black. Im Titeltrack Woodclock hören wir zudem Marco Blascetta als Redner.

Die CD mag unter der Genrebezeichnung Jazz laufen und doch reichen die hier zu hörenden Tracks über das hinaus, was wir damit verbinden, gehen eher in etwas über, das als Art-Rock zu bezeichnen wäre. Härte strahlt die Musik aus, was einerseits an der treibenden und vielschichtigen Schlagzeugrhythmik und dem prägnanten  Ansatz der übrigen Spieler liegen mag, andererseits aber auch von den künstlerisch hoch anspruchsvollen Strukturen und Polyphoniegebilden herrührt. Die von Gina Schwarz komponierten Stücke wollen nicht gefällig sein und sich erst recht nicht anbiedern, selbstbewusst und eigenwillig geht sie ihren Weg. Die Titel verlangen von Musikern wie Hörern höchste Aufmerksamkeit, entlohnen dafür mit Präsenz und packender Wucht. Elektronische Effekte verleihen Nachdruck und verzerren zusätzlich.

Jeder der fünf Musiker steuert etwas von sich bei, gibt der Musik eine persönliche Note. Und das zahlt sich aus, denn das Resultat erstrahlt als eigenständiges Meisterwerk, das die Kraft und das Können jedes Einzelnen vereint und bündelt. Dichte Stimmvielfalten entstehen, wobei jede Stimme für sich selbst steht und besticht, parallel im Gesamtkontext wirkt und dort bezaubert – bezaubern nicht im romantischen Sinne, sondern eher mit Bikerhelm, Lederjacke und elektronisch verzerrter Gitarre.

[Oliver Fraenzke, Mai 2018]

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Schumanns späte Liebe zum Cello

Naxos, 8.573786; EAN: 7 47313 37867 8

Schumann: Cello Concerto, Works for Cello and Piano; Gabriel Schwabe (Cello), Nicholas Rimmer (Piano), Royal Northern Sinfonia, Lars Vogt

Gabriel Schwabe spielt Cellowerke von Robert Schumann. Das Programm beginnt mit dem Cellokonzert a-Moll op. 129, welches er gemeinsam mit der Royal Northern Sinfonia unter Lars Vogt aufgenommen hat. Daraufhin folgen Adagio und Allegro op. 70, die Fantasiestücke op. 73 und Fünf Stücke im Volkston op. 102 sowie Arrangements der Drei Romanzen op. 94 und des Intermezzos der F-A-E-Sonate aus der Feder des Cellisten. Am Klavier hören wir Schwabes langjährigen Duopartner Nicholas Rimmer.

Als junger Mann bereits erlernte Robert Schumann das Violoncello und behielt sein ganzes Leben lang eine innige Verbindung zu diesem Instrument. Dennoch sollte es bis 1849 dauern, bis er Werke für das Cello als Hauptinstrument herausgab: In diesem Jahr schrieb er sowohl Adagio und Allegro op. 70 als auch die Fantasiestücke op. 73 und die Fünf Stücke im Volkston op. 102. Aber das Warten hat sich gelohnt für die Cellisten: Schumann hinterließ uns drei reife Werke mit individuellem Charme und Feingeist in konzentriertem Stil, die alles jenseits des Wesentlichen entschlacken und das Instrument in seinem vollen Glanz erstrahlen lassen. Ein Jahr später folgte das Cellokonzert a-Moll op. 129, in welchem Schumann seine Erfahrungen der Duos bündelte und ein Glanzstück für den Solisten präsentierte.

Gabriel Schwabe zählt nicht zu Unrecht als einer der führenden Cellisten seiner Generation: Seine Linienführung und sein Gespür für Balance der Dynamik zeichnen ihn aus. Bemerkenswert ist, wie Schwabe mit schlichten Mitteln große Wirkung erzielt, ganz ohne künstlerische Überspitzung oder Zurschaustellung. Die Stücke entstehen von sich heraus und gerade die Fünf Stücke im Volkston verleugnen nicht ihren Ursprung bei der Bauernschicht. Schwabe hört aktiv dem Geschehen zu und agiert entsprechend in Gemeinschaft mit seinen Partnern, verzichtet auf virtuose Alleingänge. Das kommt natürlich dem Cellokonzert zugute, bei welchem stets die Gefahr besteht, dass der Solist das Orchester im Stich lässt, da dieses größtenteils reine Begleitfunktion hat. Die Arrangements aus Schwabes Feder erscheinen so natürlich, als wären sie niemals für ein anderes Instrument gedacht gewesen.

