Archiv der Kategorie: CD-Rezension

Ronald Stevensons Auseinandersetzung mit Percy Grainger und der Folklore

Toccata Classics TOCC 0403; EAN: 5 060113 444035

In der dritten Folge der Klaviermusik des hierzulande noch weit unterschätzten schottischen Komponisten Ronald Stevenson (1928-2015) widmet sich Christopher Guild dessen Auseinandersetzung mit keltischer und chinesischer Volksmusik. Die Parallelen zu Stevensons älterem Freund Percy Grainger werden dabei sehr deutlich. Gekrönt wird diese CD dann auch mit der fabelhaften Transkription eines von Graingers Hauptwerken: dem „Hill Song No. 1“.

Von Ronald Stevensons Klavierwerk ist bei uns – und das auch lediglich durch mehrere CD-Einspielungen – im Grunde nur seine monumentale (80 Minuten) Passacaglia on DSCH bekannt geworden, die er natürlich Dmitri Schostakowitsch widmete. Neben diesem Werk gibt es hunderte Klavierstücke und Lieder, die – größtenteils noch unveröffentlicht – ihrer Entdeckung harren. Darunter sind neben hochvirtuosen Opernparaphrasen und -transkriptionen in der Tradition Liszts oder Busonis besonders viele Volksmusikbearbeitungen, oft keltischen Ursprungs. Die Leidenschaft, der Kunstmusik durch Integration von Folklore wieder ein tragfähiges Fundament bei gleichzeitig größerer formaler Freiheit zu geben, teilte Stevenson mit seinem Freund Percy Grainger (1882-1961), mit dem er bis zu dessen Tode in engem Kontakt stand.

So ist das Hauptwerk dieser CD dann auch die Bearbeitung von Graingers Hill Song No. 1, sicherlich eine seiner besten und eigenwilligsten Kompositionen – im Original wegen der ungewöhnlichen Bläserformation (zwei Pikkolos, je 6 Oboen, Englischhörner und Fagotte plus Kontrafagott) nur selten zu hören. Hier ist sowohl Virtuosität als auch große Übersicht gefragt, denn im 22-minütigen Stück wiederholt sich so gut wie nichts. Die größere Länge bei Stevenson ergibt sich dadurch, dass er in seiner Bearbeitung zusätzlich noch Graingers Lied Dedication integriert.

Sicher ist das Engagement für das Volkslied bei Stevenson aber auch politisch: Die Berücksichtigung afrikanischer Folklore – hier in der Ghanaian Folk-Song Suite oder im African Twi-Tune (ein Graingerismus) – ist eine offensichtliche Reaktion auf das Apartheid-Regime in Südafrika, wo sich der Komponist von 1963-65 aufhielt. Das kurze Stück kombiniert bereits 1964 die damalige Nationalhymne mit einem Lied, das dann tatsächlich nach Ende der Apartheid 1994 zur neuen Nationalhymne wurde! Als pazifistischer Sozialist mag Ronald Stevenson mit Zyklen wie der Chinese Folk-Song Suite – natürlich mit ausgiebiger Pentatonik – dann auch Vorbild für weitaus radikalere Komponisten wie Cornelius Cardew oder Howard Skempton geworden sein.

Der aus vierzehn Stücken bestehende Zyklus Sounding Strings kann auch auf der kleinen keltischen Harfe gespielt werden, ein Grund für den recht einfachen Satz, der in etwa auf dem Niveau von Villa-Lobos‘ Guia prático steht. Wirklich beeindruckend die drei zwischen 1978 und 1990 entstandenen Stücke Bonny at Morn, The High Road to Linton und Barra Flying Toccata. All das wird von Christopher Guild pianistisch perfekt und klangschön dargeboten, immer völlig unprätentios – tatsächlich spricht diese Musik von ganz allein aus ihrer Melodik und Rhythmik heraus, ohne Hinzufügen irgendwelcher subjektiven Finessen. Das hat Guild bereits in den ersten beiden Folgen auf Toccata Classics erfolgreich bewiesen. Der Hill Song erklingt fast panoramaartig symphonisch, entwickelt sich dabei völlig natürlich; dass die allein der Instrumentierung der Bläserfassung geschuldeten Schärfen hier weitgehend wegfallen, kommt dem anspruchsvollen Werk sogar noch zu Gute. Diese Einspielung, aufnahmetechnisch ebenfalls tadellos, langweilt den Hörer keine Sekunde und man darf bereits auf die nächste Folge von Stevensons Klavierwerk gespannt sein.

[Martin Blaumeiser, August 2019]

Musikalische Kostbarkeiten

Konzert mit der Kammerphilharmonie dacapo am 5. Juli 2019 im Künstlerhaus

Werke von Mozart (1756-1791), Weber (1786-1826), Grieg (1843-1907) und Nielsen (1865-1931); Klarinette: Sofia Molchanova; Leitung: Franz Schottky

Nach der Ouvertüre zu Mozarts Don Giovanni in der Fassung für Streichorchester von einem Komponisten namens Joseph Küffner (1776-1856) mit dem die Kammerphilharmonie dacapo das Konzert eröffnete, folgte das Hauptwerk des Abends, Carl Maria von Webers Klarinettenquintett in Bb Dur op. 34 mit der Solistin Sofija Molchanova und wiederum in der Fassung für Streichorchester. Die vier Sätze zeigten die unglaublichen Möglichkeiten dieses Instrumentes, vor allem, wenn es so überzeugend mit Leib und Seele alle Facetten ausleuchtend gespielt wird wie von Sofija Molchanova! Und dazu so kongenial begleitet von den Streichern der Kammerphilharmonie! Richard Wagner schätzte Webers Musik so hoch, dass er nach dessen Tod ein Chorwerk zu dessen Begräbnis schrieb. In diesem Quintett öffnet Weber das Schatzkästlein seiner Meisterschaft, sowohl von der Melodik als auch von der Dramatik her, genauso wie auch die tiefste elegische Seite seines Wesens zum Vorschein kommt. Die vier Sätze sind höchst vergnügliche tiefgreifende Musik, kein Wunder, dass Solistin und Orchester samt Dirigenten mit Beifall überschüttet wurden. Als Zugabe spielte sie uns einen fantasievollen Tanz aus ihrer serbischen Heimat.

Nach der Pause – Franz Schottky vergaß nicht, Sponsoren des Orchesters zu erwähnen – erklang noch einmal Musik von Mozart: das Divertimento in C KV 157. Es ist auch in Form für Streichorchester überliefert, also sehr passend für die Kammerphilharmonie. Die größere Überraschung waren allerdings die beiden folgenden Stücke von Edvard Grieg, die in ihrer melancholischen spätromantischen und doch schon in die Moderne weisenden Klangsprache dem Orchester die berückendsten Klangfarben und die ausgeprägteste Dynamik abverlangte. Vom fahlen Pianississimo bis zum Fortississmo- Ausbruch zogen die elegischen Klänge die Zuhörer in ein intensives und faszinierendes Musikgeschehen. Zum Anschluss eine typisch dacapo mäßige Entdeckung: Die Little Suite op. 1 vom dänischen Komponisten Carl Nielsen. Die drei kunstvoll komponierten Sätze sind eine Meisterleistung und zeigten zum wiederholten Mal die Musiker in Höchstform. Sie spielten mit Leib und Seele, jede Instrumental-Gruppe intensiv auf die anderen hörend und besonders herausheben möchte ich da die Bassgruppe der beiden Cellistinnen und den jungen Kontrabassisten, die für das unerlässliche Fundament sorgen. Über dem sich der ganze Reiz der tänzerischen Melodien und der rhythmischen Finessen der übrigen Mitspielerinnen und Mitspieler wunderbar entfalten konnte. Franz Schottky führte an diesem Abend „sein“ Orchester mit untrüglichem Gespür für Klang, Zusammenspiel und dem richtigen atmenden Tempo von einer musikalischen Kostbarkeit zur nächsten! Rauschender Beifall, Blumen, die er galant an die entsprechenden Damen der Kammerphilharmonie weiterreichte.

