Archiv der Kategorie: CD-Rezension

Bilder und Zeichnungen

Die letzte der „Stationen der Musikgeschichte“, des diesjährigen Konzertzyklus der Reihe Klavierspielkunst von und mit Jürgen Plich, beschäftigt sich mit „Mussorgsky plus“, wobei das Plus am Nachmittag des 5. Juni 2016 im Johannissaal des Schloss Nymphenburg in München für Claude Debussy steht. Von Debussy erklingen die Estampes aus dem Jahre 1903 (Pagodes, La Soirée dans Grenade und Jardins sous la pluie). Aus der Feder von Mussorgsky werden die unverwüstlichen Bilder einer Ausstellung (Erinnerungen an Viktor Hartmann, 1874) dargeboten sowie mit der Mezzosopranistin Dorothee Labusch der Liederzyklus Kinderstube von 1870-72 in deutscher Übersetzung (Mit der Njanja, Im Winkel, Der Käfer, Mit der Puppe, Abendgebet, Kater Prinz, Steckenpferdreiter).

„Er war einst mein Schüler, nun ist er mein Kollege“, so lobte der gefragte Pädagoge und Pianist Professor Gregor Weichert den heute zu hörenden Jürgen Plich bei seinem Konzert im April diesen Jahres, welches ich ebenfalls für The New Listener besprach. Bei solchen auf distinguierte Art anerkennenden Worten konnte ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, das heutige Konzert zu besuchen, welches den Abschluss dieser Saison von Klavierspielkunst darstellt. (Doch keine Angst, die Termine für die kommende Saison sind bereits bekanntgegeben, im November gibt es Schubert und im kommenden Jahr sechs Konzerte mit allen Klaviersonaten von Mozart.)

Das Saisonfinale führt den Hörer zu zwei absoluten Nationalisten, deren Musik meist ganz und gar im Zeichen ihrer Heimat steht: Claude Debussy und Modest Mussorgsky. Den Beginn macht Debussy mit seinen Estampes, drei kurzen „Zeichnungen“, bestehend aus den von der Gamelanmusik beeinflussten Pagodes, den flüchtigen Impressionen spanischer Musik in Le Soirée dans Grenade und dem perlig-verregneten Jardins sous la pluie. In diesen kurzen Stücken liegen ganze Welten voll prächtiger Farbenspiele, innovativer Zusammenklänge und stets dem auf den Punkt gebrachten „lyrischen Moment“.

Die Verbindung zum folgenden Liederzyklus Kinderstube von Modest Mussorgsky schafft Jürgen Plich durch seine höchst informative Werkeinführunge, lobte doch Debussy alias Monsieur Croche die Lieder des Russen in einer Zeitungsrezension als absolutes Meisterwerk. Und auch heute noch, weit mehr als 100 Jahre später, kann man Debussy nur zustimmen. Die sieben Lieder glänzen in ihrer leicht-beschwingten Art in erhabener Zurückgenommenheit, welche jeder Akkordwendung Bedeutung schenkt und nicht eine Note überflüssig erscheinen lässt. Die ebenfalls von Mussorgsky stammenden Texte sind in der Singstimme wie in der Klavierbegleitung unmittelbar ausgedeutet, geben immer wieder zum Grinsen Anlass, können aber auch einmal einen kurzen Schauer über die Rücken der Hörer gleiten lassen. Gerade die (teils nur vermeintliche, teils aber auch tatsächliche) Unschuld aus den Mündern der hier sprechenden Kinderfiguren zeugt durchweg inspirierte und phänomenal beschworene Momente.

Nach der Pause folgt der große Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung, Erinnerungen an Viktor Hartmann. Zehn Bilder des großen russischen Malers und engen Freundes vertonte Mussorgsky, ging dabei allerdings weit über die bildliche Vorlage hinaus und schuf eine ganze Geschichte, die dadurch gegeben ist, dass der Ausstellungsbesucher (wohl Mussorgsky selbst) mit abgebildet ist, wie er von einem Kunstwerk zum nächsten schreitet – in den Promenaden. Warum die Promenade nach den Katakomben nicht mehr als eigener Abschnitt betitelt ist, sondern mit „Con mortuis in lingua mortua“ einen neuen Titel erhält sowie im Großen Tor (dem Heldentor) direkt eingebunden erscheint, wird dabei allen Erbsenzählern wohl immer ein Rätsel bleiben. Ob der Besucher nun so von den Bildern in den Bann gezogen wird, dass das Gehen als unbewusste Aktion geschieht, oder ob doch die Toten in der Grabstätte den Besucher in die Kunstwerke selbst gebannt haben, dass er Teil von ihnen wird, werden wir nicht belegen können.

Jürgen Plich erweist sich als ein exzellenter Pianist, der die Musik durchdringen, auffassen und mit spielerischer Leichtigkeit glaubhaft vermitteln kann. Tatsächlich lässt sich vom technischen Aspekt her eine Parallele zu Gregor Weichert ziehen, was seinen gesamten Armeinsatz betrifft, der jedoch von Plich auch modifiziert und abgewandelt wurde. Besonders auffällig dabei ist sein federndes Handgelenk, welches die Energie vom Körper direkt in die Fingerkuppen bringt, der Arm dient vor allem als reiner, federleichter Vermittler, der absolut keinen Widerstand darstellt, sich auf alle geforderten Umstände einstellen kann. Dies hat einen sehr feinen, sensiblen Ton zur Folge, der eine Leichtigkeit und unmittelbare Wirkung beinhaltet, der man sich schwerlich entziehen kann. Durch eine vollkommen natürlich erscheinende Phrasierung wird der Hörer sogleich in den Bann gezogen und es herrscht durchweg eine beeindruckende Aufmerksamkeit im (leider zu wenig gefüllten) Saal, wie sie selten zu finden ist.

Besonders interessant ist Jürgen Plichs Vorgehen in Mussorgskys Bildern einer Ausstellung, denn hier wird auch er noch einmal schöpferisch tätig. Er vollzieht einige durchaus merkliche Änderungen gegenüber der üblichen Auslegung der Spielanweisungen, was Dynamik und auch Tempo betrifft. Ein Großteil dieser Änderungen funktioniert einwandfrei und unterstreicht einige Aspekte, die ihm besonders wichtig sind wie die zauberhaft-verschleierte Melodievariation im Alten Schloss, der fast aufständisch wirkende Gesang in der Mitte des Bydło, die markanten Unterschiede zwischen den beiden Juden Samuel Goldenberg und Schmuÿle oder das pittoreske Markttreiben in Limoges. Auch das Heldentor in der Hauptstadt Kiew erhält durch feiner gewählte Dynamik einen wesentlich größeren Aufbau zum Schluss hin. Lediglich der Gnomus erklingt etwas „harmlos“, da die aufbegehrende Anfangsfloskel häufig unscheinbar leise und zu schnell, somit schwer verständlich, herüberkommt. Im Gegensatz dazu wirken die unausgeschlüpften Küken etwas zu erwachsen, da aus dem piepsenden Pianissimo (bis ppp sogar) ein gesundes Mezzoforte wurde, wodurch sie stellenweise etwas plump tanzen. Interessant gestalten sich die Harmonien in den Katakomben, dem Umbruchstück des Zyklus‘. Die vollen Akkorde bilden sich gut abgestimmt aus mit der vielseitig unterlegten Dynamik zu einem stimmungsvollen Gemälde voll innerer Schrecken, die in die diesmal besonders düster flirrenden Stimmen der Toten übergehen. In die Promenade, so erscheint es mir, kann sich Jürgen Plich als Individuum gut hineinversetzen, hier bringt er am deutlichsten sich selbst ein und geht authentisch durch Hartmanns Ausstellung. So wird auch der Zuhörer hineingezogen in die Magie der Bilder, denn die Geschichte passiert unmittelbar vor ihnen und nicht irgendwo in weiter Ferne durch einen nicht anwesenden Dritten.

In der „Kinderstube“ begleitet Plich seine Sängerin als gleichwertiger und gut abgestimmter Widerpart, der nie ihre Stimme verdeckt und doch ein vollwertiger Partner mit präsenter musikalischer Aussage ist. Dorothee Labusch, extra aus der Schweiz angereist, präsentiert die sieben Lieder in einer hinreißenden Darstellung, in welcher sie direkt bildlich die Kinder und ihre Njanja verkörpert. Die Rollen kauft man ihr vorbehaltlos ab, so natürlich und ungekünstelt stellt sie diese dar. Mit reiner Intonation und zumeist problemloser Textverständlichkeit fliegt sie förmlich über der Klavierbegleitung dahin und bezieht den Zuhörer mit ein in die so charmant dargestellten Kinderwelt, die eigentlich niemanden unberührt lassen kann.

Auch die Welt von Debussy eröffnet sich dem Hörer in den einfühlsamen Darbietungen von Jürgen Plich, denn die der Natur lauschende Musik scheint eine besondere Stärke des Pianisten zu sein, und so fesselt er die Konzertbesucher direkt vom ersten abgerundeten Ton an und dringt tief in das Wesen dieser Musik ein.

[Oliver Fraenzke, Juni 2016]

Oper mal ganz anders

Oper mal ganz anders

GILBERT & SULLIVAN

HMS PINAFORE

Scottish Opera
Richard Egarr, Conductor
Tim Brooke-Taylor, Narrator

John Mark Ainsley, Elizabeth Watts, Toby Spence, Hilary Summers, Neal Davies, Andrew Foster-Williams, Gavan Ring, Barnaby Rea, Kitty Whately

Linn CKD 522
6 91062 05222 1*

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Arthur Sullivan (1842-1900) und sein Librettist William Schwenck Gilbert (1836-1911) waren das erfolgreichste Duo der englischen Operngeschichte, auch wenn es bei den beiden nicht immer ohne Zank und Zoff abging. ‚HMS Pinafore’ war jedenfalls ihr erster großer „Hit“ und steht auch heute noch regelmäßig auf dem Programm britischer – in diesem Fall schottischer – Bühnen. Für die Live-Aufnahme beim Edinburgh International Festival vom 23. August 2015 kam ein glänzendes Ensemble zusammen, dem man die Sing- und Spielfreude und Begeisterung auch auf der CD-Aufnahme anmerkt und anhört.
Natürlich ist die Musik nicht von Mozart oder von Schubert, aber Arthur Sullivan – er wollte sich am allerliebsten als Komponist ernster geistlicher Musik sehen – ist in seiner eigenständigen Art stets ein hörenswertes Vergnügen, dem solche Solisten wie John Mark Ainsley oder Hillary Summers natürlich noch ihre ganze Kunst und ihr Können dazu geben. Zusammen mit dem Erzähler Tim Brooke-Taylor, der in tadellosestem Englisch – wie schön kann gesprochenes Englisch klingen! – den Faden der Geschichte weiterbringt von  der Kapitänstochter, die einen anderen liebt als den, den ihr Vater für sie ausgewählt hat, die alte Story also…

Dazwischen hinreißende Chöre und Ensembles, kurzum ein Vergnügen, das diese Live-Aufnahme durchaus adäquat einfängt. Natürlich erinnert das sicher viele auch an spätere Filme mit Fred Astaire wie z. B. „Follow The Fleet“, aber das muss ja nun wirklich kein Minuspunkt sein.

