Archiv der Kategorie: CD-Rezension

Ringen um die Musik

Genuin classics, GEN 19656; EAN: 4 260036 256567

Liv Migdal spielt Werke für Violine solo. Das Programm beginnt mit der Violinsonate Nr. 3 in C-Dur BWV 1005 von Johann Sebastian Bach; dieser folgt die Sonate in G op. 44 von Paul Ben-Haim, wonach Béla Bartóks Sonate für Violine Solo Sz 117 (BB 124) die CD beschließt.

Auf den ersten Blick scheinen diese drei Werke nichts miteinander zu tun zu haben: Bach lebte in etwa 200 Jahre vor Bartók und Ben-Haim, jene beiden trennte eine gewaltige Distanz von Amerika bis nach Palästina. Und doch sind sie eng miteinander verbunden, zusammengehalten vom Geiger Yehudi Menuhin. Bartók war hingerissen von Menuhins Darbietung der Bach’schen C-Dur-Violinsonate (und der seiner eigenen ersten Sonate für Geige und Klavier); und als dieser ihn später bei einem persönlichen Kennenlernen nach einem Werk für Geige solo fragte, orientierte er sich formal an den Gattungsbeiträgen von Bach. Formal lehnte Bartók sich an der C-Dur-Sonate an: inklusive einer Fuge, einer darauffolgenden langsamen Melodie und einem raschen Schlusssatz. Die Idee des Kopfsatzes „Tempo di ciaccona“ entnahm er der berühmten Chaconne aus der d-Moll-Partita. Eben diese Bartók’sche Sonate spielte Menuhin in Tel Aviv und beauftragte den anwesenden Komponisten Paul Ben-Haim nach dem Konzert mit einem eigenen Gattungsbeitrag. Die Uraufführung des Resultats fand wie acht Jahre zuvor auch die Premiere von Bartóks Solosonate in der Carnegie-Hall statt, nur zwei Monate nach Fertigstellung. Alle drei der gehörten Werke sind erfüllt von Schmerz und Verarbeitung, bilden eine Art innere Zuflucht: Bach hatte vor Vollendung seiner sechs Violinsoli seine Frau verloren, Bartók war nach Amerika emigriert und litt neben finanziellen Schwierigkeiten an seiner fortschreitenden Leukämie; und auch Ben-Haim war im zweiten Weltkrieg aus Deutschland geflohen, was bis in diese Sonate fortwirkte.

Eine enorme Offenheit der Musik gegenüber charakterisiert das Spiel von Liv Migdal, sie taucht ein in die Noten und ringt mit den daraus hervorgehenden Effekten. Dabei schont sie sich nicht, durchleidet die musikalischen Erlebnisse an sich selbst und strahlt das in ihrem Spiel aus, was sie in diesem Kampf wahrgenommen und gewonnen hat. Anstelle theoretischer Reflexion treten bei Liv Migdal tiefe Empfindungen, was sie als wahre und gelebte Musikerin auszeichnet.

In der Musik Bachs entdeckt Migdal eine durchgehende Zartheit, die sie feinfühlig aus der Musik hervorholt. Besonderes Augenmerk legt sie auf die Polyphonie und die sich oft in mehrere Stimmen auffächernde Melodielinie. Die einzelnen Stimmzweige setzt die Geigerin durch kleine Rubati voneinander ab, wobei sie aufmerksam darauf achtet, diese nicht zur Manier werden zu lassen. Das Largo nimmt sie wie auch die Melodia aus Bartóks Sonate in vorwärtsgehendem Tempo. Diese passen zu den technischen Gegebenheiten der CD und vermeiden somit ein Schleppen der Ruhepole, die im Konzertsaal auch deutlich langsamer noch ihre volle Wirkung entfalten würden. In Bartóks Violinsonate fokussiert Liv Migdal die enormen Kontraste, um den Hörer über diese für eine Sologeige erstaunlich lange Strecke von 27 Minuten zu tragen. Der erste Satz bildet einen in sich abgeschlossenen Kosmos, dem eine brachiale Fuge folgt, welcher Migdal in entsprechend aggressiver, vorwärtsdrängender, jedoch nie zügelloser Weise begegnet. Die Melodia entfaltet ihre volle Klangmagie und bringt die Zeit zum Stillstehen. Gespenstisch begegnet uns der Beginn des Finales, worauf sich eine trügerische Ausgelassenheit auftut, welche Bartók beinahe gezwungen erscheinen lässt – besonders hier wird Liv Migdals Ringen um die Noten deutlich bemerkbar und zahlt sich aus! Die Geigerin setzt sich schon lange für die kaum bekannte Musik von Paul Ben-Haim ein (geboren als Paul Frankenburger, doch nach seiner Emigration umbenannt in Ben-Haim, „Sohn des Heinrich“) und diese Zuneigung zu seiner Musik wird in jedem Ton spürbar. Hier holt Migdal die feinsten und zärtlichsten Töne hervor, umgarnt jede der hinreißenden Melodien und verschmilzt die westlich-europäische mit der orientalischen Klangwelt.

[Oliver Fraenzke, Mai 2019]

Drei Russen und das Cello

Hyperion, CDA68239; EAN: 0 34571 28239 8

Steven Isserlis und Olli Mustonen spielen Cellowerke von Dmitri Schostakowitsch, Sergei Prokofieff und Dmitri Kabalewski. Von Schostakowitsch hören wir die Cellosonate d-Moll op. 40 sowie das Moderato für Cello und Klavier, aus der Feder Prokofieffs erklingt die Ballade C-Dur op. 15 und sein Arrangement des Adagios „Cinderella und der Prinz“ op. 97bis, von Kabalewski spielen die Musiker die Cellosonate B-Dur op. 71 und das Rondo in Gedenken an Prokofieff op. 79.

Die drei Komponisten Dmitri Schostakowitsch, Sergei Prokofieff und Dmitri Kabalewski waren nicht bloß Zeitgenossen, es herrschte reger Austausch zwischen ihnen – eine Zeit lang wohnten sie gemeinsam mit anderen Tonsetzern im gleichen Haus. Sie alle durchlebten unter Stalins Herrschaft den selben Schrecken und alle drei wurden des Formalismus‘ angeklagt, was sie über Nacht zu personae non gratae machte. Ihr Empfinden jedoch drückten die drei je gänzlich verschieden aus, schrieben je in ganz unterschiedlichen und eigenen Stilen, ohne dass ein Einfluss der jeweils anderen spürbar wäre (vielleicht abgesehen von Kabalewskis Rondo in Gedenken an Prokofieff, doch selbst in diesem wirkt der Widmungsträger lediglich als Randerscheinung).

Von den aufgenommenen Werken setzte sich vor allem die groß angelegte Cellosonate Schostakowitschs durch, die durch den erzählerischen Gestus und die geschickte Handhabung der Form den Hörer gleich in ihren Bann zieht. Anders erging es der frühen C-Dur-Ballade Prokofieffs, von der der Komponist nicht ganz zu Unrecht sagte, das Publikum würde sie beim erstmaligen Hören nicht verstehen. Selbst war Prokofieff allerdings überzeugt von dem Werk (dessen Hauptthema er einem Kindheitswerk entlieh, welches er mit 11 skizzierte) und setzte sie regelmäßig auf seine Programme. Ebenso im Schatten weilt Kabalewskis Cellosonate, was nicht auf das Werk zurückgeführt werden kann, sondern eher auf die politische Unbeliebtheit des Komponisten, der sich zunächst dem Regime beugte und so die Kritik seiner Kollegen auf sich zog, und später nach den Formalismusvorwürfen gegen ihn doch seine Kollegen verteidigte, was wiederum vom Regime verspottet wurde. Heute kennt man Kabalewski vor allem als Komponist kleiner Kinderstücke voller Lebendigkeit, Witz und kecken Ideen vor allem harmonischer Art. Seine symphonischen Werke (unter anderem 4 Symphonien und 7 Solokonzerte!) sowie seine größer angelegte Musik wird beinahe überhaupt nicht aufgeführt. Die reife Cellosonate hebt sich von den anderen Titeln dieser CD wie allgemein aus dem Cellorepertoire ab durch ihre großartige und vor allem genuine Behandlung des Cellos, dessen Stärken ausgekostet werden; die Musik schmeichelt dem Klang des Cellos und vermeidet bewusst solche Passagen, die auf dem Instrument kratzig oder quietschig klingen, wie sie die meisten Komponisten unbeirrt einsetzten. Abgerundet wird das Programm laut Steven Isserlis mit drei „Hobelspänen“ aus der Werkstatt der Meister, von denen besonders Prokofieffs Eigenarrangement des Adagios aus Cinderella hinreißenden Charme besitzt.

