Archiv der Kategorie: CD-Rezension

Das Repertoireproblem

7 Mountain Records, 7MNTN-015; EAN: 8 719325 404111

In ihrem Portrait von Lilith & Lulu spielen der Saxophonist Andreas Mader und der Pianist Christos Papandreopoulos „Lilith“ von William Bolcom und „Portrait of Lilith“ von Sam David Wamper, zudem zwei Nocturnes für Altsaxophon und Klavier von Nadir Vassena, die vier Stücke op. 5 von Alban Berg, welche ursprünglich für Klarinette besetzt sind, und schließlich Lied der Lulu (arr. Erwin Stein) und Variationen (Arr. Christos Papandreopoulos) aus Bergs Oper Lulu.

Es gibt wenig lohnenswerte klassische Literatur für das Saxophon, und das, obgleich das Instrument bereits 1840 von Adolphe Sax entwickelt wurde, um der Holzbläserfamilie ein neues Instrument zu geben, welches sich klanglich zwischen Klarinette und Oboe einfügt. Im Jazz erlebte das Instrument seinen Durchbruch, in der Klassik durchsetzen konnte es sich kaum: In der französischen Musik gibt es Beispiele bei Bizet, Françaix, Ibert und Ravel, in deutschen Musik findet es sich bei Strauss (Sinfonia domestica), Hindemith, und bei Alban Berg; zur Zeit des Nationalsozialismus‘ wurde es als entartet verboten. Der größte Teil des Saxophonrepertoires besteht aus modernistischen Werken, welche den unverbrauchten Klang für neue Effekte nutzen und den kräftigen Ton, insbesondere die sonore Tiefe, auskosten. Inhaltsstarke Beiträge finden sich vor allem in den nordischen Ländern, so beispielsweise von Lars-Erik Larsson (Konzert für Saxophon), Ketil Hvoslef (Konzert für vier Saxophone, Biblische Bilder für Chor und vier Saxophone, etc.), Anders Eliasson (Sinfonia concertante, Saxophonkonzert, Poem für Altsaxophon und Klavier), Kalevi Aho (Konzert für vier Saxophone) und Pehr Henrik Nordgren (Phantasme).

Die drei neuen Werke dieser CD können im Gegensatz zu den genannten nicht mithalten. Sie sprechen zwar durch ihre gemäßigt moderne Tonsprache an, haben aber keinen rechten innermusikalischen Zusammenhalt. Dies betrifft alle Werke in gleichem Maße. Sie wirken zusammengewürfelt aus kleinen Episoden, ohne dabei eine logische Entwicklung zu durchschreiten. Statt eines „Werdens“, wie es Furtwängler nannte, besteht der Inhalt der Musik aus vielen kleinen „Sein“-Bröckchen, die als unabhängige Stimmungen aneinandergereiht wurden. Zur konsequenten Ästhetik macht dies Sam David Wamper, dessen Portrait of Lilith bildhafte Züge erhält und dadurch konkreten Ausdruck besitzt, was den Hörer auch erreicht. Ebenso illustrieren die fünf Sätze von Bolcoms Lilith, wenngleich nicht so dezidiert und nicht so durchgehend, während Vassenas Nocturnes abstrakter sind und dadurch dem Hörer – ohne bildliche Vorlage und ohne „Werden“ – am wenigsten zugänglichsten erscheinen.

Das Problem an solch einer Musik ist, dass sie auch die ausführenden Musiker hinabzieht in die reine Momentwahrnehmung und Effektaffinität. Obgleich sich bei den beiden hier zu hörenden Musikern durchaus Talent abzeichnet, verfällt ihr Spiel in eine gewisse Gleichgültigkeit; schnell wird erkennbar, dass sie lediglich abbilden und eben nicht einen musikalischen Prozess in der Darbietung nachvollziehen und umsetzen. Das von Andreas Mader gespielte Saxophon besitzt hier noch den Vorteil, dass der Spieler durch den Atem in direktem Kontakt zum Ton steht, wodurch den Melodielinien noch Natürlichkeit und Lebendigkeit innewohnt; am Klavier funktioniert das nicht, entsprechend starr und kalt klingt die von Christos Papandreopoulos gespielte Partie. Das zieht sich sogar bis zu Berg, in dessen Lulu-Arrangement manch eine Passage unerträglich gehämmert und innerlich abwesend erklingt, Technik ohne Aussage.

[Oliver Fraenzke, Mai 2019]

Ausdruck puren Glücks

cpo 555 237-2; EAN: 7 61203 52372 6

Die Vorliegende CD stellt den zweiten Teil der Gesamtaufnahme aller Alfvén-Symphonien durch das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Łukasz Borowicz dar. Neben der 3. Symphonie op. 23 in E-Dur hören wir Bergakungen Orkestersvit (Suite aus: Der Bergkönig) op. 37 und die Uppsala Rhapsodie op. 34.

Hugo Alfvén schrieb die erste schwedische Symphonie, die sich in internationalen Konzertsälen etablieren konnte – noch vor seinen Kollegen Wilhelm Stenhammar und Wilhelm Peterson-Berger. Gerne angemerkt wird Alfvéns Meisterschaft der Instrumentation oder sein spätromantischer Stil unter Einbezug schwedischer Folklore. Was über all das vergessen wird, ist die Lebendigkeit und Leichtigkeit, die seine Musik verströmt. Allein durch die Inspiriertheit seiner Einfälle und die dadurch entstehende „Magie“ trägt der Komponist den Hörer selbst durch die längsten Formen. Der Hörer versteht sogleich die musikalischen Strukturen und kann dem Entstehen bewusst beiwohnen, eine gut dosierte Priese Effekthascherei lässt ihn dabei immer wieder aufhorchen und hält die Konzentration oben. Bildlichkeit und Lyrik in reinster Form durchziehen die Musik und halten sie auf der Waage zwischen konkret und abstrakt.

Die dritte Symphonie op. 23 soll kein architektonisches Meisterwerk darstellen, nicht die symphonische Form erneuern oder durch besonderen innermusikalischen Zusammenhalt beeindrucken – sie soll ausschließlich dem Glück Ausdruck geben, das Alfvén zur Zeit ihrer Skizzierung empfand, was ihr auch die sonnige Tonart E-Dur verlieh. Selbstverständlich geht die 40-minütige Symphonie weit über den Inhalt eines reinen Stimmungsbilds hinaus. Mit schlichten Mitteln spannt die Musik große Bögen über die Sätze und verbindet sie teils durch ähnliche Thematik. Zudem bezieht sie Elemente schwedischer Folklore mit ein, die im Rahmen dieses Werks nicht mehr der reinen Volksmusik zugeordnet werden können, andererseits aber auch nicht wie Kunstmusik wirken – was ihnen einen ganz eigenen Charme verleiht. Die Uppsala Rhapsodie op. 24 beinhaltet – ähnlich wie Brahms‘ Akademische Festouvertüre – verschiedene Studenten- und Trinklieder, Alfvén komponierte sie zur Gedächtnisfeier der Universität von Uppsala 1907 zum 200. Geburtstag des Botanikers Carl von Linné. In der Suite aus dem Ballett Der Bergkönig erwachen all die mythischen Figuren der nordischen Sagenwelt musikalisch zum Leben, die Trolle hüpfen und tanzen förmlich vorm inneren Auge. Die Suite gehört zu den feinsten und fragilsten Werken des Romantikers.