[Ulrich Hermann, Juli 2019]

Über das Leben

Aurora, ACD5093; EAN: 7044581350935

Als Concerto Grosso für Orchester, fünf Solisten und Rezitation bezeichnet Helge Iberg seine „Songs from the Planet of Life“. Wir hören den neunteiligen Zyklus mit dem Norwegischen Radioorchester unter Kai Grinde Myrann. Elise Båtnes spielt das Geigensolo, Christian Ihle Hadland das Klavier und Tom Ottar Andreassen die Altflöte; als Sänger wirken Marianne Beate Kielland und Frank Havrøy; Liu Tiegang rezitiert die chinesischen Originale und Sidsel Endresen die englische Übersetzung.

Obwohl Iberg dieses Werk als „Songs“ übertitelt hat, spielt die menschliche Singstimme nur eine Nebenrolle. Die chinesischen Dichtungen der Tang Dynastie dienen der Komposition mehr als inspirierende Idee und nicht als Textgrundlage, nur kurze Abschnitte werden in deutschen und englischen Übersetzungen tatsächlich gesungen; die Stimmungen der Dichtungen vermittelt das Orchester. Für „Songs from the Planet of Live“ wählte Helge Iberg sich Texte aus, die auch Mahler für sein „Lied von der Erde“ verwendete. Diese Texte waren im späten 19. wie im 20. Jahrhundert äußerst beliebt, wobei man sich auf Hans Bethges Übersetzungen berief, die er in der „Kinesischen Flöte“ publizierte. Lieder aus dieser Sammlung wurden von Weingartner und Strauss vertont, ebenso von Eisler, Braunfels, Busch, von Einem, Gál, Genzmer, Graener, Wellesz, Webern, Lehar, Krenek, Penderecki, Valen, Toch, Schönberg, Röntgen, Szymanowski, Sjögren und vielen anderen.

Der neunteilige Zyklus „Songs from the Planet of Life“ wird strukturiert durch die Rezitationen in chinesischer und englischer Sprache (durch Liu Tiegang und Sidsel Endresen), so dass zum einen der Originalklang zum Vorschein kommt und zum anderen der Hörer einen Eindruck davon erhält, worauf sich die Musik bezieht. Teils unterbricht hierfür die Musik, teils beginnt sie bereits im Hintergrund, sich aufzubauen und eine Stimmungsgrundlage zu schaffen. Die Musik selbst strahlt innige Ruhe aus, bleibt parallel aber im Fluss der ständigen Umformung, sie ist von dichter Textur und doch klar im Aufbau. So spiegelt sie die aphoristischen und gleichzeitig tiefgehenden chinesischen Dichtungen in ihrer Struktur wider, denn auch sie gibt sich flüchtig wie parallel spürbar reflektiert. Iberg verwendet dafür eine moderne Tonsprache mit vielen nahe beieinanderliegenden Tönen, teils gar clusterähnlichen Gebilden, denen er jedoch die Schärfe der Dissonanzen raubt, indem er weiche Artikulationen vorschreibt und betont auf den melodischen Aspekt setzt. Größtenteils fließt die Musik gemächlich, nur kurze rhythmisch markante Passagen sorgen für Kontrast. Die Solisten schälen sich gelegentlich aus dem Orchesterapparat heraus, bleiben diesem jedoch verbunden und stellen sich weder klanglich, noch artikulatorisch als Solisten vor, was zu einer Einheitlichkeit führt. Das Norwegian Radio Orchestra spielt unter den Händen Kai Grinde Myranns, der die Stimmungen erspürt und die meditative Ruhe zu vermitteln weiß. Er bändigt die Musiker, als Gemeinschaft zu wirken; er sucht Beziehungen in der Musik und hält so Musik wie Musiker zusammen.

[Oliver Fraenzke, Juli 2019]

Erstaunlicher Bernd Alois Zimmermann aus Helsinki

Ondine ODE 1325-2; EAN: 0 761195 132524

Hannu Lintu hat mit seinem Finnischen Radio-Symphonieorchester auf Ondine eine interessante CD mit drei Hauptwerken von Bernd Alois Zimmermann vorgelegt: das Violinkonzert (mit Leila Josefowicz), „Photoptosis“ und die aus einigen Szenen des ersten und zweiten Aktes zusammengestellte Vokal-Sinfonie zur Oper „Die Soldaten“.

Hannu Lintu hat gerade in der Gattung Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts schon einige bemerkenswerte CD-Aufnahmen veröffentlicht (etwa mit Christian Tetzlaff); da war dann das Violinkonzert von Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) vielleicht nur eine Frage der Zeit. Bei dem Stück handelt es sich um ein Schlüsselwerk des Komponisten, das 1950 entscheidende Wendungen in Zimmermanns Umgang mit der Zwölftontechnik mit sich brachte. Leila Josefowicz, bei derartigem Repertoire eigentlich immer überzeugend, legt erneut eine intensive, klanglich ausgeklügelte Interpretation hin. Im Vergleich zu Thomas Zehetmair, der in der ECM-Aufnahme von 2005 unter Heinz Holliger versucht, jedes noch so kleine Detail besonders „auszudeuten“, stellt die amerikanische Geigerin allerdings den mehr improvisatorischen Charakter einiger Passagen in den Vordergrund, ohne dabei jedoch emotional nachzulassen. Die Orchesterbegleitung von Lintus finnischem RSO ist dem des WDR hörbar überlegen, auch die durchsichtigere Aufnahmetechnik kitzelt hier mehr Details heraus. Der Spannungsbogen der Fantasia, des fantastischen Mittelsatzes, bleibt dank des etwas flüssigeren Tempos stets erhalten, das unterlegte Thema des Dies irae dadurch noch gut erkennbar; Josefowicz entdeckt an einer Stelle beinahe jiddische Melodiewendungen. Im finalen Rondo greifen Solistin wie Orchester beherzt zu, wenn auch hier gleich die erste Rumba-Passage – wie so oft – ein wenig zu steif und martialisch daherkommt, was Steigerungspotenzial verschenkt. Eine hochkarätige Darbietung dieses immer noch unterschätzten Violinkonzerts, die eine ausdrückliche Empfehlung verdient.

Bei Zimmermanns spätem Orchesterprélude Photoptosis hingegen mag kaum Spannung aufkommen. Insgesamt ist das Tempo eine Spur zu langsam. Die irisierenden Farbflächen in Holzbläsern und Harfe wirken nicht nur zu Anfang etwas fade; die große Steigerung nach den ganzen eingestreuten Zitaten wird nur laut, aber nicht wirklich bedrohlich – das haben andere Dirigenten wie Hans Zender, Michael Gielen oder Markus Stenz schon besser hingekriegt.

Ganz anders wieder die – live aufgenommene – Vokal-Sinfonie aus den Soldaten. Hier gefallen eigentlich alle, zumeist finnischen, Solisten mit empathischer Diktion, die dabei erstaunlich natürlich bleibt, verständlichem Deutsch und adäquater stimmlicher Präsenz. Besonders hervorzuheben ist der ausgezeichnete Wesener des wagner-erfahrenen Juha Uusitalo. Das Umschalten zwischen den Urgewalten des Preludio und Intermezzo zu quasi kammermusikalischer Begleitung – selbst dort ist das Orchester meist noch riesig – gelingt Lintu tadellos. Ein paar Tempi sind wieder etwas zäh, aber der klangliche Pluralismus Zimmermanns wird dadurch umso deutlicher. Ondine kann sich nun rühmen, die wohl einzig relevante Aufnahme dieses Stückes nach der sagenhaften WDR-Produktion von 1978 unter Hiroshi Wakasugi auf den Markt gebracht zu haben.

