Archiv der Kategorie: CD-Rezension

Ein Requiem in bester Tradition

Naxos 8.559841; EAN: 6 3694398412 3

Naxos hat in der vielbeachteten Serie ‚American Classics‘ nun das Requiem von John Harbison (geb. 1938) herausgebracht. 2001-02 nicht zuletzt unter dem Eindruck des Terrors von 9/11 entstanden, folgt das Stück in seiner Textvertonung klar der Gattungstradition, aber im Detail ganz persönlichen musikalischen Ideen. Die Erstaufnahme aus Nashville unter der Leitung von Giancarlo Guerrero entstand 2017 und ist durchaus gelungen.

Der amerikanische Komponist John Harbison war Schüler von Walter Piston, Roger Sessions und – in Berlin – Boris Blacher. Er stand immer für eine erweiterte, postserielle Tonalität, die zeigt, dass er neben seinen Lehrern auch viel von Strawinsky gelernt hat. Außer mittlerweile sieben Symphonien hat er u.a. zahlreiche Vokalwerke mit Orchester komponiert.

Sein 2002 vollendetes Requiem geht in Teilen bis 1985 zurück; das Recordare baut auf dem Material des Juste judex auf, das 1995 Harbisons Beitrag zum von Helmuth Rilling uraufgeführten Gemeinschaftsprojekt Requiem der Versöhnung war. Aber erst durch einen Auftrag des Boston Symphony Orchestra 2001 entstand schließlich ein vollständiges Requiem, das ganz traditionell dem üblichen Textkanon folgt. Auch die formale Gestaltung einzelner Teile ist stark der Gattungsgeschichte verpflichtet – etwa, wo der Chor bzw. die Solisten singen. Und so findet sich dann bei Quam olim Abrahae dichter Kontrapunkt, im Agnus Dei das anscheinend unverzichtbare Violinsolo etc. Dass der Hörer hier aber bei soviel Erwartbarem trotzdem keine Sekunde gelangweilt wird, liegt an Harbisons Kunst, den Text doch sehr dramatisch, ausdrucksvoll in Musik zu gießen – vielleicht auch unter dem Eindruck von 9/11. Gerade im bewussten Verfolgen der Tradition zeigt sich nicht nur seine handwerkliche Meisterschaft, sondern der ganz persönliche Ausdruckswille, bei dem alle Teile wiederum durchaus individuelle Züge erhalten. Hier wird also nie mit direkten Zitaten oder auch nur Anspielungen gearbeitet – jedes Motiv, jede melodische Figur ist ein persönliches Statement, wobei es einheitsstiftende Elemente gibt. Auch gehen die Sätze, anders als gemeinhin üblich, ineinander über; lediglich nach dem Lacrymosa am Schluss der Sequentia gibt es eine kleine Verschnaufpause. Das relativ klein besetzte Orchester übertüncht zudem nie den Vokalsatz durch äußerliche Effekte.

Chor und Orchester aus Nashville leisten Außerordentliches: Klanglich und dynamisch wird alles fein abgestuft, die Wirkung des Chores erinnert oft an Brittens War Requiem, im Piano geradezu mystisch. Der Dirigent Giancarlo Guerrero schafft es, über die einzelnen Abschnitte hinaus einen großen Spannungsbogen aufzubauen und zu halten. Die Solisten sind leider etwas durchwachsen: Bewältigen Michaela Martens (Mezzosopran) und Kelly Markgraf (Bariton) ihre Aufgaben recht überzeugend, geraten Jessica Rivera (Sopran) und Nicholas Phan (Tenor) in der Höhe an ihre Grenzen. Phan muss da pressen und Rivera produziert in einigen Passagen ein unerträglich breites Vibrato, was den positiven Eindruck in Normallage erheblich schmälert.

Insgesamt ist Harbison hier erneut ein tief beeindruckendes Werk gelungen, das emotional authentisch wirkt, aber auch nichts wirklich Neues hervorbringt, was einen völlig vom Hocker reißen könnte. Mangels Konkurrenz ist die Naxos-Einspielung vorerst alternativlos, musikalisch und aufnahmetechnisch aber eine ohnehin empfehlenswerte Realisation der interessanten Partitur.

[Martin Blaumeiser, März 2019]

Das Pathos winkt

Chandos, CHSA 5214; EAN: 0 95115 52142 7

Vorliegende CD beinhaltet Orchestermusik von Gerald Finzi, die in den 50er-Jahren komponiert oder revidiert wurde. Das Programm beginnt mit dem Cellokonzert op. 40 a-Moll, führt über die Eclogue op. 10 F-Dur für Klavier und Streichorchester und die Nocturne op. 7 cis-Moll (New Year Music) zur Grand Fantasia and Toccata op. 38 d-Moll für Klavier und Orchester. Sir Andrew Davis leitet das BBC Symphony Orchestra, das Cellosolo spielt Paul Watkins und Louis Lortie übernimmt die Rolle des Klaviersolisten.

Die Uraufführung des Cellokonzerts war das Letzte, was Gerald Finzi hörte; tags darauf verstarb er im Alter von 55 Jahren an den Folgen der Hodgkinschen Krankheit, einem Tumor der Lymphknoten. Finzis Musik wirkt nicht zeitgemäß, viel eher zieht er seine Einflüsse aus der Musik des 19. Jahrhunderts, Elgar und Parry sind unüberhörbare Anknüpfungspunkte. Ausgedehnte Flächigkeit prägt die musikalische Landschaft Finzis, lange Zeit ruht er sich auf einmal gefundenen Ideen aus, genießt jede Pastorale und hält auch gespannte Momente bis zum Anschlag aus. Seine sentimentalen Melodien berühren durchaus, die melancholischen Elemente verfehlen ihre Wirkung keinesfalls und auch manch kuriose Effekte verzücken – und doch schafft es die Musik nur selten, die Spannung aufrechtzuerhalten und den Hörer bis zum Schlusston hin zu tragen, ohne dass er auf dem Weg dorthin abhanden kommt. Das Pathos winkt, doch wirklich passieren tut wenig. Es fehlt an Abwechslung, an Kontrasten oder zumindest an unerwarteten Details, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen; die Aussage verschwimmt durch Überlänge, nur Bruchstücke bleiben in der Erinnerung zurück.

Vom Cellokonzert kann der Mittelsatz durch sein inspiriertes Thema und die innige Melancholie bezaubern, die sich später kraftvoll entlädt. Auch die Thematik des Kopfsatzes ist stark, doch verliert sie sich schnell in Formlosigkeit; ähnlich das Finale, in welchem der Solist seinem Instrument abenteuerliche Effekte entlockt, was aber auch das einzige ist, das von diesem Satz hängenbleibt. Durchgehende Zartheit erleben wir in Eclogue für Klavier und Orchester, welches durch die Darbietung zu dem am meisten nachwirkenden Stück dieser CD avanciert. Die Nocturne (New Year Music) ertönt überraschend düster und weltfern für den zumeist freudigen Anlass. Grand Fantasia and Toccata begehrt deutlicher auf als die anderen Stücke, hier wagt Finzi auch einmal Unvorhergesehenes. Besonderen Wert legt der Komponist hier auf das Zusammenspiel der Partner, welches sich gerade auch auf die Dynamik auswirkt und wodurch manch ein hexensabbatartiger Effekt zutage tritt.