Die Bergkönig-Suite ist es auch, die das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin besonders beflügelt, der Musik so viel Farbe und Ausdruck wie möglich zu entlocken. Allgemein präsentiert das Orchester unter Führung von Łukasz Borowicz enorme Präzision und ist sowohl in den einzelnen Instrumentengruppen als auch zwischen ihnen minutiös abgestimmt. Mit dieser Genauigkeit meißelt Borowicz die einzelnen Linien aus der dichten Orchestration Alfvéns heraus und verleiht ihnen Kontur. So gelingt es dem Dirigenten, dass die Präzision nicht zum Selbstzweck degradiert wird, sondern die Massivität der Orchestration auflockert und aus ihr luzide Klänge hervorbringt. Bei der Uppsala-Rhapsodie verlässt sich das Orchester noch zu sehr allein auf die Wirkung der Musik, die Symphonie spornt die Musiker mehr an, als Gemeinschaft in ihr den Ausdruck des Glücks zu erforschen.

Schade bloß, dass die Aufnahmetechnik nicht mit der Interaktion der Musiker mithält, gerade die Tiefen verwässern und trüben sich ein durch unpräzise Klangdifferenzierung. Hier wurde wohl zu viel Aufmerksamkeit auf das Holz und die Geigen gelegt.

[Oliver Fraenzke, Mai 2019]

Fingerübung und Enzyklopädie

Cpo 555 169-2; EAN: 7 61203 51692

Vorliegende Doppel-CD beinhaltet alle 120 Präludien aus Carl Czernys Opus 300, der Kunst des Präludierens, gespielt von Kolja Lessing.

Klavierschüler kennen und fürchten Carl Czerny für seine schier nie enden wollende Vielzahl an stumpfen Fingerübungen, und dieses Bild hat sich bis heute in unsere Köpfe eingebrannt. Dahinter zurück bleiben teils bedeutende Werke aus seiner Feder wie die Klavierkonzerte oder zahlreichen Symphonien. Franz Liszt und Sigismund Thalberg wählten nicht umsonst Czerny als Lehrer: nicht die Virtuosität, sondern die dahinterstehende Kunst überzeugten sie.

Zu Czernys Lehrern wiederum zählten Ludwig van Beethoven, Muzio Clementi, Antonio Salieri und Johann Nepomuk Hummel, was auch die Vielfältigkeit seines Stils begründet. Czerny vermochte es, chamäleonartig zwischen den Klangwelten des Barocks, der Wiener Klassik und der beginnenden Romantik (bis hin zu Mendelssohn und Chopin) zu changieren, sie teils gar miteinander zu verschmelzen. In seinen größeren Werken erinnert er oftmals an die Musik von Hummel, die zwar vor virtuosen Höchstleistungen strotzen, welche allerdings nur selten dem reinen Selbstzweck dienen.

Als „musikalische Enzyklopädie in aphoristischer Konzentration“ beschreibt Kolja Lessing die Kunst des Präludierens op. 300 und vergleicht sie mit den etwa zur gleichen Zeit aufkommenden Wörterbüchern der Deutschen Sprache, vor allem demjenigen der Vorreiter Jacob und Wilhelm Grimm. Die Kunst des Präludierens aus der Feder Czernys umfasst insgesamt 120 Präludien, von denen viele nur wenige Sekunden dauern und manche sogar lediglich eine Modulation umspielen. Andere jedoch erstrecken sich über bis zu fünf Minuten (öfter jedoch zwei bis vier) und beinhalten ganze Kosmen en miniature, komprimierte Opernszenen inklusive Ouvertüre oder kurze Sonat(in?)ensätze. Czerny versetzt sich in die Rolle des musikhistorischen Beobachters und greift für seine Präludien gewisse Elemente vergangener Epochen heraus, barocke Sätze und Techniken, klassische Formen, frühromantische Verspieltheit und beginnende Erweiterungen der Tonalität. Oftmals winken uns Komponisten wie Bach, Mozart, Mendelssohn, Chopin und Paganini, teils wörtlich zitiert; manchmal ahnt man schon die späteren Techniken von Liszt vor.

Es gestaltet sich als schwierig, etwas Allgemeingültiges über dieses Sammelwerk zu sagen, da die Präludien nicht einheitlich zusammengehören, sondern die Vielfalt als Ästhetik sehen. Viele von ihnen dürften als reine Fingerübungen anzusehen sein, andere hingegen zeugen von inspiriertem Können. Ob nun die Kunst des Präludierens als Gesamtheit aufgenommen sich lohnt? Dies ist kaum zu beantworten: Eine kleine Auswahl der aussagekräftigen Präludien würde deren Präsenz besser unterstreichen und sie nicht in der Masse untergehen lassen; und doch offenbart uns der Blick auf die epochenübergreifende Stilvielfalt spannende Gegenüberstellungen, Kontraste wie Gemeinsamkeiten. Auch der Pianist Kolja Lessing schwimmt etwas in der Masse, kann die individuellen Merkmale der einzelnen Präludien nicht voll zur Geltung bringen. In den reinen Fingerübungen scheint er gar teils zu stolpern, während er den romantischen Präludien wenig Gefühl zu entlocken weiß. Lessing konzentriert sich auf die Wiedererkennbarkeit von Zitaten und dort blüht er auch auf, so beispielsweise im letzten Präludium mit der Quelle aus Bachs cis-Moll-Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier Band I; auch die opernhaften Figuren lässt er aus den instrumentalen Tönen auferstehen und holt Bellinis Flair aufs Klavier.

[Oliver Fraenzke, Mai 2019]

Ringen um die Musik

Genuin classics, GEN 19656; EAN: 4 260036 256567

Liv Migdal spielt Werke für Violine solo. Das Programm beginnt mit der Violinsonate Nr. 3 in C-Dur BWV 1005 von Johann Sebastian Bach; dieser folgt die Sonate in G op. 44 von Paul Ben-Haim, wonach Béla Bartóks Sonate für Violine Solo Sz 117 (BB 124) die CD beschließt.

Auf den ersten Blick scheinen diese drei Werke nichts miteinander zu tun zu haben: Bach lebte in etwa 200 Jahre vor Bartók und Ben-Haim, jene beiden trennte eine gewaltige Distanz von Amerika bis nach Palästina. Und doch sind sie eng miteinander verbunden, zusammengehalten vom Geiger Yehudi Menuhin. Bartók war hingerissen von Menuhins Darbietung der Bach’schen C-Dur-Violinsonate (und der seiner eigenen ersten Sonate für Geige und Klavier); und als dieser ihn später bei einem persönlichen Kennenlernen nach einem Werk für Geige solo fragte, orientierte er sich formal an den Gattungsbeiträgen von Bach. Formal lehnte Bartók sich an der C-Dur-Sonate an: inklusive einer Fuge, einer darauffolgenden langsamen Melodie und einem raschen Schlusssatz. Die Idee des Kopfsatzes „Tempo di ciaccona“ entnahm er der berühmten Chaconne aus der d-Moll-Partita. Eben diese Bartók’sche Sonate spielte Menuhin in Tel Aviv und beauftragte den anwesenden Komponisten Paul Ben-Haim nach dem Konzert mit einem eigenen Gattungsbeitrag. Die Uraufführung des Resultats fand wie acht Jahre zuvor auch die Premiere von Bartóks Solosonate in der Carnegie-Hall statt, nur zwei Monate nach Fertigstellung. Alle drei der gehörten Werke sind erfüllt von Schmerz und Verarbeitung, bilden eine Art innere Zuflucht: Bach hatte vor Vollendung seiner sechs Violinsoli seine Frau verloren, Bartók war nach Amerika emigriert und litt neben finanziellen Schwierigkeiten an seiner fortschreitenden Leukämie; und auch Ben-Haim war im zweiten Weltkrieg aus Deutschland geflohen, was bis in diese Sonate fortwirkte.

Eine enorme Offenheit der Musik gegenüber charakterisiert das Spiel von Liv Migdal, sie taucht ein in die Noten und ringt mit den daraus hervorgehenden Effekten. Dabei schont sie sich nicht, durchleidet die musikalischen Erlebnisse an sich selbst und strahlt das in ihrem Spiel aus, was sie in diesem Kampf wahrgenommen und gewonnen hat. Anstelle theoretischer Reflexion treten bei Liv Migdal tiefe Empfindungen, was sie als wahre und gelebte Musikerin auszeichnet.