Die Royal Northern Sinfonia hält sich von der Lautstärke etwas zurück, was allerdings überhaut nicht nötig ist, denn Lars Vogt holt bezaubernde Details ans Licht, welche die Cellostimme bereichern. Die Musiker langweilen sich nicht in den monotonen Begleitfiguren, sondern versuchen, rhythmisch und harmonisch neue Facetten hervorzubringen.

Die langjährige Duoerfahrung von Gabriel Schwabe und Nicholas Rimmer trägt auch bei Schumann Früchte. Das Zusammenspiel ist fein abgestimmt und organisch, die Musiker entfaltet sich wie aus einem Atem heraus. Rimmer holt seine Melodien an die Oberfläche, harmoniert mit oder kontrapunktiert gegen die Cellostimme und sorgt für eine Vielfalt an Unterstimmen. Dabei übertönt er den Solisten nicht, fällt aber auch nicht in reine Begleitfunktion, sondern kennt exakt seinen Platz für ein gleichwertiges Zusammenspiel.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Auf sich alleine gestellt

NEOS 11709; EAN: 4 260063 117091

Marcus Antonius Wesselmann, solo works I: Bledsoe (Flöte), Rothbrust (Schlagzeug), Bergström (Gitarre), Knox (Viola), Otto (Saxophon), Schwarz (Fagott), Wesselmann (Tonband)

Sechs der bislang neunzehn Werke für Soloinstrumente von Marcus Antonius Wesselmann sind auf die CD „solo works I“ aus dem Hause NEOS gebrannt: Helen Bledsoe spielt SOLO 1 für Flöte, Dirk Rothbrust SOLO 2 für Schlagzeug, SOLO 3 für elektrische Gitarre hören wir mit Mats Bergström und SOLO 4 für Bratsche mit Garth Knox, SOLO 8 für Bariton Saxophon bietet Simone Otto dar und SOLO 10 für Fagott Johannes Schwarz. Als Bonustrack bedient der Komponist selbst das Tonband in seinem Stück „In the mix“.

Der 1965 geborene Marcus Antonius Wesselmann steht musikalisch zwischen den Stühlen, lässt sich in keine Schiene direkt einordnen. Das beginnt alleine schon bei der Namensgebung seiner Stücke, die auf die poetischen Bezeichnungen verzichtet, wie wir sie von moderner Musik gewohnt sind, und statt dessen nach den Besetzungen gehend durchnummeriert. Musikalisch setzt sich dies fort, denn die Musik klingt so unbeschwert, ist aber doch mathematisch exakt durchstrukturiert und basiert auf Logik. Von den Berechnungen ist wenig bis nichts hörbar; eher könnte der Eindruck entstehen, die Musik entwickle sich aus einer Art der Minimal Music heraus, wenngleich sie wesentlich organischer und fließender gehandhabt wird. Rhythmische Patterns bilden den Grundstein und aus ihnen entsteht nach und nach eine Form, die sich stetig weiterentwickelt. Dabei bleiben Fragmente der ursprünglichen Thematik omnipräsent und erscheinen immer wieder entweder offen oder hintergründig. Der Eindruck ist ansprechend, aber nicht anbiedernd; schroff und hart, aber doch in beinahe meditativer Gleichmäßigkeit.

Von Wesselmanns 19 Solostücken sind sechs für Klavier, jedes andere Instrument erhielt bislang nur ein einziges Stück. Die Klavierwerke wurden auf dieser CD ausgespart, deshalb gibt es Lücken zwischen den ansonsten chronologisch angeordneten Soli.  Das Flötensolo ist das schlichteste und meditativste: Hier können wir die ursprüngliche Idee herleiten, welche in größerer Komplexität auf die weiteren Stücke übertragbar ist. SOLO 2 ist vielschichtiger, die einzelnen Klangkörper bilden Ebenen, die miteinander agieren können oder gegeneinander kontrastieren. In kleine Abschnitte sind SOLO 3 und 4 unterteilt, beim Gitarren-Solo sind es Tempoeinheiten, beim Bratschensolo Widmungsträger. SOLO 3 lebt dabei von elektronischen Effekten, Delay und Verzerrung, sowie von rhythmischen Impulsen, SOLO 4 ist ein innig-trübes Stück, das als einziges der zu hörenden Werke außermusikalische Inspiration hat: Es ist Musik zu einem Dokumentarfilm von Volker Schröder „Wenn ich in die Tiefe schaue“, der die Schicksale von sechs Häftlingen aus den Arbeitslagern Emsland thematisiert. SOLO 8 und 10 sind wieder durchgehende Werke, wobei 8 meist in höchstmöglicher Lautstärke wiederzugeben ist und somit zu einem Kraft-Marathon ausartet und 10 auf einem kontinuierlichen Rhythmus beruht. Der Bonustrack „In the mix“ ist für Zweikanal-Tonband mit ausführendem Interpreten: Wesselmann selbst bedient das Band und mixt die Schnipsel an Musik und Sprache.

