Archiv der Kategorie: CD-Rezension

Abgründig, tiefgründig

Coviello Classics, COV 91701; EAN: 4 039956 917014

Eine im Jahr 2000 gemachte Liveaufnahme von Lavard Skou Larsen und den Salzburg Chamber Soloists ist nun bei Coviello Classics wiederveröffentlicht worden: Darauf sind Schuberts vierzehntes Streichquartett D810 in d-Moll mit dem Beinamen „Der Tod und das Mädche“ in einem Arrangement für Streichorchester des Orchesterleiters und Schostakowitschs Kammersymphonie op. 110a, die Bearbeitung des 8. Quartetts durch Rudolf Barschai, zu hören.

Zwei abgrundtief schürfende Streichquartette begeistern in der neuesten Wiederveröffentlichung der Salzburg Chamber Soloists unter Lavard Skou Larsen, sie beide behandeln den Tod auf ihre ganz eigene Weise. Schuberts berühmtes Quartett trägt seinen Beinamen aufgrund von Zitaten aus seinem gleichnamigen Lied im zweiten Satz, dem knapp fünfzehnminütigen Herzstück des groß angelegten Quartetts. Schostakowitsch bezog sich auf einen Film über das zerstörte Dresden 1945, worauf er in nur drei Tagen eine Trauermusik in Quartettform komponierte, welcher er seine Initialen D-Es-C-H zugrunde legte. Das Quartett besteht aus fünf Sätzen, ist jedoch eigentlich ein einziges zusammengehöriges Gebilde. Ungeachtet aller stilistischen Unterschiede verbindet die Quartette ihr feines Gespür für harmonische Finessen, eine tiefgründige Komplexität und nachtschwarze Todesnähe.

Erst vor wenigen Tagen hörte ich das Orchester in Kempten mit Schostakowitschs Kammersymphonie, siebzehn Jahre nach vorliegender Aufnahme. In dieser Zeit hat sich der Zugang stark gewandelt, andere Aspekte rückten ans Licht und andere Schwerpunkte wurden gesetzt. Dies soll nicht bedeuten, dass die damalige Aufführung schlechter oder unvollständiger wäre als die heutige – es zeigt sich lediglich, dass sich Lavard Skou Larsen selbst nach einer wahrhaft gelungenen Aufnahme nicht zurückgelehnt hat, sondern ständig weiter an seinem Repertoire forscht und immer Neues hervorholt. Die Musik ist nie starres Endprodukt, sondern flexibel sich ständig aktualisierendes Eigenleben. Die Salzburg Chamber Soloists bestechen mit voluminösem Sound in technischer Vollendung und klanglich feinster Nuancierung. Nie driftet der sich ständig metamorphosierende Fluss ins Verträumte ab, nie wird haltlos nach vorne gestürmt, alles hat einen unentrinnbaren Sog, der den Hörer erbarmungslos durch die fünf bezwingend zusammengeschweißten Sätze schleift.

Eine der schwierigsten Aufgaben hinsichtlich zusammenhängender musikalische Gestaltung ist seit jeher die Musik Schuberts, dessen harmonisch bis ins letzte Details ausgearbeitete Sätze eine subtile und nur den wenigsten Musikern sich wahrhaft eröffnende Komplexität entfalten, über deren Abgründe und Feinheiten fast immer viel zu belanglos hinweggespielt wird – und damit am Kern der Musik vorbei. Dass Schubert adäquat dargeboten stets aufs Neue unwiderstehlich verblüfft, war mir durchaus bewusst, aber dass seine Musik eine solch elementare Wucht und unmittelbare Durchschlagskraft aufweist wie in dieser Aufnahme, hat mich nun doch zutiefst erstaunt. Die großformatigen Sätze sind aus einem Guss ohne jegliches energetische Einknicken erfasst, dabei werden auch versteckteste Nuancen blendend herausgefeilt und mit entfesselter Liebe in das Gesamtbild integriert. Gerade im zweiten Satz, in den meisten Aufführungen langatmiger Melancholie erliegend, entstehen magisch transzendente Augenblicke, die allerdings nicht isoliert, sondern in alles umfassendem Zusammenhang erstrahlen.