[Martin Blaumeiser, Juli 2019]

Der Musik die Dämonen austreiben

Gutman Records, CD191; EAN: 8 719325 404012

Um César Francks groß angelegte Violinsonate in A-Dur errichtet die niederländische Violinistin Merel Vercammen gemeinsam mit der Pianistin Dina Ivanova das Programm ihrer CD „Symbiosis“. Neben Francks Meilenstein hören wir die D-Moll-Sonate von Irene Regina Wieniawska, die ihre Werke unter dem Pseudonym Poldowski herausgab, sowie „Sprookjes: Musical Tales for Violin and Piano“ der niederländischen Komponistin Mathilde Wantenaar.

Über manche Werke herrschen Dämonen, die sich auf die Aufführungsweise auswirken. Bei diesen Dämonen handelt es sich um mechanisch oder technisch überhöhte Anforderungen, die in den Musikern bereits vor der Erschließung gewisse Angst vor den Werken schüren. Viele Musiker überspielen die Angst durch mechanische Perfektion und rasende Tempi, missbrauchen die Herausforderungen zur Selbstdarstellung und vernachlässigen im Umkehrschluss die wahre Musik, die in den Werken enthalten ist. Auf diese Weise hören wir manche Werke fast ausschließlich als rasende Technikorgien ohne tatsächlichen Inhalt und bestaunen vielleicht die raschen Finger, erleben aber nicht die Musik. Beispiele hierfür sind unter anderem Paganinis Capricen, Listzs Mephistowalzer, Prokofieffs Solokonzerte, Ravels Gaspard de la Nuit und Miroirs oder eben Francks Violinsonate.

Merel Vercammen und Dina Ivanova treiben die Dämonen aus. Sie lassen sich nicht beschränken durch die technischen Hürden oder auf Selbstdarstellung, sondern erforschen die Musik von innen heraus. Dabei halten sie den emotionalen und den analytischen Aspekt in der Waage, werden also weder von den Emotionen überwältigt, noch von der Theorie abstumpft; sie verstehen die Sonate. Die Beziehungen zwischen jedem Ton werden erspürt, wodurch sie den Hörer sogar durch die großen Flächen der Recitativo-Fantasia hindurch sicher geleiten, ohne die Spannung einbrechen zu lassen. Das berüchtigte Allegro erklingt gelassen und behält dennoch die vorwärtstreibende Energie. Selten vernimmt man das Hauptthema im Klavier so herausgemeißelt und ausgestaltet wie bei Dina Ivanova, die allgemein die einzelnen Stimmen in eine funktionierende Hierarchie stellt, so dass sich alles am rechten Platz der Wahrnehmung befindet. Der erste Satz strahlt innige Ruhe aus, während das Finale in tänzerischer Beschwingtheit glänzt und eine scherzhafte Note erhält. So ergibt sich ein beinahe narratives Element, das den Hörer vom fragend getragenen Ausgangspunkt aus über Turbulenzen und Meditationen bis hin zu einem Ziel führt, das eigentlich gerade in der Unvereinbarkeit liegt.

Die Komponistin Mathilde Wantenaar und ihre Sprookjes lernte Merel Vercammen durch einen Kompositionswettbewerb kennen, in dem sie das Werk aufführte, welches schließlich sogar den Jury- wie den Publikumspreis gewann. Die drei kurzen Stücke stehen in einem postromantischen und bildhaften Stil, der den Hörer unmittelbar anspricht und seine Fantasie anregt.

Eine großartige Repertoire-Entdeckung gelang den Musikerinnen mit der Violinsonate d-Moll von Irene Regina Wieniawska, der Tochter von Henryk Wieniawski. Da sie weder vom Namen ihres Vaters, noch von dem ihres Ehemanns profitieren wollte, publizierte sie ihre Werke unter dem Pseudonym Poldowski. Die dreisätzige Violinsonate präsentiert einen französischen Stil, der in der Tradition ihres Vaters und Francks steht, aber auch neue Elemente von unter anderem Debussy einfließen lässt und eine eigene Note offenbart, die ich bislang aber noch nicht einordnen kann. Gerade der Klavierpart ist hoch virtuos und verleiht der Musik etwas Flirrendes und zugleich Filigranes. Vercammen und Ivanova halten fest zusammen bei allen Werken der CD, bündeln ihre technischen und musikalischen Vorstellungen, wodurch sie etwas Gemeinsames erschaffen. Ivanova bleibt dynamisch eine Stufe unter Vercammen, holt aber wichtige Themen und Figuren in den Vordergrund, lässt also die Violine sich entfalten, ohne selbst dabei klanglich zu verschwinden.

Da ich weder Poldowski noch Wantenaar zuvor gehört habe, lässt sich kein Vergleich ziehen; die Aufnahme von Francks Sonate gehört in jedem Fall zu den stimmigsten und reflektiertesten, zudem stringentesten und musikalischsten, welche die letzten Jahre erschienen sind.

[Oliver Fraenzke, Juli 2019]

Laute? Ein sanftes Instrument

Fantasia Bellissima; Bernhard Hofstötter, Laute; Werke aus der Lemberg Lautentabulatur von Anonymii, John Dowland (1562-1626), Claudin de Sermisy (1490-1562), Pierre Sindrin (1490-1561) und anderen.

Schon beim ersten Ton springt die Faszination dieser „alten“ Musik über, füllt der intime, weiche Lautenklang der siebenchörigen Laute, die Bernhard Hofstötter da „traktiert“, den Raum und das Ohr. Anders als bei den allermeisten klassischen Gitarristen – deren CDs ja vor allem die Firma NAXOS so inflationär anbieten zu müssen scheint – erklingt auf dieser CD mit dem ansprechenden Titel Fantasia Bellissina wirklich Musik und nicht nur zusammenhanglose einzelne Klänge oder Noten. Die in allen Stücken überzeugend gestaltete Polyphonie wird höchst musikalisch ausmusiziert, der Klang bleibt auch bei schnellen Rasguado-Stellen – die es in dieser Zeit durchaus auch bereits gibt –  weich und voll, die Rhythmen tänzerisch erfüllt und die ruhige Verzauberung der „Alten Musik“ kann sich ganz und voll entfalten und den Hörer mitnehmen in die Zeit zwischen dem fünfzehnten und dem siebzehnten Jahrhundert. Solche hochchromatischen Werke wie die „Forlorn Hope Fancy“ von John Dowland  sind ein Höhepunkt dieser Scheibe. Aber auch die anderen Stücke – Valentin Greff Bakfark (1507-76), der übrigens auch als Geheim-Agent unterwegs war in ganz Europa, ist mit einem Stück vertreten, ebenso Clément Jannequin (1485-1558), Joan Ambrosio Dalza (um 1508), Giovanni Pacolini (16. Jh.) oder Jacquet de Berchem (1505-1565) sowie anonyme Komponisten, deren Stücke in der Lemberger Lautentabulatur vergessen waren, bis sie ein Wiener Antiquar 1937 verkaufte und sie in Lemberg (Lwiw) in der Ukraine landeten und dort  entdeckt und nun als bemerkenswertes Zeugnis dieser großartigen Renaissance-Musik in hervorragender Realisation durch den österreichischen Musiker Bernhard Hofstötter zu meinem Leben erweckt wurden. Dass Hofstötter unter anderem auch Violine studiert hat – nebst seiner akademischen Ausbildung als Jurist –  und sehr wohl weiß, was eine Melodie ist – auch da den meisten der klassischen Gitarristen weit voraus –  und wie sie richtig und musikalisch ausgeführt wird auch auf so einem diffizilen Instrument wie der Laute, hebt diese CD – wie übrigens auch manche anderen Lauten-CDs – wohltuend heraus.