In der Musik Bachs entdeckt Migdal eine durchgehende Zartheit, die sie feinfühlig aus der Musik hervorholt. Besonderes Augenmerk legt sie auf die Polyphonie und die sich oft in mehrere Stimmen auffächernde Melodielinie. Die einzelnen Stimmzweige setzt die Geigerin durch kleine Rubati voneinander ab, wobei sie aufmerksam darauf achtet, diese nicht zur Manier werden zu lassen. Das Largo nimmt sie wie auch die Melodia aus Bartóks Sonate in vorwärtsgehendem Tempo. Diese passen zu den technischen Gegebenheiten der CD und vermeiden somit ein Schleppen der Ruhepole, die im Konzertsaal auch deutlich langsamer noch ihre volle Wirkung entfalten würden. In Bartóks Violinsonate fokussiert Liv Migdal die enormen Kontraste, um den Hörer über diese für eine Sologeige erstaunlich lange Strecke von 27 Minuten zu tragen. Der erste Satz bildet einen in sich abgeschlossenen Kosmos, dem eine brachiale Fuge folgt, welcher Migdal in entsprechend aggressiver, vorwärtsdrängender, jedoch nie zügelloser Weise begegnet. Die Melodia entfaltet ihre volle Klangmagie und bringt die Zeit zum Stillstehen. Gespenstisch begegnet uns der Beginn des Finales, worauf sich eine trügerische Ausgelassenheit auftut, welche Bartók beinahe gezwungen erscheinen lässt – besonders hier wird Liv Migdals Ringen um die Noten deutlich bemerkbar und zahlt sich aus! Die Geigerin setzt sich schon lange für die kaum bekannte Musik von Paul Ben-Haim ein (geboren als Paul Frankenburger, doch nach seiner Emigration umbenannt in Ben-Haim, „Sohn des Heinrich“) und diese Zuneigung zu seiner Musik wird in jedem Ton spürbar. Hier holt Migdal die feinsten und zärtlichsten Töne hervor, umgarnt jede der hinreißenden Melodien und verschmilzt die westlich-europäische mit der orientalischen Klangwelt.

[Oliver Fraenzke, Mai 2019]

Drei Russen und das Cello

Hyperion, CDA68239; EAN: 0 34571 28239 8

Steven Isserlis und Olli Mustonen spielen Cellowerke von Dmitri Schostakowitsch, Sergei Prokofieff und Dmitri Kabalewski. Von Schostakowitsch hören wir die Cellosonate d-Moll op. 40 sowie das Moderato für Cello und Klavier, aus der Feder Prokofieffs erklingt die Ballade C-Dur op. 15 und sein Arrangement des Adagios „Cinderella und der Prinz“ op. 97bis, von Kabalewski spielen die Musiker die Cellosonate B-Dur op. 71 und das Rondo in Gedenken an Prokofieff op. 79.

Die drei Komponisten Dmitri Schostakowitsch, Sergei Prokofieff und Dmitri Kabalewski waren nicht bloß Zeitgenossen, es herrschte reger Austausch zwischen ihnen – eine Zeit lang wohnten sie gemeinsam mit anderen Tonsetzern im gleichen Haus. Sie alle durchlebten unter Stalins Herrschaft den selben Schrecken und alle drei wurden des Formalismus‘ angeklagt, was sie über Nacht zu personae non gratae machte. Ihr Empfinden jedoch drückten die drei je gänzlich verschieden aus, schrieben je in ganz unterschiedlichen und eigenen Stilen, ohne dass ein Einfluss der jeweils anderen spürbar wäre (vielleicht abgesehen von Kabalewskis Rondo in Gedenken an Prokofieff, doch selbst in diesem wirkt der Widmungsträger lediglich als Randerscheinung).

Von den aufgenommenen Werken setzte sich vor allem die groß angelegte Cellosonate Schostakowitschs durch, die durch den erzählerischen Gestus und die geschickte Handhabung der Form den Hörer gleich in ihren Bann zieht. Anders erging es der frühen C-Dur-Ballade Prokofieffs, von der der Komponist nicht ganz zu Unrecht sagte, das Publikum würde sie beim erstmaligen Hören nicht verstehen. Selbst war Prokofieff allerdings überzeugt von dem Werk (dessen Hauptthema er einem Kindheitswerk entlieh, welches er mit 11 skizzierte) und setzte sie regelmäßig auf seine Programme. Ebenso im Schatten weilt Kabalewskis Cellosonate, was nicht auf das Werk zurückgeführt werden kann, sondern eher auf die politische Unbeliebtheit des Komponisten, der sich zunächst dem Regime beugte und so die Kritik seiner Kollegen auf sich zog, und später nach den Formalismusvorwürfen gegen ihn doch seine Kollegen verteidigte, was wiederum vom Regime verspottet wurde. Heute kennt man Kabalewski vor allem als Komponist kleiner Kinderstücke voller Lebendigkeit, Witz und kecken Ideen vor allem harmonischer Art. Seine symphonischen Werke (unter anderem 4 Symphonien und 7 Solokonzerte!) sowie seine größer angelegte Musik wird beinahe überhaupt nicht aufgeführt. Die reife Cellosonate hebt sich von den anderen Titeln dieser CD wie allgemein aus dem Cellorepertoire ab durch ihre großartige und vor allem genuine Behandlung des Cellos, dessen Stärken ausgekostet werden; die Musik schmeichelt dem Klang des Cellos und vermeidet bewusst solche Passagen, die auf dem Instrument kratzig oder quietschig klingen, wie sie die meisten Komponisten unbeirrt einsetzten. Abgerundet wird das Programm laut Steven Isserlis mit drei „Hobelspänen“ aus der Werkstatt der Meister, von denen besonders Prokofieffs Eigenarrangement des Adagios aus Cinderella hinreißenden Charme besitzt.

Musikalisch divergieren Steven Isserlis und Olli Mustonen deutlich: Isserlis nimmt seine Cellopartien hochexpressiv und dramatisch, während Mustonen vorwiegend nüchtern bleibt, seinen Anschlag prägnant hält. Beide Musiker brillieren durch Präzision und technische Meisterschaft, wirkliche Durchdringung des musikalischen Inhalts spüre ich jedoch keine, weshalb gerade die längeren Sätze schnell bröckeln und den Hörer auf der Strecke lassen. Überzeugen können entsprechend die raschen, technisch anspruchsvollen Sätze bei Schostakowitsch und Kabalewski, die auch ohne tieferes Verständnis ihre Wirkung nicht verfehlen; weniger begeistert dafür die Prokofieff-Ballade und der Kopfsatz von Schostakowitschs Sonate. Klangmagie entfalten die Musiker im Adagio aus Cinderella und auch das Moderato für Cello und Klavier von Schostakowitsch lockt durch ansprechende Schlichtheit.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Fängt gerade erst an…

Christoph Graupner (1683-1760): Das Leiden Jesu, Passion Cantatas III

Solistenensemble Ex Tempore, Barockorchester Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick

Cpo, CD 555 230 2; EAN 7 61203 52302 3

Wer war Christoph Graupner? Der Komponist am Darmstädter Hof, der etwa 2.000 Werke schrieb, Opern, weltliche Kantaten, 113 Sinfonien, 44 Solokonzerte usw., usw… Seine Neuentdeckung begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ist noch längst nicht abgeschlossen. Verdienstvoll, dass seine Musik auf mehreren CDs vorliegt, cpo ist wieder federführend, auch diesmal. Die Musik fesselt von ersten bis zum letzten Ton, sowohl von ihrer Melodik als vor allem durch das klangliche und instrumentale Spektrum. Darmstadt war damals eines der wichtigsten und renommiertesten Zentren für die zeitgenössische Musik. Bekannte und berühmte Solistinnen und Solisten kamen an den Hof, Graupner fand also für seine musikalischen Utopien auch die entsprechenden Musiker, auch wenn er gerne nach Leipzig als Nachfolger von Johann Kuhnau gekommen wäre. Sein Dienstherr erlaubte das nicht, was für Darmstadt eine ganz besondere Blüte bedeutete.