Das Orchester agiert äußerst vertraut mit der Musik, hält die Atmosphäre und schafft einen dichten Klang, der den jeweiligen Stimmungen entspricht. Sir Andrew Davis bringt die Solisten und das Orchester zum Einklang, überbrückt die klangliche Distanz der ungleichen Partner. Es gibt nur wenige Passagen, in denen Dirigent und Orchester sich wirklich beweisen müssen, also wo die Musik nicht für sich alleine wirkt, sondern geschickte Darbietungskunst erfordert: doch diese meistern die Musiker elegant. Paul Watkins erweist sich als aufmerksamer und gewandter Solocellist, der sowohl in den pastoralen Stellen als auch in den aufbrausend vorwärtstreibenden die Kontrolle behält und den Klang kultiviert. Der Pianist Louis Lortie überzeugt in Eclogue durch überaus feinen Klang und inniges Gefühl; unterminiert den Eindruck jedoch durch trockenes und uninspiriertes Spiel in der Grand Fantasia and Toccata. Das Staccato wird zur Manier, die Läufe und Akkorde prasseln zusammenhangslos auf den Hörer nieder – schade, denn wir hören auch, dass er könnte, wenn er wollte.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Der sanfte Rebell

Ars Produktion Schumacher, ARS 38 275; EAN: 4 260052 382752

Auf dem Album „Stories …“ spielt das Thomas Leleu Trio Musik zwischen Klassik, Jazz, Chanson, Latin und ganz anderen Einflüssen, ohne dass es in eine Schublade eingeordnet werden könnte. Auf dem Programm stehen Kompositionen von Thomas Leleu, Tom Jobim, Kurt Weill, Carlos Gardel, Erik Satie, Reynaldo Hahn, Johannes Brahms, Joseph Kosma, Michael Legrand und Georges Moustaki, viele davon arrangiert durch Laurent Elbaz. Das Trio besteht aus Thomas Leleu an der Tuba sowie in zwei Titeln als Sänger, aus Kim Barbier am Klavier und Kai Strobel am Vibraphon.

Von der Aufmachung her könnte das Album „Stories …“ vom Thomas Leleu Trio beinahe auf eine Rockband schließen lassen: Aufgenommen in einem heruntergekommenen Haus sitzt Leleu mit hochgegelten Haaren in Lederjacke und Chucks lässig auf einem Sofa, um ihn herum die keck wirkende Pianistin Kim Barbier und der leger in Shirt und Jeans gekleidete Perkussionist Kai Strobel. Nur die Tuba bringt uns auf die richtige Fährte. Leleu gilt als Rebell, als einer, der sämtliche Stile und Genres frei vermengt, als „nicht klassisch genug für die Klassik-Liebhaber und zu klassisch für die anderen“. Und diesen Ruf lebt er auf vorliegender CD voll aus!

Das Trio besteht aus Tuba, Klavier und Vibraphon; die zunächst eigenartig wirkende Besetzung funktioniert jedoch einwandfrei. Leleu entlockt seiner Tuba einen ausgesprochen sanften und obertonreichen Klang, der das Blech golden glänzen lässt. Dies mischt sich wunderbar mit den sphärischen Tönen des virtuos und brillant-präzise gespielten Vibraphons. Das Klavier kontrastiert die anderen Instrumente durch gewollte Prägnanz im Anschlag und Markigkeit. Schade, dass der Vierte im Bunde nur auf der Innenseite Erwähnung findet: Der Arrangeur Laurent Elbaz, der in „Halton Road“ auch als Pianist in Erscheinung tritt.

Das Programm von „Stories …“ umfasst Eigenkompositionen und eingängige Melodien verschiedener Komponisten, von denen man oft zwar die Stücke, nicht aber die Namen kennt. Laut Thomas Leleu ist für diese CD Kurt Weill der zentrale Angelpunkt, da er eine Verbindung schafft zwischen seiner Heimat und seine Wahlheimat und stilistisch ebenso frei agiert wie er selbst. Die Stilvielfalt der Aufnahme reicht von Brahms‘ Wiegenlied über Leleus „Latin Suite“ bis zu Saties „Je te veux“ und „La dame brune“ von Barbara – Georges Moustaki.

In ihren Darbietungen glänzt das Thomas Leleu Trio durch feinfühlige und differenzierte Herangehensweise. Die Musiker erarbeiten jedes Stück anders, gehen auf die unterschiedlichen Stile eigen ein und haben sich intensiv mit ihnen auseinandergesetzt. Das Spiel des Trios zeichnet sich durch Farben- und Facettenreichtum aus, durch große Sanftheit und innig empfundenes Gefühl. Die Stücke liegen den Musikern am Herzen und sie wollen etwas Eigenes aus ihnen hervorbringen, das zwar der niedergeschriebenen Musik treu ist, zeitgleich aber in diesem Rahmen das Neuartigste und Rebellischste erkundet und ans Licht des Hörerlebnisses bringt.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Rückkehr zur Gunst des Publikums

Chan 10982; EAN: 0 95115 19822 3

John Storgårds dirigiert das BBC Philharmonic Orchestra mit Orchesterwerken von George Antheil. Zu hören sind die Symphonien Nr. 3 „American“ und Nr. 6 „After Delacroix“ sowie Archipelago, der Hot-Time Dance und die Filmmusik Spectre of the Rose.

Während sich andere Komponisten seiner Generation immer neueren Experimenten und stilistischen Extremitäten hingaben, kehrte George Antheil zurück zur weitgehend tonalen Musik und somit auch zur Gunst des Publikums. Als Enfant Terrible machte er in jungen Jahren von sich sprechen und legte bisweilen sogar einen Revolver auf den Flügel, um während seiner futuristischen Klaviersonaten nicht gestört zu werden. Doch als er Europa verließ und wieder in der Heimat, den USA, lebte, trieb es ihn dazu, sich der Entwicklung eines eigenen, amerikanischen Stils zu verschreiben, der nicht zuletzt auch die Massen ansprechen solle. Die Symphonik erschien ihm als prädestinierte Ausdrucksform für solch ein Vorhaben und Antheil widmete sich Jahrelang intensiv dezidiert der Symphonik, schrieb und verwarf zahlreiche Skizzen.

Wie für die meisten amerikanischen Komponisten etablierte sich in Antheils Musik der Jazz als unentbehrliches Element. Bernstein erklärte in einem seiner „Young People‘s Concerts“ die Entwicklung der amerikanischen Musik und stellt anschaulich dar, wie die Elemente des Jazz immer weiter Fuß fassten in den „klassisch“-amerikanischen Stil. Die American Symphony von  Antheil lässt eben dies spüren: Synkopische Rhythmen und jazzige Harmonien verleihen ihr erst den „amerikanischen“ Flair, den Antheil zum Ausdruck bringen will. Archipelago lebt ebenfalls von Jazzrhythmen, zieht jedoch eine ganz andere Art der Instrumentation mit ein, die sich auf Antheils Zeit in Frankreich zurückführen lässt. Der Hot-Time Dance entfernt sich erstaunlich weit vom Jazz, obgleich gerade dieses Stück den Stil bereits im Titel trägt – viel mehr tönt freudige und unbekümmerte Zirkusmusik durch. Auf Frankreich bezieht sich auch Spectre of the Rose zurück, genauer gesagt auf die Harmonik und Instrumentation von Maurice Ravel. Die Musik gibt sich schlicht und beinahe naiv, versprüht dennoch einen Funken außergewöhnlicher Ideen. Das einzige Werk auf dieser CD, das überhaupt keine hörbaren Jazzelemente beinhaltet, ist die an Schostakowitsch gemahnende sechste Symphonie „after Delacroix“, das üppigste und weitschweifendste dieser Werke. Antheil geriet oft in die Kritik für seinen wieder-tonalen, gefälligen Stil und für die effekthascherische Orchestration. Das beiliegende, ausführlich informierende Booklet von Mervyn Cooke zitiert Rezensionen über die sechste Symphonie, welche sie „hohl und Hollywoodartig“ nannten und ihr vorwarfen, sie habe „die leere Vehemenz einer Wahlkampfrede“. Wenngleich das Pathos in Antheils Orchestermusik durchaus dazu einläd, sie nicht ganz ernst zu nehmen, darf doch nicht der Ideen- und Farbenreichtum in dieser Musik vernachlässigt werden, der packende Drive und die eingängige Melodie, welche mit kecken Rhythmen unterlegt wird.