[Ulrich Hermann Mai 2016]

Zwei Klaviere und Max Reger

Musikproduktion Dabringhaus und Grimm, MDG 330 0765-2

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Max Reger
Werke für zwei Klaviere
Piano Duo Trenkner-Speidel

Variationen und Fuge über ein Thema von W.A. Mozart op. 132a
Variationen und Fuge über ein Thema von Ludwig van Beethoven op.86
Introduktion, Passacaglia und Fuge op.96

Evelinde Trenkner und Sontraud Speidel sind als Klavierduo schon gut bekannt und haben in ihrem Repertoire nicht nur die Standardwerke, sondern auf dieser CD zum 100.  Todestag des Komponisten Max Regers Gesamtwerk für zwei Klaviere eingespielt.

Alle drei Kompositionen überzeugen sowohl von der Musik her als auch vom Spiel. Was mich immer wieder aufs Neue überrascht ist die Tatsache, wie anders zwei Klaviere klingen – wie anders als zum Beispiel ein Klavier zu vier Händen. Die Aufnahme von der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm ist klanglich exzellent und das Anhören der beiden „alten“ Steinways von 1901 ein Vergnügen. Und die Ausführungen sind sehr kompetent und eröffnen einen neuen Zugang zu Werken von Max Reger, dessen Musik man ja oft Monstrosität und klangliche Überfrachtung nachsagt. Nicht aber in diesem Fall, wo die andere, die „leichte“ Seite des Komponisten zu ihrem Recht kommt, was sich natürlich besonders bei den Variationen über das Thema aus Mozarts „Frühlings-Sonate“ hörbar macht, die in einer herzbewegenden Gelassenheit und Fröhlichkeit daher kommt, der auch der „Moll-Teil“ nicht sonderlich Abbruch tut, wie auch die jedem Variationenzyklus folgende Fuge nicht. Sie zeigt eben obligatorisch den Meister auf seinen polyphonen Höhenflügen, die jedes Mal erstaunlich sind. Die Beethoven-Variationen und das Opus 96 sind auf dem selben exzellenten Level.

Zum Gedenken  an den sich jährenden Todestag des Komponisten Max Reger ist diese CD sehr gut zusammengestellt und kann nur wärmstens empfohlen werden.

[Ulrich Hermann Mai 2016]

Eine tanzende Klarinette

Musikmuseum 23, CD13022; EAN: 9 079700 700108

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Schon seit längerer Zeit verfolge ich die Aktivitäten des Innsbrucker Orchesters der Akademie St. Blasius unter Leitung seines Chefdirigenten Karlheinz Siessl. Immer wieder beeindruckt dieser Klangkörper mit reflektierten Darbietungen und interessanten Ausgrabungen nahezu vergessener Komponisten. Gerade der romantische Tiroler Symphoniker Rufinatscha wäre vermutlich ohne dieses Orchester auch weiterhin komplett in der Versenkung verschwunden geblieben. So konnte ich mir selbstverständlich auch die bislang neueste CD dieses Orchesters mit dem Titel „Veitstänze“ nicht entgehen lassen.

Der Tonträger enthält 23 größtenteils recht kurze Nummern in meist romantisierendem Gestus. Den Beginn machen die „Dance Preludes“ von Witołd Lutosławski, scheinbar flüchtig hingeworfene Stückchen von unsagbarem Witz und Spielfreude. Und zweifelsohne ist das große Genie Lutosławskis auch in diesen fast fragmentarischen Stücken auf der Basis polnischer Volkstänze unüberhörbar. Johann Baptist Gänsbacher, ein Schüler von unter anderem Antonio Salieri und Abbé Vogler, erweist sich in seinem Konzert für Klarinette und Orchester Es-Dur als ein sehr wacher Geist und bezaubert durch wendige und vielseitige Melodien und einen stets spannenden Dialog zwischen Solist und Orchester. Hier hat das Orchester der Akademie St. Blasius wieder einmal einen wertvollen Komponisten aus seiner Heimatstadt ausgegraben, für den ebenso wie für Rufinatscha ansonsten gar nichts geschehen würde. Die Suite aus „The Victorian Kitchen Garden“ von Paul Reade führt den Hörer weiter nordwestlich, nach England. Sie ist eine Umarbeitung von Teilen der Musik zur gleichnamigen Fernsehserie, welche große Popularität genoss und dem Komponisten den Ivor Novello-Preis einbrachte. Die fünf Sätze erweisen sich als ansprechende wie harmlose Stimmungsbilder von verzaubernder Schlichtheit. Zurück nach Innsbruck nimmt Michael F. P. Huber mit seinen titelgebenden „Veitstänzen“ mit. Mittlerweile ist Huber geradezu als „Stammkomponist“ des Orchesters der Akademie St. Blasius zu bezeichnen. Hier kommt man nicht darum herum, das Wort „leider“ anzuhängen; natürlich hat er mit dem Klangkörper großartige Vorkämpfer seiner Werke und die Gewährleistung, dass seine Werke auch gespielt werden, doch ist es bedauernswerterweise zugleich fast das einzige Orchester, welches seine großartige Musik aufführt. (Es sollte nicht vergessen werden, dass das Kammerorchester INNSTRUMENTI wie ebenso das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck auch Weltpremieren von Huber gaben, doch sind auch dies Klangkörper aus seiner Heimatregion.) Dieser Komponist hätte es mehr als verdient, über die Grenzen Innsbrucks und Österreichs hinaus bekannt, von einem großen Verlag unterstützt und auf internationalen Bühnen gespielt zu werden. Für die vorliegende CD steuerte er acht Veitstänze bei, Orchestrierungen für Klarinette, Schlagwerk und Streicher von früheren Kammermusikwerken, die bereits in verschiedenen Besetzungen existieren. Die Musik ist genauso vielschichtig wie ihr Name, der zum einen auf einen mittelalterlichen Tanz, andererseits aber auch auf eine Krankheit mit Symptomen wie unkontrolliertem Zucken der Gliedmaßen zurückgeht. Rhythmische Prägnanz, grenzenlose Inspiration und eine gepfefferte Prise Humor prägen diese Tänze, die so locker aus dem Handgelenk geschüttelt scheinen. Die Titel der Tänze sagen einiges über ihren Inhalt aus: Frisch und munter, Etwas störrisch, Nervös, Launisch, Flüchtige Vision, Nonchalant, Frech und Fröhlich, Flüchtiges Finale. Bestechend ist nicht zuletzt die große Gabe der Orchestration, die Huber beherrscht wie wenige andere Komponisten unserer Zeit. Die Besetzung wirkt, als wäre sie niemals anders als genau so geplant gewesen, wobei gleiches auch über die früheren Fassungen gesagt werden kann, die mir vorliegen. Zwei kurze Werke folgen auf Hubers Tänze: Heinrich Joseph Baermanns Adagio für Klarinette und Streicher, ein stimmungsvoll-lyrisches romantisches Gemälde, welches nach Hubers mitreißenden Veitstänzen simpler scheint, als es eigentlich ist, und Eduard Demetz‘ UE1 für Klarinette, Bassklarinette und Elektronik. Fast wirkt letzteres, das modernste Stück der CD wie fehl am Platz nach solch romantisch durchwehter und eingängiger Musik, doch weist es auch einige witzige und kecke Passagen auf, und es ist trotz der (übrigens recht interessant eingesetzten) Elektronik in der Dynamik der Form primär auf Töne und Melodien (nicht auf Geräusche) bezogen und bietet dem Hörer somit noch eine Art Struktur, an die er sich festhalten kann.

Peter Golser wird den Hörern von MusikMuseum sicherlich bekannt sein, wenngleich nicht als Musiker, ist er doch bei dieser Reihe schließlich Tontechniker, und auch hier ist er für Technik, Schnitt und Mastering zuständig. Auf dieser Einspielung ist er jedoch auch einmal vor dem Mikrofon, es ist sein CD-Debüt als Klarinettist. Seine langjährige Arbeit hinter der Bühne mit dem Orchester und seinem Dirigenten zahlt sich nun auch in dieser Einspielung aus. Seine Solostimme ist mit dem Orchester stets in exakt Übereinstimmung und verschmilzt mit ihm zu einer Einheit. Er tritt in ständigen Dialog mit seinen Mitstreitern, kann teils sogar mit sich selbst dialogisieren. Sein Spiel ist ausgesprochen klar und wendig, verliert dabei nie an Lockerheit und Gelassenheit. Wie ein Chamäleon passt sich Golser den Anforderungen der Werke an, kann sowohl die klassisch-romantischen Töne als auch die Stimmungsbilder und die vielseitig-epochenübergreifenden Veitstänze gut erfassen und dem Hörer glaubhaft vermitteln. Alles ist bei ihm im Fluss auf einer ständigen Reise durch unzählige Tongebungs-Schattierungen vom klaren quasi-Flötenton über tiefe celloartige Klänge bis hin zu hexenhaftem Aufbäumen. Katja Lechner steht ihm in Raedes Suite als Harfenistin zur Seite mit voll klingendem, leicht hallig aufgenommenem Spiel von perlender Schönheit und Zartheit. In UE1 von Eduard Demetz ist es Jürgen Federer an der Bassklarinette, der einen exzellenten Duettpartner abgibt, sie stimmen ihr Spiel äußerst fein aufeinander ab und klingen förmlich wie aus einem Mund. Das Orchester der Akademie St. Blasius, hier nicht bloßer Hintergrund, sondern bedeutungsvoller Widerpart zu Peter Golser, musiziert wie immer äußerst reflektiert und mit fesselnder Plastizität. Das Zusammenspiel dieses Orchesters ist stets außergewöhnlich präzise und auch tatsächlich „gehört“, Karlheinz Siessl achtet minutiös auch auf das Vortreten der wichtigen Nebenstimmen und lässt weit mehr als farbenprächtige Vielfalt entstehen. Auch der diffizil zu erarbeitende Humor in Hubers Veitstänzen kommt tadellos über die Rampe.

Hier prallen verschiedenste Welten aufeinander, in der Mitte entsteht dabei etwas Tänzerisches und Munteres. Alles ist dargeboten in höchster technischer und musikalischer Qualität voll Witz, Keckheit und unverkennbarer Freude an der Musik.

[Oliver Fraenzke, Mai 2016]

Wem Gott will rechte Gunst erweisen

Friedrich Theodor Fröhlich: The Complete String Quartets
Rasumowsky Quartett
Dora Bratchkova, Violine
Ewgenia Grandjean, Violine
Gerhard Müller, Viola
Alina Kudelevic, Violoncello
cpo 555017-2
EAN  761203501724

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Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.