Die Instrumentalisten sind allesamt präzise und genau, lassen sich nicht von übermäßigen Emotionen hinreißen, sondern dienen als Sachwalter, wie es von den Stücken auch vorgesehen ist. Sie behalten die Ruhe und Gleichmäßigkeit, schaffen Kontraste und kreieren einen großen Bogen, mit dem sie die SOLI zusammenhalten.

[Oliver Fraenzke, Mai 2018]

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11 Stunden, 32 Sonaten

Chandos, CHAN 10960(9); EAN: 0 95115 19602 1

Beethoven Piano Sonatas: Jean-Efflam Bavouzet (Klavier)

Der französische Pianist Jean-Efflam Bavouzet spielt den Zyklus der 32 Beethovensonaten auf CD ein. Er unterteilte sie in drei 3-CD-Boxen, die 2012, 2014 und 2016 einzeln veröffentlicht wurden – nun erschienen sie als Gesamtes bei Chandos.

Gesamteinspielungen sind immer Mammutprojekte, die jahrelange Vorbereitung, Durchhaltevermögen und Mut erfordern. Eine erfolgreiche Einspielung macht den ausführenden Musiker beinahe ausnahmslos zur Referenz, entsprechend hoch ist der Druck. Dirigenten brüsten sich regelmäßig mit ihren Projekten aller Symphonien von Mahler, Bruckner, Beethoven oder Schostakowitsch – die für Pianisten wohl angesehenste Sonaten-Sammlung dürfte die von Beethoven sein, die weit öfter noch als diejenigen von Mozart, Schubert oder Scriabin in ihrer Gänze zu hören ist. Die Liste der Einspielungen ist lang und es fällt schwer, die „bedeutendsten“ herauszufischen, da zahllose herausragende Aufnahmen auf dem Markt sind. Es gibt kein schlechtes oder auch nur mittelmäßiges Werk unten den 32 gezählten Sonaten Beethovens für Klavier solo; die drei frühen aus der Bonner Zeit zählen nicht zum Kanon.

Die Aufnahmen von Jean-Efflam Bavouzet zeichnen sich durch Bestimmtheit und Selbstvertrauen aus. Markiert und kantig geben sich die Linien, deutliche Kontraste stechen hervor. Bavouzet ist hörbar mit jedem der Werke vertraut und verleiht auch der Sonatine op. 79 und den Sonati Facili op. 49 Bedeutung, wobei die beiden Sonaten op. 49 auch nicht zufällig direkte Nachbarn zur Waldsteinsonate sind: Beethoven beweist, dass er das Kurze und Einfache gleichsam beherrscht wie die große Form; und auch Bavouzet macht keinen Unterschied. Das Aufbrausende ist typisch für sein Spiel, doch liegt ihm das Zurückgehaltene, Lyrisch-Zarte nicht weniger, wie er beispielsweise ist der Pastoral-Sonate eindrucksvoll beweist. Die frühen Sonaten, welche Beethoven seinem Lehrer Josef Haydn widmete, sind vielleicht etwas zu stürmisch und akzentuiert für die Zeit ihrer Entstehung und für den Bezug zu Haydn. Doch bereits ab der Grande Sonate op. 7 stimmen die Proportionen wieder zur Spielweise. Besonders innig vertraut sich Bavouzet in der Appassionata op. 57 an ebenso wie in „Das Lebewohl, Abwesenheit und das Wiedersehen“ op. 81a. Selbst die Giganten wie die Hammerklaviersonate klingen leicht und unbeschwert, Bavouzet hält die Form kompakt zusammen und präsentiert fundiertes musikalisches Verständnis. Hier kommt auch sein hartes Spiel voll zum Tragen, das aus den Unterarmen kommende Gewicht verschmilzt mit der Hammermechanik. Überraschen kann Bavouzet mit den letzten drei Sonaten, diese rückt er in den Kontext von Schuberts letzten drei Sonaten, bei beiden Komponisten gehören sie gewissermaßen zyklisch zusammen. Der Pianist spielt sie erstaunlich zurückgenommen und feinfühlig, entschlackt alles Überflüssige und schafft damit eine andächtige Intimität, die beinahe schon auf den baldigen Tod Beethovens hindeutet.