Musikalisch divergieren Steven Isserlis und Olli Mustonen deutlich: Isserlis nimmt seine Cellopartien hochexpressiv und dramatisch, während Mustonen vorwiegend nüchtern bleibt, seinen Anschlag prägnant hält. Beide Musiker brillieren durch Präzision und technische Meisterschaft, wirkliche Durchdringung des musikalischen Inhalts spüre ich jedoch keine, weshalb gerade die längeren Sätze schnell bröckeln und den Hörer auf der Strecke lassen. Überzeugen können entsprechend die raschen, technisch anspruchsvollen Sätze bei Schostakowitsch und Kabalewski, die auch ohne tieferes Verständnis ihre Wirkung nicht verfehlen; weniger begeistert dafür die Prokofieff-Ballade und der Kopfsatz von Schostakowitschs Sonate. Klangmagie entfalten die Musiker im Adagio aus Cinderella und auch das Moderato für Cello und Klavier von Schostakowitsch lockt durch ansprechende Schlichtheit.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Fängt gerade erst an…

Christoph Graupner (1683-1760): Das Leiden Jesu, Passion Cantatas III

Solistenensemble Ex Tempore, Barockorchester Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick

Cpo, CD 555 230 2; EAN 7 61203 52302 3

Wer war Christoph Graupner? Der Komponist am Darmstädter Hof, der etwa 2.000 Werke schrieb, Opern, weltliche Kantaten, 113 Sinfonien, 44 Solokonzerte usw., usw… Seine Neuentdeckung begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ist noch längst nicht abgeschlossen. Verdienstvoll, dass seine Musik auf mehreren CDs vorliegt, cpo ist wieder federführend, auch diesmal. Die Musik fesselt von ersten bis zum letzten Ton, sowohl von ihrer Melodik als vor allem durch das klangliche und instrumentale Spektrum. Darmstadt war damals eines der wichtigsten und renommiertesten Zentren für die zeitgenössische Musik. Bekannte und berühmte Solistinnen und Solisten kamen an den Hof, Graupner fand also für seine musikalischen Utopien auch die entsprechenden Musiker, auch wenn er gerne nach Leipzig als Nachfolger von Johann Kuhnau gekommen wäre. Sein Dienstherr erlaubte das nicht, was für Darmstadt eine ganz besondere Blüte bedeutete.

Die Aufführung dieser drei Passionen ist vorbildlich. Nicht nur, was die Solistinnen und Solisten, das Orchester und den Chor angeht, auch Florian Heyerick, der Leiter – vielbeschäftigt und in mannigfachen Funktionen unterwegs – überzeugt durch die Bank in allen Ausdrucksbereichen. Das Hören dieser angeblich so unzeitgemäßen Musik ist gerade im durch Bach’sche Passionen überreich eingeengten Repertoire eine hervorragende Ergänzung und Entdeckung.

Vielleicht gelingt es sogar, einiges aus Graupners Opernschaffen wieder einmal auf die Bühne zu bringen und auch da die Programme zu erweitern?

Zwar verfügte Christoph Graupner, dass alle seine Kompositionen nach seinem Tod vernichtet werden sollten, allein seine Erben setzten in einem jahrelangen Rechtsstreit durch, dass heute fast alle seine Werke in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt erhalten sind. Wir dürfen also gespannt sein auf weitere großartige Entdeckungen.

[Ulrich Hermann, April 2019]

Was ist besser als ein Orchester?

Sonntags-Matineee der Kammerphilharmonie dacapo München am 14. April 2019 im Herkulessaal: Mozart, Mendelssohn, Brahms

Was ist besser als ein Orchester? Natürlich deren zwei. Vor allem, wenn damit nicht nur die Musik, sondern auch der kulturelle und persönliche Austausch zwischen so weit entfernten Ländern wie Taiwan und Deutschland gefördert wird. Und so saßen beim sonntäglichen Konzert der Kammerphilharmonie dacapo nicht nur die hiesigen Musikerinnen und Musiker auf der Bühne, auch Spielerinnen und Spieler eines Taiwanesischen Orchesters aus Kaohsiung verstärkten die Besetzung.

Zuerst – welch ein Beginn eines vollbesuchten Sonntagskonzertes – erklang mit dem jungen Jernej Cigler aus Slowenien als Hornsolist das vierte Hornkonzert in Es-Dur KV 495 von W.A. Mozart, delikat begleitet vom Streichorchester der Kammerphilharmonie DaCapo und ihrem Dirigenten Franz Schottky. Zu den sehr ansprechenden Eigenheiten diese Konzertreihe gehört – wie üblich – die Begrüßung und eine kurze Einleitung des Programms durch Franz Schottky, der auch die beiden Solisten des Tages und die Gäste aus Fernost vorstellte und begrüßte. Natürlich kennt „man“ die Mozartschen Hornkonzerte, obwohl sie seltener im Programm stehen als es diese wunderbare Musik verdient, aber das leibhaftige Erleben ist dann doch wieder einmal etwas ganz Eigenes. Vor allem, wenn der Solist so überzeugend seinen Part vertritt wie es Jernei Cigler in den drei Sätzen tat. Besonders schön gelang der langsame zweite Satz, die Romanze.

Als zweites Konzert stand jenes berühmte Violinkonzert in e-Moll op. 64 auf dem Programm. Der junge Augsburger Simon Luethy spielte auf seiner Gaglino Geige mit dem Satori-Bogen dieses bei allen Geigern hochgeschätzte Stück mit souveräner Meisterschaft, begeisterte Publikum und Musiker gleichermaßen mit seiner uneitlen und hochmusikalischen Präsenz, die dem Orchester Anlass bot, das „Silbertablett“ seiner Begleitkunst zu präsentieren. Auch hier wieder gelang der langsame zweite Satz, das Andante, ganz besonders schön und innig, aber auch der Virtuosität des ersten und dritten Satzes bleiben Solist und Orchester nichts schuldig. Großer Beifall und als Zugabe eine Paganini Caprice Nr. 3 .

Nach der Pause – noch einmal vergrößerte sich das gemeinsame Orchester für die vierte Symphonie von Johannes Brahms in e-Moll. Für Arnold Schönberg begann mit dieser – Brahms letzter – Symphonie das Zeitalter der Neuen Musik, wie Franz Schottky zu Anfang erwähnte. Und wirklich zeigen diese vier Sätze ein Kompendium der rhythmischen und melodischen, neue Klänge schaffenden, sowie polyphon-verarbeitenden Meisterschaft des 52-jährigen Komponisten, sie ist vor allem im letzten, vierten Satz ein absolutes Novum der bisherigen Musikgeschichte. Brahms verwendet hier, ausgehend von einem Bach‘schen Thema eine bis dahin nicht symphonisch verwendete Variationsform, die weit in die Zukunft deutet. Das Orchester lief zu Hochform auf, Bläser und Streicher, Pauken und Schlagzeug ebenfalls und unter der Stabführung von Franz Schottky erblühte dieses letzte Meisterwerk des Johannes Brahms in Gelassenheit voller Energie vom ersten bis zum letzten Ton. Wie modern und faszinierend auch heute noch diese Musik ist und berührt, zeigte der enthusiastische Beifall, der dem Orchester und seinen besonders geforderten Solistinnen und Solisten gebührte.