[Ulrich Hermann, Juli 2019]

Ein belgischer Komponist der besonderen Art

Robert Groslot: Matrix in Persian Blue, Works for  & with string quartet

Liesbeth Devos, Sopran; Jan Michiels, Piano; Asasello Quartet

TXA19123; EAN 4 250702 801238

Bekannt wurde Robert Groslot (Jahrgang 1951) zuerst als Pianist und Dirigent, bevor er in seinen späteren Zwanzigern zu komponieren begann. Schon sein „Rainfall in Pink City“ von 1979 war ein Erfolg. Groslot ist ein zutiefst unabhängiger Geist und lässt sich nicht in irgendeine Schublade stecken. So, wie das ein Musiker heute sein kann, wenn er sich nicht irgendeinem „Mainstream“ oder einer besonderen Modeströmung – ob alt oder neu ist dabei egal – anschließt.  So vermeidet seine Musik den unzugänglichen Elfenbein-Turm ebenso wie den Beifall der etablierten Musik-Kritik, die bemängelt, dass man ihn nicht einordnen kann wie so manche Sumpfblüte der sogenannten Moderne, was auch immer das sein mag.

Schon das erste Stück – er gibt seinen Stücken gerne poetische Titel, ohne eine konkrete programmatische Absicht damit zu verbinden – „Ce lac dur oublié que hante le givre…“ für Klavier und Streichquartett fängt mich vom ersten Ton an ein, und die Klänge, Linien, Verläufe und Verwebungen sind sofort fasslich und verständlich auf einer zwar durchaus auch intellektuellen, aber beileibe nicht abstrakt-denkerischen Ebene.

Dazu ist diese Musik viel zu lebendig und erlebt, Klavier und Streichquartett sind in ständigem belebtesten Austausch, möglichst viele rhythmischen und auch perkussiven Elemente kommen ins Spiel, die Register des Flügels werden von tief bis hoch eingesetzt, man merkt, dass der Komponist ein äußerst versierter Pianist ist, sich aber auch in den Gefilden der Musikgeschichte auskennt. Und so kommt diese Musik eben als das Spiel daher, als das sie ja vom Ursprung der Götter her gemeint ist.

Das zweite Werk, vier Lieder nach Gedichten von Stéphane Mallarmé (1842-1898) für Sopran und Streichquartett „Le bel aujourd’hui“, ist eine gelungene Mélange aus Stimme und den Klängen des Streichquartetts. Es reicht von rhythmisch vertracktesten Impulsen bis zu impressionistischen Klangflächen, alles sehr leicht und durchweg gelungen gespielt und gesungen von den fünf Musikerinnen und Musikern. Es ist durchaus nicht modernistisch atonal, immer ist der tonale Bezug da, spür- und hörbar, dennoch ist die Musik höchst originell und bewegend. Sogar der ab und an hochdramatische Gestus der Sopranstimme ist durchaus angemessen und stört – im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Gesangskolleginnen – nicht nur nicht, sondern ist der Vortonung dieser Texte mehr als angemessen. (Und so etwas begegnet mir äußerst selten auf CDs, wenn es um hohe Sopranstimmen geht.)

Sein Streichquartett, das die CD beschließt, nennt Groslot „Matrix in Persian Blue“ und weist damit auf dieses in altpersischen Kacheln und Keramiken verwendete tiefe Blau hin. Schon der zurückhaltende Beginn fasziniert mit seiner Innerlichkeit, wie auch das ganze Stück.

Die Farbigkeit des Streichquartett-Klangs ist immer wieder überraschend, wo doch schon so viele Streichquartette im Lauf der Zeit – und die dauert nun doch schon fast vierhundert Jahre – komponiert wurden. Dennoch fallen dem Belgier Robert Groslot neue, unerhörte, so nie oder noch nicht vernommene Klänge und Möglichkeiten ein und auf. So unmittelbar faszinierend und zugänglich kann „moderne“ Musik – abseits von Musica viva und anderen elitären Zirkeln – sein, wenn ein wahrhaftiger Musiker und Komponist dahinter steht, der aus der vollen Möglichkeit unserer Zeit all das schöpft, was er zu seiner ureigensten Musik und für deren Aussage braucht.

[Ulrich Hermann, Juli 2019]

Nordische Folklore und persönlicher Fingerabdruck

Toccata Classics, TOCN 0004; EAN: 5 060640 070042

Der Organist Gunnar Idenstam und der Nyckelharpa-Spieler Erik Rydvall führen den Hörer in die Welt der skandinavischen und estnischen Volksmusik ein. Neben traditionellen Melodien spielen sie auch neuere Stücke und improvisieren; die Arrangements stehen dabei nirgends geschrieben, sondern entstanden mehr oder weniger im Moment der Aufnahme.

Auf vorliegender CD erleben wir die nordische Welt gleichsam historisch wie zutiefst persönlich. Gunnar Idenstam und Erik Rydvall wählten sich einige traditionelle Melodien aus, die teils ins sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert zurückreichen, und kombinierten sie mit neueren Kompositionen und eigenen Improvisationen, die jedoch stets in der Folklore verwurzelt bleiben. Die Aufnahme entstand in der Kathedrale von Kristiansand in Norwegen, deren neue Orgel erst 2013 von der deutschen Firma Klais erbaut wurde und einige Besonderheiten wie Glocken- und Wind-Register aufweist. Erik Rydvall spielt dazu die Nyckelharpa, ein mittelalterliches Instrument, das im siebzehnten Jahrhundert unerwartet und modifiziert in Schweden auftauchte, während seine Blütezeit auf dem Kontinent bereits abklang. Die Nyckelharpa, Schlüsselharfe, ist ein Streichinstrument, das Ähnlichkeiten zur Geige aufweise, dessen Saiten allerdings mit Tasten (‚Schlüsseln‘) niedergedrückt und somit verkürzt werden, was die Tonhöhe definiert. Resonanzsaiten und teils (vor allem bei alten Instrumenten) Bordunsaiten geben dem Instrument den charakteristischen, nachhallenden Klang. In Schweden hat das Instrument seit seinem Aufkommen eine lebendige Tradition und wurde im Laufe der letzten etwa achtzig Jahre deutlich weiterentwickelt.

Das spannende Element dieser Aufnahme liegt in der Symbiose aus jahrhundertelanger Überlieferung und persönlicher, spontaner Ausarbeitung auf modernen Instrumenten. So lebt gleichzeitig die Tradition weiter (und wird sogar auf CD festgalten) und bleibt doch neu wie unverbraucht. Den zahllosen Versuchen, nordische Volksmusik zu transkribieren, schlossen sich die Musiker dabei nicht an, sondern fokussierten sich auf mündliche Tradition, der sie neue Tänze hinzufügten.

Trotz aller oberflächlicher Einfachheit mit unermüdlich unverändert wiederkehrenden Themen und kleinem Ambitus herrscht ansprechende Komplexität vor, besonders im Bereich der Rhythmik: Duolen und Triolen stehen eng nebeneinander, Punktierungen verleihen zusätzliche Würze. Harmonisch schätzen die nordischen Länder besonders die große Septim, die immer wieder ein aufregendes Kribbeln verleiht, aber auch andere Dissonanzen werden gerne stimmig eingebunden. Manche der Werke dieser CD waren sicherlich genuin für die Nyckelharpa gedacht, andere haben ihren Ursprung wohl auf der Fiedel, beispielsweise der norwegischen Hardingfele, deren Klang heute vor allem durch Howard Shores Filmmusik zu Herr der Ringe vertraut erscheint. Doch Fiedelklänge lassen sich durch die anatomischen Ähnlichkeiten leicht auf der Harpa umsetzen. Die Orgel spielt ebenso eine Rolle in nordischer Folklore, nachdem die Länder teils gewaltsam christianisiert worden sind. In Liedtranskriptionen finden wir zahllose religiöse Lieder und Psalmen, viele große Volksmusiksammler waren selbst Organisten beziehungsweise komponierten auch Kirchenmusik; so beispielsweise die Lindeman-Dynastie.