Zwei tragische Komponistenfiguren sind hier in selten bis nie dagewesener Qualität zu hören. Musikalisch so fein erarbeitete Werke sind eine absolute Rarität, und das mit solch einem sensiblen Gespür für den alles durchdringenden Strom der Töne – eine Pflichtlektüre für jeden Menschen, der die Subtilität seiner Wahrnehmung erweitern möchte.

[Oliver Fraenzke, März 2017]

 

Aus der Schatzkiste der britischen Oper

Label: DUX; Vertrieb: note1; Art.-Nr.: DUX1307-1308; EAN: 5902547013077

Zwei verborgene Schätze der englischen Oper gibt es derzeit bei einem Label zu heben, von dem man es nicht unbedingt erwartet hätte, dass ausgerechnet bei diesem Label britische Opern erscheinen würden. Dabei handelt es sich um das polnische Label DUX. Hintergrund dieser ungewöhnlichen Veröffentlichung ist das 20. Ludwig van Beethoven-Osterfestival in der polnischen Hauptstadt Warschau. Intendantin dieses Festivals ist die Ehefrau des Komponisten Krzystof Penderecki. Und bei der 20. Ausgabe dieses Festivals scheint britische Musik einen Schwerpunkt eingenommen zu haben.

So kommen wir unverhofft in den Genuss zweier selten bzw. noch nie aufgenommener Opern von Gustav Holst und Ralph Vaughan Williams. Gustav Holsts Oper „At the Boar’s Head“  ist dabei die Weltersteinspielung. Bislang gab es von diesem Stück nur einzelne Szenen auf teils uralten Schallplattenveröffentlichungen, noch nie aber die komplette Oper am Stück.  Vaughan Williams Stück „Riders to the Sea“ hingegen wurde schon des Öfteren eingespielt, bislang aber ausschließlich mit Aufnahmen von britischer Provenienz mit meistens sehr namhaften britischen Sängern, Orchestern und Dirigenten. Es gibt also zumindest im Bereich der Vaughan Williams-Oper Vergleichsmöglichkeiten.

Gustav Holst „At the Boar’s Head“ ist eine typische Falstaff-Oper nach dem gleichnamigen Shakespeare-Vorbild. Auch Ralph Vaughan Williams, der ein enger Freund Gustav Holsts war schrieb eine Falstaff-Oper und nannte sie „Sir John in Love“. Vergleicht man beide Werke miteinander, so schneidet Holsts Ausgabe des Falstaff-Stoffes musikalisch konventioneller aber vielleicht unterhaltsamer ab. Die Komik des Stoffes betonend, mit süffigen Trinkgelage-Szenen und heiteren, bewegten Dialogarien ausgestattet und mit einem durch und durch volkstümlichen Flair ausgestattet, ist dies ein sehr schön zu hörender Einakter, der vielen Opernfans Freude bereiten kann. Unter kompositorischen Gesichtspunkten kennt man sicherlich Subtanzielleres von Gustav Holst, und ohne eine andere Oper dieses Komponisten zu kennen, der immerhin fünf Gattungsbeiträge verfasst hat, wage ich zu behaupten, dass Holst nicht unbedingt seine Berufung als Opernkomponist gesehen hat. Man kennt ihn heute ja auch für ganz anderes Repertoire, unter anderem für zum Teil sehr überzeugende Orchestermusik.