Storgårds holt eine beachtenswerte Vielfalt an orchestralen Farben aus dieser Musik heraus. Er gibt sich nicht der Versuchung hin, in den opulenten Passagen die Kontrolle über den Klang abzugeben, sondern behält die Zügel durchgehend in den Händen. Zeitgleich gelingt es ihm und dem Orchester, die Musik vollkommen mühelos und zwanglos darzustellen, die Spielfreude hörbar zu machen. Die BBC Philharmonic sind souverän aufeinander eingestimmt und präsentieren einen ausgewogenen, durchhörbaren Sound, welcher der jazzbeeinflussten Musik ebenso gerecht wird wie der etwas abstrakteren in der sechsten Symphonie.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Shooting Star in der Konsolidierung

Dacapo 8.226144; EAN: 6 3694361442 6

Das Danish National Symphony Orchestra hat nun zwei weitere großbesetzte Stücke von Søren Nils Eichberg (*1973) auf Dacapo eingespielt: seine Dritte Symphonie von 2015 unter Leitung von Robert Spano sowie das Konzert für Orchester „Morpheus“ (2013), dirigiert von Joshua Weilerstein. Vielleicht nicht mehr so vordergründig spektakulär, aber stilistisch gefestigt, weiß diese Musik erneut durchaus zu packen.

Nachdem der deutsch-dänische Komponist Søren Nils Eichberg (Jahrgang 1973) mit seinen ersten beiden Gattungsbeiträgen vor ein paar Jahren als Shooting Star unter den postmodernen, europäischen Symphonikern gefeiert wurde, scheint er mit der sehr persönlichen Symphonie Nr. 3 in eine Konsolidierungsphase getreten zu sein.

Unter dem Eindruck des unvermeidlich nahenden Todes seines Vaters entstanden, tritt in Eichbergs „Dritter“ zu einem großen Orchester noch Chor und – recht dezent, fast unauffällig – Elektronik hinzu. Neben dem rein instrumentalen Zitat eines Wiegenlieds von Carl Nielsen wird der Chor mit Texten des altchinesischen Dichters Qu Yuan (auf Deutsch) und hebräischen Versen von David Vogel beschäftigt, die natürlich die Vergänglichkeit des Daseins anhand existenzieller Fragen reflektieren. Spürbares Unheil macht sich in den acht stark kontrastierenden Abschnitten u.a. durch Klänge aus dichten Quintschichtungen breit. Eichberg arbeitet auch mit dem „Shepard tone“ und algorithmisch entwickelten, selbstähnlichen Klangpattern. Wie schon in den beiden ersten Symphonien lässt der Komponist es aber auch hier mal im Bassregister loskrachen, wechselt von vollster Besetzung zu kammermusikalischen Kleinoden, die wie Inseln die Aufmerksamkeit des Zuhörers fokussieren. Insgesamt ist das Stück rhapsodischer als die klar gegliederten Vorgänger. Der kontemplative, sehr tonale und hoffnungsvolle Schluss klingt dann leider etwas nach Edelkitsch. Trotzdem ist das aber immer noch um Klassen interessanter als etwa die – mich völlig kalt lassenden – subjektiven, symphonischen Entgleisungen der fast gleichaltrigen Johanna Doderer.

Morpheus knüpft noch wesentlich direkter an die Symphonien Nr. 1 & 2 an; manche Idee scheint sich fast schon gefährlich zu wiederholen. Nicht nur an Stellen orchestraler Wucht zeigt sich einmal mehr Eichbergs eminente Orchestrierungskunst – beinahe dekadent, wie Andrew Mellor im Booklet korrekt feststellt. Das siebensätzige Konzert ist ein ironisch grinsender Totentanz in einer Traumwelt, der naturgemäß der verlässliche Boden unter den Füßen fehlt – mit etwas vordergründiger Wirkung, der man sich aber kaum entziehen kann.

Der erfahrene Robert Spano (Symphonie) und der zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade mal 26-jährige Joshua Weilerstein (Morpheus) leiten das Dänische Nationalorchester beide mit Verve und kosten mit großer Lust die harten Kontraste in Eichbergs Musik aus, ohne diese ihrer fraglos ebenso vorhandenen Momente tiefer Ernsthaftigkeit zu berauben. So macht das Zuhören erst einmal jedem Spaß, der virtuose Orchesterkunst mag. Eichberg sollte allerdings aufpassen, dass sich seine zugegebenermaßen gekonnten Effekte nicht allzu schnell abnutzen.

[Martin Blaumeiser, März 2019]

Eine Symphonie für den Frieden

Chandos, CHSA 5233; EAN: 0 95115 52332 2

Kirill Karabits dirigiert das Bournemouth Symphony Orchestra mit Musik des ukrainischen Komponisten Boris Liatoschinski. Auf dem Programm steht die Symphonie Nr. 3, „Frieden wird den Krieg besiegen“, op. 50 und die symphonische Ballade Graschyna op. 58 nach Adam Mickiewicz.

Ähnlich, wie die Symphonien von Sibelius als orchestrales Manifest Finnlands gelten, so gelten die fünf Symphonien von Boris Liatoschinski für die Ukraine. Über allen erhebt sich die Dritte Symphonie als ihr Höhepunkt, als imposante Darstellung von Krieg und Frieden. In den ersten drei Sätzen beschwört der Komponist düstere und bedrohliche Atmosphären, Aufständigkeit und Kampf; erst im Finale kippt die Stimmung und schafft einen versöhnlichen Abschluss. Wegen eben dieses Schlusssatzes kam Liatoschinski jedoch in Konflikt mit dem Sowjetregime, es galt als unpatriotisch; und so musste er den Satz deutlich revidieren, damit das Werk überhaupt zur Aufführung kommen konnte. Im Erstdruck erschien die neuere Version des Finals, wenngleich auf den meisten Aufnahmen der ursprüngliche Schlussatz zu hören ist; neuere Partituren zeigen die revidierte Finalversion lediglich als Anhang.

Das zweite Werk der CD ist die umfangreiche symphonische Ballade Graschyna op. 58, die Liatoschinski 1955 anlässlich des 100. Todestags von Adam Mickiewicz komponierte, der zu den wichtigsten Poeten Polens gehört. Für Liatoschinskis Verhältnisse klingt die Ballade erstaunlich friedlich und sanftmütig, nur kurzzeitig trüben bedrohliche Wolken die ruhige Stimmung.