Gunnar Idenstam hat Spaß daran, an der Orgel zu experimentieren und ihr einzigartige Klangkombinationen und Geräuscheffekte zu entlocken, die er stets in den Dienst der Musik stellt. Sein Hintergrund im Bereich der symphonischen Rockmusik bleibt dabei unverkennbar und so bringt er ein atmosphärisches Element mit in die Folklore. Erik Rydvall nutzt eben dies für seine Höhenflüge, bleibt parallel immer wachsam und aufmerksam auf seinen Mitspieler. Gemeinsam erschaffen sie funktionierende Formen und teils lange Spannungsbögen, haben Freude an den ungeraden Rhythmen und tänzerischen Elementen, werfen sich die Melodien einander zu und greifen sie auf. So entsteht ein vielseitiges, stimmiges und lebendiges Album, das uns in die Volksmusik einführt und zugleich ein persönlicher Fingerabdruck ist.

[Oliver Fraenzke, Juni 2019]

Ravel ohne Pianissimo

Coviello classics, COV 91910; EAN: 4 039956 919100

Alfonso Gómez spielt das gesamte Klavierwerk von Ravel für Coviello Classics ein. Er beginnt mit Jeux d’eau und der Pavane pour une infante défunte und arbeitet sich über die drei Großformate Miroirs, Gaspard de la nuit und La Valse hin zu den eher kleineren Stücken, Sonatine, Prélude und dem Menuet; es folgt La tombeau de Couperin und À la manière de …, dann kommen Menuet antique und Menuet, bevor die Doppel-CD mit den Valses nobles et sentimentales schließt. Es fehlen lediglich kleinere Stücke wie die Sérénade grotesque und La parade sowie die Klavierbearbeitungen aus Daphnis et Chloé.

Die Musik Ravels fordert den Pianisten nicht bloß auf mechanischer Ebene, wo sie maßgebliche Neuerungen schuf und vorhandene Grenzen spielerisch sprengte, sie wirkt vor allem auf musikalischer Ebene, transzendiert Fingerfertigkeit durch nuancierten Anschlag zur Technik und Rhythmus zum Groove. Neben Schubert und Debussys gehört Ravel zu denjenigen Komponisten, die vor allem im Pianissimo ihre größte Kraft offenbaren. Und genau hier liegt bereits die Schwäche der vorliegenden Aufnahme begraben: Alfonso Gómez bekommt kein wahres Pianissimo hin, er unterschreitet nie den Bereich, den ich als Piano einordnen würde. Dies unterminiert, um nur einige Beispiele zu nennen, den Beginn von La valse, der als tiefes und konturloses Brodeln, als eine Art „Urlaut“ wahrgenommen werden sollte, und nicht wie in dieser Aufnahme deutlich konturiert hervorhallend. Dies macht auch die Ondine teils recht behäbig und „zu wirklich“ für ihre mystische Gestalt; und die Noctuelles wirken mehr wie ausgewachsene Vögel, jedenfalls nicht wie Nachtfalter.

Dem setzt Gómez jedoch akkurat-präzises Spiel auf der Rhythmusebene entgegen, was gerade den Walzerstudien über weite Strecken sehr zugute kommt, die immer in der Schwebe zwischen spürbarem Walzertakt und diametral entgegengesetzter Rhythmik verharren. Gelungen erscheint auch das spanische Element, das in erster Linie Alborada del gracioso befeuert, diesem Stück aus Miroirs einen wahnwitzigen Trieb verleiht, der in teuflischen Repetitionsnoten kulminiert. Mitreißende Spielfreude hören wir in Jeux d’eau, einer regelrecht naturalistischen Darstellung eines Wasserspiels (dieser Naturalismus, vor allem typisch für Debussy [z.B. Préludes Livre 1 und La Mer], setzt sich später in den Miroirs fort, kommt aber auch in Gaspard de la nuit zum Tragen). Gómez bleibt locker und schafft eine feine Abstimmung zwischen Melodie und Umspielung.

Bei jeder Ravel-Aufnahme lege ich besonderen Wert auf die orchestral gesetzte Pavane pour une infante défunte. Mechanisch leicht zu bewältigen offenbart gerade das Thema in seinen drei unterschiedlichen Erscheinungen die Qualitäten eines Pianisten. Der schlichten Melodie in der Oberstimme ist ein Pizzicato-Bass im Viertelmaß und eine ebenfalls Pizzicato zu spielende Füllfigur zunächst im Achtel- und später im Sechzehntelmaß beigegeben. Die dynamische Hierarchie ist klar: am deutlichsten die Melodie, dann der sonore Bass und kaum wahrnehmbar die nur harmonisch wichtige Füllung, die ungünstigerweise mit den starken Fingern der rechten Hand zu spielen ist; interessanter allerdings die Frage nach dem Pedal: streng genommen kann man die ersten beiden Darbietungen des Themas nicht oder nur minimal mit Pedal versehen, um das „Streicher“-Pizzicato nicht zu verwässern, doch das wiederum verlangt dichtes Fingerpedal (enormes Legato mit leichtem Liegenblieben) in der Melodie. All dies klanglich abzustimmen und in orchestralen Farben zu realisieren, grenzt an Unmöglichkeit – Juan José Chuquiseno gelang dies unvergleichlich; andere ebenso stimmige Darbietungen hörte ich von Richter und von Austbø. Gómez bemüht sich wenig, die Stimmen überhaupt abzuwägen und die Melodie zu „singen“, dafür hallt die Mittelstimme – gut mit Pedal getränkt – viel zu sehr über die wichtigeren Randstimmen.

Wenngleich die Aufnahme mit Alfonso Gómez technisch-mechanisch auf höchstem Niveau ist und der Pianist sich bei vielem durchaus um Präzision und Feinheit bemüht hat, enttäuscht die Aufnahme gerade im Vergleich zu der erst im Januar erschienenen Gesamtaufnahme mit Håkon Austbø durch ihren Mangel an Pianissimo und die teils zu oberflächlich gedachten Passagen.

[Oliver Fraenzke, Juni 2019]

Ein unterschätztes Genie

Joseph Martin Kraus, Aufnahmen von 1991 bis 2007; Amphitryon   Kantaten   Sinfonien   Kammermusik

Capriccio C7325

Hätte es Mozart nicht gegeben, Joseph Martin Kraus gehörte heute selbstverständlich zu den ganz Großen der klassischen Musik. Aber so wird er immer mit dem Götterliebling verglichen und dadurch ist sein Nachruhm – wenigstens bei uns in Mitteleuropa – der Qualität nicht angemessen. Seine Übersiedelung nach Stockholm, dem guten Ruf des höchst musischen damaligen schwedischen Königs Gustav III. folgend, wozu ihm ein Studienkollege geraten hatte, bezahlte er erst einmal mit einer langen Durststrecke, bis seine erste Oper „Proserpina“ ihm den gewünschten Erfolg und die Stellung als Hofkompositeur eintrug. Bei steigernder Arbeitsbelastung komponierte er dennoch unaufhörlich. Seine Schwindsucht, die schon sehr früh auftrat, setzte seinem jungen Leben (er teilt mit Mozart das Geburtsjahr 1756) 1792 ein Ende, kurz nachdem im selben Jahr auch sein Gönner – Schwedens König – nach dem berühmten Attentat im März 1792 verstorben war. Für sein Begräbnis hatte er noch eine dreisätzige Trauersymphonie geschrieben in c-Moll, von der ein Hörer schrieb, dass diese Musik die wahre Trauer verhindert habe durch ihre hohe Kunst.

In dieser CD-Box sind Teile aus den Intermezzi zu Molières „Amphitryon“ enthalten, weltliche Kantaten nach Texten von Metastasio, acht seiner 14 Symphonien und zwei Streichquartette samt einem Flötenquintett enthalten. Jeder Hörer kann sich also ein eigenes Hör-Bild davon machen, wie die Musik des Zeitgenossen von Mozart ihn berührt und bewegt.