Bei Vaughan Williams liegt die Sache etwas anders. Ralph Vaughan Williams war ein Opernkomponist, der sich aus eigener Leidenschaft zu Oper der Gattung immer wieder angenähert hat und letztlich beeindruckende acht Beiträge zum Genre verfasste. Das von diesen acht Stücken heute kaum noch eines wirklich bekannt ist, liegt nicht unbedingt an mangelnder kompositorischer Qualität, sondern auch an einen fehlgeleitetem Blick auf Vaughan Williams als vermeintlich reinem Sinfoniker. Vaughan Williams war aber vor allem anderen ein erfahrener Vokalmusikkomponist, der neben Kantaten und seiner Chorsymphonie „A Sea Symphony“ auch Klavier- und Orchesterlieder, Chormusik, geistliche Musik wie Messen und zum Teil merkwürdig anmutende vokal besetzte Mischgenres bedient hat, wie etwa die für 16 Solisten und Chor angelegtes „Serenade to Music“. „Riders to the Sea“ ist ein verblüffend kurzer Einakter, der kaum 40 Minuten ausfüllt. Die Geschichte (nach einem Bühnenstück von John Millinton Synge) spielt im ländlichen Irland und ist eine typische Geschichte nach dem Motto „das Meer fordert seine Opfer“. In dieser Hinsicht könnte man die Oper durchaus als einen Vorläufer von Brittens „Peter Grimes“ auffassen. Vielleicht ist das aber auch zu hoch gegriffen. Die Komposition ist über weite Strecken überzeugend. Wirklich ergreifend ist die Schlussszene mit dem Trauergesang der Maurya (in dieser Einspielung wundervoll verkörpert von Katherine Reveille), die zu den besonders berührenden Szenen der jüngeren britischen Oper zählen dürfte.

Was auch immer man von diesen beiden britischen Kurzopern kompositorisch halten mag, die Qualität der Einspielungen ist begeisternd! Wirklich alle Sänger sind nicht nur sehr gut in ihren Rollen, sondern immer wieder in Bereichen, die ich als referenzwürdig einstufen würde. Die Warsaw Chamber Opera Sinfonietta samt Chor unter Leitung von Łukasz Borowicz liefert gleichfalls glänzende Leistungen ab, ist aber im Audio-Mix zu weit nach hinten gemischt worden. Obwohl es sich um Liveaufnahmen handelt, sind keine Nebengeräusche zu hören, was auch daran liegen mag, dass diese Aufnahmen konzertant erfolgt sind. Ich kenne einige Einspielungen des Vaughan Williams-Stücks „Riders to the Sea“, unter anderem bei Chandos und in älteren Auflagen bei der EMI. Doch diese neue Liveproduktion von DUX ist auf technischem und gesanglichem Gebiet absolut auf Augenhöhe und im emotionalen Zugriff früheren Einspielungen sogar überlegen.

Warum diese beiden Opern hingegen als unnötig teures Doppelpack erscheinen und nicht einzeln veröffentlicht werden, bleibt mir trotz ihrer jeweils kurzen Spielzeit etwas unklar… Immerhin ist die Ausstattung toll, mit reich bebildertem Booklet und komplettem Libretto. Hut ab, DUX!

[Grete Catus, März 2017]

Schritte einer langen Reise

Sheva Contemporary, SH 168; EAN: 8 033776 711681
(Mittlerweile auch über Amazon bestellbar, ansonsten via Discovery Records)

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Auf zwei CDs spielet Minjeong Shin den vollständigen ersten Band der Anthologie ‚Steps’ des englischen Komponisten Peter Seabourne ein; wie auch die anderen (bislang) vier Bände erschien das Resultat bei Sheva Contemporary.

Als „musikalischen Reisebegleiter“ bezeichnet Peter Seaboune seine Anthologie „Steps“, die mit fünf Bänden und einer gesamten Spielzeit von in etwa fünf Stunden mittlerweile beträchtlichen Umfang gewonnen hat. Der erste Band, mit 85 Minuten der bislang längste, ist der letzte, der noch zur Einspielung ausstand – was nun die Südkoreanerin Minjeong Shin nachholte. Die Stücke aus den Jahren 2001 bis 2006 sollten nicht als einheitlicher Zyklus verstanden werde. Eher handelt es sich um eine freie Kollektion von Einzelwerken, die lediglich unter dem Namen „Steps“ zusammengefasst wurden. Entsprechend können sie in beliebiger Auswahl und Reihenfolge dargeboten werden, und auch Minjeong Shin hält sich nicht an die genaue Abfolge der Partitur (welche auf der Homepage Seabournes kostenlos zum Download bereit steht).