[Oliver Fraenzke, Mai 2018]

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Über den musikalischen Inhalt

Naxos 8.573630; EAN: 7 47313 36307 0

Sergei Rachmaninoff: Klavierkonzert Nr. 3 Op. 30, Variationen über einem Thema von Corelli Op. 42; Boris Giltburg (Klavier), Royal Scottish National Orchestra, Carlos Miguel Prieto (Leitung)

Boris Giltburg setzt seine Rachmaninoff-Reihe mit dem Dritten Klavierkonzert d-Moll op. 30 fort, ihn begleitet das Royal Scottish National Orchestra unter Leitung von Carlos Miguel Prieto. Als Solowerk spielt Giltburg zudem Rachmaninoffs Variationen über einem Thema von Corelli op. 42.

„Früher haben nur ausgewählte Leute Rachmaninows drittes Klavierkonzert op. 30 gespielt: Nach dem Komponisten selbst waren es Samuil Feinberg, Nikolai Orlow, und erst fünfzehn Jahre später folgte dann Lew Oborin. Heute aber spielen dieses Konzert die Absolventen der Spezialschulen für Musik, und wir Pädagogen lassen das zu – in einer Art stillschweigendem Übereinkommen, im voraus Absolution zu erteilen für alle Sünden, in einer Art Generalamnestie für einen scheußlichen Vortrag, der die schönen, aber eben schweren Stellen gründlich verdirbt. Da gibt es aber keinen Pardon! Denn die Technik ist vom Inhalt nicht zu trennen.“ (Jakow Sak: Zu Fragen der Erziehung unseres Pianistennachwuchses, S. 151-169, in: Herbert Sahling (Hrsg.): Notate zur Pianistik. Aufsätze sowjetischer Klavierpädagogen und Interpreten, Leipzig 1976, S. 167f.)

Es sind harte, doch wahre Worte, die Jakow Sak über eines der berüchtigtsten Stücke der Klavierliteratur notierte. Wir werden förmlich überflutet mit Aufnahmen und Aufführungen von Rachmaninoffs Drittem Klavierkonzert, fast jeder Pianist von Rang und Namen führt es als Highlight in seinem Repertoire. Doch wie oft enttäuschen die Darbietungen rigoros, wie oft verstehen wir als Hörer nichts, außer dass es an die Grenzen menschlicher Physionomie geht?

Boris Giltburg erkennt dieses Problem ebenfalls und vergleicht das Klavierkonzert mit einem 800-seitigen Roman: Auf den Inhalt komme es an, nicht auf die Länge. Entsprechende Bedeutung will er dem Koloss auf musikalischer Ebene verleihen.

Glück hat Giltburg mit dem Orchester, Carlos Miguel Prieto meißelt unerhörte Stimmvielfalt aus dem Royal Scottish National Orchestra heraus; besonders der Streicherapparat ist voll und warm, die treibende Kraft kommt aus den Bässen und Celli und breitet sich bis hin zu den Flöten aus. Bedauernswert ist hierbei, dass der Tonmeister zu sehr auf den Pianisten fixiert war und das Orchester in der Abmischung hinter dem Klavier verschwinden lässt: Dabei müsste das Orchester oft führen, während der Pianist die Melodien nur durch rasche Bewegungen ausziert; in dieser Aufnahme hören wir statt dessen rasche Bewegungen, wohinter irgendwo vielleicht eine Melodielinie im Orchester zu erahnen sein könnte.