Ich beschränke mich hier auf die beiden ersten CDs, denn die anderen sind in anderer Form schon früher erschienen.

Die weltlichen Kantaten singt die Sopranistin Simone Kermes, Dirigent ist Werner Erhardt mit dem Ensemble Köln. So virtuos diese Musik komponiert ist und gesungen wird, ist sie doch auf die Dauer einer ganzen CD – trotz der eingeschobenen instrumentalen Zwischenspiele – etwas ermüdend. Ein derart hoher – ich wage zu sagen: manchmal fast hysterischer in seinem exzessiven Vibrato –, an die Grenzen gehender Koloratursopran ist sowieso Geschmacksache, meine Liebe ist es eher weniger. Und natürlich hat Kraus diese Stücke für eine der berühmtesten zeitgenössischen Sängerinnen geschrieben, Lovisa (Sofia) Augusti (1756-1790), aber sicherlich nicht für die Aufführung von fünf dieser Kantaten hintereinander. Da ermüdet man einfach beim Zuhören. Selbstredend ist die Musik genial komponiert, auch ausgezeichnet realisiert und aufgenommen, der Einwand gilt also mehr der Dramaturgie und auch der Sängerin als dem Komponisten.

Dass Joseph Martin Kraus in allen Bereichen zu Hause war, zeigt sein Werkverzeichnis, das alle Sparten umfasst von der Oper bis zur Kirchenmusik, von leichten Singspielen über viele Lieder bis hin zu einer Menge Kammermusik, Symphonien und Konzerte. Dass er mit dem schwedischen Dichter-Musiker Carl Michael Bellman befreundet war, zeigt nicht nur die Musik zu mehreren Singspielen, sondern vor allem die schon zwei Monate nach Mozarts Tod entstandene „Trauerelegie auf Mozarts Tod“ vom Januar 1792, der vermutlich ersten musikalischen Antwort auf dieses Ereignis.

Die erste CD enthält also Intermedien und Divertissement zu Molières „Amphitryon“, die Kraus 1784 auf Wunsch Gustavs III. komponierte. Damals hatte er mit seiner Oper „Proserpina“ schon réüssiert, war ein gefeierter Komponist und begleitete seinen König kurz darauf auf einer ausgiebigen Europareise. Auch in dieser Musik kommt dem Sopran eine tragende Rolle zu, gesungen von Chantal Santon, den Tenorpart singt der schon von anderen Aufnahmen bekannte Tenor Georg Poplutz, der Bonner Kammerchor ist mit von der Partie und wieder dirigiert Werner Ehrhardt das Concerto Köln. Sehr melodisch und natürlich tonal ist diese Musik – Kraus hat sich in seinen Klaviersonaten auch sehr weit in die Chromatik gewagt –, und sie wird seinem König sicher nicht missfallen haben. Denn was da an feinster Instrumentation zu hören ist, ist aufregend, und die immer vorhandene Leichtigkeit dieser Musik beschreibt sein Schüler Pehr Frigel (1750-1842) – nachzulesen im vorzüglichen Booklet – wie folgt: „….eine Arbeit, wo sich all das findet, was an Spielerischem, Naivem, Neuem, Feurigem und Gefälligem komponiert werden kann. Man war nun verwundert zu sehen, dass Kraus‘ Genius sich nicht nur auf das Traurige, das Chromatische beschränkte, sondern dass er ebenfalls ein Meister des Heiteren und des Strahlenden war.“

Kurzum, diese fünf CDs bieten eine – noch dazu recht preiswerte und vorzüglich aufgenommene – Möglichkeit, die Musik dieses Meisters, der vor allem Christoph Willibald Gluck (1714-1787) zu seinen Vorbildern zählte, den aber auch Joseph Haydn schätzte, zu erleben und sich sein eigenes Urteil darüber zu bilden.

[Ulrich Hermann, Juli 2019]

„Und hab so große Sehnsucht doch…“

Solo Musica/ Sony 2019, SM 309; EAN: 4 260123 643096

Man kann eintauchen in diese emotionalen Zustände und sich hinein versenken in das bislang unbekannte Werk der luxemburgischen Komponistin Helen Buchholtz (1877-1953). In den Liedern, die Helen Buchholtz meist auf deutsch, vereinzelt auf französisch und sogar auf letzeburgisch, dem traditionellen Sprachideom Luxemburgs schrieb, geht es um Liebe und um das Leben – und vor allem darum, wie vergänglich dies sein kann und wie sich diese Vergänglichkeit anfühlt! Im Jahr 1988 hat die Musikwissenschaftlerin Danielle Roster ihre Lieder und Texte per Zufall wieder entdeckt – und war fasziniert! Jetzt krönt eine bemerkenswerte Doppel-CD-Veröffentlichung die verdienstvolle Forschungsarbeit.

Helen Buchholtz steht mit ihrem Schaffen weitgehend allein in der Musikgeschichte des kleinen Landes Luxemburg. Sie heiratete einen deutschen Arzt, den sie aber schon bald darauf verlor und früh verwitwet war. Künstlerisch dürfte sie nur in einem kleinen Kreis von Dichern und Musikern wahrgenommen worden sein. Ob die Dominanz der Themen Abschied und Verlust in ihren Liedern mit der eigenen Biographie der Komponistin zu tun hat?

Die ergreifenden Metaphern und Zustandsbeschreibungen dieser Lieder leben durch die Vermittlung von Sopranistin Gerlinde Sämann und ihrem Klavierpartner Claude Weber beklemmend eindringlich und pathosfrei auf. Gerlinde Sämanns höhensicherer Sopran punktet mit einer effektvollen Dramatik. Claude Weber lässt sich auf den von Helen Buchholtz erstaunlich differenziert gestalteten Klaviersatz mit hellsichtig-wandelbarer Spiellust ein. Da bringen eingewebte Arpeggien einen „Wanderer“-artigen Fluss in die Melodie, blitzen Betonungen wie fotografische Spitzlichter auf – auch beweist Claude Weber ein hellwaches Gespür für die vielen subtilen harmonischen „Unregelmäßigkeiten“, mit denen Helen Buchholtz spätromantische Tonsprache immer wieder die heile Welt des Vordergründigen durchkreuzt!

Aus heiteren, manchmal naiv-realistischen Schilderungen wird urplötzlich Elementares, im tiefsten Inneren Erschütterndes. „O bleib bei mir…“, „Wenn ich tot bin…“ – Ergreifendes Flehen bündelt sich in Gerlinde Sämanns glockenheller Sopranstimme zu den rauschhaften Klavierklängen von Claude Weber beim Bild einer traurigen Liebenden, die zu verlassen werden droht. Ähnlich beklemmende sprachlich-musikalische Bildgewalt setzt die „Zigeunerballade“ frei. Ein einsamer Junge sitzt an einem Feuer, welches schließlich verlöscht – und damit der Tod eintritt.

Helen Buchholtz‘ Lieder, die weitgehend einem spätromantischen Stil verpflichtet sind, stehen auf dieser CD nicht für sich allein, inspirierten sie doch heutige Komponistinnen wie Catherine Konz, Albena Petrovic-Vratchansksa und Stevie Wishart zu eigenen, sehr unmittelbaren, teilweise direkt auf Helen Buchholtz‘ Lieder und Balladen bezogene Schöpfungen. Gerlinde Sämann und Claude Weber sind versiert genug, um hier auf Anhieb Register aus der musikalischen Gegenwart abzurufen: Faszinierende Chromatik erzeugt eine aufregende Wirkung in Tatsianas Zeliankos Coloristic Miniatures – hier wird Gerlinde Sämanns Singstimme gerne auch mal zum „Instrument“ – etwa, wenn sie vibrationsarm lange Melismen intoniert. Ein Beitrag von Catherine Konz nimmt direkten Bezug auf ein Buchholtz-Lied, wenn das spätromantische Original durch eine rauschhafte Klangmeditation beantwortet wird. Albena Petrovic-Vratchanska hat ohnehin ihren ganz eigenen Kompositionsstil mit starkem Wiedererkennungswert: Auch sie „interpretiert“ in einem freitonal-deklamatorischen Gestus ein Buchholtz-Lied aus einer ganz neuen, subjektiven Perspektive. 