Wer kennt nicht dieses strahlend optimistische Marsch-Wanderlied aus dem Anfang von Joseph Freiherr von Eichendorffs erzromantischer Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts? Aber kaum jemand kennt den Aargauer Komponisten Friedrich Theodor Fröhlich (1803-1836). Von ihm stammt (kaum älter als der Text) die Melodie dazu. Erst recht unbekannt sind seine vier Streichquartette, die nun erstmals komplett auf vorliegender Doppel-CD vom Rasumowski Quartett eingespielt wurden.

Weil es großartige Musik ist, obendrein großartig eingespielt, wird man traurig über den allgemeinen Stumpfsinn gegenüber Fröhlichs Werk, damals wie heute. Weil diese Ignoranz exemplarisch steht für die Rezeption von „Nicht-Titanen“, möchte ich mich dazu etwas breiter auslassen: In Wikipedia lesen wir: „Fröhlichs Musik ist durch erfrischende und natürliche Melodizität und Sinn für das Einfache und gleichzeitig Effektvolle gekennzeichnet. Seine Musik ist reich an gefühlhaftem Ausdruck und an unerwarteten Wendungen im Bereich des Harmonischen. Doch auch das starr Formelhafte und Schematische sowie die vielfachen Satzfehler in seinen Werken sind nicht zu übersehen. An diesen Mängeln wird erkennbar, dass Fröhlich wohl nicht nur an der provinziellen Enge seiner Umwelt, sondern auch an der wachsenden Einsicht in seine eigene künstlerische und kompositorisch-technische Unzulänglichkeit verzweifelte“. Ich musste erstaunt feststellen, dass viele gerade aus diesem sehr fragwürdigen Beitrag wörtlich abgeschrieben haben. Solche Worte gäben Fröhlich auch heute noch Grund genug, sich gleich noch einmal in die Aare zu stürzen. Ich konnte nicht herausbekommen, wie dieser Wikipedianer zu seiner „Meinung“ gelangt war. Wie dem Mitteilungsblatt des Naturschutzvereins Kloten (Schweiz) zu entnehmen ist, starb er (seinen Namen behalte ich für mich) 2010 (zwei Jahre nach seinem Beitrag über Fröhlich) im Alter von fast 83 Jahren, hoch geehrt für „sein Engagement für den Verein und für die Musik“. Über Musik zu schreiben war, neben seiner Vorstandstätigkeit im Verein, offenbar sein Hobby.

Wesentlich besser kommt Fröhlich bei Edgar Refardt, dem hochverdienten Hans Huber-Biographen, im alten MGG (Bd. 4, 1955) weg, der ihm eine „geradezu hochromantische Harmonik […] , eine Zartheit, Innigkeit und Intensität des Empfindens […], Stärke seiner Erfindung, Differenzierung der Gefühlsstimmung […]“ und „[…] eine außergewöhnliche Begabung für Erfindung charakteristischer Instrumentalfiguren […]“ attestierte, aber derlei eigenständige Beobachtung ist leider die Ausnahme.

Wenn Sie noch mehr Fundiertes zu Friedrich Theodor Fröhlich erfahren wollen, so empfehle ich Ihnen die Lektüre des sehr guten Booklet-Texts zur vorliegenden Einspielung, verfasst von Anneliese Alder. Dort kann man lesen: „Das mangelnde Interesse an einer Gesamtedition mag in den wenigen Untersuchungen begründet liegen, die den Streichquartetten handwerkliche Mängel wie Quintparallelen attestieren und Plagiate nachweisen.“  Zum Thema  Quintparallelen fällt mir ein: Am 25. Mai1826 schrieb der einflussreiche Zeitgenosse Carl Friedrich Zelter (generöses Lob für Fröhlich: „Schweizer, das hast du brav gemacht“) an seinen Freund Goethe über seinen Schüler Felix Mendelssohn Bartholdy (es geht um das fünfte Brandenburgische Konzert): „In der Partitur eines prachtvollen Konzerts von Sebastian Bach gewahrte mein Felix, als er zehn Jahre alt war [1819], mit seinen Luchsaugen sechs reine Quinten nacheinander, die ich vielleicht niemals gefunden hätte …“  Über Zelter bemerkte Fröhlich einmal bitter: „Ihm allein habe ich es zu verdanken, dass meine größeren Kompositionen noch nicht bekannt sind.“ Zum vorgeblichen Plagiats-Problem (W. Labhart: „Fröhlicher Themenklau“), das ja auf Gustav Mahler immer wieder angewendet werden könnte, fällt mir ein anderes prominentes Beispiel ein: Der Choral des vierten Satzes von Brahms‘ erster Symphonie erinnert oberflächlich, und wirklich nur oberflächlich, an Beethovens Finale aus seiner „Neunten“. Auf diese „Merkwürdigkeit“ angesprochen soll Brahms geantwortet haben: „[…] und noch merkwürdiger ist, dass das jeder Esel gleich hört!“ In Fröhlichs Streichquartetten findet man in der Tat mehrere Zitate, und wir freuen uns, wenn wir (als zuhörende Esel) etwas wiedererkennen. Da beginnt das g-Moll-Quartett  mit einem „verhalten melancholischen Thema“ (Alder) und auf einmal moduliert es nach Dur und mündet in „ … Blühe Deutsches Vaterland“ (genauer: Joseph Haydn, op. 76, Nr. 3, also das Kaiserquartett – den Text, den heute unsere Fußball-Nationalmannschaft singt, gab es damals noch nicht). Ich habe in diesem g-Moll-Quartett noch etwas Wunderschönes entdeckt: Carl Maria von Webers Freischütz war damals erst ein paar Jahre alt, aber Fröhlich hat die Oper sicher gekannt. In Agathes Arie „Leise, leise …“ ist die Stelle „Lied, erschalle! Feiernd walle …“ genau der Anfang und die Keimzelle von Fröhlichs Largo cantabile (hier allerdings dann mit einer ganz anderen Fortsetzung).

Es ist nicht einfach, Fröhlichs Kompositionsstil zu beschreiben; manchmal klingt er eher wie Schubert (z.B. im 1. Satz des f-moll-Quartetts), manchmal etwas nach Schumann, oft auch wie Weber (z. B. im 4. Satz des f-moll-Quartetts). Jemand, der frühromantische Musik liebt, aber nicht auf Namen fixiert ist, wird große Freude an diesen Streichquartetten haben, und obendrein: Er kann sie Freunden vorspielen und sie raten lassen – das wird sicher spannend! Kaum zu glauben, dass solch gute Musik bisher kaum beachtet und derart verschmäht wurde.

Noch ein paar Worte zum Rasumowsky Quartett: Ich muss (zu meiner Schande) gestehen: Zunächst dachte ich, hier habe das für seine „Nischen-Produktionen“ bekannte Label cpo  auch gleich noch einem unbekannten Ensemble eine Chance geben wollen. Weit gefehlt!: Das Quartett, zu dessen Kernrepertoire die Wiener Klassik gehört, und das auch schon zeitgenössische Werke (z. B. von dem mir unbekannten Leo Dick) uraufgeführt hat, ist schon für seine Gesamtaufnahme der 15 Streichquartette Schostakowitschs weithin mit Lob überhäuft worden. Was mir an der vorliegenden Einspielung so gut gefällt, ist das Unprätentiöse der Darstellung: Vielleicht auch, weil es nicht die dreihundertste Aufnahme der Streichquartette eines Beethoven oder Schubert ist, hatten die vier Musiker es gar nicht nötig, ihre Programmwahl durch eine sensationell neue Art der Interpretation zu rechtfertigen. Worte wie „exzentrisch“ „aufwühlend“ oder „atemberaubend“ sind hier fehl am Platz. Exzellent aufeinander eingespielt, bekennen sie sich zwar zur sogenannten historisch informierten Aufführungspraxis, haben aber kein Interesse daran, alles unbedingt „gegen den Strich“ zu bürsten. Vielmehr dienen sie „selbstvergessen“ der Darstellung dieser Musik mit vitaler Musikalität und Spielfreude. Und ihre Schostakowitsch-Quartette werde ich mir jetzt auch noch anhören!

[Hans von Koch, Mai 2016]

Swinging Victoria

Tomás Luis de Victoria: alio modo
Musica Ficta
Raúl Mallavibarrena, Leitung und Schlagwerk
Sara Águeda, Harfe
Lore Agustí, Sopran
Gabriel Días, Contratenor
Beatriz Oleaga, Alt
Javier M. Carmena, Tenor
Íñigo Casali, Tenor
Simón Millán, Bass
CD 45 Min.,8/2015
©& Enchiriadis 2015
EN 2044
EAN  8  437012  545441

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Für uns Klosterschüler war es immer eine höchst eindrucksvolle, ja beinahe surreale Wahrnehmung, wenn wir am Bergwandertag unseren Präfekten, anstatt im gewohnten Mönchshabbit, auf einmal in Jeans und Pullover vor uns herlaufen sahen. Wie sehr doch die Kleidung die gesamte Ausstrahlung eines Menschen verändern kann! Ähnlich erging es mir mit der CD des Ensembles Musica ficta, wo der Leiter Raúl Mallavibarrena sich vorgenommen hat, „Victoria from a different perspective“ (deshalb der Titel „alio modo“) darzustellen.

Der überragende spanische Komponist und Jesuitenmönch Tomás Luis de Victoria (1548-1611) hielt sich die meiste Zeit seines aktiven Lebens in Rom als Nachfolger Palestrinas auf. Zurückgekehrt nach Spanien leitete er die Kapelle des kaiserlichen Klosters De las Descalzas de Santa Clara (der barfüßigen Nonnen) und war nebenbei der persönliche Kaplan der verwitweten Kaiserin Maria. Bis jetzt konnte ich mir Victorias Musik, der ausschließlich sakrale Werke komponiert hat, nur in der hallig-feierlichen Akustik eines Kirchenschiffes und „im Weihrauchnimbus“ vorstellen. Hier nun hören wir Victoria „da camera“, sozusagen unplugged, was natürlich nicht stimmt, weil jeder Sänger (ganz im Trend in einfacher Besetzung) sogar ein eigenes Mikrofon hat. Im Booklet-Text, Autor ist der Leiter des Ensembles selbst, erfahren wir, welch großen Eindruck Andrew Parrots Aufnahmen mit dem Taverner Consort auf den Neunzehnjährigen damals gemacht hatten: „The way of interpreting religious polyphony, closer in style to the madrigal, was new to me. It thrilled me. And then I thought:  […] Could vocal lines be rescued from choral anonymity, be given back their individuality, be stripped, albeit partially, oft that all-unifying blanket of cathedral reverberation? […] “ Das, was sich Raúl Mallavibarrena für die Produktion dieser Victoria-CD vorgenommen hat („I call them ‚motets with swing‘“), hat er auch verwirklicht. Der Gesang seiner Ensemble-Mitglieder klingt in der Tat eher profan, also durchaus voller Wärme und Emotionalität. Und dabei ist nicht beabsichtigt (und auch nicht nötig), es an Sauberkeit der Intonation mit den Reinheitsfetischisten aufzunehmen, derer es heute genug gibt (vielleicht mehr als zu Victorias Zeiten…). Aber es bleibt zumindest Geschmackssache, ob man Victoria in dieser Weise aufführen soll. Wem dies gefällt, dem gefallen Madrigale beispielsweise von Luca Marenzio vielleicht noch besser.