Die Musik Liatoschinskis besticht durch ihre phänomenale Orchestration und den effektvollen Aufbau, durch das Dichterwerden und Näherkommen einer dunklen Vorahnung, die gerne durch Militärklänge zur Kulmination gebracht werden. Fürs Orchester ist diese Musik – ähnlich wie die von Schostakowitsch – ausgesprochen dankbar, da sie aus sich heraus dem Ohr viel bietet, selbst wenn sie unzureichend erarbeitet wurde. Kirill Karabits zeigt sich als routinierter, wenngleich nicht sonderlich inspirierter Dirigent: Er leitet das Bouremouth Symphony Orchestra mit sicherer Hand und setzt alle Anweisungen der Partitur pflichtgemäß um; damit endet jedoch auch seine Arbeit an dieser Musik. Die feine Abstimmung der einzelnen Instrumente für einen voluminösen Klang lässt er ebenso außer Acht wie Details der Form, also dass die einzelnen Tempopassagen aufeinander abgestimmt wären und die Sätze allgemein eine zwingende Stringenz aufweisen würden. Ihre Wirkung verfehlt die Musik dennoch nicht und gerade die Symphonie fesselt den Hörer unnachgiebig und zieht in in düsterem Sog hinfort, bis das Finale ihn erlöst.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Stockhausen wie durchs Vergrößerungsglas

Wergo WER 7341 2 (2CD); EAN: 4010228734126

Die Münchner Pianistin Sabine Liebner hat beim Bayerischen Rundfunk zwischen 2015 und 2018 Karlheinz Stockhausens „Klavierstücke I-XI“ als Studioaufnahmen eingespielt. Eine den Notentext bis dato unerreicht ernst nehmende Darbietung, die jedoch teilweise auch Fragen aufwirft.

Die Bedeutung von Stockhausens Klavierstücken I-XI – entstanden zwischen 1952-61 – für die Geschichte der Klaviermusik dürfte unstrittig sein, unabhängig davon, ob man mit dieser Musik als Hörer viel anfangen kann oder auch nicht. Dieser Zyklus spiegelt quasi einen Überblick über die gesamte serielle Epoche – die damit strenggenommen kaum ein halbes Jahrzehnt umfasste (1961 wurden die Stücke VI, IX und X lediglich geringfügig revidiert). Von den kurzen, unter „Nr. 2“  zusammengefassten Klavierstücken I-IV, die einem auf die Spitze getriebenen, seriellen Pointillismus huldigen, über die Stücke V-X („Nr. 4“), die mit Permutationstechniken auf der Basis webernscher magischer Quadrate operieren und in den Stücken VI und X zu ausgedehnten Formen führen, bis hin zum bereits 1956 entstandenen Klavierstück XI („Nr. 7“), das über Zufallsentscheidungen des Interpreten ein sich nie wiederholendes Erscheinungsbild generiert, ist es dennoch ein weiter Weg. Dies schlägt sich auch in Spieltechnik (Cluster in Klavierstück X) und Notation nieder. Die viel späteren Klavierstücke XII-XIX entstammen Stockhausens Opernzyklus Licht und beruhen auf gänzlich anderen Intentionen.

Nach der maßstabsetzenden ersten Schallplatten-Gesamtaufnahme durch Aloys Kontarsky (1967) haben sich nur wenige Pianisten an den kompletten, horrend schwierigen Zyklus (I-XI) gewagt, darunter Bernhard Wambach und – leider unerträglich akademisch und leblos – der große Herbert Henck.

Betrachtet man zunächst Sabine Liebners Spiel von „Nr. 2“, erstaunt sofort, wie präzise sie neben den geradezu absurd irrationalen rhythmischen Schichtungen, feinste dynamische Unterschiede realisiert. „Nuancen“ wäre hier der völlig falsche Begriff, da sich schon in den Stücken I-IV auch die Dynamik seriell ableitet, also auf Zahlen, nicht etwa Ausdruckswerten beruht. Doch gerade durch die Dynamik entsteht auch so etwas wie Expressivität, zumindest musikalische Spannung, die Liebner mit immer kultiviertem Anschlag durchaus hörbar macht. Da steckt harte Arbeit dahinter, meilenweit entfernt von der befremdlichen, geradezu expressionistischen Lesart durch Vanessa Benelli Mosell (Decca 2015), die eine wilde Subjektivität an den Tag legt, die dieser Musik eher unangemessen scheint und dann möglicherweise vor allem der Selbstdarstellung dient.

So kann man die Neuaufnahme Liebners auch bei den Stücken V, VII-IX und XI – von dem uns die Pianistin zum Glück gleich zwei faszinierende Versionen anbietet – ganz klar mit den Begriffen Kultiviertheit und Sorgfalt charakterisieren. Auch die Tontechnik des Bayerischen Rundfunks leistet hier Großartiges und Wolfgang Ratherts Booklettext ist ausgezeichnet. Die Interpretation der beiden längsten Werke, VI und X, wirkt dann aber mehr als irritierend, nicht nur durch die demonstrative Langsamkeit (40 bzw. knapp 45 Minuten) – David Tudor brauchte für Klavierstück X einmal nur 17 Minuten, Ähnliches gilt für Klavierstück VI. Hier notiert Stockhausen in der Tat die relative Veränderung des Tempos minutiös grafisch auf einem eigenen System, allerdings ohne ein Grund- bzw. Anfangstempo festzulegen. So gesehen ist Liebners Tempowahl zumindest eine erlaubte. Dennoch zerfällt das Stück leider in Einzelmomente, die zwar alle wie unter dem Vergrößerungsglas in schönster Deutlichkeit präsentiert werden, deren großer Zusammenhang jedoch verlorengeht. Noch ärgerlicher erweist sich das im berühmten Klavierstück X, bei der durch die Slow Motion auch noch der Faktor Virtuosität (absichtlich?) zerstört wird, womit Maurizio Pollini – ich durfte das mal live erleben – hier immer geglänzt hat. Vor allem die längeren Pausen geraten Frau Liebner endlos; die Musik versinkt jedes Mal im Nichts.

Vielleicht muss man diese Darbietung aber aus einem anderen Grund dennoch sehr ernst nehmen: Sabine Liebner hat sich ja besonders durch ihre nachhaltige Beschäftigung mit der New York School (Cage, Feldman, Brown, Wolf…) einen Namen gemacht. Mir scheint, dass sie gerade die Musik der Klavierstücke VI und X genau aus dieser Erfahrung heraus versucht, durch die amerikanische Brille zu sehen. Sieht man einmal von Tudors – oder Rzewskis – eher flotter Spielweise ab: Wie haben obige Komponisten Stockhausens Notentext innerlich gelesen? Liebner bringt uns hier dessen Musik aus einer Perspektive, die gewissermaßen einmal über den großen Teich und wieder zurück gegangen ist – und alles verändert. Auch das ist mutig und legitim, wenn ich mich auch nach mehrmaligem Hören mit ihrem Konzept nicht wirklich anfreunden konnte.  

[Martin Blaumeiser, März 2019]

Die Klaviermanufaktur Pleyel und ihr Umkreis

Ars Produktion Schumacher; Concert; Ars 38 828; EAN: 4 260052 388280

Varvara Manukyan spielt Werke aus dem Umkreis der Klavierbauerfamilie Pleyel auf einem originalen Hammerflügel aus dem Jahr 1838 (op. 5884). Auf ihrem Programm stehen Ignaz Joseph Pleyels Sonate V G-Dur aus dem Streichquartett Ben 332 als Ersteinspielung, vier Nocturnes von John Field, Camille Pleyels Nocturne à la Field B-Dur op. 54 sowie Frédéric Chopins Trois Nocturnes op. 9, welche Madame Marie Moke-Pleyel gewidmet sind.

Ignaz Pleyel zählte seiner Zeit zu den gefragtesten Komponisten und wurde europaweit regelmäßig aufgeführt. Der ansonsten kritische Mozart schrieb seinem Vater ein warmes Empfehlungsschreiben für Pleyel und machte deutlich, dass dieser ein geeigneter Nachfolger für Joseph Haydn wäre, der neben Johann Vanhal zu den prominenten Lehrern Pleyels gehört. Das Werk Ignaz Pleyels geriet noch vor dem Tod des Komponisten 1837 in Vergessenheit. Nachhaltige Berühmtheit erlangte er jedoch durch seine 1807 gegründete Klaviermanufaktur Ignace Pleyel & Comp.ie, die erst 2013 ihre Produktion einstellte. Lange Zeit galten die Pleyel-Klaviere als marktführend durch ihren voluminösen und vielseitigen Klang mit großem Dynamikspektrum, das besonders im Mezzo-Bereich äußerst fein abschattiert.