Ceterum censeo… Ein viel zu wenig beachtetes, jedoch beachtenswertes Orchester! Aber das Nichtbeachten ist ja leider beim heutigen Münchner Feuilleton schon Usus.

[Ulrich Hermann, April 2019]

Russische Klaviermusik

Evidence classics, EVCD048; EAN: 5 051083 124379

Der 1995 in Paris geborene Pianist Jean-Paul Gasparian präsentiert auf seiner zweiten CD Werke russischer Komponisten. Er spielt die Études-Tableaux op. 39 von Sergei Rachmaninoff, die zweite Klaviersonate op. 19 sowie Trois Études op. 65 von Alexander Scriabin und Sergei Prokofieffs zweite Klaviersonate d-Moll op. 14.

Zwar unterscheidet sich die Musik von Rachmaninoff, Scriabin und Prokofiev grundsätzlich in ihrer Intention und ihrer Wirkung, doch sie warten mit ähnlichen Gefahren für den ausführenden Musiker auf. Alle drei Komponisten sind recht dankbar für den Pianisten, was bedeutet, dass sie bei der Darbietung kaum so sehr verstümmelt werden können, dass ihre überbordende Wirkung komplett verloren ginge. Doch eben dadurch geben sie sich dem Pianisten gegenüber auch undankbar, denn genau auf dem schmalen Grad zwischen Effekt und tatsächlichem musikalischen Inhalt trennen sich die rein technikaffinen Musiker von denen, die weiter- und der Musik auf den Grund gehen.

Gasparians Spiel zeichnet sich durch eine Frische und Lebendigkeit aus, die vielen älteren Kollegen fehlen oder die ihnen verlorenging. Obgleich er sich gerne auf gewisse Grundstimmungen verlässt, geht er auch mit der Musik mit und erkundet sich auftuende Änderungen der Atmosphäre; mit diesen platzt er nicht sogleich heraus, sondern bringt sie dem Hörer allmählich und mitvollziehbar näher.

Rachmaninoff verleiht er eine angenehme Süßlichkeit, die dem persönlichen Weltschmerz des Komponisten schmeichelt, ohne ihn überzustrapazieren. Gasparian gelingt es, flächige Passagen oder Stücke in der schwebenden Spannung zu halten, so wie die zweite Rachmaninoff-Etüde, bei welcher der Pianist den Reiz aus der verschobenen Rhythmik zieht. Manche der heute so oft anzutreffenden „Pianistin-Krankheiten“ in Form von Manierismen zeigen sich bei Jean-Paul Gasparian nur in den kargeren Strukturen wie der 7. Und 9. Etüde aus dem Opus 39: Hier bemerkt der Hörer schnell, dass die Rubati stets mechanisiert gleich an den selben Stellen und Motiven auftauchen, und, dass das Tempo ohne erkennbaren Grund deutlich schwankt – selbiges im ersten Satz der Scriabin-Sonate, in welcher sich das Tempo zwischenzeitlich sogar in etwa verdoppelt! Abgesehen davon hält Gasparian die Sonate allerdings gut zusammen und trägt den Hörer auch über die schwierig zu realisierenden Generalpausen des Anfangs und die über lange Konturlosigkeit des zweiten Satzes hinweg. Scriabins drei Etüden op. 65 erforschen je ein bestimmtes Intervall: Die große Non, die große Sept und die reine Quint. Die dadurch entstehenden eigenwilligen Harmonien hebt Jean-Paul Gasparian hervor, wodurch es ihm sogar gelingt, in einer Art „Gewöhnungseffekt“ die Dissonanzen beinahe zu Konsonanzen werden zu lassen. (Gleiches versuchte Scriabin mit der kleinen Sept bereits in seinem frühen Präludium op. 11/2.) Besonders gelungen hören wir auf dieser Aufnahme die zweite Prokofiev-Sonate: Gasparian entsagt jeder Art von brachialen Akkordentladungen, gedroschenen Läufen oder Effekthascherei, er bleibt weich, durchlässig und verleiht auch diesem Komponisten eine angenehme dolce-Note – eine erfrischende Gegendarstellung zu den meisten Darbietungen des Werks, in der wir auch einmal eine ganz andere Seite von Prokofiev wahrnehmen, welche so oft verborgen bleibt.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Mendelssohn mit Bewusstsein

Chandos, Chan 20122(2); EAN: 0 95115 21222 6

Für Chandos nimmt das Doric String Quartet, bestehend aus Alex Redington, Jonathan Stone, Hélène Clément und John Myerscough, alle Streichquartette Felix Mendelssohns auf. Der vorliegende erste Teil dieser Aufnahme beinhaltet auf zwei CDs die Quartette op. 12 Es-Dur, op. 44/3 Es-Dur und op. 80 f-Moll.

Neben Mozart zählt Felix Mendelssohn wohl als bekanntestes Wunderkind der Musikgeschichte: Seit frühester Kindheit an lauschte er den Kammermusikkonzerten im Wohnzimmer seiner Familie und begann schnell, selbst zu komponieren. Später verbannte er die meisten Kompositionen dieser Zeit in die Schublade: Mittlerweile wurden sie entdeckt und zumindest zu großen Teilen gespielt und aufgenommen. Dazu gehören neben den zwölf heute recht populären Streichersymphonien mehrere Instrumentalkonzerte mit Streicherbegleitung und eine Vielzahl vorzüglicher Kammermusikwerke, unter anderem ein mit 14 Jahren komponiertes Streichquartett und zahlreiche Fugen für diese Besetzung.

Zu Lebzeiten publizierte Mendelssohn sechs Streichquartette (opp. 12, 13, 44/1-3, 80), Funde von Skizzen und Stücken für diese Besetzung könnten auf die Arbeit an einem siebten schließen lassen. Orientieren sich die ersten fünf Quartette formal noch an Beethovens Gattungsbeiträge (wenngleich natürlich in unverkennbar eigenem Stil), so geht Mendelssohn mit seinem op. 80 in f-Moll gänzlich andere Wege. Dieses Werk entstand in tiefer Depression nach dem unerwarteten Tod seiner Schwester Fanny Hensel und verarbeitet den Schicksalsschlag innig, aufwühlend und expressiv, gespickt mit Dissonanzen und herben Tremoli, suchend statt findend. Mendelssohn selbst bezeichnete es als Requiem für Fanny, doch es sollte zugleich sein eigenes werden; das Streichquartett war Mendelssohns letztes fertiggestelltes Werk.

Die Aufnahmen des Doric String Quartets fallen auf durch die unnachgiebige Kraft ihrer musikalischen Aussage. Was die Musiker spielen, das meinen sie auch. Sie versuchen nicht, Mendelssohn in eine Kategorie einzuordnen, ihn wie Beethoven darzustellen oder in eine Romantiker-Schiene zu bringen, sondern erkunden den persönlichen Stellenwert dieses Komponisten. Die Quartette opp. 12 und 44/3 erhalten dabei strahlenden Glanz und kernige Linien, op. 80 sticht durch geheimnisvolle Zwischenklänge und extreme Kontraste hervor. Besonderes Augenmerk legt das Doric String Quartet auf die Klarheit der Polyphonie und auf das ‚Concertieren‘, Wetteifern, der Instrumente: Oftmals instrumentiert Mendelssohn die vier Streicher so, dass einer gegen die drei anderen antreten muss, was jedoch immer anderen innermusikalischen Gründen entspringt.