Das Beiheft ist (bis auf Mallavibarrenas subjektive Anmerkungen) leider sehr dürftig ausgefallen. Jemand, der heute noch (trotz der zahlreich im Netz angebotenen Streaming-Dienste) auf das haptische Vergnügen einer CD nicht verzichten will, der möchte vielleicht auch beim Hören in einem gemütlichen Sessel ein schönes Begleitheftchen dazu lesen (Spitzenreiter sind hier z. B. die cpo-Booklets), obwohl er auch im Netz genug Informationen finden könnte. So habe auch ich mir helfen können: Das spanische Ensemble Musica Ficta wurde 1992 von Raúl Mallavibarrena gegründet und ist nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen, 1988 gegründeten kolumbianischen Trio, das sich ebenfalls mit Alter Musik aus Spanien befasst. Über die Harfe, die Sara Águeda spielt, habe ich erfahren: Es ist eine Arpa de dos órdenes, eine Harfe des spanischen Barock, die mit gekreuzten Saiten bespannt ist. Übrigens sind für mich ihre drei eingestreuten Soli wahre Highlights dieser Produktion. Wer mehr von Sara Águeda hören will, dem empfehle ich die vorzügliche Einspielung Un viaje a Nápoles beim gleichen Label. Auch über Tomás Luis de Victoria erfährt man im Booklet so gut wie nichts, aber Mallavibarrena hat wohl eher an einen Hörer gedacht, der den Komponisten schon gut kennt, ihn aber jetzt einmal anders – „alio modo“ eben – hören möchte. Oder er hatte eine sehr junge Zielgruppe im Auge. Das wäre dann auch eine mögliche Erklärung für die Wahl des Bonustracks Gaudete Christus est natus. Dieses bekannte mittelalterliche (oder ist es wirklich siglo XVI, wie Mallavibarrena angibt?) Weihnachts-Carol, wiederum mit viel Swing dargeboten und mit einem fading out am Ende, sollte die CD vielleicht noch zusätzlich ein wenig aufpeppen. Wer auch etwas sehen will, der kann sich Benedicta sit Sancta Trinitas (mit Kommentar von Mallavibarrena) und das Weihnachts-Carol zudem auf YouTube ansehen. Es ist jedenfalls nicht zu leugnen, dass Musica Ficta hier eine sehr kurzweilige und schwungvolle Interpretation, einen Swinging Victoria kreiert haben. Als Einstieg zum Kennenlernen dieses (vielleicht neben Palestrina, Lasso und Byrd) letzten großen Renaissance-Komponisten ist sie eher nicht geeignet. Das ist aber wohl auch nicht beabsichtigt.

[Hans von Koch, Mai 2016]

Alte Musik – Neu erlebt

ALTE MUSIK – NEU ERLEBT

REIS GLORIOS
L’influence de la musique arabe dans la mytholigie occitane

Les Saqueboutiers
Ensemble de cuivres anciens de Toulouse

Pierre-Yves Binard, baryton
Renat Jurié, baryton, récitant

Jean-Pierre Canihac, cornet à bouquin
Philippe Canguilhem, chalmie, bombarde, flûtes à bec médievales
Daniel Lassalle, sacqueboute
Lucile Tessier, bombarde, flûtes à bec médievales
Jodël Grasset-Saruwatari, Luth médiéval, rebec, oud, psaltérion à archet
Florent Tisseyre, tambour, daf, pandereta, derbouka, bûche, cloches

Musiciens invités:
Pierre Hamon, flûtes à bec médievales, flûte double, frestel, bansouri, cornemuse
Driss El Moloumi, oud, chant

Bertran de Born, Bernard de Ventadorn, Buhuri Zade Mustafa Hiri, Girau de Bornhelh, Johannes Ciconia, Livre vermeil de Montserrat et anonyme.

Flora 3916
3 149028 082920

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Um den arabischen Einfluß auf die abendländische Musik des frühen Mittelalters, darum geht es auf dieser CD des französischen Ensembles „Les Sacqueboutiers“. Die Musikerinnen und Musiker spielen – wie in Ensembles mit alter Musik oft – verschiedenste Instrumente, die und deren Spielweise sie teilweise neu entdecken.

Über all die Hintergründe – und auch die gesungenen Texte – gibt das Booklet ausführliche Informationen, wenn auch nur auf französisch und englisch.

Das eigentlich faszinierende an dieser neuen CD aber ist die Musik, die in einer fabelhaften Art und Weise dargeboten wird. Das „groovt“ und „swingt“ daher, fährt einem nicht nur in die Ohren, sondern in die Beine und in den Leib, dass es eine wahre Wonne ist. Wenn „Alte Musik“ so lebendig und überzeugend gespielt wird, dann ist der alte Staub, der musikalischen Darbietungen dieser Art oft anhaftet, wie weggeblasen. Auch die Stimme des Sängers Driss El Moloumi, angenehm und doch kraftvoll und verständlich, trägt zum positiven Eindruck dieser so lang zurückliegenden Musik bei.

So wird aus der „Alten Musik“ eine unerhört „Neue Musik“. Dem Ensemble ist weitere Popularität zu wünschen, und uns Zuhörern noch mehr Entdeckungen dieser hinreißenden Art.

[Ulrich Hermann Mai 2016]

Fantasien

Georg Philipp Telemann: 12 Fantaisies pour la Basse de Violle
Welt-Ersteinspielung
Thomas Fritzsch, Viola da gamba
CD 84‘46 Min.,10/2015
©& Coviello Classics 2015, COV 91601
EAN  4  039956  916017

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Als sich 1993 die Nachricht verbreitete, dass nach nunmehr 350 Jahren endlich ein Beweis der Fermat’schen Vermutung gelungen sein sollte, da rieben sich selbst eingefleischte Mathematiker ungläubig die Augen. Ähnlich ging es mir vor kurzem mit der Nachricht, dass jetzt, nach 280 Jahren, ein Druck von Telemanns verloren geglaubten 12 Fantasien für Bassgambe aufgetaucht sei. Die Metapher vom verschollenen Bernstein-Zimmer der solistischen Gambenmusik (zu finden im Booklet zu vorliegender Einspielung) trifft die Situation vor Thomas Fritzschs Sensationsfund (und Ersteinspielung) sehr gut. Ich habe die CD als Rezensionsstück bekommen, aber um ehrlich zu sein: Ich als Telemann-Aficionado wäre bereit gewesen, jeden Preis dafür zu bezahlen, und auch dann, wenn es eine drittklassige Einspielung gewesen wäre, und nicht wie hier die wahrhaft erstklassige des Gamben-Experten Thomas Fritzsch.

Die bisher einzige verfügbare Telemann’sche Fantasie für Sologambe, die Fantasia à Viola di Gamba senza Cembalo aus seinem Getreuen Music-Meister hat also endlich ihre 12 Schwestern (im Märchen wären es 12 Brüder) wiedergefunden. Davor mussten wir uns mit Ersatz zufrieden geben: Wir haben von Telemann nämlich noch zwei Dutzend (klingt nach „Dutzendware“, ist es aber beileibe nicht) ähnliche Werke für ein Soloinstrument ohne Generalbass: Im Lauf der Zeit wurden die 12 Fantasien für Solo-Traversflöte (TWV 40:2-13) dann auch auf der Blockflöte, der Violine, der Oboe (es gibt sogar eine Übertragung für das Fagott) eingespielt, und von den 12 Fantasien für Solo-Violine (TWV 40:14-25) ist eine sehr überzeugende Interpretation für Viola (da braccio!) von Ori Kam und für Violoncello von Viviane Spanoghe erhältlich, ja, ich habe in meiner Sammlung sogar eine Bearbeitung für Gitarre (Carlo Marchione). Aber gerade beim Vergleich der 12 „Cello-Fantasien“ mit den hier endlich vorliegenden Fantasien für Bassgambe kann man auch gut sehen: So groß ist der stilistische Unterschied nicht. Hier wie dort finden wir ebenso viel „Corellisierendes“ wie „Vivaldisierendes“, dann aber auch hin und wieder eine Bourrée oder eine Gigue oder sonstiges Französisches, versteckt hinter durchweg italienischen Tempobezeichnungen. Ganz wie bei den anderen Fantasien heißt dann zum Beispiel ein Menuett hier einfach nur „Vivace“. Wieder finden wir eine (auch ähnliche) Siciliana, wieder steht ein Drittel der Fantasien in Moll-Tonarten. Und übereinstimmend mit den Violin-Fantasien, bei denen auf die ersten sechs eher kontrapunktisch gearbeiteten Stücke sechs „Galanterien“ folgen, so finden wir, vielleicht  wegen ihrer Veröffentlichung in Zweiergrüppchen, diesmal die „Dolces“ und „Scherzandos“ bei den geraden, die Sätze von imitatorischer Bauart meist bei den ungeraden Nummern. Wer sich von dieser Neuentdeckung aber Werke im altfranzösischen Gamben-Idiom der vorhergehenden Generation erwartet hat, z.B. à la Sainte Colombe (père oder fils) oder De Machy, der wird enttäuscht sein. Dass Telemann so etwas auch gekonnt hätte, ist nachzuhören beispielsweise in der Ouverture für Gambe, Streicher und Generalbass (TWV 55:D6), wenn beim Double der Sarabande auf einmal die Sologambe einen wunderbar nostalgischen Kontrast setzt im reinsten „Marin-Marais-Stil“. Auch ein „Stylus phantasticus“ im Sinne Athanasius Kirchers oder Johann Matthesons ist hier nicht zu finden. Telemanns Fantasien erinnern nur noch dem Wortstamm des Titels nach daran, sind aber im Übrigen im Stil völlig à la mode: Anno 1735, zeitlich genau zwischen dem Druck der Musique de Table und der Nouveaux Quatuors galten als typisch französisch ein gewisser Charme und Esprit der rhythmischen und melodischen Einfälle als solcher, auch wenn sie mitunter „im welschen Rock“ daherkamen. Ausschlaggebend war dabei der gute Geschmack, und die Sinne der Musiker ebenso wie die der Zuhörer dafür zu kalibrieren war keiner besser im Stande als Telemann, nicht zu Unrecht der beliebteste und erfolgreichste Komponist seiner Zeit. Diese 12 Fantasien warten also nicht mit großen Überraschungen auf, sondern sind eben aus demselben Holz geschnitzt wie ihre 24 Geschwister TWV 40:2-25, und „altfranzösisch“ ist dabei eigentlich nichts außer der Wahl des Instruments, was sich Telemann dank seiner Popularität durchaus leisten konnte. Also haben wir jetzt einfach ein weiteres Dutzend nach gleichem Strickmuster? Ja, so gesehen schon, doch ist diese Musik einfach von solch inspiriert makelloser Qualität, dass man eben nicht genug davon bekommen kann.