Mühelos bewegt sich Boris Giltburg durch die horrend schwierigen Passagen, lässt sie spielend leicht erscheinen. Und doch höre ich nicht so viel „Inhalt“, wie der Pianist es angekündigt hat: Zwar holt er durchaus viele hinreißende Details an die Oberfläche, aber es fehlt an Stringenz und bezwingender Fortführung der musikalischen Linie. Allgemein klingt Giltburgs Spiel blass, er könnte noch mehr an dynamischer und artikulatorischer Vielfalt gewinnen. Dies gilt noch mehr in den Corelli-Variationen op. 42, wo der musikalische Fluss nach spätestens einem Drittel der Länge in einzelnen Momenten und Effekten versiegt.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Alles läuft zusammen

Festspiele in Bergen: Grieghallen, Griegsalen; Edvard Grieg, Ralph Vaughan Williams, Sofia Gubaidulina; Bergen Filharmoniske Orkester, Edward Gardner (Leitung), Gidon Kremer (Violine), Ah Ruem Ahn (Klavier)

[Alle Rezensionen zu den Festspielen in Bergen im Überblick]

Festspiele in Bergen: Griegsalen; Gubaidulina, Kremer und das Bergen Filharmoniske Orkester (Foto von: Oliver Fraenzke)

Im letzten Konzert, welches ich im Rahmen der Festspiele in Bergen höre, läuft alles zusammen: Im Griegsaal der Grieghalle spielt das Bergen Filharmoniske Orkester unter Leitung von Edward Gardner das Offertorium der Festspielkomponistin Sofia Gubaidulina mit Gidon Kremer als Solist an der Geige, die Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis von Ralph Vaughan Williams sowie das Klavierkonzert a-Moll op. 16 von Edvard Grieg. Am Klavier sitzt die Gewinnerin des letzten internationalen Grieg-Wettbewerbs Ah Ruem Ahn.

Sofia Gubaidulina hört das Ende im Anfang, spinnt einen roten Faden durch das gesamte Werk, und erst im letzten Ton erfüllt sich der vollständige Sinn. Sich auf reine Intuition beim Komponieren zu berufen, genügt der gebürtigen Russin nicht, sie benötigt einen mathematischen Hintergrund, der eine zwingende Logik und Stringenz ermöglicht. Es ist die Mitte zwischen den beiden Extremen, die anzustreben ist. Offertorium gehört zu den meistgespielten Werken Gubaidulinas und entstand durch die gegenseitige Bewunderung Gubaidulinas und Kremers, der es auch heute darbietet, 27 Jahre nach der Uraufführung. Der religiöse Kontext bleibt unüberhörbar, wie der Titel suggeriert; die Melodie basiert auf Bachs Musikalischem Opfer BWV 1079. Kremer nimmt das Konzert zurückhaltend und mit gewisser Distanz, lässt sich nicht von den ungeheuren Gefühlswelten überrumpeln. Den Ausdruck verlagert er nach innen, spürt ihn mehr, als ihn aktiv herauszuholen. So entsteht eine ehrliche und glaubwürdige Wirkung der Spiritualität, welche diese Musik durchdringt. Zwar mischt sich im Griegsaal das Zusammenspiel zwischen Solist und Orchester nicht immer, aber doch hören wir kontinuierliche Interaktion zwischen Gidon Kremer und Edward Gardner, der die Bergner Philharmoniker zu enormer Klangfarbenpracht anhält.

In Ralph Vaughan Williams‘ Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis kommt der Streicherapparat des Bergen Filharmoniske Orkesters in voller Pracht zum Einsatz. Jede einzelne Stimmgruppe ist für sich vollendet, präsentiert runden und warmen Ton in zahllosen Schattierungen und dynamischen Details. Darüber hinaus verschmelzen sie zu einem miteinander wirkenden Ganzen, ein vielschichtiger und dreidimensional plastischer Klangraum entsteht, der zudem durch das Fernorchester bereichert wird.

Zuletzt hören wir Grieg im Griegsaal der Grieghalle in der Griegstadt Bergen. Die Gewinnerin des Griegwettbewerbs Ah Ruem Ahn präsentiert sein Klavierkonzert a-Moll op. 16, das schon von Franz Liszt in höchsten Tönen gelobt wurde und schnell seinen Weg in die großen Konzerthäuser fand, wo es heute nicht mehr wegzudenken ist. Wie auch schon bei ihrem Rezital in Troldhaugen verblüfft die Koreanerin durch ihr flüchtiges, hingeworfen wirkendes Spiel, das der Musik eine Ungezwungenheit verleiht, die an Improvisation erinnert. Sie lässt es zu, dass das Orchester sie im Kopfsatz teilweise dynamisch übersteigt, doch um so prächtiger kommt sie jedes Mal wieder aus der Tiefe hervor. Für das Bergen Filharmoniske Orkester gehört das Konzert zu den Evergreens, die sie stets auf neue darbieten müssen: Entsprechend bekannt ist allen Musikern diese Musik und jedes Detail des Zusammenspiels. Dennoch stumpfen die Instrumentalisten dadurch nicht ab, sondern nutzen die Werkkenntnis für feine Artikulation und bemerkenswertes Zusammenwirken, haben noch immer Freude an Griegs Musik.