Die Musiker des Doric String Quartets haben ein Gespür dafür entwickelt, wo in der Musik sie sich gerade befinden. In den Finalsätzen ist dies noch nicht so deutlich ausgeprägt, umso mehr dafür in den großformatigen Kopfsätzen, wo sie den Hörer von der ersten bis zur letzten Note geleiten; dabei ist ihnen stets bewusst, was bereits passierte und was noch geschehen wird – eine außerordentlich seltene Fähigkeit für heutige Musiker!

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Orchestermusik vom „spanischen Mozart“

Chandos, CHAN 20077; EAN: 0 95115 20772 7

Juanjo Mena leitet das BBC Philharmonic mit Orchesterwerken von Juan Crisóstomo de Arriaga. Wir hören die Ouvertüre zu „Los esclavos felices“ (Die glücklichen Sklaven), die Ouvertüre D-Dur op. 20 und die Symphonie à grand orchestre d-Moll sowie die zwei von der Sopranistin Berit Norbakken Solset unterstützten Werke: Die Kantate Herminie und die Arie aus der Oper Médée ‚Hyman! Viens dissiper une vaine frayeur‘.

Wir können nur erahnen, welch großartige Musik uns Juan Crisóstomo de Arriaga noch hinterlassen hätte, wäre er nicht wenige Tage vor seinem zwanzigsten Geburtstag an einem Lungenleiden gestorben. Sein früher Tod und die dennoch ausgesprochen reife Musik des Komponisten haben ihm später den Beinamen „spanischer Mozart“ verliehen; nach seiner ersten Wiederentdeckung durch seinen Großneffen Emiliano de Arriaga rankten sich regelrecht Mythen um Leben und Schaffen des Wunderkindes. Belegt ist heute, dass er nach ersten Versuchen als Geiger und Komponist nach Paris zog, um sich gründlich ausbilden zu lassen. Dort studierte er bei Fétis und später bei Baillot, wurde allem Anschein nach aber auch maßgeblich von Luigi Cherubini unterstützt, wodurch er die Musik Beethovens kennenlernte, was ihn zu seinen drei Streichquartetten anregte.

Das früheste Werk dieser CD ist die Ouvertüre in D-Dur, auf deren Titelseite der damals 15-jährige Arriaga sogar vermerkte, dass er sie ohne das Wissen um Harmonielehre komponierte, die anderen Werke schrieb oder revidierte er in Paris. Herminie sollte das letzte fertiggestellte Werk des Komponisten werden.

Juanjo Mena beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Schaffen des ‚spanischen Mozarts‘, so wirkte er beispielsweise an der 2006 von Christophe Rousset veröffentlichten kritischen Edition des Gesamtwerks von Arriaga mit. Hier erleben wir ihn als einfühlsamen und präsenten Dirigenten erster Güte. Aufmerksam tastet er sich in Arriagas Klangwelt hinein und holt genau das aus den Partituren heraus, was sich auch in ihnen befindet. Er verzichtet auf jede Art der Zurschaustellung oder willkürlichen Interpretation zugunsten einer lebendigen und damals wie heute aktuellen Darstellung der Musik. Das BBC Philharmonic hält er als Einheit zusammen und meißelt selbst die subtil-unauffälligen Nebenstimmen zum Gesamtbild passend aus dem Orchester heraus: Sie gehen weder unter, noch stören sie die Hauptstimme; sie fügen sich ein und bereichern das Geschehen. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Sopranistin Berit Norbakken Solset, die durch ihre weiche Stimme und den anschmiegsamen Tonfall ideal zu der farbenreichen wie ausdrucksstarken Musik Arriagas passt. In Herminie präsentiert sie unprätentiös und leichtfüßig die Flexibilität ihrer Stimme, von samtig bis durchschlagend kräftig, jedoch immer kontrolliert und auf das Orchester angepasst.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Licht und Schatten bei Widmann

Wergo WER 7369 2; EAN: 4010228736922

WERGO hat mit „Polyphone Schatten“ und dem „Dritten Labyrinth“ zwei im Abstand von zwölf Jahren entstandene Orchesterwerke des Münchners Jörg Widmann in exemplarischen Aufnahmen herausgebracht. Im ersten Stück übernehmen der Komponist an der Klarinette und der Bratscher Christophe Desjardins die Solopartien. Sarah Wegener ist die Sopranistin des „Dritten Labyrinths“. Die Leitung des WDR Sinfonieorchesters liegt in den Händen von Heinz Holliger bzw. Emilio Pomárico.    

Jörg Widmann hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten sowohl als Klarinettist von Weltrang wie als Komponist einen Namen gemacht. Seine Fähigkeiten als Dirigent darf man noch anzweifeln (siehe Kritik des Musica viva Konzerts vom 29.9.2017, in dem u.a. das Dritte Labyrinth erklang). Auf der vorliegenden CD dirigieren zum Glück zwei erfahrene Experten, die in Widmanns Partituren noch das kleinste Detail hörbar machen.

Beide hier eingespielten Stücke gehören jeweils einem Zyklus an: Polyphone Schatten von 2001 ist Teil II der Lichtstudie; und hier werden Klänge in der Tat wie Skulpturen behandelt, die unter verschiedenen Perspektiven und Beleuchtungen letztlich nicht greifbare Charaktere herausbilden. Das Stück wirkt trotz der großen Orchesterbesetzung – allerdings ohne Oboen, Fagotte und Violinen – durchgehend kammermusikalisch und die beiden Solisten glänzen mit faszinierend virtuoser Mikrotonalität, spannend und unheimlich zugleich. Heinz Holliger umwölkt dies mit großer Sensibilität.

Das Dritte Labyrinth (2013/14) gehört mit fast 47 Minuten zu Widmanns umfangreichsten Instrumentalkompositionen – und es weist Längen auf, die von der Substanz her kaum gerechtfertigt erscheinen. Die vom Zuschauerraum aus schließlich aufs Podium „wandelnde“ Sopranistin bringt sich mit Textfragmenten aus Nietzsches Klage der Ariadne sowie Jorge Louis Borges Das Haus der Asterion in das allzu sehr von Geräuschhaftem – wenngleich hochdifferenziert – dominierte Klangbild der Partitur ein. Sarah Wegener setzt die chimärenhaften Facetten stimmlich mutig um, bleibt dennoch emotional äußerst blass. Das Werk insgesamt stellt aber nicht nur eine imaginäre Mann-Frau-Beziehung dar, sondern auf einer weiteren Metaebene das Labyrinth, das Jörg Widmann während jedes Kompositionsprozesses zu durchschreiten hat. Zu Recht verglich er die sich durch marginalste Entscheidungen neu eröffnenden Wege mit dem Film Lola rennt. Diesen Aspekt unterschlägt der ansonsten höchst informative Booklettext von Pia Steigerwald.

Emilio Pomàrico und sowie der sensationell guten Tontechnik des WDR gelingt hier eine mustergültige Darbietung, die die unvorstellbare Dichte an verschiedensten, oft ungewöhnlichen Spielanweisungen ernst nimmt und über Strecken auch kontrastreich in einen gewissermaßen musiktheatralischen Kontext zu stellen weiß. Dennoch entsteht hier, und das ist bei Widmann ja geradezu Programm, keinerlei Teleologie. Der Hörer bekommt niemals auch nur eine Ahnung davon, wie es an der nächsten „Ecke“ weitergehen könnte – was leider schnell ermüdend wirkt. Davon einmal abgesehen verdient diese CD eine eindeutige Empfehlung, gerade weil Widmanns Detailfülle im Konzertsaal allein akustisch kaum so präzise zu erfassen sein dürfte.