[Stefan Pieper, Juli 2019]

Bach auf Flügel

Ars Produktion Schumacher, ARS 38 508; EAN: 4 260052 385081

Auf zwei CDs hören wir Aufnahmen mit Boris Bloch von Klaviermusik Johann Sebastian Bachs, die Entstehung dieser erstreckt sich dabei über 15 Jahre. Wir hören die Toccata D-Dur BWV 912, Präludien und Fugen BWV 846, 847, 850, 851, 854, 855, 859 und 884, die ersten zwei Partiten, die IV französische Suite, die Fantasie c-Moll BWV 906 und die Concerti BWV 972 (nach Vivaldi), 974 (nach Marcello) sowie das italienische Konzert F-Dur BWV 971.

Kaum ein Komponist hat ein stilistisch derartig vielseitiges Repertoire an Clavier-Musik geschrieben wie Johann Sebastian Bach. Allein bei einem Durchspielen des Wohltemperierten Klaviers wünschte ich mit Flügel, Hammerklavier, Cambalo, Clavichord und Orgel – oder gar Instrumente, die noch gar nicht erfunden wurden und die es ermöglichen, Streichertechniken wie Crescendo auf einem Ton oder Vibrato zu ermöglichen. Deshalb bin ich sehr froh darum, dass es abgesehen einiger puristischer Barockkreise mittlerweile Usus geworden ist, Bach auch auf modernen Instrumenten darzubieten, welche klanglich mehr differenzieren können als die Historischen und diese doch teils zu imitieren vermögen. Mittlerweile fand man übrigens sogar Belege, dass Bach nicht nur einen, sondern gleich mehrere Hammerklaviere besaß und diese oftmals im Konzert spielte. Besonders in den Partiten und den Konzerten profitiert Boris Bloch von den Vorzügen des modernen Flügels und holt orchestralen Klang auf das Tasteninstrument. ARS Produktion Schumacher entdeckte den Pianisten und gibt nun die bereits achte Aufnahme seit 2011 mit ihm heraus, in welcher er sich je einem Komponisten verschreibt.

Bei Bach sieht Boris Bloch vor allem die menschliche und nicht die rein mechanisch-flächige Seite, nimmt sich gewisse Freiheiten in der Musik und gibt ihr so plastische und organische Gestalt. Dabei kann er vor allem den Partiten ein hinreißendes Sentiment entlocken, das innerlich ergreift, ohne zu schwelgen. Die Sinfonia der zweiten Partita sticht durch ihre stringente Formgestaltung besonders heraus, so auch das e-Moll-Präludium. In den Präludien und Fugen bin ich nicht immer mit der Tempogestaltung einverstanden, wenngleich dies bei Bach natürlich immer eine Diskussion für sich darstellt: Beim D-Dur-Präludium fehlt mir das erhöhende Gefühl, welches nur durch moderates Tempo erreichbar wäre (phänomenal dafür die Bässe, die wie ein gezupfter Kontrabass klingen), die d-Moll-Fuge wirkt hingegen zu geschwind, um all die harmonischen Finessen erkennen zu lassen, die bereits einen Vorgeschmack auf die Kunst der Fuge geben – die karge Struktur sollte unterstrichen und nicht umgangen werden. Zudem stören mich manche Schlussritardandi, die sich über mehrere Takte erstrecken: Selbst Bachs Schlussgestaltung geht über die Konventionen seiner Zeit hinaus und so sollte jeder für sich stehen und nicht einer Gewohnheit folgen; und viele der Schlüsse verlangen geradezu nach einer direkten Zielführung. Südliche Leichtigkeit erreicht Bloch in den drei Concerti der zweiten CD, wobei lediglich der Mittelsatz des italischischen Konzerts in der linken Hand die gespenstische Lebensferne vermissen lässt. Das rauschende Finale macht dies schnell vergessen. Augenmerk legt Bloch auch in den strukturell leichteren Stücken auf die Mehrstimmigkeit und holt verschiedene Stimmakzente wohldosiert an die Oberfläche, lässt die einzelnen Linien miteinander agieren und zusammenwirken. In den Fugen hören wir stets alle Stimmen durch, Bloch behält dabei den Charakter des jeweiligen Themas bei und führt ihn das gesamte Stück durch.

[Oliver Fraenzke, Juni 2019]

Wiederentdeckte Aufnahmen

Testament, SBI 1520; EAN: 7 49677 15202 4

Das Label Testament bringt bislang nicht veröffentlichte BBC-Aufnahmen von Peter Pears und Benjamin Britten heraus. In einer Aufnahme vom 9. März 1961 bieten die Musiker Schumanns Dichterliebe dar, aus den zwei Jahren zuvor hören wir Lieder von Hugo Wolf: Ganymed, Beherzigung, Spottlied, Der Scholar, Heimweg, Der Gärtner, Bei einer Trauung, Schlafende Jesuskind, Die du Gott gebarst, Führ‘ mich Kind nach Bethlehem, Wie sollt‘ ich heiter bleiben, Komm Liebchen komm, Wenn ich dein gedenke, Sankt Nepomuks Vorabend und Frühling übers Jahr.

Die jahrzehntelange und bis zum Tod andauernde Partnerschaft, sowohl persönlicher als auch künstlerischer Natur, von Peter Pears und Benjamin Britten gehört zu den intensivsten der Musikgeschichte. Britten legte seine Opernrollen genauestens auf die Stimme von Pears aus und bedachte ihn mit einzigartigen Partien. Doch auch in der Kammermusik wirkten die beiden kontinuierlich zusammen und schufen so unter anderem eine der gefühlvollsten Aufnahmen von Schuberts großen Liedzyklen.

Bereits 1948 wurde eine Radioaufnahme der Dichterliebe mit Pears und Britten gemacht, später gingen sie damit auch ins Studio. Die hier erstmalig zu hörende Version entstand 1961 vergleichsweise spontan, was sich vielleicht zu Ungunsten der Sauberkeit auswirkt, dafür umso mehr das Gefühl betont. Die Musik Hugo Wolfs blieb in England lange Zeit umstritten; Britten und Pears waren die ersten auf der Insel, die diese Musik erfolgreich in großem Rahmen aufführen. Die hier gebrannten Aufnahmen gehörten zu den ersten in England produzierten des Komponisten.

Trotz der schlechten Aufnahmequalität und des mittelmäßigen, teils fehlerbehafteten Masterings kommen die Qualitäten der Musiker deutlich zum Vorschein. Vor allem fällt die dichte Verbindung zwischen Pears und Britten auf: sie folgen einander in jede noch so verwinkelte Stelle und rhythmische Passage, stimmen nicht nur Tempo, sondern auch Klangfarbe, Timbre und Artikulation so fein aufeinander ab, dass sie beide stets das beste Ergebnis liefern können. Die Echtheit des Gefühls ist beiden ein wichtiges Anliegen und sie stellen den technisch-mechanischen Aspekt der Musik dem Ausdruck hintenan. Gefühl soll in diesem Kontext nichts zu tun haben mit romantischem Überschwang, sondern mit reiner und zeitloser Emotion, die uns gerade bei Komponisten wie Schumann und Wolf überwältigen kann. So entstehen die Lieder nicht als zeitgebundene Gebilde, wie wir es von zahllosen Aufnahmen vergangener Epochen kennen, sondern als noch immer wirkende und vor Energie glühende Juwelen fein komponierten und lebendig vorgetragenen Liedguts.