Und mit dem Konzert klingt auch meine Zeit bei den Festspielen in Bergen aus, erfüllt von Musik und Eindrücken geht es zurück nach Deutschland. Doch Norwegen wird mich wieder anziehen: Die Offenheit der Musiker, die Ungezwungenheit und Suche nach immer umfassenderem Verständnis für die Musik gibt der Kultur in den skandinavischen Ländern einen besonderen Stellenwert.

        

[Oliver Fraenzke, Mai 2018]

Lobpreisung und Tod

Festspiele in Bergen: Domkirke St. Olav; Johann Sebastian Bach, Sofia Gubaidulina; Bergen Domkor, Kjetil Almenning (Leitung), Andreas Brantelid (Cello), Manuel Hofstätter, Gard Garshol (Schlagzeug), Sigurd Melvær Øgaard (Orgel)

[Alle Rezensionen zu den Festspielen in Bergen im Überblick]

Festspiele in Bergen: Domkirke St. Olav; Domkor, Kjetil Almenning und Andreas Brantelid (Foto von: Oliver Fraenzke)

Der Domkor Bergen unter Kjetil Almenning präsentiert ein Chorkonzert mit Musik von Johann Sebastian Bach und Sofia Gubaidulina in der Domkirke St. Olav. Nach Präludium und Fuge f-Moll BWV 534 mit dem Organisten Sigurd Melvær Øgaard singt der Chor die Kantate Fürchte dich nicht BWV 228. Die zweite Hälfte des Programms bildet Gubaidulinas Sonnengesang nach Francis von Assisi, am Solo-Cello sitzt Andreas Brantelid.

Die Thematik des Todes bindet Bachs Kantate „Fürchte dich nicht“ BWV 228 und Sofia Gubaidulinas Sonnengesang nach einem Text Franz von Assisis zusammen. Während Bachs Kantate für Beerdigungen geschrieben wurde, verfasste Assisi seinen Gesang über die Schöpfung und die Geschöpfe kurz vor seinem Tod, lobt Gott von der ersten bis zur letzten Sekunde des menschlichen Lebens. Anlässlich des 70. Geburtstags des Cellisten Mstislav Rostropovich vertonte Sofia Gubaidulina den Sonnengesang und überließ dem Jubilar eine gewichtige Solopartie. Der Cellist schlüpft gar in die Rolle eines Priesters und „segnet“ zuerst die Musiker und schließlich das Publikum durch den Klang eines Flexatons, den er beinahe wie Weihrauch verteilt. Auch die Basstrommel muss der Solist bedienen.

Bestens vertraut mit der Akustik in der Domkirke St. Olav, brilliert der Bergen Domkor unter Kjetil Almenning durch glasklaren Gesang und Verständlichkeit bis in die letzte Reihe. Charakteristisch für den Chor ist die Eigenständigkeit der einzelnen Stimmgruppen, die durch minimale Unterschiede der Klangfärbung voneinander abgesetzt werden. Die Gruppen hören aufeinander und platzieren die eigene Stimme bewusst im Geflecht der Kontrapunktik.

Geladen mit Pathos und Leidenschaft tritt Andreas Brantelid auf, verleiht jedem Ton Gewicht und Bedeutung. Die vollen 40 Minuten hält er diese Anspannung durch, was auch für den Hörer anstrengend, zeitgleich aber auch anregend ist. Im Wechselspiel geht Brantelid vor allem auf die beiden Schlagzeuger ein und kooperiert mit ihnen, den Chor betrachtet er mehr als unabhängige Schicht.