Und welch ein Glück, dass gerade Thomas Fritzsch sie entdeckt und dann auch gleich eingespielt hat. Kein anderer wäre besser dafür geeignet gewesen. Er präsentiert diese Kleinodien mit exzellentem stilistischen Geschmack, Hingabe, Wärme und Spielwitz. Auch die „Fugen“, die es ja „einstimmig“ eigentlich gar nicht geben dürfte (ähnlich wie bei Bach funktionieren solche Gebilde über weite Strecken durch Intervallsprünge nach einer Art „Reißverschluss-Prinzip“), klingen bei Fritzschs Telemann angenehm unkompliziert, ganz im Sinne von Matthesons Vollkommenem Capellmeister: “Man gibt dem Frantzösischen Geschmack im Punct der Leichtigkeit darum den Vorzug, daß er einen aufgeräumten lebhafften Geist erfordert, der ein Freund des wolanständigen Schertzes, und der Feind alles dessen ist, was nach Mühe und Arbeit riechet.“

Besonderes Lob verdient auch das schöne Booklet: Da finden wir solch herrlich irrelevante wie unterhaltsame Informationen über die (in ihrer Akustik übrigens vorzügliche) Klosterkirche Zscheiplitz hinsichtlich Geologie (Formung der Landschaft durch die letzte Eiszeit), Historie (Gründung als Sühneleistung für einen Mord) und Kunst (romanischer Keller, gotisches Portal, usw.), aber auch einen sehr schönen und ausführlichen Beitrag von Thomas Fritzsch zur dargebotenen Musik – lediglich getoppt vom Autor selbst durch das Geschenk, das er uns im Beiheft seiner Weltersteinspielung (beim gleichen Label) der 2nd Pembroke Collection von Carl Friedrich Abel gemacht hat, wo er uns mit unübertroffenem Sachverstand und größter Ausführlichkeit (40 Fußnoten!) über den Komponisten und Menschen Abel erzählt. Dort erfahren wir auch mehr über die beiden phantastischen Instrumente aus dem 18. Jahrhundert, die in der vorliegenden Einspielung auch wieder verwendet wurden. Gern hätte ich auch noch erfahren (vielleicht mittels weniger kleiner Sternchen), bei welchen Stücken die Lady Amber, und wann das Instrument von Johann Casper Göbler zu Wort gekommen ist. Aber dieses kleine Manko tut der Qualität dieser exquisiten Produktion keinen Abbruch.

[Hans von Koch, Mai 2016]

Verschiedenste Einflüsse, wie aus einem Guss

Karl Weigl
Klavierkonzert für die linke Hand Es-Dur, Violinkonzert D-Dur

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Capriccio CD C 5232
ISBN: 845221052328

„Ich habe Karl Weigl immer als einen der besten Komponisten der alten Generation betrachtet; einer derer, die die glanzvolle Wiener Tradition weiterführen. Er bewahrt zweifellos die alte Haltung jenes musikalischen Geistes, welcher einen der besten Teile der Wiener Kultur darstellt.“ So urteilte kein Geringerer als Arnold Schönberg über diesen Komponisten, der sich nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 gezwungen sah, in Amerika neu zu beginnen. Doch sollten die Worte seines berühmten Kollegen Weigl nicht davor bewahren, ähnlich wie sein einstiger Lehrmeister Alexander von Zemlinsky, sein Leben und Werk 1949 im New Yorker Umfeld stillschweigender Ignoranz zu beschließen.

In Wien ein geschätzter Komponist und Lehrer, dessen Werke im Repertoire so berühmter Namen wie Furtwängler und Szell zu finden waren, blieb Musik des 1881 in Wien geborenen Weigl trotz prägender Freundschaft zum mehr als sechs Jahre älteren Schönberg der Spätromantik verhaftet. Das mag ein Grund dafür gewesen sein, warum der im 1. Weltkrieg am rechten Arm amputierte Pianist Paul Wittgenstein ihn 1924 damit beauftragte, ein Klavierkonzert für ihn zu schreiben. Zu einer Uraufführung kam es jedoch nicht. Während die von Wittgenstein ebenfalls abgelehnten Auftragskompositionen für die linke Hand von Ravel und Prokofjew früher oder später ihren Weg ins Standardrepertoire der Pianisten nahmen, verschwand Weigls Konzert (wie auch dasjenige Hindemiths, das erst Leon Fleisher 2004 in Berlin erstmals zu Gehör brachte) ungehört und wurde 2002 von dem Pianisten Florian Krumpöck uraufgeführt. Seiner Interpretation ist es zu verdanken, dass dieses Werk in seiner Konzeption des sinfonischen Klavierkonzertes auf dieser Ersteinspielung von 2013 plastischen Ausdruck findet. Im Gegensatz zu Ravel und Prokofjew begreift Weigl das Klavier nicht als Widerpart des Orchesters, sondern als Teil des sinfonischen Organismus. Er versucht gar nicht erst, die Einsamkeit der linken Hand hinter einer scheinbaren Vielstimmigkeit zu maskieren, sondern legt sie vor allem im zweiten Satz in einer entrückten Arie über den orchestralen Klangkörper. Krumböck, dessen Virtuosität und Gestaltungskraft niemals zum Selbstzweck verkommt, weiß die cantablen Linien empfindsam nachzuzeichnen und die Vielschichtigkeit des Konzertes, das in seinem Aufbau und dem heroischen Gestus Beethovens fünftem Klavierkonzert durchaus nachempfunden ist, gekonnt herauszuarbeiten.

Auch das 1928 entstandene Violinkonzert D-Dur ist nicht nur in der Tonart von Beethoven inspiriert. Das Orchestervorspiel zu Beginn scheint in seiner Länge eher einem klassischen Vorbild zu entspringen. Umso mehr überrascht der ganz im spätromantischen Tenor eines Max Bruch gehaltene Einsatz der Violine. David Frühwirth stürzt sich hier beherzt ins philharmonische Getümmel und beherrscht die Szenerie von der ersten Note an. Ist der solistische Part im Klavierkonzert noch mehr in den sinfonischen Satz integriert, so steht die Violine hier dem Orchester im Dialog gegenüber. Frühwirths wunderbar durchphrasiertes Spiel vermag, sich deklamatorisch gegen die vielen Register der großen Besetzung zu behaupten. Im zweiten Satz besticht sein biegsamer, gesanglicher Ton, der den großen Bogen nie verliert. So wirkt das Miteinander verschiedenster Einflüsse, die die epischen Klangflächen eines Mahler ebenso wie die instrumentale Vielfarbigkeit eines Strauss beheimaten, stets aus einem Guss.

Die Norddeutsche Philharmonie Rostock hätte im Violinkonzert Frühwirth unter Krumpöck, ebenso wie im Klavierkonzert Krumpöck unter Manfred Hermann Lehner, als sinfonisches Gegenüber in der Gestaltung mehr zur Seite stehen können. Bleibt zu hoffen, dass diese beiden im Ganzen gelungenen Darbietungen der Solisten zukünftig dem Hörer Augen und Ohren für die Musik Karl Weigls öffnen.

[Raphael Buber, Mai 2016]

Bilder und Momente

Naxos 8.573469; EAN: 7 47313 34697 4

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Über siebzig Minuten Rachmaninoff gibt es auf der nunmehr dritten CD von Boris Giltburg für Naxos zu hören. Den zweiten Band der Études-tableaux Op. 39 und die zwanzig Jahre früher entstandenen Moment musicaux Op. 16 (wenn auch die Jahreszahlen auf der CD vertauscht wurden) spielt der 1984 in Moskau geborene Pianist.

Die unglaubliche Inspiriertheit von Sergei Rachmaninoff manifestiert sich nirgendwo monumentaler als in seinen Klavierminiaturen. Der lyrische Moment der nachklingenden Romantik ist in diesen auf vollendete Weise enthalten, sie haben eine fesselnde und mitreißende Wirkung, stets schillernde Bildhaftigkeit und auch pianistisch mehr als reizvolle Passagen. Sehr eindrücklich zeigen dies bereits die frühen Moments musicaux Op. 16 von 1896, von welchen vor allem die vierte Nummer in e-Moll berühmt geworden ist durch ihre packende Virtuosität, über die sich ein Thema erhebt, welches schlichter und eingängiger kaum sein könnte. Für mich der spannendste und vielleicht ausgereifteste Werkzyklus des Russen bleibt allerdings derjenige der Études-tableaux, der in zwei Bänden Op. 33 und Op. 39 erschienen ist. „Etüden-Bilder“, dieser Name trifft den Inhalt vorzüglich, weisen doch alle enthaltenen Stücke horrende technische Anforderungen auf (teils hintergründig und versteckt wie bei Op. 33, Nr. 3, doch beim Spielen durchaus merklich, denn gerade hier liegt die Herausforderung darin, die Stimmführung herauszumeißeln – auch das ist eine technisch nicht zu unterschätzende Aufgabe!) und sind doch allesamt keine reinen Übungsstücke, sondern abstrakte Illustrationen oder, wie Giltburg in seinem Booklettext schreibt, Kurzgeschichten, teils wie akustische Filmvorlagen. Die Etüden aus dem hier zu hörenden Opus 39 weisen zwar nicht die würzige Kürze und Unmittelbarkeit derjenigen aus Op. 33 auf, doch dafür einen viel weiter gespannten Bogen über mehrere Abschnitte hinweg, noch höhere pianistische Anforderungen und eine ausgereifte Vielstimmigkeit.

Boris Giltburg findet in den Werken einen durchwegs lyrischen Grundcharakter, eine gewisse Weichheit und bildliche Strahlkraft. Auch die vielstimmigen Akkorde erhalten einen vollen Ton und gleiten nicht in ein dumpfes Schlagen ab. Manuell kann Giltburg bis hin in enorme Tempi überzeugen, manch horrend schwieriges Stück gerät bei ihm gar noch schneller als vom Komponisten intendiert und lässt dadurch staunen.

Einiges verliert sich allerdings in Willkür, so werden die Tempi zu oft durch freie Rubati unterbrochen und jeder Grundpuls geht dadurch verloren, teilweise auch die innere Ruhe durch beschleunigenden Puls wie in Op. 39, Nr. 2. Die Ritardandi sind zudem vielerorts mechanisiert und treten automatisch an gewissen Stellen auf, meist beim Zulaufen auf den neuen Takt oder einen Themeneinsatz. Aus mir nicht erkennbaren Gründen, scheinbar unbewusst, durchlebt die Dynamik erhebliche Abweichungen von der in den Noten stehenden Vorzeichnung, wodurch einige Kontraste verloren gehen. Nicht zuletzt tauchen, hauptsächlich bei den Etüden, auch einige zentrale Melodien komplett in den Untergrund ab, die entscheidend für die melodische Aussage der Werke wären.

So wäre wirklich zu wünschen, Boris Giltburg würde intensiv daran arbeiten, die Stücke aus ihrer Unmittelbarkeit heraus zu erleben und aus mancherlei tradierten Willkürlichkeiten, Manierismen und Mechanisierungen zu befreien. Denn die Auffassungsgabe, den Kern aus der Musik herauszuholen, hat er eigentlich und kann es in manchen Stücken auch eindrucksvoll umsetzen.