Das vorliegende Programm beginnt mit der Sonate V G-Dur aus dem Streichquartett Ben 332, das Pleyel 1786 komponierte und Varvara Manukyan nun erstmalig auf CD festhält. Die Sonate besticht durch ihre eingängigen Themen und spielfreudige Anlage voller Witz und Charme. Das Gewicht liegt auf dem knapp 10-minütigen Kopfsatz, Mittelsatz und Rondo-Finale dauern je nur etwa 3 Minuten. Darauf folgen Beiträge aus der Gattung der Nocturne, welche vom irischen Komponisten John Field begründet wurde, der maßgeblichen Einfluss unter anderem auf Chopin, aber auch auf Mendelssohn, Schumann und Moscheles ausübte. Aus der Feder Fields hören wir vier seiner insgesamt achtzehn erhaltenen Nocturnes. Camille Pleyel, Sohn von Ignaz, widmete ihm seine Nocturne à la Field B-Dur op. 54 aus dem Jahr 1828, welche eine Stilkopie im ursprünglichsten Sinne darstellt. Den Abschluss machen Chopins Trois Nocturnes op. 9, die Madame Marie Moke-Pleyel gewidmet sind und sich ebenfalls auf die Nocturnes von Field berufen, wenngleich sie harmonisch deutlich weitschweifiger ausfallen und auch melodische Neuerungen aufweisen, nicht zuletzt durch die rhythmisch von der linken Hand losgelösten Läufe. Varvara Manukyan spielt das Programm auf einem Pleyel Hammerflügel aus dem Jahr 1838, also auf einem Instrument, das erst nach dem Tod von Ignaz Pleyel (und John Field) gebaut wurde und ein satteres Volumen aufweist als die früheren Instrumente. Der Hammerflügel überragt durch seine vollen und sonoren Bässe und die singenden Höhen, die gerade den cantabile-Melodien schmeicheln. Die Tiefen gewährleisten ein warmes Fundament, auf dem sich die verspielten Läufe frei entfalten können, ideal geschaffen für die Musik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – sowie für Musik von beispielsweise Haydn und Mozart, aber auch für Grieg könnte ich mir dieses Instrument trefflich vorstellen. Die Wahl des vergleichsweise späten Instruments aus der Ära Camille Pleyels dürfte wohl auf die Werke Pleyel Juniors und Chopins zurückzuführen sein, doch auch Field wurde 1838 noch regelmäßig gespielt. Lediglich die Sonate Pleyel Seniors wurde wohl für Klaviere mit anderem Klangideal komponiert.

Durch ihr einfühlsames und doch nicht sentimentales Spiel kann die armenische Pianistin Varvara Manukyan überzeugen. Sie entlockt dem Instrument zahllose Klangnuancen, die jeweils genau auf die Musik abgestimmt erscheinen, achtet auf klare Linien und wohl austarierte Gewichtung zwischen den einzelnen Stimmen. Besonders in Fields Nocturnes erlaubt sie sich die Freiheit, der rechten Hand improvisatorische Elemente hinzuzufügen, was den Melodienreichtum erhöht – zur Entstehungszeit der Nocturnes war dies gängige Aufführungspraxis. Dynamisch bleibt Manukyan viel im Mezzobereich, was jedoch den Stärken des Instruments schmeichelt. Allgemein sticht hervor, wie intensiv sich die Pianistin mit dem Instrument und der Aufführungspraxis auseinandergesetzt hat: Die Musik wird jedoch nicht wie so oft zum historisierten Museumsstück, sondern Manukyan aktualisiert das Geschehen. Mir fallen besonders die fein abgestuften Ritardandi auf, die so natürlich und ungekünstelt erscheinen, dass sie der Hörer nicht aktiv wahrnimmt; und doch dienen sie als gliedernde Elemente.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Freiheit und Tod

MDG 937 2111-6; EAN: 7 60623 21116 9

Auf der vorliegenden CD finden wir eine Aufnahme der gesamten Schauspielmusik op. 84 von Ludwig van Beethoven zu Goethes Trauerspiel Egmont. Die einzelnen Nummern der Musik werden durch Texte miteinander verbunden, die Tilmann Böttcher und Matthias Brandt aus Originalversen Goethes zusammengestellt haben und die die Handlung des Dramas in aller Kürze zusammenfassen. Es spielt das Beethoven Orchester Bonn unter Dirk Kaftan, Matthias Brandt übernimmt die Rolle des Sprechers und Olga Bezsmertna singt die Sopranpartie.

Das Konzept dieser Aufnahme ist stimmig: Das Problem an Darbietungen von Schauspielmusiken liegt nämlich zumeist daran, dass wir sie ohne das unterliegende Schauspiel nur partiell verstehen können; hören wir jedoch das gesamte Stück, so fokussieren wir uns in erster Linie auf den Text und nehmen die Musik lediglich als Randerscheinung wahr. Entsprechend gewandt erweist sich die Lösung dieser Aufnahme, die Texte kurz und bündig zusammenzufassen und dazu noch ausschließlich originale Verse zu verwenden: So kann der Hörer die Handlung mitverfolgen und nimmt die zentralen Aspekte des Dramas wahr, die Beethoven in seiner Musik umsetzte.

Die Zusammenfassung des Schauspiels durch Tilmann Böttcher und Matthias Brandt greift das Wesentliche heraus und bleiben zugleich prägnant in ihrer Kürze. Brandt rezitiert sie in der nötigen Distanz, nüchtern, aber einfühlsam und die Stimmung treffend.

Die Musik hängt da etwas hinterher, sie kann der Präsenz des Sprechers nicht gleichkommen. Allgemein entsteht der Eindruck, der Musik fehle der Boden unter den Füßen, sie habe keine Stabilität im Hier und Jetzt, sondern eile innerlich schon voraus. Kaftan beachtet durchaus die Transparanz der Stimmen und meißelt die feinen Klangeffekte aus der Partitur heraus, die Beethoven teils äußerst subtil in den Noten versteckt hat; und dennoch gerät die Musik bei schnelleren Tempi unverzüglich ins Wanken, stagniert dafür in den Ruhepolen. Wenig inspiriert gestaltet sich auch die Sopranpartie von Olga Bezsmertna, die in den Höhen schnell kreischig wird und manchen Tönen (vor allem dem f“) eine eigene Charakteristik verleiht, die immer wiederkehrt, wenn sie diese erreicht – zu Ungunsten des dynamischen Flusses der Musik.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Wiederentdeckung einer walisischen Komponistin

Grace Williams: Violinsonate; Sextett für Oboe, Trompete, Violine, Viola, Violoncello und Klavier; Suite für neun Instrumente; Romanze für Oboe und Klarinette; Sarabande für Klavier für die linke Hand; Rondo für zwei Violinen und optionales Violoncello

London Chamber Ensemble – Madeleine Mitchell

Naxos; EAN 747313138074 / 8.571380

Kaum scheint die betont konservative Klassikwelt die Scheu vor der Wiederentdeckung von Komponistinnen abzuschütteln, schon wird wieder ausgesiebt: Während einerseits nun Komponistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts wie Emilie Meyer, Louise Farrenc, Clara Schumann oder Fanny Hensel inzwischen in größerem Stil so wiederentdeckt werden, dass sich dies auch in Einspielungen niederschlägt und die Komponistinnen der Gegenwart im Prinzip ebenso stark beachtet werden wie ihre männlichen Kollegen, sind es nun die Komponistinnen des 20. Jahrhunderts, die bei der Rehabilitierung weitgehend durchs Raster fallen. Kommen solche Komponistinnen zufällig auch noch aus Großbritannien, scheint die Lust an der Wiederentdeckung anscheinend gänzlich zu erlahmen.