       

[Oliver Fraenzke, Mai 2018]

Bach, Spanien, Rock

Festspiele in Bergen: Grieghallen; Johann Sebastian Bach, Henry Purcell, Manuel Oltra, King Crimson; Ricardo Odriozola (Bratsche und Leiter), Griegakademiets kammerorkester

[Alle Rezensionen zu den Festspielen in Bergen im Überblick]

Im Foyer der Grieghalle hören wir am 26. Mai 2018 mittags um 12 Uhr das Kammerorchester der Griegakademie (Griegakademiets kammerorkester) unter Leitung des Violinprofessors Ricardo Odriozola. Umrahmt wird das Programm von Bach, mit dessen „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ die Musiker einziehen und die Bühne auch wieder verlassen. Dazwischen gibt es die Fantasie Nr. 4 von Purcell, Manuel Oltras Suite per a flauta i orquestra de corda und ein Arrangement von King Crimsons FraKctured aus der Feder des Dirigenten.

Vielseitiger könnte ein Programm kaum sein: Von Bach und Purcell über einen spanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts bis hin zur Progressiv Rock Band King Crimson. Der in Norwegen lebende Spanier Ricardo Odriozola weiß, die Welten zu vereinen und zu einem Konzert zusammenzufügen. Er stellte ein Kammerorchester aus Studenten und Lehrkräften der Griegakademie zusammen und lud Gäste aus Schweden ein, um dieses Projekt zu verwirklichen.

Die Musik beginnt hinter der Bühne, zu einer auskomponierten Einleitung treten die Musiker auf die Bühne, aus einem meditativen Orgelton entwickelt sich nach und nach Bachs „Vor deinen Thron tret ich hiermit“, bis das Thema in vollem Glanz erstrahlt. In der Vielstimmigkeit von Bach und Purcell zeigt sich die Qualität der Studenten aus Bergen: Jede Linie besitzt Aussagekraft und mischt sich gleichwertig zu etwas größerem, übergeordnetem, zu einer musikalischen Gemeinschaft. Ricardo Odriozola leitet von den Mittelstimmen aus, wir hören ihn von der Bratsche koordinieren. Seine Wahl, in diesem Konzert die Bratsche und nicht die Geige zu spielen, erweist sich als Geniestreich, denn so werden die weichen, warmen Seiten betont. Für Manuel Oltra legt Odriozola sein Instrument beiseite und stellt sich an das Dirigentenpult. Die Suite besteht aus kurzen Stücken hochwertiger Unterhaltungsmusik, die künstlerischen Anspruch aufweisen und doch unbeschwert ins Ohr gehen. Beschwingt reißen sie den Hörer in ihren Bann, Optimismus erfüllt das tänzerische Spiel zwischen Flöte und Streichorchester. Ricardo Odriozola bearbeitete FraKctured von King Crimsom zu einem treibenden Streichorchesterstück: Es steht im 5/4-Takt und begeistert durch rhythmische Präsenz und Wildheit, wobei von der ersten bis zur letzten Note eine formale Geschlossenheit zu bemerken ist. King Crimson verbindet die Ungezügeltheit der Rockmusik mit einem Sinn für klassische Ausgewogenheit.

Das Talent der zu einem Großteil jungen Musiker ist überragend, alle verstehen sich ohne Worte alleine durch Gesten und sind in der Lage, aktiv zuzuhören. Sie schauen über den Tellerrand des Standard-Repertoires hinaus und finden sich auch in unbekannter Musik zurecht, nehmen sie ernst und begeistern sich für sie. Die Leidenschaft zur Musik wird hier nicht für technische Perfektion geopfert, sondern steht im Einklang mit ihr. Odriozola reiht die einzelnen Stücke nicht bloß aneinander, sondern gestaltet sie in einem dramaturgischen Bogen, wodurch das Konzert ein ganzheitliches Erlebnis wird.
[Oliver Fraenzke, Mai 2018]

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     King Crimson: The ConstruKction Of Light (jpc)

Virtuosität und Romantik

Ars Produktion Schumacher, ARS 38 242; EAN: 4 260052 382424

Romantic, Brilliant, Imaginative: Semenenko (Violine), Firsova (Klavier); Grieg, Tschaikowski, Castelnuovo-Tedesco, Paganini, Schubert 

Violinmusik aus der Epoche der Romantik birgt vorliegende CD mit Aleksey Semenenko und Inna Firsova. Die Eckpfeiler dieser Einspielung sind die Erste Violinsonate F-Dur op. 8 von Edvard Grieg und die Fantasie C-Dur D 934 von Franz Schubert. Dazwischen befinden sich drei Bearbeitungen von Werken für Violine und Orchester: Tschaikowskis Sérénade Mélancholique, Mario Castelnuovo-Tedescos Konzertparaphrase über die Cavantine Largo al Factorum aus Figaros Hochzeit und Paganinis I Palpiti, ebenfalls über ein Thema Rossinis. Das Arrangement von Paganinis Variationswerk für zwei Instrumente stammt von Fritz Kreisler.