[Oliver Fraenzke, Mai 2016]

Zurück zur Kindheit

Ars Productions, ARS 38 212; EAN: 4 260052 382127

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Impressions d’enfance“ für Violine und Klavier Op. 28 von George Enescu sowie die – weniger gespielten – ersten beiden seiner drei großen Violinsonaten sind zu hören auf dem Album „Childhood Impressions“ von Stefan Tarara und Lora Vakova-Tarara, erschienen bei Ars Productions.

Der große rumänische Komponist George Enescu wird schon viel zu lange nur am Rande der musikgeschichtlichen Wahrnehmung der Konzertgänger gepflegt. Vielen ist sein Name zwar ein Begriff, doch steht er nach wie vor nur in Ausnahmefällen auf dem Programm – und dann höchstens seine dritte Violinsonate „dans le caractère populaire roumain“ oder andere volksmusikalisch angehauchte Werke. Seine fünf Symphonien, von denen drei vollendet sind, die vier frühen Jugendsymphonien oder die Konzerte wie auch die Concertante für Cello sind im heutigen Konzertleben gar nicht präsent.

Nachdem sie vergangenes Jahr bereits die dritte Sonate gemeinsam mit Werken von Bloch, Ravel und De Zeegant für Ars Productions eingespielt hatten, widmen sich Stefan Tarara und Lora Vakova-Tarara nun den beiden Vorgängern, den Sonaten Op. 2 in D-Dur und Op. 6 in f-Moll, beide vor Enescus 20. Geburtstag entstanden. Und was ergänzte diese Jugendwerke besser als die „Impressions d’enfance“, die Impressionen aus der Kindheit, Op. 28, wenngleich der Rumäne zur Kompositionszeit bereits fast seinen sechzigsten Geburtstag erreicht hatte. Beide Sonaten warten mit erstaunlicher Reife, mit virtuosem und spielfreudigem Passagenwerk, belebender Frische, inniger Lyrik, und auch mit ansprechenden Klangeffekten auf. Sie sind jeweils in klassischer Dreisätzigkeit gegliedert mit einem langsamen Mittelsatz, der von zwei belebten Sätzen umrahmt wird. Überhaupt dienen klassische Formideale als zeitlose Vorbilder, wenngleich sie durchaus gelockert und teilweise kurzzeitig in Frage gestellt werden. „Impressions d’enfance“ hingegen ist ein zusammenhängender Zyklus aus zehn Miniaturen, von denen die kürzesten nur knapp über 20 Sekunden andauern. Diese Miniaturen werden unterbrechungslos gespielt, gehen also direkt ineinander über, tatsächlich wie Eindrücke aus der Kindheit, deren Bilder und Laute vor dem inneren Auge vorüberziehen und sich zu einer emotionalen Landschaft verbinden. Das Werk hat eine ausgesprochen bildhafte Sprache, und oft scheinen diese Bilder auch ohne Wissen um die Titel unmittelbar erkennbar. Impressions d’enfance ist ein wunderbar ausgereiftes Werk, welches einen stringenten roten Faden durch die Miniaturen zieht, der diese Charakterstücke unwiderstehlich eint.

Üblicherweise gehe ich auf Albumcovers nicht ein, aber hier kommt man absolut nicht drum herum. Bei Childhood Impressions ist auch das optisch Äußerliche schon ein Kunstwerk, abgestimmt mit bunter Schrift, Kindermalereien im Booklet, Fotographien vom Spielen auf dem Feld (Stefan Tarara wirft auf einem Foto seine Geige hoch in die Luft wie einen Ball – hoffentlich fängt er sie auch wieder auf!), und doch behält alles einen seriösen und künstlerisch hochwertigen Eindruck.

Beide Musiker harmonisieren ausgesprochen gut und hören genau aufeinander, stimmen ihr Spiel maßvoll ab. Lora Vakova-Tarara am Klavier gibt den Werken einen soliden, harten und kompakten Ton, der eine betont maskuline Attitüde zur Folge hat. Sie ist präzise und lupenrein in ihrem Spiel, kann auch feine Dynamikabstufungen minutiös in die Waagschale legen. Der Violinist Stefan Tarara bringt sehr innige und feinfühlige Klänge aus seinem Instrument hervor, die sich allen musikalischen Gegebenheiten anschmiegen – wodurch auch  gelegentliche minimal abweichende Intonation gar nicht stört. Gerade bei klangmalerisch abbildenden Effekten kann Stefan Tarara auftrumpfen, besonders offensichtlich bei der Klangillustration der Grille (Grillon) und dem Vogel (Oiseau) aus den Kindheitsimpressionen sowie auch im Mittelsatz der zweiten Sonate – vor allem die Tiere wirken fast naturalistisch echt! Als Duett wirken Stefan Tarara und Lora Vakova-Tarara gemeinsam in einer lockeren und beschwingten Art, von fast naiver Leichtigkeit und doch mit ausgesprochenem Verständnis für die musikalischen Bezüge. Beide leben im gerade erklingenden Moment und können diesen in aller Pracht entstehen lassen. Bei den langen Sonatensätzen kommt jedoch teils der große Bogen, der sich unweigerlich von der ersten bis hin zur letzten Note erstrecken muss, nicht zustande. Wesentlich leichter nachvollziehbar ist die Linie durch die zehn Miniaturen der Impressions d’enfance, die in der Darbietung von Tarara und Vakova-Tarara eine klare Struktur aufweisen und auch in den Übergängen mit zwingender Sinnhaftigkeit fesseln.

George Enescu schrieb eine immer aufs Neue faszinierende Musik, durchtränkt mit echtem rumänischen Geist und von seinen namhaften Lehrern Fauré und Massenet geprägter satztechnischer Eleganz. Es ist unglaublich schwierig, Enescu wirklich zu verstehen, seine Musik aus dem Volkstümlichen und Naiv-Schlichten heraus entstehen zu lassen, ohne gekünstelt und steril zu werden. Stefan Tarara und Lora Vakova-Tarara schufen hier eine eindrucksvolle Aufnahme, die eben die kindliche Leichtigkeit und das innere Gefühl bewahrt, auf stilvolle Weise scherzen kann und die Musik unprätentiös hervortreten lässt.

[Oliver Fraenzke, Mai 2016]

Leipziger Streichquartett: Erstes Album in neuer Besetzung

Jean Sibelius: Streichquartette Op. 56 „Voces Intimae“ und JS 183 (1889)
Leipziger Streichquartett
CD 63’13 min., 1/2016
MDG, 2016
MDG3071957-2
EAN: 7 60623 19572 8

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Das erste Album des Leipziger Streichquartetts ohne ihren bisherigen ersten Geiger Stefan Arzberger (der wegen einer ziemlich undurchsichtigen Kriminalgeschichte seit über einem Jahr in den USA in Untersuchungshaft festsitzt) ist in mancher Hinsicht eine Überraschung.
Erste Reaktion: Ausgerechnet Sibelius! Das ist ein Terrain, für das die Leipziger bislang nun nicht gerade bekannt waren. Zudem erscheint das Album zielsicher ein Jahr nach dem groß gefeierten Jubiläum des finnischen Komponisten, also in einer Zeit, in der anderenorts nach der großen Flut vorerst bei den meisten CD-Labels die „sibelianische Ebbe“ ausgebrochen ist.

Der neue Violin-Primus des Quartetts Conrad Mück ist wohlbekannt vom Berliner Petersen Quartett, das ebenso wie die Leipziger zu den bekanntesten Streichquartetten des Landes zählt. Ob diese Lösung allerdings dauerhaft bleiben wird, auch wenn Arzberger aus den USA wieder zurückkehrt, darüber lässt uns das Quartett vorerst im Unklaren, zumindest im Booklettext, wo lediglich davon gesprochen wird, Mück sei „seit 2016 Erster Violinist“.

Wie klingt nun das Leipziger Streichquartett in der neuen Besetzung? Er hat sich auf jeden Fall gewandelt, ist weicher geworden. Arzbergers Ton, der stets eine (nicht unangenehme) Schärfe aufwies, wird abgelöst vom eher lyrischen Tonfall Conrad Mücks. Insgesamt pflegt man weiter das Diktum einer vorbildlichen Durchhörbarkeit und Präzision. Allerdings gerät dabei nach wie vor (wie bei diesem Quartettensemble leider öfters beobachtet) die Phrasierung manchmal in den Hintergrund. Und wenn eines bei Sibelius wichtig ist, dann ist es Phrasierung. Offen gesagt: Das berühmte Streichquartett Op. 56 „Voces Intimae“ gerät auf diesem Album zur Enttäuschung. Manches klingt gar, als wäre es sauber aber seelenlos vom Blatt gespielt. Die innere Architektur des Werks erschließt sich in dieser technisch so blitzsauberen Aufnahme leider gar nicht. Manchmal hat man das Gefühl, das Quartett musiziere nachgerade am Werkkern vorbei. Die Linienführung wirkt oft seltsam unzusammenhängend, ein „großes Ganzes“ will sich selten einstellen. Kurz gesagt: Es gibt da viel bessere Aufnahmen am Markt.

Das seltener zu hörende Streichquartett von 1889 kommt den Leipzigern mit seiner „Jugendstiligkeit“ erkennbar viel besser entgegen. Hier ist vom Komponisten weniger in die Musik „hineingeheimnist“ worden, und man erkennt an dieser Musik vielleicht, dass Sibelius einmal bei Carl Goldmark in die Kompositionslehre gegangen ist. Hier finden die Leipziger alles was sie brauchen, um sich zurechtzufinden: Rhythmus, Leidenschaft, Romantik. Im Vergleich zu der „flächiger“ erscheinenden Anlage des „Voces Intimae“-Quartetts finden sich in dieser Musik viel mehr Ansatzpunkte, um ein Quartettensemble dankbar zu bedienen. Und die Leipziger greifen das auch dankbar auf. Man spielt hier auf wie befreit, findet endlich zu einem Ensembleklang.

Diese CD ist also eine janusköpfige Angelegenheit, und es wird sich zeigen in welche der beiden Richtungen das Leipziger Streichquartett fortan gehen wird. Der Abgang von Stefan Arzberger scheint jedenfalls trotz hochkarätiger Neubesetzung noch nicht verkraftet zu sein.

[Grete Catus, Mai 2016]

Hochseil-Sonaten

Cypres, CYP1674; EAN: 5 412217 016746

0047

Der belgische Pianist Stéphane Ginsburgh spielt für Cyprès alle neun mit Opuszahl versehenen Klaviersonaten von Sergei Sergejewitsch Prokofieff ein: Op. 1, Op. 14, Op. 28, Op. 29, Op. 38, Op. 86, Op. 83, Op. 84 und Op. 103.