Eine neue CD aus der Kooperation zwischen Naxos und der British Music Society zeigt, was uns da so gemeinhin durch die Lappen geht. Es ist dies das erst dritte Album überhaupt mit Musik der immerhin schon 1977 verstorbenen walisischen Komponistin Grace Williams. Ähnlich wie ihr Mentor Ralph Vaughan Williams (einer der wenigen unter den etablierten Komponisten übrigens, der sich auch der Ausbildung von SchülerINNEN widmete und gleich mehrfach weibliche Kompositionstalente entdeckte und förderte) lehnte Williams ihr angetragene Ordens-Würden ab, und so wurde weder Ralph Vaughan Williams zum Sir noch Grace Williams zur Lady geadelt.

Hätte ihr der Status weitergeholfen, um ihr musikalisches Werk zu verbreiten? Das kann man nur vermuten. Qualitativ zeigt die vorliegende Naxos-CD jedenfalls, dass hier eine wirklich bedeutsame kompositorische Größe wiederentdeckt werden kann. Anhang von sechs Werken aus den Jahren 1930 bis 1970 wird die gesamte stilistische Bandbreite von Grace Williams ausgelotet, und dies unter Berücksichtigung gleich einer ganzen Reihe von Werkgattungen – von der Violinsonate über Sextett, Bläserduo, Klavier-Solostück bis hin zu einer Suite für ein klein besetztes Kammerorchester.

Unverkennbar sind die Einflüsse von Williams‘ Lehrer Vaughan Williams, aber sie hat auch ihren eigenen Tonfall, der expressiver ist als etwa die englischen Pastoralisten wie beispielsweise Finzi aber gemäßigter als die aufkeimende Moderne um beispielsweise Britten oder Tippett – möglicherweise ein Erbe ihres zweiten prominenten Lehrers, des Wiener Expressionisten Egon Wellesz. Manchmal rutscht die Musik auch in eine archaisch erscheinende Volksmusikharmonik, die an die „Cowboy-Ballette“ eines Aaron Copland erinnert, der ja doch aus einem ganz anderen Kulturkreis stammt.

Dieses Album ist eine der spannendsten Entdeckungen des noch jungen Jahres, und Fans von gediegener britischer Musik sollten hier nicht zögern, zumal die gebotenen Interpretationen von Madeleine Mitchell und den Solisten ihres London Chamber Ensembles überwiegend hochklassig sind und dieser extrem selten gehörten Musik alle Ehre machen.

[Grete Catus, März 2019]

Authentisch und unmittelbar!

CD Rezension. Elmira Darvarova & Zhen Chen.

Brahms: The Complete Sonatas für Violin and Piano.

Solo musica / Sony Music 2019

Auf ihrer neuesten CD widmen sich die prominente Violinistin Elmira Darvarova und der deutlich jüngere Pianist Zhen Chen den drei „Sonaten für Klavier und Violine“ von Johannes Brahms.

Aus dem Heute kommend und in die tiefsten Seelenregungen großer, ewiger Kammermusik vorstoßen – das ist Sache der Violinistin Elmira Darvarova und des chinesischstämmigen Pianisten Zhen Chen. Ihre aktuelle CD widmen die beiden den drei Violinsonaten von Johannes Brahms, einer bemerkenswerten Werkgruppe, die wohl unter völlig gegenteiligen Umständen das Licht der Welt erblickte, als es der laute Kosmos New Yorks darstellt – jener Lebensmittelpunkt dieses hochmotivierten und prominenten Interpreten-Duos. Ob vielleicht gerade dieses Spannungsverhältnis Elmira Darvarova und Zhen Chen zu maximaler musikalischer Konzentration und Eindringlichkeit inspiriert hat?

Elmira Darvarova, die langjährig gefeierte Konzertmeisterin im Metropolitan-Orchestra und Zhen Chen, der viel jüngere chinesische Tastenvirtuose, der schon mit Lang Lang in einem Atemzug genannt wird, haben den Urtext dieser Werke erforscht und wollen sich von Konventionen und modischen Strömungen möglichst frei machen dabei. Das Resultat: Beide lassen sich hier in diese Materie hinein fallen und kosten die vielen subtilen und wechselvollen Seelenregungen konsequent aus. Das heißt für die beiden auch, ein Verständnis für die von Brahms geforderten Rollenverteilungen denkbar intuitiv zu leben. Hier ist nicht länger die eine Solistin und der andere Begleiter. Stattdessen ist das gleichberechtigte Ganze Programm.

Wenn sich dieses Duo so stark in emotionale Tiefen fallen lässt, wird gerne auch mal das Diktat des Perfekten zugunsten einer frischen Risikofreude außer acht gelassen. Entsprechend unmittelbar wirkt Elmira Darvarovas impulsiv mit Klangeffekten und Vibrato verfahrendes Violinspiel allemal. Nichts ist hier dem beifallheischenden Effekt geschuldet, was diesen Zugang zur Brahmsschen Empfindungswelt so authentisch und unmittelbar macht. Zhen Chen demonstriert am Flügel, warum diese Sonaten eigentlich „für Klavier und Violine“ heißen müssten. Denn Brahms Ansatz, auch in seinen Sonatenkompositionen bereits sinfonische Abläufe für andere Vorhaben abzustecken, wird gerade in den komplexen Klavierparts offenkundig. Und er kann die Energien des Flügels hellhörig und reaktionsschnell bändigen, wenn der musikalische Blickwinkel zarte Empfindung evoziert.

Plausibel vermittelt also, was beim verstehenden Hören von Brahms Musik immer eine Rolle spielt: Die Subjektivität ihres Urhebers. Da wiederspiegelt sich ein „Angekommen-Sein“, wie es die Sommeraufenthalte von Johannes Brahms am Wörthersee bzw. in den Schweizer Alpen nachweislich markieren. Auftrumpfend wie ein Weckruf fordert die erste Sonate diese beiden jungen Musiker zum großen, atmenden Bogen heraus. Genug dynamischer Schwung resultiert allein aus den bewusst gewählten raschen Tempi dieses Duos. Zhen Chens breite Anschlagskultur malt weite klingende Landschaften auf dem Flügel, innerhalb derer Elvira Darvarova im langsamen Satz ihre zarte Stimme erhebt.

Eine Prise Schwermut, eine Schwingung von rastloser Unruhe bebt im Allegrosatz, was die zerbrechliche Aura nur noch verstärkt. Schwärmerischer und entrückter markiert die zweite Sonate umso mehr den Zustand des „Auftankens“ an einem schönen Ort. Die dritte im Bunde evoziert energischen Tatendrang, was nicht zuletzt aus der impulsiv-rhythmischen Gangart von Zhen Chen spricht, während Elmira Darvarova die Saiten zum Glühen bringt. Wer in diese Wechselbäder hörend eintaucht, hat nach den drei Sonaten noch lange nicht genug. Abhilfe schafft eine „Zugabe“ im Programm – ein temperamentvoll aufloderndes, in seinem Mittelteil einbrünstige schwelgendes C-Moll-Scherzo aus der soganannten „FAE-Sonate“.