Die Aufführung dieser drei Passionen ist vorbildlich. Nicht nur, was die Solistinnen und Solisten, das Orchester und den Chor angeht, auch Florian Heyerick, der Leiter – vielbeschäftigt und in mannigfachen Funktionen unterwegs – überzeugt durch die Bank in allen Ausdrucksbereichen. Das Hören dieser angeblich so unzeitgemäßen Musik ist gerade im durch Bach’sche Passionen überreich eingeengten Repertoire eine hervorragende Ergänzung und Entdeckung.

Vielleicht gelingt es sogar, einiges aus Graupners Opernschaffen wieder einmal auf die Bühne zu bringen und auch da die Programme zu erweitern?

Zwar verfügte Christoph Graupner, dass alle seine Kompositionen nach seinem Tod vernichtet werden sollten, allein seine Erben setzten in einem jahrelangen Rechtsstreit durch, dass heute fast alle seine Werke in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt erhalten sind. Wir dürfen also gespannt sein auf weitere großartige Entdeckungen.

[Ulrich Hermann, April 2019]

Was ist besser als ein Orchester?

Sonntags-Matineee der Kammerphilharmonie dacapo München am 14. April 2019 im Herkulessaal: Mozart, Mendelssohn, Brahms

Was ist besser als ein Orchester? Natürlich deren zwei. Vor allem, wenn damit nicht nur die Musik, sondern auch der kulturelle und persönliche Austausch zwischen so weit entfernten Ländern wie Taiwan und Deutschland gefördert wird. Und so saßen beim sonntäglichen Konzert der Kammerphilharmonie dacapo nicht nur die hiesigen Musikerinnen und Musiker auf der Bühne, auch Spielerinnen und Spieler eines Taiwanesischen Orchesters aus Kaohsiung verstärkten die Besetzung.

Zuerst – welch ein Beginn eines vollbesuchten Sonntagskonzertes – erklang mit dem jungen Jernej Cigler aus Slowenien als Hornsolist das vierte Hornkonzert in Es-Dur KV 495 von W.A. Mozart, delikat begleitet vom Streichorchester der Kammerphilharmonie DaCapo und ihrem Dirigenten Franz Schottky. Zu den sehr ansprechenden Eigenheiten diese Konzertreihe gehört – wie üblich – die Begrüßung und eine kurze Einleitung des Programms durch Franz Schottky, der auch die beiden Solisten des Tages und die Gäste aus Fernost vorstellte und begrüßte. Natürlich kennt „man“ die Mozartschen Hornkonzerte, obwohl sie seltener im Programm stehen als es diese wunderbare Musik verdient, aber das leibhaftige Erleben ist dann doch wieder einmal etwas ganz Eigenes. Vor allem, wenn der Solist so überzeugend seinen Part vertritt wie es Jernei Cigler in den drei Sätzen tat. Besonders schön gelang der langsame zweite Satz, die Romanze.

Als zweites Konzert stand jenes berühmte Violinkonzert in e-Moll op. 64 auf dem Programm. Der junge Augsburger Simon Luethy spielte auf seiner Gaglino Geige mit dem Satori-Bogen dieses bei allen Geigern hochgeschätzte Stück mit souveräner Meisterschaft, begeisterte Publikum und Musiker gleichermaßen mit seiner uneitlen und hochmusikalischen Präsenz, die dem Orchester Anlass bot, das „Silbertablett“ seiner Begleitkunst zu präsentieren. Auch hier wieder gelang der langsame zweite Satz, das Andante, ganz besonders schön und innig, aber auch der Virtuosität des ersten und dritten Satzes bleiben Solist und Orchester nichts schuldig. Großer Beifall und als Zugabe eine Paganini Caprice Nr. 3 .

Nach der Pause – noch einmal vergrößerte sich das gemeinsame Orchester für die vierte Symphonie von Johannes Brahms in e-Moll. Für Arnold Schönberg begann mit dieser – Brahms letzter – Symphonie das Zeitalter der Neuen Musik, wie Franz Schottky zu Anfang erwähnte. Und wirklich zeigen diese vier Sätze ein Kompendium der rhythmischen und melodischen, neue Klänge schaffenden, sowie polyphon-verarbeitenden Meisterschaft des 52-jährigen Komponisten, sie ist vor allem im letzten, vierten Satz ein absolutes Novum der bisherigen Musikgeschichte. Brahms verwendet hier, ausgehend von einem Bach‘schen Thema eine bis dahin nicht symphonisch verwendete Variationsform, die weit in die Zukunft deutet. Das Orchester lief zu Hochform auf, Bläser und Streicher, Pauken und Schlagzeug ebenfalls und unter der Stabführung von Franz Schottky erblühte dieses letzte Meisterwerk des Johannes Brahms in Gelassenheit voller Energie vom ersten bis zum letzten Ton. Wie modern und faszinierend auch heute noch diese Musik ist und berührt, zeigte der enthusiastische Beifall, der dem Orchester und seinen besonders geforderten Solistinnen und Solisten gebührte.

Ceterum censeo… Ein viel zu wenig beachtetes, jedoch beachtenswertes Orchester! Aber das Nichtbeachten ist ja leider beim heutigen Münchner Feuilleton schon Usus.

[Ulrich Hermann, April 2019]

Russische Klaviermusik

Evidence classics, EVCD048; EAN: 5 051083 124379

Der 1995 in Paris geborene Pianist Jean-Paul Gasparian präsentiert auf seiner zweiten CD Werke russischer Komponisten. Er spielt die Études-Tableaux op. 39 von Sergei Rachmaninoff, die zweite Klaviersonate op. 19 sowie Trois Études op. 65 von Alexander Scriabin und Sergei Prokofieffs zweite Klaviersonate d-Moll op. 14.

Zwar unterscheidet sich die Musik von Rachmaninoff, Scriabin und Prokofiev grundsätzlich in ihrer Intention und ihrer Wirkung, doch sie warten mit ähnlichen Gefahren für den ausführenden Musiker auf. Alle drei Komponisten sind recht dankbar für den Pianisten, was bedeutet, dass sie bei der Darbietung kaum so sehr verstümmelt werden können, dass ihre überbordende Wirkung komplett verloren ginge. Doch eben dadurch geben sie sich dem Pianisten gegenüber auch undankbar, denn genau auf dem schmalen Grad zwischen Effekt und tatsächlichem musikalischen Inhalt trennen sich die rein technikaffinen Musiker von denen, die weiter- und der Musik auf den Grund gehen.

Gasparians Spiel zeichnet sich durch eine Frische und Lebendigkeit aus, die vielen älteren Kollegen fehlen oder die ihnen verlorenging. Obgleich er sich gerne auf gewisse Grundstimmungen verlässt, geht er auch mit der Musik mit und erkundet sich auftuende Änderungen der Atmosphäre; mit diesen platzt er nicht sogleich heraus, sondern bringt sie dem Hörer allmählich und mitvollziehbar näher.