Die Produktion der vorliegenden Aufnahme war der Preis eines Kammermusikwettbewerbs an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, den Aleksey Semenenko und Inna Firsova gewonnen haben. Das Programm entwickelt sich ausgehend von Schuberts großer C-Dur-Fantasie von 1827, in denen er seine Eindrücke eines Auftritts von Paganini verarbeitete. So ist natürlich auch der Teufelsgeiger vertreten mit einer Paraphrase über Rossini, was den Faden weiterspinnt zu Castelnuovo-Tedesco und dessen Fantasie über ein Rossini-Thema aus Tancredi. Tschaikowski und Grieg komplettieren die Aufnahme, wobei Griegs Erste Violinsonate das erste Werk war, das Semenenko in die Welt der Kammermusik einführte. Mich verwundert, dass Inna Firsova nicht auf dem Cover erwähnt wird, ihr Name verbirgt sich auf der Rückseite und ihr Bild im Booklet: Und das, obgleich Semenenko doch Kammermusik studiert und bei Grieg und Schubert das Klavier einen mindestens ebenbürtigen Part zur Violine spielt, wenn nicht einen gewichtigeren!

Die Violinsonate Edvard Griegs gibt ein Bild frei auf zwei fleißige und detailverliebte Musiker, die minutiös darauf bedacht sind, die Noten genau wiederzugeben. Sie betrachten die Musik aus gewisser Distanz und fühlen sich trotzdem in die Welt des Komponisten ein. Ein großes Spektrum an Artikulations- und Dynamikabstufungen bringt Abwechslung und Vielseitigkeit in das Werk, immer neue Klangfarben bereichern die Sonate. Zu wenig achten sie allerdings noch auf das Schlichte, Volkstümliche, was ja gerade Grieg und seine skandinavischen Kollegen so sehr prägt. Der Mittelsatz wird zum Kunstwerk und verliert die Einfachheit des Volksliedes; die charakteristische Fidel-Passage lockt nicht zum Bauerntanz, sondern in den Konzertsaal. Gleiches gilt für Tschaikowskis Sérénade Mélancholique, die unartifizielle und zutiefst menschliche Gefühle ausdrückt, auch das einfache Volk anspricht.

Es folgen zwei Virtuosenwerke, in denen Semenenko seine Brillanz und Leichtfüßigkeit unter Beweis stellt. Unglaubliches gelingt ihm in Paganinis I Palpiti, wo der Hörer kaum aus dem Staunen herauskommt. Grazil bewegt er sich zwischen all den Hürden und zeitgleich gibt er den formalen Aufbau der Stücke zu verstehen, geht auch auf die Phrasierung und den innermusikalischen Kontext ein.

Das Finale ist die 25-minütige Fantasie C-Dur von Franz Schubert, in welcher der Komponist die Errungenschaften der großen Virtuosen in symphonischen Kontext eingliedert und in reinste Musik verwandelt. Auch bezüglich der Darbietung ist dies der Höhepunkt der Einspielung, die Musiker hören einander zu und erreichen ein vollkommenes Miteinander. Inna Firsova tritt in den Vordergrund: Bei Grieg wurde sie noch von der Violine überlagert und in den Bearbeitungen weilte sie doch eher in Begleitfunktion. Nun aber trumpft Firsova auf und demonstriert ihre überlegene Meisterschaft des Klaviers, die sie zur Entdeckung macht. Ihre Läufe ragen heraus und geben den Eindruck, die Erde würde sich anheben oder absenken, wenn sie in die Höhe beziehungsweise Tiefe rauscht. Ebenso bemerkenswert ist, wie autonom ihre beiden Hände fungieren. Gerade bei großem Abstand ergänzen sich die Stimmen kontrapunktisch wie zwei nur miteinander funktionierenden Kraftfelder.

[Oliver Fraenzke, Mai 2018]