[Stefan Pieper , Februar 2019]

Wiener Klassik und Raritäten

Samstag, 23. Februar 2019 Herkulessaal

Symphonieorchester Wilde Gungl München , Michele Carulli Dirigent

Franz Schubert (1797-1828): Ouvertüre im italienischen Stil C-Dur D 591

Louis Spohr (1784-1859) Symphonie Nr.6 G-Dur op. 116 „Historische“

Ludwig van Beethoven (1770-1827) Symphonie Nr.2 D-Dur op.36

Geärgert soll er sich haben über die Begeisterung seiner Freunde nach einer Rossini-Oper: So eine Ouvertüre könne er auch schnell mal schreiben. Topp, die Wette galt, und „inert kurzem“ waren die beiden Ouvertüren D 590 und D 591 fertig. Mit großem Orchester (ohne Posaunen aber mit Pauke) war Letztere das Einleitungsstück dieses Abends. Durchaus Anklänge an Rossini hörte man, aber natürlich war es ein „echter“ Schubert. Auf ein langsames Einleitungs-Adagio folgt ein schnelleres Allegro. Auf dieses Stück – die beiden italienischen Ouvertüren sind ja nicht völlig unbekannt – folgte eine echte Rarität. Die Frage ist, ob diese sechste Symphonie des damals europaweit bekannten und geschätzten Ausnahme-Geigers, Komponisten und Dirigenten Louis Spohr in München jemals in den vergangenen 150 Jahren zu hören war. In den letzten Jahrzehnten jedenfalls stand sie wohl bei keinem Münchner Orchester auf dem Spielplan. Dabei bietet sie mit ihren vier Sätzen einen durchaus spannenden Einblick in die Musik-Geschichte, so wie der Komponist sie erlebte und hier geschickt verarbeitete.

Der erste Satz greift zurück auf Bach und Händel, die allerdings nur die Vorlage liefern für Spohrs eigene, sehr eigentümliche Musik-Sprache. Natürlich sind Fugen und Pastorale von den beiden Altmeistern abgeleitet, aber durchaus mit Spohr’scher Melodik und Harmonik. Der zweite, langsame Satz greift auf Mozart und Haydn zurück, doch ist auch hier des Komponisten Handschrift eigenständig und kein Plagiat oder bloßes Zitieren. Genau wie im dritten Satz, der sich an Beethoven orientiert. Allerdings war Spohrs Verhältnis zum damals noch nicht so berühmten Kollegen durchaus gespalten, der „Neunten“ konnte er nicht allzu viel abgewinnen. Im letzten Satz geht Spohr „in die Vollen“, – sogar die „gran cassa“, die große Trommel kommt dabei zum durchaus nicht gedämpften Einsatz – allerneueste Periode 1840 steht da. Nun gut, das Orchester ist in allen Stimmen gefordert, es ist nicht unbedingt etwas erschreckend „Modernes“ zu hören, jedenfalls ist die Bekanntschaft mit dieser Symphonie durchaus spannend und hörenswert.

Nach der Pause dann die leider zu selten gespielte zweite Symphonie von Ludwig van Beethoven, für die sich das Orchester – gegen die berühmte dritte, die „Eroica“ – entschied. Und das war ein wunderbarer Griff, denn da konnten wir vom ersten Einsatz des Orchesters hören, „wo der Bartel den Most holt“, um es flapsig auszudrücken. Denn von der Melodik, der Harmonik, der rhythmischen Energie, der ganzen Anlage her ist diese zweite Symphonie ein Wunderwerk, dem die Wilde Gungl mit ihrem Dirigenten Michele Carulli nichts schuldig blieb. In allen Stimmen, bei den wunderbar samtenen Streichern, den intensiven und sehr oft federführenden Bläsern bis hin zum energiegeladenen Paukisten, es entfaltet sich unter dem enormen leiblichen und seelischen Einsatz des Dirigenten eine Musik, die vor allem im himmlischen Larghetto-Satz einfach so schön und mitnehmend erklingt, dass der ganze Saal nicht nur atemlos lauschte, sondern zum Schluss seiner Begeisterung mit lauten Bravo-Rufen Ausdruck verlieh. Diese Begeisterung und Freude gab Michele Carulli dann höchstpersönlich an viele einzelnen Orchester-Musiker*innen weiter, was den Abend sehr persönlich abrundete.

Ceterum censeo… aber das sagte schon der alte Cato, als er auf Miss-Stände seiner Zeit angesprochen wurde. Ich sage jetzt nur: Münchner Feuilleton…?

[Ulrich Hermann, Februar 2019]

Nicht nur Pädagoge…

Emile Jaques-Dalcroze (1865-1950): Piano Music, Volume One – Alberto Maria Riva, Piano

Toccata Classics , TOCC 0473; EAN: 5 060113 444738

Émile Jaques-Dalcroze ist eigentlich als Begründer der Methode Jaques-Dalcroze, einer eurhythmischen und musikalischen Grunderziehung bekannt geworden, vor allem, als er 1911 in Dresden-Hellerau die Leitung des eigens dafür gegründeten Instituts übernahm. Bekannte Pädagogen wie Heinrich Jacoby und andere lehrten an dieser Einrichtung, von der aus Impulse bis in unsere Tage ausstrahlen.

Dass Jaques-Dalcroze aber selbst auch Pianist und Komponist, Dirigent und Bewegungserzieher war, ist nach wie vor weniger bekannt. Seine hier in erster Folge vorliegende Klaviermusik zeigt einen durchaus versierten Komponisten, der mit sehr eingängigen, zwischen Schumann und Spätromantik angesiedelten Stücken überzeugt. Es braucht einen versierten Klavierspieler, um diese durchaus auch virtuosen Kompositionen auszuführen. Sehr melodisch und überaus bewegt sind sie und lassen erkennen, dass ihr Schöpfer über ein sehr weit gefächertes musikalisches Interesse und umfassende Kenntnisse der Musikgeschichte verfügte. Wenngleich natürlich Beethoven’sche Tiefe oder auch Mozart’sche Heiterkeit nicht seine Sache sind.

Alberto Maria Riva hat sich vor allem bei Schweizer Komponisten umgetan, das Label Toccata ist ja bekannt dafür, auch abgelegene Bereiche der Musik an Licht zu holen. Und das nicht zuletzt macht auch den Wert dieser CD aus, die keinerlei Wünsche hinsichtlich Booklet oder Aufnahmetechnik übrig lässt.

Die Stücke sind zwischen 1891 und 1896 entstanden und bilden einen Teil des frühen Schaffens von Émile Jaques-Dalcroze, über dessen weiteren Werdegang das Booklet (leider nur in Englisch und Französisch) umfassend Auskunft gibt.

Auf weitere Ausgrabungen aus dem Œuvre dieses Schweizer Musikers und Pädagogen dürfen wir gespannt sein.

[Ulrich Hermann, Februar 2019]

Rückwärtsgewandte weibliche Symphonik

Chandos CHAN 20078; EAN: 095115207826

Äußerst liebevoll und sorgfältig erarbeitete sich das BBC Orchester aus Cardiff die beiden besten Symphonien der Dirigentin und Komponistin Ruth Gipps (1921-1999), die zeitlebens nicht nur dem Strom des Modernismus entgegenschwamm, sondern als Frau auch mit der männlichen Übermacht in den Musikinstitutionen Großbritanniens zu kämpfen hatte.

Ruth Gipps ist – verglichen etwa mit der irischstämmigen Kollegin Elizabeth Maconchy oder der schottischen Opernkomponistin Thea Musgrave – außerhalb Großbritanniens nahezu unbekannt geblieben. Als pianistisches Wunderkind geltend (mit elf spielte sie Saint-Saëns‘ g-Moll-Konzert), begann sie schon als Siebenjährige mit dem Komponieren, studierte dann vor allem bei Gordon Jacob und Ralph Vaughan Williams. Während des Zweiten Weltkriegs spielte sie Oboe im City of Birmingham Symphony Orchestra und machte sich auch früh als Dirigentin einen Namen, wobei sie stets darauf bestand, auf den Konzertplakaten abgebildet zu werden, was damals völlig unüblich war. Verletzungsbedingt musste Gipps später das Konzertieren als Pianistin aufgeben, verlegte sich ganz aufs Dirigieren, promovierte als Musikwissenschaftlerin und war lange Jahre eine gefragte Musikdozentin.