Rachmaninoff verleiht er eine angenehme Süßlichkeit, die dem persönlichen Weltschmerz des Komponisten schmeichelt, ohne ihn überzustrapazieren. Gasparian gelingt es, flächige Passagen oder Stücke in der schwebenden Spannung zu halten, so wie die zweite Rachmaninoff-Etüde, bei welcher der Pianist den Reiz aus der verschobenen Rhythmik zieht. Manche der heute so oft anzutreffenden „Pianistin-Krankheiten“ in Form von Manierismen zeigen sich bei Jean-Paul Gasparian nur in den kargeren Strukturen wie der 7. Und 9. Etüde aus dem Opus 39: Hier bemerkt der Hörer schnell, dass die Rubati stets mechanisiert gleich an den selben Stellen und Motiven auftauchen, und, dass das Tempo ohne erkennbaren Grund deutlich schwankt – selbiges im ersten Satz der Scriabin-Sonate, in welcher sich das Tempo zwischenzeitlich sogar in etwa verdoppelt! Abgesehen davon hält Gasparian die Sonate allerdings gut zusammen und trägt den Hörer auch über die schwierig zu realisierenden Generalpausen des Anfangs und die über lange Konturlosigkeit des zweiten Satzes hinweg. Scriabins drei Etüden op. 65 erforschen je ein bestimmtes Intervall: Die große Non, die große Sept und die reine Quint. Die dadurch entstehenden eigenwilligen Harmonien hebt Jean-Paul Gasparian hervor, wodurch es ihm sogar gelingt, in einer Art „Gewöhnungseffekt“ die Dissonanzen beinahe zu Konsonanzen werden zu lassen. (Gleiches versuchte Scriabin mit der kleinen Sept bereits in seinem frühen Präludium op. 11/2.) Besonders gelungen hören wir auf dieser Aufnahme die zweite Prokofiev-Sonate: Gasparian entsagt jeder Art von brachialen Akkordentladungen, gedroschenen Läufen oder Effekthascherei, er bleibt weich, durchlässig und verleiht auch diesem Komponisten eine angenehme dolce-Note – eine erfrischende Gegendarstellung zu den meisten Darbietungen des Werks, in der wir auch einmal eine ganz andere Seite von Prokofiev wahrnehmen, welche so oft verborgen bleibt.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Mendelssohn mit Bewusstsein

Chandos, Chan 20122(2); EAN: 0 95115 21222 6

Für Chandos nimmt das Doric String Quartet, bestehend aus Alex Redington, Jonathan Stone, Hélène Clément und John Myerscough, alle Streichquartette Felix Mendelssohns auf. Der vorliegende erste Teil dieser Aufnahme beinhaltet auf zwei CDs die Quartette op. 12 Es-Dur, op. 44/3 Es-Dur und op. 80 f-Moll.

Neben Mozart zählt Felix Mendelssohn wohl als bekanntestes Wunderkind der Musikgeschichte: Seit frühester Kindheit an lauschte er den Kammermusikkonzerten im Wohnzimmer seiner Familie und begann schnell, selbst zu komponieren. Später verbannte er die meisten Kompositionen dieser Zeit in die Schublade: Mittlerweile wurden sie entdeckt und zumindest zu großen Teilen gespielt und aufgenommen. Dazu gehören neben den zwölf heute recht populären Streichersymphonien mehrere Instrumentalkonzerte mit Streicherbegleitung und eine Vielzahl vorzüglicher Kammermusikwerke, unter anderem ein mit 14 Jahren komponiertes Streichquartett und zahlreiche Fugen für diese Besetzung.

Zu Lebzeiten publizierte Mendelssohn sechs Streichquartette (opp. 12, 13, 44/1-3, 80), Funde von Skizzen und Stücken für diese Besetzung könnten auf die Arbeit an einem siebten schließen lassen. Orientieren sich die ersten fünf Quartette formal noch an Beethovens Gattungsbeiträge (wenngleich natürlich in unverkennbar eigenem Stil), so geht Mendelssohn mit seinem op. 80 in f-Moll gänzlich andere Wege. Dieses Werk entstand in tiefer Depression nach dem unerwarteten Tod seiner Schwester Fanny Hensel und verarbeitet den Schicksalsschlag innig, aufwühlend und expressiv, gespickt mit Dissonanzen und herben Tremoli, suchend statt findend. Mendelssohn selbst bezeichnete es als Requiem für Fanny, doch es sollte zugleich sein eigenes werden; das Streichquartett war Mendelssohns letztes fertiggestelltes Werk.

Die Aufnahmen des Doric String Quartets fallen auf durch die unnachgiebige Kraft ihrer musikalischen Aussage. Was die Musiker spielen, das meinen sie auch. Sie versuchen nicht, Mendelssohn in eine Kategorie einzuordnen, ihn wie Beethoven darzustellen oder in eine Romantiker-Schiene zu bringen, sondern erkunden den persönlichen Stellenwert dieses Komponisten. Die Quartette opp. 12 und 44/3 erhalten dabei strahlenden Glanz und kernige Linien, op. 80 sticht durch geheimnisvolle Zwischenklänge und extreme Kontraste hervor. Besonderes Augenmerk legt das Doric String Quartet auf die Klarheit der Polyphonie und auf das ‚Concertieren‘, Wetteifern, der Instrumente: Oftmals instrumentiert Mendelssohn die vier Streicher so, dass einer gegen die drei anderen antreten muss, was jedoch immer anderen innermusikalischen Gründen entspringt.

Die Musiker des Doric String Quartets haben ein Gespür dafür entwickelt, wo in der Musik sie sich gerade befinden. In den Finalsätzen ist dies noch nicht so deutlich ausgeprägt, umso mehr dafür in den großformatigen Kopfsätzen, wo sie den Hörer von der ersten bis zur letzten Note geleiten; dabei ist ihnen stets bewusst, was bereits passierte und was noch geschehen wird – eine außerordentlich seltene Fähigkeit für heutige Musiker!

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Orchestermusik vom „spanischen Mozart“

Chandos, CHAN 20077; EAN: 0 95115 20772 7

Juanjo Mena leitet das BBC Philharmonic mit Orchesterwerken von Juan Crisóstomo de Arriaga. Wir hören die Ouvertüre zu „Los esclavos felices“ (Die glücklichen Sklaven), die Ouvertüre D-Dur op. 20 und die Symphonie à grand orchestre d-Moll sowie die zwei von der Sopranistin Berit Norbakken Solset unterstützten Werke: Die Kantate Herminie und die Arie aus der Oper Médée ‚Hyman! Viens dissiper une vaine frayeur‘.

Wir können nur erahnen, welch großartige Musik uns Juan Crisóstomo de Arriaga noch hinterlassen hätte, wäre er nicht wenige Tage vor seinem zwanzigsten Geburtstag an einem Lungenleiden gestorben. Sein früher Tod und die dennoch ausgesprochen reife Musik des Komponisten haben ihm später den Beinamen „spanischer Mozart“ verliehen; nach seiner ersten Wiederentdeckung durch seinen Großneffen Emiliano de Arriaga rankten sich regelrecht Mythen um Leben und Schaffen des Wunderkindes. Belegt ist heute, dass er nach ersten Versuchen als Geiger und Komponist nach Paris zog, um sich gründlich ausbilden zu lassen. Dort studierte er bei Fétis und später bei Baillot, wurde allem Anschein nach aber auch maßgeblich von Luigi Cherubini unterstützt, wodurch er die Musik Beethovens kennenlernte, was ihn zu seinen drei Streichquartetten anregte.

Das früheste Werk dieser CD ist die Ouvertüre in D-Dur, auf deren Titelseite der damals 15-jährige Arriaga sogar vermerkte, dass er sie ohne das Wissen um Harmonielehre komponierte, die anderen Werke schrieb oder revidierte er in Paris. Herminie sollte das letzte fertiggestellte Werk des Komponisten werden.