Zwar gibt es einige Stücke, welche einfacher zu bewältigen sind, doch verlangt ein Großteil hohes technisches Niveau und musikalische Intelligenz. Hohe Komplexität zeichnet die Sammlung aus, verquere Konfliktrhythmik und ausschweifende Tonalitätskonstrukte erzielen eine schwebende wie zerfasernd fließende Bewegung, welche die Stücke in einer organischen Form hält und die innere Dynamik nicht zum Erliegen kommen lässt. Beinahe meditative Zustände werden in lyrisch ausgebreiteten langsamen Passagen erreicht, wobei niemals ein gewisser innerer Zwiespalt erlischt, zu keiner Zeit behält der Hörer Boden unter den Füßen. Eine einzige zarte Melodie auf statischem Grund reicht Seabourne aus, um eine unverwechselbare Atmosphäre zu schaffen. Dann bäumt sich diese wieder auf, aus ihr erwächst dichte Polyphonie mit kontinuierlichem rhythmisch-perkussiven Reiz und großer harmonischer Dichte – und schließlich ebbt es wieder ab, nur die rhythmische Aktivität bleibt als Gegenpol zur tatsächlichen Ruhe.

Als wahrer Glücksgriff für die Einspielung stellt sich Minjeong Shin heraus. Nicht alleine, dass sie technisch über alle Zweifel erhaben ist und in erlesener Perfektion spielt, auch reflektiert sie jede noch so kleine Stimme und phrasiert detailreich auf Mikroebene. Dynamisch schöpft sie aus den kleinsten Zwischennuancen und kann so gerade in der Mehrstimmigkeit überzeugen, ihre Stimmführung ist frappierend. Wie intensiv die Proben gemeinsam mit dem Komponisten waren, lässt das ausgereifte Resultat erahnen. Lediglich die trockene Studioakustik, die vor allem den kristallklaren Anschlag hervorzuheben versucht, raubt dem Klang merklich Volumen und die orchestral tragenden Klangfarben, die die Gesamtwirkung über die eines gewöhnlichen Klaviers hinaus erhoben hätten.

[Oliver Fraenzke, März 2017]

Toten-Langeweile

Odradek, ODRCD329; EAN: 8 55317 00329 5

Drei symphonische Dichtungen von Franz Liszt in einem Arrangement des Komponisten für Klavier vierhändig sind auf der CD „Totentanz“ von Chie Tsuyuki und Michael Rosenboom zu hören, das ebenfalls von Liszt stammende Titelstück bearbeiteten die beiden Pianisten selbst für ihre Besetzung.

Arrangements von Orchesterstücken auf dem Klavier zu präsentieren ist eine unterschätzte Kunst: Es bedarf genauesten Studiums der originalen Partitur sowie aller Klangfarben der Orchesterinstrumente, um diese so lebendig und natürlich wie möglich nachzuahmen. Das Klavier muss den Klang tragen wie die Streicher, sanft figurieren wie das Holz, markant hervorglitzern wie das Blech und voluminös aus der Tiefe rumoren wie die Pauken. Franz Liszt revolutionierte die Klaviertranskription und ermöglichte es, ein gesamtes Orchester quasi lebensecht auf dem Tasteninstrument darzustellen. Die Realisierbarkeit dieses herausfordernden Unterfangens bezeugen Pianisten wie Yury Martynov (Beethoven/Liszt Symphonien Nr. 1-9) oder Juan José Chuquisengo (Beethoven/Liszt Symphonie Nr. 7, 2. Satz auf „Transcendent Journey“), die beide auf ihre Weise einen vollen und vielschichtigen Klang zu erzeugen wissen und reflektiert die Illusion eines großen Ensembles aus den Tasten zaubern.