[Martin Blaumeiser, April 2019]

Philosophisch-meditative Sonaten

NEOS, 11805-07; EAN: 4 260063 118050

„Hommage à Horațiu Rădulescu“ beinhaltet auf drei CDs das gesamte Klavierwerk des rumänisch-französischen Komponisten, gespielt von Ortwin Stürmer. Wir hören das Klavierkonzert „The Quest“ op. 90, die sechs Klaviersonaten opp. 5, 82, 86, 92, 106, 110 und die frühe Omaggio a Domenico Scarlatti op. 2. In „The Quest“ wird Stürmer unterstützt vom Frankfurt Radio Symphony Orchestra unter Lothar Zagrosek.

Der in Bukarest geborene und später nach Frankreich gezogene Komponist Horațiu Rădulescu gilt als einer der Erfinder des Spektralismus‘ in der Musik. Bereits zu Studienzeiten interessierte er sich dafür, einzelne Klänge aufzuspalten und die darin enthaltenen Mikrokosmen zu erforschen. Um dies zu bewerkstelligen, wendete Horațiu Rădulescu sich bald von herkömmlichen Temperierungen und Notationssystemen ab, differenzierte dynamische Abstufungen weiter aus und versuchte, neuartige Klangfärbungen zu realisieren. Der Komponist basierte viele Stücke rein auf bestimmte Obertöne eines einzelnen Tons, kombinierte sie und ließ teils sogar die Instrumente nach ihnen stimmen.

Die Musik Horațiu Rădulescus ist nicht zuletzt philosophischer Natur mit gewissen theosophischen Grundlagen. Entsprechungen seiner Vorstellung fand der Komponist in den Aphorismen des Tao Te Ching, das Lao tzu zugeschrieben wird. Diese Lehre, aus der unter anderem die Grundlagen von Yin und Yang sowie die des Qigong hervorgehen, setzt das Weiche über das Harte und Starre, das Leichte vor das Schwere. Viele seiner Werke überschrieb Horațiu Rădulescu mit einem Zitat aus dem Tao Te Ching und versuchte, ihren philosophischen Gedanken in die Musik zu übertragen.

Zur Bekanntheit von Horațiu Rădulescu trugen wesentlich die lobenden Worte von Olivier Messiaen bei, die ihn als einen der kreativsten Komponisten der jüngeren Generation preisten. Als Musiker setzte sich der Pianist Ortwin Stürmer für die Verbreitung seiner Musik ein. Die beiden lernten sich 1990 kennen und Stürmer regte Rădulescu dazu an, seine zweite bis vierte Klaviersonate sowie das Klavierkonzert „The Quest“ zu komponieren.

Auf drei CDs spielte Ortwin Stürmer nun das gesamte Oeuvre für Klavier von Horațiu Rădulescu ein, welches aus dem Klavierkonzert „The Quest“ op. 90, sechs Klaviersonaten opp. 5, 82, 86, 92, 106, 110 und der frühen Omaggio a Domenico Scarlatti op. 2 besteht. Im Klavierkonzert bekommt Stürmer Unterstützung durch das Frankfurt Radio Symphony Orchestra unter Lothar Zagrosek.

Wir hören eine Musik von größter Ruhe und Meditation, die schlichte Motive und in den späten Werken auch rumänische Volksweisen durchexerziert. Sie werden in ihre elementaren Bausteine zersetzt und jeder davon nach Möglichkeit noch weiter aufgespaltet, minutiös erforscht und wieder zusammengebaut. Von den mathematischen Überlegungen in Horațiu Rădulescus Systemen bekommt der Hörer nichts mit, dafür umso mehr von den philosophischen Anhaltspunkten, die sich durch die langwierige Entwicklung nicht offenkundig aufdrängen, sondern allmählich ins Bewusstsein rücken. Klanglich setzt sich die Musik deutlich von den Avantgardisten der Zeit ab, evoziert eher Parallelen zu den Klangwelten derjenigen, die heute als frühe Postserialisten eingeordnet werden; so wie beispielsweise Einojuhani Rautavaara, wenngleich in dessen Musik die Entwicklung deutlich voranschreitet, während sich bei Rădulescu vor allem meditative Zustände einstellen. Ortwin Stürmer nimmt die Klaviermusik des Rumänen mit größter Sorgfalt und Ruhe, lässt den Keimzellen Zeit, sich zu entwickeln. Die enge Verbindung zwischen Pianisten und Komponisten wird bis hin zum philosophischen Aspekt spürbar. In allen Dynamikbereichen schattiert Stürmer minutiös sorgfältig ab und gibt gleichzeitig Einblick in die verschiedenen Ebenen, die parallel in der Musik ablaufen. Mit seiner Einstellung steckt Stürmer auch das Frankfurt Radio Symphony Orchestra unter Lothar Zagrosek an, das zwar nicht das tiefe Verständnis und die Intensivität des Pianisten vorweisen kann, sich aber doch mit allen Mitteln bemüht, der Musik ihren Reiz zu entlocken und sich in der gegebenen Probenzeit den Anforderungen dieses eigenwilligen Konzerts zu stellen.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Vom Unbekannten bis zur „Symphonie Classique“

„Symphonie Classique“ betitelt das Orchester der Akademie St. Blasius ihr erstes Abokonzert des Jahres am 7. April 2019 im Haus der Musik Innsbruck. Auf dem Programm steht „Orakel“ für Streichorchester von Günter Zobl, das Konzert für Klavier und Streicherorchester op. 136 von Alfred Schnittke mit dem Solisten Michael Schöch, Alexander von Zemlinskys „Waldgespräch“ mit der Sopranistin Susanne Langbein sowie Joseph Haydns Symphonie D-Dur Hob. I:104, die „7. Londoner“. Geleitet wird das Orchester von Karlheinz Siessl.

Werke aus vier Jahrhunderten umfasst das Programm des Orchesters der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl. Die Musiker haben es sich zur Aufgabe gemacht, aufgeschlossenen Hörern auch unbekannte Musik näherzubringen und lebende Komponisten aus Tirol zu fördern.

Eröffnet wird das Programm vom fünfsätzigen Streichorchesterstück Orakel von Günter Zobl. Der Komponist erforscht das Suchen und das Ambivalent-Rätselhafte, wozu er herbe Kontraste und unterschiedliche Techniken verwendet. Rhythmisch aufreibende Passagen wechseln sich mit weittragenden Melodien ab. Im Präludium tauchen moderne Streichertechniken auf, die eine surreale Atmosphäre schaffen, in welche die folgenden zwei Sätze wie Träume hineintreten; große Linien und ein sonor reibender Streicherklang – der recht nordisch wirkt – öffnen den Raum. Es folgt ein rascher Basso ostinato, mit dem die hohen Streicher spielen und hinreißende Ideen präsentieren. Und schließlich führt ein ruhiger Satz die Musik zu einem Ende, wenngleich sie nicht wirklich abschließt, sondern auch in der Stille noch sucht, anstatt gefunden zu haben.