Juanjo Mena beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Schaffen des ‚spanischen Mozarts‘, so wirkte er beispielsweise an der 2006 von Christophe Rousset veröffentlichten kritischen Edition des Gesamtwerks von Arriaga mit. Hier erleben wir ihn als einfühlsamen und präsenten Dirigenten erster Güte. Aufmerksam tastet er sich in Arriagas Klangwelt hinein und holt genau das aus den Partituren heraus, was sich auch in ihnen befindet. Er verzichtet auf jede Art der Zurschaustellung oder willkürlichen Interpretation zugunsten einer lebendigen und damals wie heute aktuellen Darstellung der Musik. Das BBC Philharmonic hält er als Einheit zusammen und meißelt selbst die subtil-unauffälligen Nebenstimmen zum Gesamtbild passend aus dem Orchester heraus: Sie gehen weder unter, noch stören sie die Hauptstimme; sie fügen sich ein und bereichern das Geschehen. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Sopranistin Berit Norbakken Solset, die durch ihre weiche Stimme und den anschmiegsamen Tonfall ideal zu der farbenreichen wie ausdrucksstarken Musik Arriagas passt. In Herminie präsentiert sie unprätentiös und leichtfüßig die Flexibilität ihrer Stimme, von samtig bis durchschlagend kräftig, jedoch immer kontrolliert und auf das Orchester angepasst.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Licht und Schatten bei Widmann

Wergo WER 7369 2; EAN: 4010228736922

WERGO hat mit „Polyphone Schatten“ und dem „Dritten Labyrinth“ zwei im Abstand von zwölf Jahren entstandene Orchesterwerke des Münchners Jörg Widmann in exemplarischen Aufnahmen herausgebracht. Im ersten Stück übernehmen der Komponist an der Klarinette und der Bratscher Christophe Desjardins die Solopartien. Sarah Wegener ist die Sopranistin des „Dritten Labyrinths“. Die Leitung des WDR Sinfonieorchesters liegt in den Händen von Heinz Holliger bzw. Emilio Pomárico.    

Jörg Widmann hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten sowohl als Klarinettist von Weltrang wie als Komponist einen Namen gemacht. Seine Fähigkeiten als Dirigent darf man noch anzweifeln (siehe Kritik des Musica viva Konzerts vom 29.9.2017, in dem u.a. das Dritte Labyrinth erklang). Auf der vorliegenden CD dirigieren zum Glück zwei erfahrene Experten, die in Widmanns Partituren noch das kleinste Detail hörbar machen.

Beide hier eingespielten Stücke gehören jeweils einem Zyklus an: Polyphone Schatten von 2001 ist Teil II der Lichtstudie; und hier werden Klänge in der Tat wie Skulpturen behandelt, die unter verschiedenen Perspektiven und Beleuchtungen letztlich nicht greifbare Charaktere herausbilden. Das Stück wirkt trotz der großen Orchesterbesetzung – allerdings ohne Oboen, Fagotte und Violinen – durchgehend kammermusikalisch und die beiden Solisten glänzen mit faszinierend virtuoser Mikrotonalität, spannend und unheimlich zugleich. Heinz Holliger umwölkt dies mit großer Sensibilität.

Das Dritte Labyrinth (2013/14) gehört mit fast 47 Minuten zu Widmanns umfangreichsten Instrumentalkompositionen – und es weist Längen auf, die von der Substanz her kaum gerechtfertigt erscheinen. Die vom Zuschauerraum aus schließlich aufs Podium „wandelnde“ Sopranistin bringt sich mit Textfragmenten aus Nietzsches Klage der Ariadne sowie Jorge Louis Borges Das Haus der Asterion in das allzu sehr von Geräuschhaftem – wenngleich hochdifferenziert – dominierte Klangbild der Partitur ein. Sarah Wegener setzt die chimärenhaften Facetten stimmlich mutig um, bleibt dennoch emotional äußerst blass. Das Werk insgesamt stellt aber nicht nur eine imaginäre Mann-Frau-Beziehung dar, sondern auf einer weiteren Metaebene das Labyrinth, das Jörg Widmann während jedes Kompositionsprozesses zu durchschreiten hat. Zu Recht verglich er die sich durch marginalste Entscheidungen neu eröffnenden Wege mit dem Film Lola rennt. Diesen Aspekt unterschlägt der ansonsten höchst informative Booklettext von Pia Steigerwald.

Emilio Pomàrico und sowie der sensationell guten Tontechnik des WDR gelingt hier eine mustergültige Darbietung, die die unvorstellbare Dichte an verschiedensten, oft ungewöhnlichen Spielanweisungen ernst nimmt und über Strecken auch kontrastreich in einen gewissermaßen musiktheatralischen Kontext zu stellen weiß. Dennoch entsteht hier, und das ist bei Widmann ja geradezu Programm, keinerlei Teleologie. Der Hörer bekommt niemals auch nur eine Ahnung davon, wie es an der nächsten „Ecke“ weitergehen könnte – was leider schnell ermüdend wirkt. Davon einmal abgesehen verdient diese CD eine eindeutige Empfehlung, gerade weil Widmanns Detailfülle im Konzertsaal allein akustisch kaum so präzise zu erfassen sein dürfte.

[Martin Blaumeiser, April 2019]

Philosophisch-meditative Sonaten

NEOS, 11805-07; EAN: 4 260063 118050

„Hommage à Horațiu Rădulescu“ beinhaltet auf drei CDs das gesamte Klavierwerk des rumänisch-französischen Komponisten, gespielt von Ortwin Stürmer. Wir hören das Klavierkonzert „The Quest“ op. 90, die sechs Klaviersonaten opp. 5, 82, 86, 92, 106, 110 und die frühe Omaggio a Domenico Scarlatti op. 2. In „The Quest“ wird Stürmer unterstützt vom Frankfurt Radio Symphony Orchestra unter Lothar Zagrosek.

Der in Bukarest geborene und später nach Frankreich gezogene Komponist Horațiu Rădulescu gilt als einer der Erfinder des Spektralismus‘ in der Musik. Bereits zu Studienzeiten interessierte er sich dafür, einzelne Klänge aufzuspalten und die darin enthaltenen Mikrokosmen zu erforschen. Um dies zu bewerkstelligen, wendete Horațiu Rădulescu sich bald von herkömmlichen Temperierungen und Notationssystemen ab, differenzierte dynamische Abstufungen weiter aus und versuchte, neuartige Klangfärbungen zu realisieren. Der Komponist basierte viele Stücke rein auf bestimmte Obertöne eines einzelnen Tons, kombinierte sie und ließ teils sogar die Instrumente nach ihnen stimmen.

Die Musik Horațiu Rădulescus ist nicht zuletzt philosophischer Natur mit gewissen theosophischen Grundlagen. Entsprechungen seiner Vorstellung fand der Komponist in den Aphorismen des Tao Te Ching, das Lao tzu zugeschrieben wird. Diese Lehre, aus der unter anderem die Grundlagen von Yin und Yang sowie die des Qigong hervorgehen, setzt das Weiche über das Harte und Starre, das Leichte vor das Schwere. Viele seiner Werke überschrieb Horațiu Rădulescu mit einem Zitat aus dem Tao Te Ching und versuchte, ihren philosophischen Gedanken in die Musik zu übertragen.

Zur Bekanntheit von Horațiu Rădulescu trugen wesentlich die lobenden Worte von Olivier Messiaen bei, die ihn als einen der kreativsten Komponisten der jüngeren Generation preisten. Als Musiker setzte sich der Pianist Ortwin Stürmer für die Verbreitung seiner Musik ein. Die beiden lernten sich 1990 kennen und Stürmer regte Rădulescu dazu an, seine zweite bis vierte Klaviersonate sowie das Klavierkonzert „The Quest“ zu komponieren.