Von orchestralen Klängen findet sich keine Spur auf der CD des Duos Tsuyuki & Rosenboom, das klangliche Resultat verbleibt rein in pianistischen Sphären. Und auch in diesen bleiben Vielfalt und Ausgestaltung untergeordnet, das Spiel ist grobflächig und beschränkt sich auf ein Minimum an Dynamikabstufungen. Hauptsächlich ist ein unkontrolliertes Hämmern mit vereinzelten, uninspiriert-flachen Intermezzi zu hören, das abgesehen von der technisch-mechanischen Seite unerschlossen bleibt. Alles plätschert beiläufig vor sich hin, Struktur und Stringenz bleiben Fehlanzeige. Das Eigenarrangement der Paraphrase über „Dies Irae“, des Totentanzes, ist angereichert mit grummelnden Geräuscheffekten im Klavier, die bei der pianistischen Darbietung allerdings deplatziert wirken (bei Martynov oder Chuquisengo würden sie sich sicherlich trefflich in den reichen Klangapparat eingliedern). Einige Passagen sind stimmig zwischen den Pianisten aufgeteilt, und es herrscht allgemein eine professionelle Abstimmung zwischen den Musikern. Doch zum Tanzen kommt der Tod nicht, der düstere Schrecken und das dämonische Aufbegehren des Originals gehen in oberflächlichen Technikkaskaden unter. Wenn hier jemand stirbt, so ist es der Zuhörer – vor Langeweile.

[Oliver Fraenzke, März 2017]

Postmoderne (?) amerikanische Klarinettenquintette

Naxos, LC 05537; EAN: 0636943979624

 

In der verdienstvollen Reihe ‚American Classics‘ veröffentlichte Naxos kürzlich diese CD mit zwei äußerst unterschiedlichen Klarinettenquintetten von Bernard Herrmann und David Del Tredici, interpretiert vom renommierten Fine Arts Quartet und dem französischen Klarinettisten Michel Lethiec. Del Tredicis „Magyar Madness“ wird dabei nicht ganz korrekt als Ersteinspielung beworben.

Dass der legendäre Filmkomponist (Vertigo, Psycho, Fahrenheit 451, Taxi Driver…) Bernard Herrmann (1911-1975) auch einige Werke ‚klassischen‘ Formats für den Konzertsaal sowie eine Oper (‚Wuthering Heights‘) komponiert hat, dürfte den wenigsten bekannt sein, da diese nur sehr selten zu hören sind. So erlebte der Komponist, trotz einer selbst finanzierten und dirigierten Schallplatteneinspielung (1966), die stark gekürzte Uraufführung seiner bereits 1951 fertig gestellten Oper 1982 in Portland nicht mehr. Einige gute Ideen daraus hat Herrmann übrigens auch in Filmmusiken verbraten (vor allem in Vertigo). Ihn als Vorreiter der amerikanischen Neo-Romantik bzw. musikalischen Postmoderne zu titulieren, wie der Primarius des Fine Arts Quartet auf dem CD-Tray, halte ich allerdings für verfehlt. Herrmann verfügte für seine Filmmusiken zweifellos über alle nötigen, modernen technischen Mittel, insbesondere der Instrumentation. Zu avantgardistischen Momenten (Streichergekreische in der berühmten Duschszene aus Psycho) hat man ihn aber immer erst überreden müssen. In seinem Herzen war Herrmann stets ein eklektizistischer Romantiker geblieben. Sein Klarinettenquintett Souvenirs de voyage entstand 1967 als letztes seiner Konzertwerke. Die drei Sätze sind sukzessiv von Dichtungen A. E. Housemans (On Wenlock Edge), J. M. Synges (Riders to the Sea) – beides von Vaughan Williams vertont – sowie Aquarellen William Turners inspiriert. Die Düsternis und Melancholie aus Vertigo weicht im Quintett einer gewissen Abgeklärtheit, alles jedoch nostalgisch bis an die Grenze des Zumutbaren; man höre nur den ‚wienerischen‘ Beginn des Finales in Terzen. Dennoch begegnet man handwerklich guter, wirklich berührender Musik. Emotional wird sich der Hörer, vor allem aufgrund der über weite Strecken einfach gehaltenen Harmonik, spontan zurechtfinden. Rhythmisch ist das feine Gewebe zwischen Klarinette und Streichquartett dagegen durchaus elaboriert.