Alfred Schnittkes zweites Klavierkonzert op. 136 ist ein Meisterstück der Polystilistik, das trotz unterschiedlichster Einflüsse und streng durchdachten Aufbaus doch rein musikalischer Erfindungsgabe entspringt. Ungekünstelt und intuitiv passen sich die Fragmente und Melodiesplitter zusammen und das Werk gibt als Gesamtheit Sinn. Die Streicher bestechen durch hoch expressiven Klang, Sensibilität für die Vielseitigkeit und durch ihre ausgesprochen schnellen Wechsel zwischen den unterschiedlichen musikalischen Welten. Michael Schöch dagegen steht da wie ein Felsen in der Brandung: Alles um ihn herum explodiert vor Ausdruck und Innigkeit, während er davon unbeeindruckt nüchtern, fokussiert und gebändigt bleibt. Als Zugabe des Solisten gibt es noch Haydn, der durch überhaspeltes Tempo seine Konturen und sogar die Gestalt seines Hauptthemas verliert – hier war wohl die Freude nach dem siegreich bestrittenen Klavierkonzert übergroß.

Die Musik Zemlinskys steht nach wie vor im Schatten von Mahler, von Strauss und später auch von Schönberg, dabei birgt sie so viel Eigenes! Die Orchestration Zemlinskys ähnelt zwar durchaus derjenigen seiner genannten Kollegen, unterscheidet sich aber doch durch eine gewisse träumerische Note (nicht bloß im Traumgörge) und einen zarten Schleier, der gezielt manche Konturen verwischt. Im „Waldgespräch“ fügt er dem Streichorchester noch zwei Hörner und Harfe hinzu, Eichendorffs Text vertraut er einem opernhaften Sopran an. Die Harfe sorgt für den Schleier, während die Hörner den Text in zwei Sinngruppen gliedert: Das Schöne, Heroische inklusive dem Jagdaspekt gegen das Düstere, Gespenstische und Suchende der Hexensphäre. Wir erleben nun ganz andere Klangwelten des Orchesters der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl, sensibel auf die Empfindsamkeit des Stücks eingehend, ertasten die Musiker die beiden Sinngruppen und erfüllen sie jeweils mit Leben. Susanne Langbein präsentiert eine facettenreiche und ausdrucksstarke Stimme, die sich von beinahe rezitierten mühelos bis in durchdringend kräftige Passagen aufschwingen kann und genau so leichtfüßig wieder hinabsteigt. Der Text bleibt zwar nicht durchgehend verständlich (was bei Zemlinsky eh eine Kunst für sich ist), dafür findet die Solistin unzählige Farben und Schattierungen der Stimme, die sie in einen schlüssigen Kontext bringt.

Zum Abschluss des Programms hören wir noch die versprochene „Symphony Classique“, wenngleich nicht wie vielleicht erwartet die so betitelte Erste von Prokofieff, sondern eine wirklich der ‚klassischen‘ Epochen entstammende: Haydns letzte Symphonie, die Nr. 104 mit dem später hinzugefügten Beinamen „Londoner“. Selten erlebt man dieses vielgespielte Werk derart lebendig und frisch wie heute. Auch hier zeigen die Musiker ihr charakteristisches echtes Gefühl, das unabhängig von Epoche oder Komponist stets für die Musik spricht. Die Musiker haben sich intensiv und auch emotional mit den Werken auseinandergesetzt und stellen die Musik dar, weil es ihnen ein Anliegen ist – und das wird hörbar.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Die Marimba erkunden

Oehms Classics, OC 1891; EAN: 4 260330 918918

Fumito Nunoya spielt Konzerte für Marimba: Das Programm beginnt mit Antonio Vivaldis C-Dur-Konzert RV 433, welches ursprünglich für Flautino komponiert wurde. Hiernach hören wir das Konzert für Marimba und Streicher des 1961 geborenen Franzosen Emmanuel Séjourné und schließlich das Marimbakonzert „The Crossed Sonar Of Dolphins“ von Takatomi Nobunaga, der 1971 in Tokyo auf die Welt kam. Nunoya wird begleitet vom Kurpfälzischen Kammerorchester unter Johannes Schlaefli, in Nobunagas Konzert unterstützt von Benyamin Nuss am Klavier.

In die Kunstmusik fand die Marimba erst spät Einzug, wenngleich es bereits Belege für das Instrument aus dem Jahr 1680 gibt. Vom heutigen Guatemala aus verbreitete sich die Marimba schnell in mehreren Ländern, wobei immer wieder neue Bauformen auftraten – auch nach Japan gelangte das Instrument recht früh. Popularität erreichte die Marimba im 20. Jahrhundert, als unter anderem Steve Reich und Harald Genzmer Werke für sie komponierten und The Rolling Stones sie in „Under my thumb“ verwendeten.

Auf der vorliegenden CD hören wir zwei Originalkompositionen für die Marimba sowie das Flautinokonzert C-Dur RV 433 von Antonio Vivaldi, wozu die Schlagwerkstimme allerdings ebenso vortrefflich passt. In diesem Konzert minimiert Nunoya den Hall seines Instruments weitgehend und achtet auf präzise Linien, denen er ein gutes Maß an Kernigkeit verleiht, und dennoch weich bleibt. Lange Noten verziert er mit Trillern und kleine Verzierungen, passt den Klang der Marimba allgemein dem Ideal der Barockzeit an.

Emmanuel Séjournés Konzert für Marimba und Streicher zählt mittlerweile zu den Klassikern für das Instrument. Ein romantischer Schleier durchzieht das gesamte Werk, besonders Rachmaninoff gibt sich als Einfluss zu erkennen. Das Konzert ist idiomatisch für die Marimba konzipiert, erkundet das Instrument in allen Registern und schöpft dessen Möglichkeiten aus. Nunoya entlockt der Marimba einen singenden und zarten Ton, lässt teils gar die perkussive Funktion des Instruments zugunsten der Melodieelemente vergessen.

Zuletzt geht die Reise nach Japan zu Takatomi Nobunagas Marimbakonzert, welches den Titel „The Crossed Sonar Of Dolphins“ trägt. Die Bildlichkeit dieses Werks übersteigt bloße Programmatik, taucht eher ein in die Naturalistik: Man glaubt förmlich, Delphine zu hören, Wellen zu sehen und das Meer zu riechen. Nobunagas Musik lässt sich schwer einer Schule oder einem Stil zuordnen, er schafft vollkommen eigene Sphären und Regeln, die dem Instinkt wie auch der Sinnlichkeit unterliegen. Nunoya gibt die Rolle des Solisten auf, fügt sich als gleichberechtigter Mitstreiter ins Kurpfälzische Kammerorchester ein, wirkt als Einheit mit den Streichern und dem Klavier, das Benyamin Nuss beisteuert. So entsteht eine Symbiose aus drei gänzlich unterschiedlichen Klangcharakteren, die sich vermischen und vermengen, dabei immer wieder neue Facetten und Kombinationen zutage fördern.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Liveaufnahmen für Debussy

Ars Produktion Schumacher, ARS 38 558; EAN: 4 260052 385586

„Pour le tombeau de Claude Debussy“ der Pianistin Judith Jáuregui beschäftigt sich mit Werken des französischen Meisters und seines Umfelds. Beginn und Ende des Albums stehen im Zeichen spanischer Komponisten, auf die Debussy großen Einfluss ausübte: Manuel de Falla, dessen Homenaje mit gleichem Titel ‚Pour le tombeau de Claude Debussy‘ wir hören, und Federico Mompou, von dem Jáuregui ‚Jeunes filles au jardin‘ aus Debussys Todesjahr 1918 spielt. In der Mitte des Programms finden wir Debussys Estampes L100 und L’Isle joyeuse, welche umgeben sind von zwei Komponisten, auf die sich Debussy seinerseits bezog: Franz Liszt, dessen Ballade Nr. 2 S.171 gespielt wird, und Frédéric Chopin, von dem Andante Spianato und Grande Polonaise Brillante op. 22 erklingen.