Auf drei CDs spielte Ortwin Stürmer nun das gesamte Oeuvre für Klavier von Horațiu Rădulescu ein, welches aus dem Klavierkonzert „The Quest“ op. 90, sechs Klaviersonaten opp. 5, 82, 86, 92, 106, 110 und der frühen Omaggio a Domenico Scarlatti op. 2 besteht. Im Klavierkonzert bekommt Stürmer Unterstützung durch das Frankfurt Radio Symphony Orchestra unter Lothar Zagrosek.

Wir hören eine Musik von größter Ruhe und Meditation, die schlichte Motive und in den späten Werken auch rumänische Volksweisen durchexerziert. Sie werden in ihre elementaren Bausteine zersetzt und jeder davon nach Möglichkeit noch weiter aufgespaltet, minutiös erforscht und wieder zusammengebaut. Von den mathematischen Überlegungen in Horațiu Rădulescus Systemen bekommt der Hörer nichts mit, dafür umso mehr von den philosophischen Anhaltspunkten, die sich durch die langwierige Entwicklung nicht offenkundig aufdrängen, sondern allmählich ins Bewusstsein rücken. Klanglich setzt sich die Musik deutlich von den Avantgardisten der Zeit ab, evoziert eher Parallelen zu den Klangwelten derjenigen, die heute als frühe Postserialisten eingeordnet werden; so wie beispielsweise Einojuhani Rautavaara, wenngleich in dessen Musik die Entwicklung deutlich voranschreitet, während sich bei Rădulescu vor allem meditative Zustände einstellen. Ortwin Stürmer nimmt die Klaviermusik des Rumänen mit größter Sorgfalt und Ruhe, lässt den Keimzellen Zeit, sich zu entwickeln. Die enge Verbindung zwischen Pianisten und Komponisten wird bis hin zum philosophischen Aspekt spürbar. In allen Dynamikbereichen schattiert Stürmer minutiös sorgfältig ab und gibt gleichzeitig Einblick in die verschiedenen Ebenen, die parallel in der Musik ablaufen. Mit seiner Einstellung steckt Stürmer auch das Frankfurt Radio Symphony Orchestra unter Lothar Zagrosek an, das zwar nicht das tiefe Verständnis und die Intensivität des Pianisten vorweisen kann, sich aber doch mit allen Mitteln bemüht, der Musik ihren Reiz zu entlocken und sich in der gegebenen Probenzeit den Anforderungen dieses eigenwilligen Konzerts zu stellen.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Vom Unbekannten bis zur „Symphonie Classique“

„Symphonie Classique“ betitelt das Orchester der Akademie St. Blasius ihr erstes Abokonzert des Jahres am 7. April 2019 im Haus der Musik Innsbruck. Auf dem Programm steht „Orakel“ für Streichorchester von Günter Zobl, das Konzert für Klavier und Streicherorchester op. 136 von Alfred Schnittke mit dem Solisten Michael Schöch, Alexander von Zemlinskys „Waldgespräch“ mit der Sopranistin Susanne Langbein sowie Joseph Haydns Symphonie D-Dur Hob. I:104, die „7. Londoner“. Geleitet wird das Orchester von Karlheinz Siessl.

Werke aus vier Jahrhunderten umfasst das Programm des Orchesters der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl. Die Musiker haben es sich zur Aufgabe gemacht, aufgeschlossenen Hörern auch unbekannte Musik näherzubringen und lebende Komponisten aus Tirol zu fördern.

Eröffnet wird das Programm vom fünfsätzigen Streichorchesterstück Orakel von Günter Zobl. Der Komponist erforscht das Suchen und das Ambivalent-Rätselhafte, wozu er herbe Kontraste und unterschiedliche Techniken verwendet. Rhythmisch aufreibende Passagen wechseln sich mit weittragenden Melodien ab. Im Präludium tauchen moderne Streichertechniken auf, die eine surreale Atmosphäre schaffen, in welche die folgenden zwei Sätze wie Träume hineintreten; große Linien und ein sonor reibender Streicherklang – der recht nordisch wirkt – öffnen den Raum. Es folgt ein rascher Basso ostinato, mit dem die hohen Streicher spielen und hinreißende Ideen präsentieren. Und schließlich führt ein ruhiger Satz die Musik zu einem Ende, wenngleich sie nicht wirklich abschließt, sondern auch in der Stille noch sucht, anstatt gefunden zu haben.

Alfred Schnittkes zweites Klavierkonzert op. 136 ist ein Meisterstück der Polystilistik, das trotz unterschiedlichster Einflüsse und streng durchdachten Aufbaus doch rein musikalischer Erfindungsgabe entspringt. Ungekünstelt und intuitiv passen sich die Fragmente und Melodiesplitter zusammen und das Werk gibt als Gesamtheit Sinn. Die Streicher bestechen durch hoch expressiven Klang, Sensibilität für die Vielseitigkeit und durch ihre ausgesprochen schnellen Wechsel zwischen den unterschiedlichen musikalischen Welten. Michael Schöch dagegen steht da wie ein Felsen in der Brandung: Alles um ihn herum explodiert vor Ausdruck und Innigkeit, während er davon unbeeindruckt nüchtern, fokussiert und gebändigt bleibt. Als Zugabe des Solisten gibt es noch Haydn, der durch überhaspeltes Tempo seine Konturen und sogar die Gestalt seines Hauptthemas verliert – hier war wohl die Freude nach dem siegreich bestrittenen Klavierkonzert übergroß.

Die Musik Zemlinskys steht nach wie vor im Schatten von Mahler, von Strauss und später auch von Schönberg, dabei birgt sie so viel Eigenes! Die Orchestration Zemlinskys ähnelt zwar durchaus derjenigen seiner genannten Kollegen, unterscheidet sich aber doch durch eine gewisse träumerische Note (nicht bloß im Traumgörge) und einen zarten Schleier, der gezielt manche Konturen verwischt. Im „Waldgespräch“ fügt er dem Streichorchester noch zwei Hörner und Harfe hinzu, Eichendorffs Text vertraut er einem opernhaften Sopran an. Die Harfe sorgt für den Schleier, während die Hörner den Text in zwei Sinngruppen gliedert: Das Schöne, Heroische inklusive dem Jagdaspekt gegen das Düstere, Gespenstische und Suchende der Hexensphäre. Wir erleben nun ganz andere Klangwelten des Orchesters der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl, sensibel auf die Empfindsamkeit des Stücks eingehend, ertasten die Musiker die beiden Sinngruppen und erfüllen sie jeweils mit Leben. Susanne Langbein präsentiert eine facettenreiche und ausdrucksstarke Stimme, die sich von beinahe rezitierten mühelos bis in durchdringend kräftige Passagen aufschwingen kann und genau so leichtfüßig wieder hinabsteigt. Der Text bleibt zwar nicht durchgehend verständlich (was bei Zemlinsky eh eine Kunst für sich ist), dafür findet die Solistin unzählige Farben und Schattierungen der Stimme, die sie in einen schlüssigen Kontext bringt.

Zum Abschluss des Programms hören wir noch die versprochene „Symphony Classique“, wenngleich nicht wie vielleicht erwartet die so betitelte Erste von Prokofieff, sondern eine wirklich der ‚klassischen‘ Epochen entstammende: Haydns letzte Symphonie, die Nr. 104 mit dem später hinzugefügten Beinamen „Londoner“. Selten erlebt man dieses vielgespielte Werk derart lebendig und frisch wie heute. Auch hier zeigen die Musiker ihr charakteristisches echtes Gefühl, das unabhängig von Epoche oder Komponist stets für die Musik spricht. Die Musiker haben sich intensiv und auch emotional mit den Werken auseinandergesetzt und stellen die Musik dar, weil es ihnen ein Anliegen ist – und das wird hörbar.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Die Marimba erkunden

Oehms Classics, OC 1891; EAN: 4 260330 918918

Fumito Nunoya spielt Konzerte für Marimba: Das Programm beginnt mit Antonio Vivaldis C-Dur-Konzert RV 433, welches ursprünglich für Flautino komponiert wurde. Hiernach hören wir das Konzert für Marimba und Streicher des 1961 geborenen Franzosen Emmanuel Séjourné und schließlich das Marimbakonzert „The Crossed Sonar Of Dolphins“ von Takatomi Nobunaga, der 1971 in Tokyo auf die Welt kam. Nunoya wird begleitet vom Kurpfälzischen Kammerorchester unter Johannes Schlaefli, in Nobunagas Konzert unterstützt von Benyamin Nuss am Klavier.