[Oliver Fraenzke, Juni 2019]

Wie es sein sollte

Evidence Classics, EVCD059; EAN: 5 051083 143462

Nach seinem Debut-Album mit russischer Klaviermusik widmet sich der junge Pianist Jean-Paul Gasparian nun Frédéric Chopin. Er spielt die vier Balladen, darüber hinaus je zwei Nocturnes (opp. 48/1 und 27/2), zwei Walzer (E-Moll op. Post.; op. 34/3) und zwei Polonaisen, die ‚heroische‘ op. 53 und die Polonaise-Fantasie op. 61.

Bereits mit seiner ersten CD erweckte der französische Pianist Jean-Paul Gasparian meine Aufmerksamkeit; seine neue Chopin-Aufnahmen überzeugen mich nun vollkommen. Der Musik Chopins kann man sich nicht durch rein intellektuelles Verständnis nähern, auch nicht durch rein mechanisch-technische Fähigkeiten, sondern nur über Gespür, wendigen Geist und erst dann über Reflektion. Ein Mangel nur eines dieser drei Aspekte wirkt sich verheerend auf die gesamte Struktur aus. Die Balladen insbesondere bergen einen derart reichen Fundus an Details und spiegeln jede für sich derart viel Individualität, dass wohl jeder andere Vorstellungen von ihnen erhält und sie anders umsetzt – was eine große Bandbreite an verschiedenen Darbietungen mit sich bringt: aber für den Hörer mit seinen eigenen Vorstellungen von den Werken auch nie eine Aufnahme genau treffen lässt. Die Balladen Chopins gehören (neben der Ballade von Grieg) zu den ganz wenigen Werken, die nie vollkommen meinen Vorstellungen entsprechen, wenn ich sie höre; immer stören mich Kleinigkeiten, die ich anders umzusetzen wünsche oder sie vernachlässigt fühle.

Die hier zu hörenden Aufnahmen von Jean-Paul Gasparian treffen meine Vorstellungen zu den Balladen bislang am besten. All das bringt Gasparian hervor, was andere Darbietungen vermissen lassen: Dies beginnt schon in der improvisatorischen Einleitung der g-Moll-Ballade und der unverschleierten Dissonanz in Takt 7, setzt sich fort in der Hervorhebung wichtiger Bassstimmen (z.B. T. 22f und 35 mit Rückbezug auf T.7) – so zieht sich das durch alle vier Gattungsbeiträge. Dabei spielt Gasparian sinnlich und lyrisch, bleibt auch ohne übermäßige Rubati frei in seiner Agogik und spürt die Gesanglichkeit der Linien auf. In der zweiten Ballade hütet er sich davor, die Tempo-Kontraste überzustrapazieren und nimmt das Andantino recht zügig, in der dritten hält er auch den vertrackten cis-Moll-Abschnitt unter seiner Kontrolle, ohne das Tempo aufzugeben, in der vierten behält er den Blick auch auf den kleinen gegenläufigen Stimmen. In den virtuosen Passagen mit thematischem Material in der Unterstimme, in der meist nur die Läufe zu hören sind, dreht Gasparian den Spieß um und präsentiert fast ausschließlich die Unterstimme, worüber hinweg die Läufe beinahe verschwinden. Vielleicht übertreibt er dies ein wenig – wobei das das einzige Detail ist, welches mich stört.

Die enorm hohe Qualität hält der französische Pianist auch in den restlichen Stücken der CD. Die beiden ausgesuchten Walzer gehören zu den spielfreudigen und geben den beiden schwermütigen Nocturnes eine lichte Unterbrechung – programmatisch gut verteilt. Zum Abschluss die auftrumphende As-Dur-Polonaise op. 53, die Gasparians brillante Akkordabstimmung ins Licht rückt, und die gegensätzliche As-Dur-Polonaise op. 61 (gleiche Tonart, diametrale Wirkung!), in welche er seine lyrische Seite zum Vorschein bringt, ganz unverträumt, nüchtern, aber doch involviert. Jean-Paul Gasparian zählt zweifelsohne zu den größten Entdeckungen der letzten Zeit.

[Oliver Fraenzke, Juni 2019]

Eine alte Praxis bewährt sich neu

Reddress, 34-011906; EAN: 8 056151 200013

Michele Barchi arrangierte die zwölf Concerti, die Antonio Vivaldis in seinem L’Estro Armonico op. 3 bündelte, für die Besetzung seines Ensembles, Armoniosa, bestehend aus Cembalo, Orgel, Geige, fünfsaitigem Cello „Piccolo“ und Cello. An den Instrumenten hören wir Michele Barchi, Daniele Ferretti, Francesco Cerrato, Stefano Cerrato und Marco Demaria.

Die Drucklegung von Vivaldis L’Estro Armonico 1711 als Opus 3 verhalf dem Komponisten zum internationalen Durchbruch. Interessanterweise fragte Vivaldi für das Vorhaben nicht in Italien an, sondern suchte sich einen Verlag in den Niederlanden, was alleine die persönliche Bedeutung dahinter zeigt. Vivaldi hob die Form des Instrumentalkonzerts auf ein gänzlich neues Level bezüglich Vielseitigkeit, durchgängiger Qualität, formaler Stringenz und Ausdrucksstärke. Dies inspirierte zahlreiche Komponisten zu Arrangements oder eigenen Kompositionen – so unter anderem den damals als Organist in Weimar tätigen Johann Sebastian Bach, der mehrere der Konzerte bearbeitete. Das zehnte Konzert arrangierte Bach etwa 20 Jahre später, was den enormen Einfluss dieser Musik auf ihn unterstreicht.

Bearbeitungen waren zur Zeit des Barocks eine landläufige Praxis, da zum einen die Ensembles keiner festen Instrumentation unterlagen, man also entsprechend die Werke für die eigenen Instrumente anpassen musste, und zum anderen die Musik nicht wie heute als unveränderbarer Monolith betrachtet wurde. Das Ensemble Armoniosa greift diese Technik auf und bearbeitete die zwölf Konzerte für ihr fünf Instrumente: Cembalo, Orgel, Geige, fünfsaitiges Cello „Piccolo“ und Cello. Für die Aufnahmen verwendeten die Musiker insgesamt sechs Cembali und zwei Orgeln.

Größtenteils funktioniert die Neuinstrumentation prächtig und entlockt der Kammermusikbesetzung orchestrale Klänge. Lediglich das erste der Konzerte erscheint mir zu Cembalolastig, da trotz der zwei Manuale die Kontraste der ursprünglichen Soli verlorengehen, woran auch das etwas gewollte und somit übermäßige Vortragsweise voll kleiner Verzögerungen nichts ändert. Doch ab dem zweiten Konzert entfalten sich die Musiker. Die fünf Instrumentalisten vereinen Spielfreude und akkurates Zuhören, sie achten aufeinander und passen sich dynamisch präzise an – was nicht immer leicht ist bei dieser Besetzung. Vor allem gelingt es ihnen, die Musik lebendig entstehen zu lassen und so dem Klischee des Nähmaschinen-Barock ein Schnippchen zu schlagen. In wenigen Fällen hört man zwar bei den Tasteninstrumenten eine standardisierte Wendung heraus, die ihre Wirkung bereits verbraucht hat, doch machen sie dies durch feine Artikulation schnell wett. Die kräftige Geige aus dem frühen 19. Jahrhundert macht sich durch ihre Intensität gut in dieser Aufnahme, eine ältere Geige könnte alleine die Höhe nicht genug ausfüllen bezüglich des Volumens; die Tiefe wird durch das Wechselspiel des fünfsaitigen Cellos aus dem späten 19. Jahrhundert und dem Cello aus der Mitte des 18. Jahrhunderts facettenreich zum Schwingen gebracht.

[Oliver Fraenzke, Juni 2019]