Im vergangenen Jahr hörten wir anlässlich des 100. Todestags von Claude Debussy zahlreiche Aufnahmen seines Werks; zum Ausklang dessen erschien nun Judith Jáureguis CD „Pour le Tombeau de Claude Debussy“, ein Mitschnitt ihres Livekonzerts vom 4. Oktober 2018 im Rahmen der Imperial in Concert Series in Wien. Jáuregui widmet sich Werken, die Debussy prägten, die Debussy komponierte und auf die Debussy Einfluss übte.

Zur ersten Kategorie, die für Debussy maßgeblichen Komponisten, zählen Franz Liszt und Frédéric Chopin. Besonders bei Liszt gibt sich schnell Jáureguis eigener Ton zu erkennen: Bereits in den ersten Takten verblüfft die Pianistin durch ein extrovertiertes und markiges Spiel. Sie hält die umherirrend chromatischen Läufe der linken Hand nicht in geheimnisvoller Dunkelheit, wie man sie meist hört, sondern stellt sie als aussagekräftige Figur in den Raum, zu der die rechte Hand später gleichwertig hinzutritt. Virtuos, aber ohne übermäßige Selbstzurschaustellung durchbrechen die rasanteren Passagen die Stimmung des Beginns, die Ruhepole nimmt Jáuregui nicht zu schleppend in sanglichem Zeitmaß. Chopins Andante Spianato gestaltet die Pianistin zu einem großen Einatmen vor der rasenden Grande Polonaise Brillante: Hier gelingen ihr die größten Kontraste zwischen absoluter Introversion und übermächtig rhythmischen Drang.

Jáureguis Debussy-Aufnahmen sollte man sich mehrfach anhören, um sich in ihre Darstellungsweise einzuhören. Denn sie überrascht durch offenes und vergleichsweise extrovertiertes Spiel, das so gar nicht zu dem üblichen Bild passt, was wir von Debussy haben. Doch es funktioniert! Vor allem Pagodes erscheint anfangs ungewohnt, besticht jedoch durch enormen Farbenreichtum und präzise abgestuften Klang. La soirée dans Grenade ruft sogleich Erinnerungen an das zuvor gehörte Stück de Fallas wach; in Jardins sous la pluie werden die Regentropfen regelrecht spürbar beim Spiel von Judith Jáureguis und man nimmt dieses Stück mit allen Sinnen wahr. L’Isle joyeuse ist der Pianistin förmlich auf den Leib geschrieben, die sprudelnde Energie und die fröhliche Stimmung schmeicheln ihrem Stil das Werk wird zur erquickenden Quelle, die Fernweh evoziert.

Fernweh nach Spanien vielleicht. Das Programm beginnt mit Manuel de Fallas Homanaje ‚Pour le tombeau de Claude Debussy“, welches ursprünglich für Gitarre komponiert wurde und einen Trauermarsch in Form einer langsamen Habanera darstellt – ein von Debussy sehr geschätzter und selbst mehrfach in Noten gesetzter Tanz. Beschlossen wird die CD durch Mompous ‚Jeunes filles au jardin‘. Judith Jáuregui nimmt die Musik temperamentvoll, in jedem Ton klingt Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit mit, dass sie das, was sie spielt, genauso meint. Dabei bleibt die wechselseitige Verbindung zwischen der französischen und der spanischen Musik unverkennbar.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Ein Requiem in bester Tradition

Naxos 8.559841; EAN: 6 3694398412 3

Naxos hat in der vielbeachteten Serie ‚American Classics‘ nun das Requiem von John Harbison (geb. 1938) herausgebracht. 2001-02 nicht zuletzt unter dem Eindruck des Terrors von 9/11 entstanden, folgt das Stück in seiner Textvertonung klar der Gattungstradition, aber im Detail ganz persönlichen musikalischen Ideen. Die Erstaufnahme aus Nashville unter der Leitung von Giancarlo Guerrero entstand 2017 und ist durchaus gelungen.

Der amerikanische Komponist John Harbison war Schüler von Walter Piston, Roger Sessions und – in Berlin – Boris Blacher. Er stand immer für eine erweiterte, postserielle Tonalität, die zeigt, dass er neben seinen Lehrern auch viel von Strawinsky gelernt hat. Außer mittlerweile sieben Symphonien hat er u.a. zahlreiche Vokalwerke mit Orchester komponiert.

Sein 2002 vollendetes Requiem geht in Teilen bis 1985 zurück; das Recordare baut auf dem Material des Juste judex auf, das 1995 Harbisons Beitrag zum von Helmuth Rilling uraufgeführten Gemeinschaftsprojekt Requiem der Versöhnung war. Aber erst durch einen Auftrag des Boston Symphony Orchestra 2001 entstand schließlich ein vollständiges Requiem, das ganz traditionell dem üblichen Textkanon folgt. Auch die formale Gestaltung einzelner Teile ist stark der Gattungsgeschichte verpflichtet – etwa, wo der Chor bzw. die Solisten singen. Und so findet sich dann bei Quam olim Abrahae dichter Kontrapunkt, im Agnus Dei das anscheinend unverzichtbare Violinsolo etc. Dass der Hörer hier aber bei soviel Erwartbarem trotzdem keine Sekunde gelangweilt wird, liegt an Harbisons Kunst, den Text doch sehr dramatisch, ausdrucksvoll in Musik zu gießen – vielleicht auch unter dem Eindruck von 9/11. Gerade im bewussten Verfolgen der Tradition zeigt sich nicht nur seine handwerkliche Meisterschaft, sondern der ganz persönliche Ausdruckswille, bei dem alle Teile wiederum durchaus individuelle Züge erhalten. Hier wird also nie mit direkten Zitaten oder auch nur Anspielungen gearbeitet – jedes Motiv, jede melodische Figur ist ein persönliches Statement, wobei es einheitsstiftende Elemente gibt. Auch gehen die Sätze, anders als gemeinhin üblich, ineinander über; lediglich nach dem Lacrymosa am Schluss der Sequentia gibt es eine kleine Verschnaufpause. Das relativ klein besetzte Orchester übertüncht zudem nie den Vokalsatz durch äußerliche Effekte.

Chor und Orchester aus Nashville leisten Außerordentliches: Klanglich und dynamisch wird alles fein abgestuft, die Wirkung des Chores erinnert oft an Brittens War Requiem, im Piano geradezu mystisch. Der Dirigent Giancarlo Guerrero schafft es, über die einzelnen Abschnitte hinaus einen großen Spannungsbogen aufzubauen und zu halten. Die Solisten sind leider etwas durchwachsen: Bewältigen Michaela Martens (Mezzosopran) und Kelly Markgraf (Bariton) ihre Aufgaben recht überzeugend, geraten Jessica Rivera (Sopran) und Nicholas Phan (Tenor) in der Höhe an ihre Grenzen. Phan muss da pressen und Rivera produziert in einigen Passagen ein unerträglich breites Vibrato, was den positiven Eindruck in Normallage erheblich schmälert.

Insgesamt ist Harbison hier erneut ein tief beeindruckendes Werk gelungen, das emotional authentisch wirkt, aber auch nichts wirklich Neues hervorbringt, was einen völlig vom Hocker reißen könnte. Mangels Konkurrenz ist die Naxos-Einspielung vorerst alternativlos, musikalisch und aufnahmetechnisch aber eine ohnehin empfehlenswerte Realisation der interessanten Partitur.

[Martin Blaumeiser, März 2019]

Das Pathos winkt

Chandos, CHSA 5214; EAN: 0 95115 52142 7

Vorliegende CD beinhaltet Orchestermusik von Gerald Finzi, die in den 50er-Jahren komponiert oder revidiert wurde. Das Programm beginnt mit dem Cellokonzert op. 40 a-Moll, führt über die Eclogue op. 10 F-Dur für Klavier und Streichorchester und die Nocturne op. 7 cis-Moll (New Year Music) zur Grand Fantasia and Toccata op. 38 d-Moll für Klavier und Orchester. Sir Andrew Davis leitet das BBC Symphony Orchestra, das Cellosolo spielt Paul Watkins und Louis Lortie übernimmt die Rolle des Klaviersolisten.