Bereits das erste nennenswerte Orchesterwerk, die knappe symphonische Dichtung Knight in Armour (nach Rembrandts „Mann in Rüstung“), wurde 1942 von Sir Henry Wood in der Last Night of the Proms aufgeführt – ein Tribut an die Kriegsereignisse etwa im Stil Sibelius‘. Ruth Gipps‘ gesamtes musikalisches Schaffen blieb konservativ; sie selbst sah sich in der Nachfolge von Vaughan Williams, Bliss und Walton. Ihre teilweise aggressiv vorgetragene anti-modernistische Haltung und ihre unverhohlene Homophobie machten es ihr in den 60er- und 70er-Jahren zudem bei einigen Entscheidungsträgern des britischen Musiklebens nicht gerade leicht. Gipps‘ 2. Symphonie von 1945 ist einsätzig, die reiche Melodik erinnert in ihrer Modalität sehr an altenglische Volkslieder – dass sie der zeitgenössischen Kritik als modern galt, erscheint dem heutigen Hörer geradezu unverständlich.

Ein ungewöhnlich schmerzliches Statement gibt die 4. Symphonie von 1972 ab. Bereits die Sekundreibungen in den Flöten gleich zu Beginn signalisieren, dass man sich hier auf schwankendem Boden bewegt; die Instrumentation ist meisterhaft atmosphärisch, die Harmonik farbig, aber düster. Im zweiten Satz dominieren Soloinstrumente – etwa Englischhorn – das thematische Material. Das rhythmisch irreguläre Scherzo überrascht durch 4 Hörner in der ungewöhnlichen Stimmung As, D, Fis, und B. Das Finale, wie der Kopfsatz ein Sonaten-Rondo, ist voller Stimmungsschwankungen, führt aber letztlich konsequent zu einem kraftvoll affirmativen Schluss. Das ist handwerklich alles wirklich äußerst gekonnt gemacht, aber eine persönliche Sprache wie etwa bei Walton oder Rubbra – wenn wir schon mal bei verkappten Spätromantikern bleiben – lässt sich kaum ausmachen. Angesichts dessen, was gleichzeitig von Maxwell Davies oder Birtwistle geschrieben wurde, ist Ruth Gipps‘ Musik tatsächlich völlig rückwärtsgewandt.

Das dies trotzdem unbestreitbare Qualitäten hat, zeigt die Neuaufnahme des BBC National Orchestra of Wales unter Rumon Gamba. Klanglich wird hier jedes schöne Detail sauber herausgearbeitet, die oftmals verschlungenen emotionalen Bögen erscheinen hingegen stellenweise ein wenig unvermittelt, was bei völlig unvertrautem musikalischem Material kaum verwundert. Vielleicht folgt der Dirigent hier auch etwas naiv einfach der Partitur, aber dennoch gelingt ihm ein völlig organischer, musikalischer Fluss mit überzeugend gewählten Tempi. Mir gefällt die Aufnahme überdies durch ihre aufnahmetechnische Frische und natürliche Dynamik. Der unbefangene Hörer mag dieser Entdeckung also zustimmen – zudem ist es an der Zeit, weiblichen Komponisten zumindest auf Tonträgern einen angemessenen Raum zu bieten.

[Martin Blaumeiser, Februar 2019]

Enttäuschende Etüden

Naxos, 8.573981; EAN: 7 47313 39817 1

Boris Giltburg spielt die 12 Études d’exécution transcendante von Franz Liszt, zudem finden sich auf der CD die Konzertparaphrase über Rigoletto (Verdi) und La leggierezza aus den 3 Études de concert, beide vom selben Komponisten.

Die bisherigen CDs von Boris Giltburg schufen bei mir ein gemischtes Bild von einem äußerst fähigen Pianisten mit enormer Technik und durchaus Aussagekraft, der sich jedoch oftmals zu wenig Mühe gibt, die Werke auch musikalisch zu ergründen. Manches, was ihm besonders am Herzen liegt, erklingt in hinreißender Ausführung, alles andere jedoch stellt in erster Linie die Virtuosität zur Schau. Mit seiner neuesten Veröffentlichung enttäuscht Giltburg jedoch vollkommen und spricht Liszts transzendentalen Etüden einen Großteil ihrer Musikalität ab.

Dies beginnt schon beim kurzen, aber kecken Preludio, welches Giltburg durch willkürliche Rubati deformiert, die sich – wie sich herausstellt – durch den ganzen Zyklus ziehen sollen. Lautere Dynamik scheint für den Pianisten automatisch auch schnellere Tempi zu bedeuten und leise Passagen werden bisweilen langsamer; diese „Gesetzmäßigkeit“ wird normalerweise jedem Laien in den ersten Jahren des Klavierunterrichts ausgetrieben. Auch Taktschwerpunkte geben Anlass genug für Giltburg, sie durch kleine Tenuti länger zu halten, wodurch die Musik plump und hinkend erscheint.

Bei Mazeppa schockiert etwas weiteres, das sich auch in anderen Etüden wie der Vision, in Ricordanza oder Harmonies du soir fortsetzt: In den herrlichen Umspielungen und Paraphrasierungen der Themen geht die Melodie verloren; Giltburg fokussiert sich alleinig auf die Zurschaustellung der virtuos-schwierigen Begleitungen. Der gesamte Formale Aufbau der Etüden leidet darunter. In Vision stellt sich der Tastenlöwe sogar gegen die eindeutige Anweisung von Liszt, denn als dieser für sein tiefes pochendes Motiv auf G „marcatissimo“ vorschreibt, hören wir das Motiv überhaupt nicht durch, sondern werden von raschen Läufen der rechten Hand geblendet.

Eine akzeptable Aufnahme liefert Giltburg lediglich von der namenloser Nr. 10 und von Chasse-neige, die tatsächlich ihre Leichtigkeit mit gleichzeitiger Rastlosigkeit vermittelt, welche sie so ausmacht. Dazu spielt bei beiden Etüden, das Giltburg die Pedalisierung meisterlich fein gestaltet und auf das Nötigste reduziert, um vollen Klang bei Klarheit der Linie zu ermöglichen. Feux Follets begehren zu schnell auf, um das Gespenstische und Irrlichthafte auszustrahlen, und selbst La leggierezza tönt zu mechanisch, um dem Titel gerecht zu werden. Bei den beiden ruhigen Etüden Paysage und Harmonies du soir vermisse ich die Ruhe und Gelassenheit, die schier unendliche Weite der Klangflächen sowie die Schlichtheit der Weisen.

Ein so gefragter Pianist wie Boris Giltburg sollte sich mehr Mühe geben, nicht nur, wenn er solch einen Meilenstein der Klavierliteratur wie Liszts Transzendentale Etüden aufnimmt. Ich verstehe, dass er gewissermaßen im Zwang steht, viel zu konzertieren und ebenso viel aufzunehmen, um dadurch im Fokus der Presse und Öffentlichkeit zu bleiben; aber zu viel Repertoire heißt auch, sich nicht voll auf ein Projekt konzentrieren zu können, weil fünf weitere bereits ins Haus stehen – und genau das wurde meiner Einschätzung nach dieser Einspielung zum Verhängnis. Denn Giltburg könnte, wenn er wollte.

[Oliver Fraenzke, Januar 2019]