Wie der Amerikaner George Antheil, wenngleich unvergleichlich begabter, gehört Sergei Sergejewitsch Prokofieff wohl zu denjenigen bekannten Pianisten, die man als Enfant Terrible bezeichnen würde. Bereits in seiner frühen Jugend geriet Prokofieff durch außerordentliche technische Fähigkeiten in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Herausragendes Ereignis diesbezüglich war die Uraufführung seines zweiten Klavierkonzerts in der 1912/1913 entstandenen Originalfassung, die heute verschollen ist. Prokofieff spielte der Presse zufolge trocken und scharf akzentuiert, die Musik wirkte auf einen großen Teil abstoßend und ließ die Menge der Zuschauer im Saal schnell schütter werden. Doch Prokofieff, angespornt von dem divergierenden Getöse aus Ablehnung und Zuspruch, ließ sich dazu hinreißen, es gar da capo zu spielen, wie er es noch in seiner Autobiographie schelmisch erfreut beschreibt. Nun gilt es allerdings zu bedenken, dass Prokofieff zu dieser Zeit schon eine riesige Auswahl an Werken geschrieben hatte, für Klavier alleine sechs nicht mit Opuszahlen versehene Sonaten (die letzte davon ist nicht erhalten) und eine große Anzahl weiterer nicht gezählter Stücke, dann die ersten beiden nummerierten Sonaten f-Moll op. 1 von 1909 und d-Moll op. 14 von 1912, die noch heute gerne als Zugabe präsentierte Toccata d-Moll op. 11 von 1912 und kleinere Einzelstücke wie auch Etüden. Als junger Mann bereits dermaßen produktiv und vor allem technisch herausfordernd, behielt er seine prägenden Stilmerkmale bis zu seinem Tod am 5. März 1953, dem gleichen Tag wie Josef Stalin, bei, und schuf fundamentale Werke höchster Komplexität und Virtuosität in einem unverwechselbar eigenen Stil. Seine Musik ist hart, rhythmisch prägnant, mit einer gewissen Kühle versehen, wild und gerne dissonant, wobei durchweg eine tonale Grundlage unüberhörbar ist, die jedoch durch Harmoniechangierungen in wahnwitziger und kaum nachvollziehbarer Geschwindigkeit ins Virtuose gesteigert ist und für ein Verständnis auch den Hörer zu äußerst aktiv aktiver Hörhaltung zwingt.

Jede einzelne der insgesamt neun nummerierten Klaviersonaten ist für sich eine enorme Aufgabe und ein wahrer Hochseilakt. Der Belgier Stéphane Ginsburgh wagt sich nun in einer 3-CD-Box an eine Gesamteinspielung dieser neun Meilensteine. Der Pianist geht mit einem trocken-harten Grundgestus an diese Werke heran, der auch dem bekannten Klischee der  Sonaten entspricht. Dabei vermittelt er einen beschwingten und teilweise gar spielerisch leichten Charakter, der selbst in den physikalisch an die Grenzen des Machbaren reichenden Passagen beibehalten ist. Eine interessante Note verleiht Ginsburgh den Sonaten durch einen tendenziell lyrischen Ton in manchen Stellen, der bei genauem Blick in die Noten durchaus vorhanden und nur von den meisten Pianisten vollständig vernachlässigt ist. Aber tatsächlich, Prokofieffs Klaviermusik kann auch singen!

Weniger hält er sich hingegen an manche unerlässliche Angabe in den Noten, vor allem im Bereich der Dynamikbezeichnungen. So reicht sein Spektrum bisweilen meist nur bis in ein Mezzo hinab, die Piano- und Pianissimobereiche werden kaum tangiert. Dadurch werden als logische Konsequenz fundamentale Strecken des Spannungsaufaufbaus und -abbaus unkenntlich, lassen also die stringente, bei Prokofieff immer wieder im fortwährenden Precipitato-Charakter nach vorne weisende Form durch Gleichförmigkeit verfließen. Deutlich beispielsweise im wohl bekanntesten Satz aus der reichen Fundgrube der Klaviersonaten, dem ohnehin auch mit „Precipitato“ bezeichneten Finale der siebten Sonate. Der Satz wirkt eher entspannt als nach vorne treibend, der zwingende Aufbau der ersten 45 Takte vom Mezzopiano zum Fortissimo mit abruptem Abbruch zurück ins Piano bleibt vollkommen aus. Manche besonders sperrigen und strukturell undurchsichtigen Passagen geraten unförmig, beispielsweise der Kopfsatz sowie der Beginn des zweiten Satzes der vierten Sonate – hier scheint sich Ginsburgh mit der lupenreinen und sicherlich beachtlichen technischen Beherrschung begnügen zu wollen. Auch kommt es immer wieder zu mir nicht innerlich nachvollziehbaren Rubati.

Wesentlich packender gelingen vor allem die frühen Sonaten, die einsätzige erste Sonate in ihrem tänzerischen Schwung und ihrer Dualität zwischen Verspieltheit und Gewalt, die vielseitige und bis ins Brachiale sich steigernde Zweite sowie die stellenweise gar verträumte, wiederum einsätzige Dritte. Interessant gestalten sich auch die ersten beiden Sätze der Siebten, der toccatenhaft im strengen non legato gehaltene, perkussive Kopfsatz und der zweite Satz, hier gar als sachliche Nocturne genommen. Auch in guten Teilen der anderen, hier nicht dezidiert besprochenen Sonaten kann Ginsburgh seine Stärken gut ausspielen.

Trotz einiger Schwächen der Darbietung – was aufgrund der Tatsache, dass hier alle neun dieser Mammutwerke in weniger als einer Woche am Stück eingespielt wurden, schwerlich anders zu erwarten wäre – liegt hier doch eine recht hörenswerte Gesamteinspielung vor und so ist diese durchaus zu empfehlen, um einen umfassenden Einblick in das Klaviersonatenschaffen von Sergei Prokofieff bekommen.

[Oliver Fraenzke, Mai 2016]

Gewohnte Qualität in verbesserungswürdiger Optik und Akustik

Kurt Atterberg: Symphonie Nr. 3, Op. 10 „Västkustbilder“; Drei Nocturnes, Op. 35bis; Vittorioso, Op. 58
Göteborger Symphoniker
Neeme Järvi
CD 66’21 min., 1/2015
Chandos 2016
CHAN10894
EAN 0 95115 18942 9

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Neeme Järvis Atterberg-Zyklus ist erst der zweite am Markt, neben demjenigen von cpo mit Ari Rasileinen. Bislang hinterließ die Reihe ein insgesamt gelungenes Bild. Nun erscheint der vierte und mutmaßlich vorletzte Teil.

Um es gleich vorweg zu sagen: Musikalische ist hier bis auf marginale Abstriche vieles im tief grünen Bereich: Die Symphonie Nr. 3 mit dem Beinamen „Västkustbilder“ zählt zu Kurt Atterbergs schönsten Orchesterwerken überhaupt. Und Neeme Järvi macht mit den Göteborger Symphonikern daraus ein Fest der Klangfarben und Stimmungen. Warum ist diese CD trotz allem ein großes Ärgernis? Weil sie eine CD ist!

Zugegeben, das klingt kryptisch für denjenigen, der die Atterberg-Reihe bislang nicht regelmäßig mitverfolgt hat. Es lohnt dann zu berichten, dass die ersten drei Teile des Zyklus auf SACD erschienen waren (was u.a. bei Chandos ein anderes Layout der seitlichen Beschriftung der Alben zur Folge hat). Nun hat der Sammler also Teil 1-3 in der braunlila-farbenen Optik der Chandos-SACDs im Regal stehen, und nun erscheint Teil 4 des Zyklus als „gewöhnliche CD“, die ein völlig anderes Layout eröffnet. Sammler hassen es, wenn sich das Layout innerhalb einer laufenden Reihe ändert.

Zudem haben wir ja schon einen Atterberg-Zyklus auf CD von cpo. Ein wichtiges Verkaufskriterium für den Atterberg-Zyklus bei Chandos war das SACD-Format, das aus Göteborg bislang in einem umwerfenden Klangbild geliefert wurde und vor allem auch im Mehrkanalton reichlich Spaß generieren konnte. Nun wird also der treue Käufer dieser Reihe plötzlich auf Standardniveau zurückgesetzt und auch noch mit einer Layout-Änderung bestraft. Was das soll, kann wohl nur das Label verstehen.

Musikalisch hat diese Veröffentlichung nämlich auch wieder das aus Göteborg inzwischen gewohnte Rhythmusproblem. Atterbergs Dritte ist rhythmisch nämlich durchaus vertrackt (vor allem im zweiten Satz, der tonmalerisch einen „Sturm“ in die schwedische Westküstenlandschaft zeichnet). Und wie schon bei den vorangegangenen Teilen versagen die Göteborger Symphoniker leider kläglich in Fragen der rhythmischen Präzision. Rasilainen hatte da mit der NDR Radiophilharmonie und dem Radiosinfonieorchester Frankfurt des hr die besseren Orchester zur Hand. Wie schmerzt das, wenn man im Vergleich dazu etwa die sensationellen Schostakowitsch-, Sibelius- oder Nielen-Aufnahmen aus den 1990er- oder 1980er-Jahren zum Vergleich auflegt, bei denen die Göteborger Symphoniker fraglos zu den besten Orchestern der Welt gezählt werden mussten.

Immerhin, was Neeme Järvis Atterberg-Auslegung deutlich von der Rasilainens bei cpo unterscheidet, ist die „Seele“, die Järvi dieser Musik verleiht. Das ist nach wie vor ganz großes Kino, wie Järvi es versteht, einen Orchesterklang zu diesem samtig-sahnigen Schmelz zu vereinen, wie ihn nur Järvi hinbekommt. Leidenschaft und Feuer lodern hier, gehen vielleicht manchmal sogar mit den schwedischen Musikern durch, was vielleicht zu den genannten rhythmischen Nickeligkeiten beigetragen haben könnte. Aber was für einen Spaß macht das! Und wie viel Spaß würde es erst im SACD-Mehrkanalklang machen ..!

Denn Atterbergs Dritte ist ein geradezu rauschhaft schönes Stück, glänzend orchestriert, mit einem Klangfarbenreichtum, den man selbst bei den gestandenen Sinfonikern des 20. Jahrhunderts nicht häufig findet. Ganz zu Recht wurde diese Sinfonie nach ihrer ersten Berliner Aufführung als eine der schönsten und besten Sinfonien ihrer Zeit gehandelt, wurde (wie uns das gut geschriebene Booklet aufklärt) mit den besten Symphonischen Gemälden eines Richard Strauss verglichen.

Atterbergs fortschrittliche Spätromantik war in den Jahren 1914 bis 1916, als diese Sinfonie entstand, auf einem ersten Höhepunkt. Und es ist ja auch interessant zu sehen, dass hier ein weiterer Komponist eine fast schon naturmystische Sinfonie in den Wirren des Ersten Weltkriegs komponiert hat. Eine spannende Parallele findet sich ja etwa in Ralph Vaughan Williams‘ „Pastoral Symphony“.

Die „Drei Nocturnes“ und vor allem das schwungvolle, mit schwedischer Melodik durchwobene, sehr effektvoll komponierte „Vittorioso“ sind sehr willkommene, ausgesprochen schöne Zugaben zu der mehr als 36-minütigen großen Sinfonie. Beide sind Weltersteinspielungen. Schön, dass man diese hübschen Werke nun in so guter Qualität anhören kann!