Die Uraufführung des Cellokonzerts war das Letzte, was Gerald Finzi hörte; tags darauf verstarb er im Alter von 55 Jahren an den Folgen der Hodgkinschen Krankheit, einem Tumor der Lymphknoten. Finzis Musik wirkt nicht zeitgemäß, viel eher zieht er seine Einflüsse aus der Musik des 19. Jahrhunderts, Elgar und Parry sind unüberhörbare Anknüpfungspunkte. Ausgedehnte Flächigkeit prägt die musikalische Landschaft Finzis, lange Zeit ruht er sich auf einmal gefundenen Ideen aus, genießt jede Pastorale und hält auch gespannte Momente bis zum Anschlag aus. Seine sentimentalen Melodien berühren durchaus, die melancholischen Elemente verfehlen ihre Wirkung keinesfalls und auch manch kuriose Effekte verzücken – und doch schafft es die Musik nur selten, die Spannung aufrechtzuerhalten und den Hörer bis zum Schlusston hin zu tragen, ohne dass er auf dem Weg dorthin abhanden kommt. Das Pathos winkt, doch wirklich passieren tut wenig. Es fehlt an Abwechslung, an Kontrasten oder zumindest an unerwarteten Details, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen; die Aussage verschwimmt durch Überlänge, nur Bruchstücke bleiben in der Erinnerung zurück.

Vom Cellokonzert kann der Mittelsatz durch sein inspiriertes Thema und die innige Melancholie bezaubern, die sich später kraftvoll entlädt. Auch die Thematik des Kopfsatzes ist stark, doch verliert sie sich schnell in Formlosigkeit; ähnlich das Finale, in welchem der Solist seinem Instrument abenteuerliche Effekte entlockt, was aber auch das einzige ist, das von diesem Satz hängenbleibt. Durchgehende Zartheit erleben wir in Eclogue für Klavier und Orchester, welches durch die Darbietung zu dem am meisten nachwirkenden Stück dieser CD avanciert. Die Nocturne (New Year Music) ertönt überraschend düster und weltfern für den zumeist freudigen Anlass. Grand Fantasia and Toccata begehrt deutlicher auf als die anderen Stücke, hier wagt Finzi auch einmal Unvorhergesehenes. Besonderen Wert legt der Komponist hier auf das Zusammenspiel der Partner, welches sich gerade auch auf die Dynamik auswirkt und wodurch manch ein hexensabbatartiger Effekt zutage tritt.

Das Orchester agiert äußerst vertraut mit der Musik, hält die Atmosphäre und schafft einen dichten Klang, der den jeweiligen Stimmungen entspricht. Sir Andrew Davis bringt die Solisten und das Orchester zum Einklang, überbrückt die klangliche Distanz der ungleichen Partner. Es gibt nur wenige Passagen, in denen Dirigent und Orchester sich wirklich beweisen müssen, also wo die Musik nicht für sich alleine wirkt, sondern geschickte Darbietungskunst erfordert: doch diese meistern die Musiker elegant. Paul Watkins erweist sich als aufmerksamer und gewandter Solocellist, der sowohl in den pastoralen Stellen als auch in den aufbrausend vorwärtstreibenden die Kontrolle behält und den Klang kultiviert. Der Pianist Louis Lortie überzeugt in Eclogue durch überaus feinen Klang und inniges Gefühl; unterminiert den Eindruck jedoch durch trockenes und uninspiriertes Spiel in der Grand Fantasia and Toccata. Das Staccato wird zur Manier, die Läufe und Akkorde prasseln zusammenhangslos auf den Hörer nieder – schade, denn wir hören auch, dass er könnte, wenn er wollte.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Der sanfte Rebell

Ars Produktion Schumacher, ARS 38 275; EAN: 4 260052 382752

Auf dem Album „Stories …“ spielt das Thomas Leleu Trio Musik zwischen Klassik, Jazz, Chanson, Latin und ganz anderen Einflüssen, ohne dass es in eine Schublade eingeordnet werden könnte. Auf dem Programm stehen Kompositionen von Thomas Leleu, Tom Jobim, Kurt Weill, Carlos Gardel, Erik Satie, Reynaldo Hahn, Johannes Brahms, Joseph Kosma, Michael Legrand und Georges Moustaki, viele davon arrangiert durch Laurent Elbaz. Das Trio besteht aus Thomas Leleu an der Tuba sowie in zwei Titeln als Sänger, aus Kim Barbier am Klavier und Kai Strobel am Vibraphon.

Von der Aufmachung her könnte das Album „Stories …“ vom Thomas Leleu Trio beinahe auf eine Rockband schließen lassen: Aufgenommen in einem heruntergekommenen Haus sitzt Leleu mit hochgegelten Haaren in Lederjacke und Chucks lässig auf einem Sofa, um ihn herum die keck wirkende Pianistin Kim Barbier und der leger in Shirt und Jeans gekleidete Perkussionist Kai Strobel. Nur die Tuba bringt uns auf die richtige Fährte. Leleu gilt als Rebell, als einer, der sämtliche Stile und Genres frei vermengt, als „nicht klassisch genug für die Klassik-Liebhaber und zu klassisch für die anderen“. Und diesen Ruf lebt er auf vorliegender CD voll aus!

Das Trio besteht aus Tuba, Klavier und Vibraphon; die zunächst eigenartig wirkende Besetzung funktioniert jedoch einwandfrei. Leleu entlockt seiner Tuba einen ausgesprochen sanften und obertonreichen Klang, der das Blech golden glänzen lässt. Dies mischt sich wunderbar mit den sphärischen Tönen des virtuos und brillant-präzise gespielten Vibraphons. Das Klavier kontrastiert die anderen Instrumente durch gewollte Prägnanz im Anschlag und Markigkeit. Schade, dass der Vierte im Bunde nur auf der Innenseite Erwähnung findet: Der Arrangeur Laurent Elbaz, der in „Halton Road“ auch als Pianist in Erscheinung tritt.

Das Programm von „Stories …“ umfasst Eigenkompositionen und eingängige Melodien verschiedener Komponisten, von denen man oft zwar die Stücke, nicht aber die Namen kennt. Laut Thomas Leleu ist für diese CD Kurt Weill der zentrale Angelpunkt, da er eine Verbindung schafft zwischen seiner Heimat und seine Wahlheimat und stilistisch ebenso frei agiert wie er selbst. Die Stilvielfalt der Aufnahme reicht von Brahms‘ Wiegenlied über Leleus „Latin Suite“ bis zu Saties „Je te veux“ und „La dame brune“ von Barbara – Georges Moustaki.

In ihren Darbietungen glänzt das Thomas Leleu Trio durch feinfühlige und differenzierte Herangehensweise. Die Musiker erarbeiten jedes Stück anders, gehen auf die unterschiedlichen Stile eigen ein und haben sich intensiv mit ihnen auseinandergesetzt. Das Spiel des Trios zeichnet sich durch Farben- und Facettenreichtum aus, durch große Sanftheit und innig empfundenes Gefühl. Die Stücke liegen den Musikern am Herzen und sie wollen etwas Eigenes aus ihnen hervorbringen, das zwar der niedergeschriebenen Musik treu ist, zeitgleich aber in diesem Rahmen das Neuartigste und Rebellischste erkundet und ans Licht des Hörerlebnisses bringt.

[Oliver Fraenzke, März 2019]