In die Kunstmusik fand die Marimba erst spät Einzug, wenngleich es bereits Belege für das Instrument aus dem Jahr 1680 gibt. Vom heutigen Guatemala aus verbreitete sich die Marimba schnell in mehreren Ländern, wobei immer wieder neue Bauformen auftraten – auch nach Japan gelangte das Instrument recht früh. Popularität erreichte die Marimba im 20. Jahrhundert, als unter anderem Steve Reich und Harald Genzmer Werke für sie komponierten und The Rolling Stones sie in „Under my thumb“ verwendeten.

Auf der vorliegenden CD hören wir zwei Originalkompositionen für die Marimba sowie das Flautinokonzert C-Dur RV 433 von Antonio Vivaldi, wozu die Schlagwerkstimme allerdings ebenso vortrefflich passt. In diesem Konzert minimiert Nunoya den Hall seines Instruments weitgehend und achtet auf präzise Linien, denen er ein gutes Maß an Kernigkeit verleiht, und dennoch weich bleibt. Lange Noten verziert er mit Trillern und kleine Verzierungen, passt den Klang der Marimba allgemein dem Ideal der Barockzeit an.

Emmanuel Séjournés Konzert für Marimba und Streicher zählt mittlerweile zu den Klassikern für das Instrument. Ein romantischer Schleier durchzieht das gesamte Werk, besonders Rachmaninoff gibt sich als Einfluss zu erkennen. Das Konzert ist idiomatisch für die Marimba konzipiert, erkundet das Instrument in allen Registern und schöpft dessen Möglichkeiten aus. Nunoya entlockt der Marimba einen singenden und zarten Ton, lässt teils gar die perkussive Funktion des Instruments zugunsten der Melodieelemente vergessen.

Zuletzt geht die Reise nach Japan zu Takatomi Nobunagas Marimbakonzert, welches den Titel „The Crossed Sonar Of Dolphins“ trägt. Die Bildlichkeit dieses Werks übersteigt bloße Programmatik, taucht eher ein in die Naturalistik: Man glaubt förmlich, Delphine zu hören, Wellen zu sehen und das Meer zu riechen. Nobunagas Musik lässt sich schwer einer Schule oder einem Stil zuordnen, er schafft vollkommen eigene Sphären und Regeln, die dem Instinkt wie auch der Sinnlichkeit unterliegen. Nunoya gibt die Rolle des Solisten auf, fügt sich als gleichberechtigter Mitstreiter ins Kurpfälzische Kammerorchester ein, wirkt als Einheit mit den Streichern und dem Klavier, das Benyamin Nuss beisteuert. So entsteht eine Symbiose aus drei gänzlich unterschiedlichen Klangcharakteren, die sich vermischen und vermengen, dabei immer wieder neue Facetten und Kombinationen zutage fördern.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Liveaufnahmen für Debussy

Ars Produktion Schumacher, ARS 38 558; EAN: 4 260052 385586

„Pour le tombeau de Claude Debussy“ der Pianistin Judith Jáuregui beschäftigt sich mit Werken des französischen Meisters und seines Umfelds. Beginn und Ende des Albums stehen im Zeichen spanischer Komponisten, auf die Debussy großen Einfluss ausübte: Manuel de Falla, dessen Homenaje mit gleichem Titel ‚Pour le tombeau de Claude Debussy‘ wir hören, und Federico Mompou, von dem Jáuregui ‚Jeunes filles au jardin‘ aus Debussys Todesjahr 1918 spielt. In der Mitte des Programms finden wir Debussys Estampes L100 und L’Isle joyeuse, welche umgeben sind von zwei Komponisten, auf die sich Debussy seinerseits bezog: Franz Liszt, dessen Ballade Nr. 2 S.171 gespielt wird, und Frédéric Chopin, von dem Andante Spianato und Grande Polonaise Brillante op. 22 erklingen.

Im vergangenen Jahr hörten wir anlässlich des 100. Todestags von Claude Debussy zahlreiche Aufnahmen seines Werks; zum Ausklang dessen erschien nun Judith Jáureguis CD „Pour le Tombeau de Claude Debussy“, ein Mitschnitt ihres Livekonzerts vom 4. Oktober 2018 im Rahmen der Imperial in Concert Series in Wien. Jáuregui widmet sich Werken, die Debussy prägten, die Debussy komponierte und auf die Debussy Einfluss übte.

Zur ersten Kategorie, die für Debussy maßgeblichen Komponisten, zählen Franz Liszt und Frédéric Chopin. Besonders bei Liszt gibt sich schnell Jáureguis eigener Ton zu erkennen: Bereits in den ersten Takten verblüfft die Pianistin durch ein extrovertiertes und markiges Spiel. Sie hält die umherirrend chromatischen Läufe der linken Hand nicht in geheimnisvoller Dunkelheit, wie man sie meist hört, sondern stellt sie als aussagekräftige Figur in den Raum, zu der die rechte Hand später gleichwertig hinzutritt. Virtuos, aber ohne übermäßige Selbstzurschaustellung durchbrechen die rasanteren Passagen die Stimmung des Beginns, die Ruhepole nimmt Jáuregui nicht zu schleppend in sanglichem Zeitmaß. Chopins Andante Spianato gestaltet die Pianistin zu einem großen Einatmen vor der rasenden Grande Polonaise Brillante: Hier gelingen ihr die größten Kontraste zwischen absoluter Introversion und übermächtig rhythmischen Drang.

Jáureguis Debussy-Aufnahmen sollte man sich mehrfach anhören, um sich in ihre Darstellungsweise einzuhören. Denn sie überrascht durch offenes und vergleichsweise extrovertiertes Spiel, das so gar nicht zu dem üblichen Bild passt, was wir von Debussy haben. Doch es funktioniert! Vor allem Pagodes erscheint anfangs ungewohnt, besticht jedoch durch enormen Farbenreichtum und präzise abgestuften Klang. La soirée dans Grenade ruft sogleich Erinnerungen an das zuvor gehörte Stück de Fallas wach; in Jardins sous la pluie werden die Regentropfen regelrecht spürbar beim Spiel von Judith Jáureguis und man nimmt dieses Stück mit allen Sinnen wahr. L’Isle joyeuse ist der Pianistin förmlich auf den Leib geschrieben, die sprudelnde Energie und die fröhliche Stimmung schmeicheln ihrem Stil das Werk wird zur erquickenden Quelle, die Fernweh evoziert.

Fernweh nach Spanien vielleicht. Das Programm beginnt mit Manuel de Fallas Homanaje ‚Pour le tombeau de Claude Debussy“, welches ursprünglich für Gitarre komponiert wurde und einen Trauermarsch in Form einer langsamen Habanera darstellt – ein von Debussy sehr geschätzter und selbst mehrfach in Noten gesetzter Tanz. Beschlossen wird die CD durch Mompous ‚Jeunes filles au jardin‘. Judith Jáuregui nimmt die Musik temperamentvoll, in jedem Ton klingt Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit mit, dass sie das, was sie spielt, genauso meint. Dabei bleibt die wechselseitige Verbindung zwischen der französischen und der spanischen Musik unverkennbar.

[Oliver Fraenzke, März 2019]