Kurz und gut: Neeme Järvis Atterberg-Zyklus bleibt trotz der üblichen kleinen Abstriche auf dem Rhythmussektor auch mit Folge Nr. 4 zurzeit die Erste Wahl. Auch ist trotz einer schlichtweg ärgerlichen Veröffentlichungspolitik des Labels, das mitten in der laufenden Veröffentlichungsreihe von SACD auf CD umgestellt hat, dieser Zyklus bis jetzt einfach der musikalischere und emotionalere im Vergleich zu dem Ari Rasilainens auf cpo, der die besseren Orchester haben mag, dem im Vergleich zu Järvis Einspielungen aber Leidenschaft, Begeisterung, „Feuer“ fehlt.

[Grete Catus, Mai 2016]

Nørgård erhält den Ernst von Siemens Musikpreis

Im Rahmen der Preisverleihung des Ernst von Siemens Musikpreises an Per Nørgård sowie der drei obligatorischen Komponisten-Förderpreise spielt das ensemble recherche die Uraufführung von Hladan ti dah do grla von Milica Djordjević, Intersections von David Hudry und Sachlicher Bericht aus Arien / Zitronen, ebenso eine Uraufführung, von Gordon Kampe. Aus dem Œuvre des Hauptpreisträgers Per Nørgård erklingen Scintillation für sieben Instrumente (1993) und Seadrift für Sopran und Ensemble (1977-78). Für die erkrankte Sarah Maria Sun übernimmt Johanna Zimmer kurzfristig den Sopran-Part, Truike van der Poel „singt“ die Mezzosopran-Partie im Werk von Djordjević.

Endlich ist es soweit und ein Skandinavier erhält den Ernst von Siemens Musikpreis für Komponisten! Es ist der Däne Per Nørgård, der nun diese hoch dotierte und international gewichtige Auszeichnung in Händen hält. Und dies mehr als gerechtfertigt, sein kompositorisches Schaffen ist von stets überraschender Originalität, von höchster handwerklicher Vollendung bis in die dichteste Polyphonie, und wirkt dennoch absolut natürlich, frei und frisch. Rhythmisch besticht es durch nicht an die symmetrische Taktschreibweise angepasste Gliederung, die viel eher von natürlichem Sprachgebrauch und dem menschlichen Interagieren allgemein beeinflusst ist, melodisch entdeckte Nørgård schon in den sechziger Jahren die sogenannte Unendlichkeitsreihe, die sich ebenso von den klassischen Perioden zu lösen vermag und eigene Wege beschreitet, die jedoch immer in gewisser Weise nachvollziehbar bleiben. Die Musik von Nørgård sagt im Kern etwas aus, jedes Werk ist eine vollkommen neue Welt, in höchster Kunstfertigkeit und wie er selbst sagt, immer gewagt und „strange“, doch stets auch für die menschliche Wahrnehmung unmittelbar auffassbar und wirksam.

Nach der Begrüßung durch Michael Krüger – Vorsitzender des Stiftungsrats der Ernst von Siemens Musikstiftung und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste – beginnt der Abend mit der Uraufführung von Milica Djordjevićs „Hladan ti dah do grla“, auf Deutsch „Verflucht dein Atem bis zum Schlund“, für Mezzosopran und Ensemble. Ihre Musik solle den Menschen bis in sein Innerstes erschüttern und keinen Hörer kalt lassen, heißt es im sehr gelungenen Portraitfilm über die Komponistin (alle vier Portraitfilme sind von Johannes List ausgezeichnet gedreht und produziert). Doch berühren kann mich ihr dargebotenes Werk kein bisschen, es lässt mich absolut unbeteiligt. Die Streicher kratzen und quietschen, der Schlagzeuger drischt wüst auf alle möglichen Trommeln ein und kratzt mit aufgesetzten Nägeln über Blech, die Bassklarinette spielt total unzusammenhängendes Ton-Chaos. Solch eine Musik kann heute gar nicht mehr erschüttern – vielleicht hätte sie es vor sechzig Jahren einmal gekonnt, aber selbst das würde ich bezweifeln, mehr als einen kurzen Schock hätte sie nicht ausgelöst. Man hat sich schlicht sattgehört an solch einer Musik, die im Grunde gewöhnlich unangenehm ist wie das quietschende Einfahren einer U-Bahn, und es macht auch klanglich wenig Unterschied. Alles verliert sich in Strukturlosigkeit, skurrilem Klang- und Geräuschgewirre ohne jeglichen Sinn und einer dumpfen Statik, die jede Art der Entwicklung im Vorhinein ausschließt.

Intersections heißt das zweite Werk des Abends, von David Hudry, komponiert 2014. Die Grundidee dahinter besteht in der ständig wechselnden Beleuchtung einer vorgegebenen Figur, wodurch immer neue Perspektiven eröffnet werden. Unvermeidlich erhält Intersections durch dieses Prinzip eine gewisse Starrheit und technokratische Aura mit dem kontinuierlich bestehen bleibenden Grundgedanken. Doch hat es einen gewaltigen Reiz, all die Neuschattierungen und changierenden Kontexte auszukundschaften, die mit einfallsreich reflektierten Klängen magische Momente erzeugen.

Interesse erregt der Titel der dritten Komposition: „Sachlicher Bericht“ und dann noch aus einer Sammlung namens „Arien / Zitronen“. Und tatsächlich erlebt das Publikum hier eine sehr erfreuliche Überraschung. Gordon Kampe hat eine wahrhaft eigene Aussage in diesem Werk für Sopran und Ensemble. Die Tonsprache tanzt durch ihre Individualität aus der Reihe der viel zu oft gleichförmig-nichtssagenden Werke der postmodernen Avantgarde, bietet höchst spannende Augenblicke und birgt sogar eine gewisse sinnlich unmittelbar sich vermittelnde Struktur. Gewiss, teils mag der musikalische Sinn der Gesamtkonstruktion noch etwas wackeln und der Kontext verlorengehen, doch bin ich der festen Überzeugung, dass Gordon Kampe den heutigen Förderpreis wirklich nutzen kann, um an seinem Stil zu schleifen und seine vielseitig eigene Tonsprache reifen zu lassen.

Nach der Pause folgt der Hauptteil der Veranstaltung, die Verleihung des begehrten Ernst von Siemens Musikpreises an den dänischen Meister Per Nørgård. Anders Beyer, Intendant des Bergen International Festival, ist extra aus Norwegen angereist, um die kompakte, geistreiche Laudatio zu halten, und Michael Krüger überreicht die Urkunde an den Komponisten. Umrahmt wird der Festakt durch die Darbietung zweier Werke aus den 90er- beziehungsweise 70er-Jahren. Zunächst Scintillation für sieben Instrumente, ein dicht polyphon gewobenes Werk von unverkennbarer Eigenständigkeit, einer vom ersten bis zum letzten Ton anhaltenden Spannung mit herrlich unorthodox formulierter melodischer Kontinuität. Beendet wird der Abend durch die Walt Whitman-Vertonung Seadrift, ein mehrteiliges Werk für Sopran und Ensemble, was einen Umbruch in der Musik von Nørgård darstellt, noch vor seiner vielzitierten „Wölfli-Ära“. Dieses in jeder Hinsicht vollendete Werk dürfte wohl jeden im Saal angesprochen haben durch seine unbestechliche Natürlichkeit, den klaren Sprachfluss, die phänomenale Instrumentation inklusive verstärkter Gitarre und ungewöhnlichem Schlagwerk wie kleinen, zarten Glöckchen. Was für eine Rhythmik, die absolut von innen heraus gefühlt ist, vollkommen ungekünstelt wirkt und doch gegen alle Gewohnheiten aufbegehrt! Solch eine rundum überzeugende Musik der Gegenwart (und dies auch noch so vollkommen unprätentiös!) ist eine absolute Rarität und hat es noch nie in den Kanon der auf dem Kontinent des Öfteren gespielten zeitgenössischen Musik geschafft – warum, lässt sich schwer sagen, vielleicht mag es an den eigenen Aussagen der Musik liegen, an ihrer so ungewohnten und doch organisch zusammenhängend entstehenden Klangvielfalt, die ganz im Gegenteil zum Gros der heutigen Avantgarde tatsächlich noch fortschrittlich modern und komplett eigenständig ist – und somit für die meisten, selbst für die gestandenen Anhänger zeitgenössischer Musik oft „gewöhnungsbedürftig“.

Die Musiker des ensemble modern sind natürlich erfahren in der Darbietung zeitgenössischer Musik, und trotzdem ist es frappierend, wie scheinbar mühelos sie mit den unmöglichsten Geräusch-Abstraktionen und mit selbst in der verzweigtesten Rhythmik überzeugen. Sogar die qualitativ schwächeren Passagen bei Djordjević spielen sie mit voller Überzeugung, wodurch selbst diesen ein gewisser Reiz abgewonnen werden kann. Truike van der Poel erfüllt in Djordjevićs Werk hauptsächlich eine parlierend-skandierende, oft vulgär aufschreiende Aufgabe, die ihre Stimme nicht in ein attraktives Licht setzen kann, doch dafür bekommt Johanna Zimmer als kurzfristige Einspringerin für Sarah Maria Sun umso mehr die Möglichkeit zu glänzen. Die virtuosen Solostimmen von Kampe und Nørgård musste sie innerhalb von wenigen Tagen vollkommen neu einstudieren. Doch das hört man ihr kein bisschen an, sie singt mit einer Freiheit, Feinheit und innigem Ausdruck, als wären diese Stücke ihr bereits in die Wiege gelegt worden. Sie hat sichtliche Freude vor allem an Nørgårds Seadrift und surft in unvergleichlichem Einklang mit allen Instrumentalisten des Ensembles in hellwach traumwandlerischem Vertrauen auf ihre herrliche Stimme. Zimmer singt klar, hell, verfügt über unüberschaubar viele ausgereifte Nuancen der Tongebung und ein exzellentes Gespür für Dynamik, Artikulation und Vibrato. Auch der Komponist selbst ist sichtlich begeistert von ihrer Leistung und will es sich trotz beängstigender gesundheitlicher Beschwerden – nachdem er sogar bei der Urkundenverleihung sitzen bleiben musste – nicht nehmen lassen, auf die Bühne zu steigen, um die Sängerin zu umarmen – und das zu Recht!

Es ist selten, dass man vollkommen begeistert aus einem Konzert herauskommt und so sehr beeindruckt ist von der kompositorischen Qualität eines Meisters der Gegenwart, dass man über die Musik sagen möchte: „Verweile doch, du bist so schön“. Und es hätte keinen würdigeren Preisträger geben können als Per Nørgård. Wir gratulieren dem Komponisten zu dieser Auszeichnung und hoffen sehr, dass er uns als Mittachtziger noch einige weitere grandiose Werke schenken wird.

[Oliver Fraenzke, Mai 2016]