 

David Del Tredici (* 1937) ist ganz klar einer der Hauptvertreter des neo-romanticism und hält eisern an der Tonalität fest. Als Grund für die ungewöhnliche Form des hier 44-minütigen Klarinettenquintetts (2006) – der 3. Satz: Magyar Madness ‚Grand Rondo à la Hongrois‘ ist deutlich länger als die beiden vorherigen zusammen – nennt der Komponist seine Begegnung mit Beethovens Streichquartett op. 130 in der Urfassung (mit der Großen Fuge als Finale). Dieser 3. Satz nimmt wiederum Schuberts vierhändiges Divertissement à la Hongroise D. 818 zum Vorbild – vor allem dessen Illusion fortwährender Beschleunigung. Das Stück arbeitet so geschickt mit musikalischen Assoziationen, ohne zu zitieren.

Herrmanns Quintett wird souverän dargeboten – der Klarinettist Michel Lethiec lässt sich mit seiner differenzierten Tongebung ganz auf die etwas sentimentale Vortragsweise des Fine Arts Quartet ein; seine nicht wirklich perfekte Intonation irritiert hier denn auch kaum. Aber was macht er bei Magyar Madness, ein Auftragswerk für das Orion String Quartet und den Klarinettisten des Ensembles Klezmer Madness, David Krakauer, der sich etwas in dieser Richtung wünschte? Del Tredici – ohne jede Klezmer-Erfahrung – konnte nur ‚etwas Ungarisches‘ anbieten; daher der Titel. Tatsächlich gibt es etliche stark melismatische Stellen in der Klarinettenstimme, oft auch von unten bzw. oben sich einschleifende Töne. Wie dies allerdings Herr Lethiec spielt, zieht einem glatt die Schuhe aus! Er detoniert quasi durchgehend um einen Sechstel- bis Viertelton – seine Partie wird dadurch so vollständig aus dem Gesamtklang desintegriert, dass der Hörer kaum noch Zusammenhänge zum Geschehen im Streichquartett ausmachen wird. Zunächst vermutete ich ernsthaft eine konsequente, dem Komponisten folgende Absicht – ohne dass diese ‚Brechung‘ allerdings Sinn machte. Ein Blick in die Partitur verrät jedoch, dass Del Tredici an keiner Stelle intonatorische Freiheiten gewährt oder gar irgendeine vierteltönige ‚Skordatur‘ vorschreibt. Hat sich Lethiec hier eine völlig verquere Lesart in Richtung Klezmer zu eigen gemacht oder einfach nur einen sauschlechten Tag – beide Einspielungen sind Live-Mitschnitte – erwischt? Für mich ist das Werk so jedenfalls nicht auszuhalten und klingt nur nervig. Klärung könnte eventuell die – bereits Monate vor der Naxos-CD erschienene – Aufnahme mit den Uraufführungsinterpreten bringen (auf dem Label eOne: EOM 7786), die mir leider nicht zur Verfügung stand. So kann ich die vorliegende, repertoiremäßig interessante CD, kaum empfehlen.

[Martin Blaumeiser, März 2017]

Mut zum Standardrepertoire

Genuin, GEN 17452; EAN: 4 260036 254525

„Pearls of Classical Music“ nennt sich die neue CD der deutsch-koreanischen Pianistin Caroline Fischer. Zu hören sind Werke von Joseph Haydn (Sonate D-Dur Hob.XVI:24), Ludwig van Beethoven (Rondo a capriccio G-Dur Op. 129), Carl Maria von Weber (Ronde brillante Es-Dur Op. 62), Frédéric Chopin (Walzer Nr. 14 e-Moll; Andante spianato et Grande Polonaise brillante Op. 22), Franz Liszt (Liebestraum Nr. 3 Op. 62; Konzertparaphrase auf Rigoletto), Camille Saint-Saëns (Allegro appassionato Op. 70), Moritz Moszkowski (Nr. 11 aus 15 Études de Virtuosité Op. 72) und Sergei Lyapunov (Nr. 10 „Lesghinka“ aus 12 Études d’exécution transcendante Op. 11).

Ein größtenteils aus Standardrepertoire eines jeden Konzertpianisten bestehendes Programm aufzunehmen, erfordert Mut – da man sofort mit allen Größen der Klassikwelt verglichen wird – und vor allem eine eigene Aussage, die den Werken ohne Anflüge von Willkür angemessen ist. Die deutsch-koreanische Pianistin Caroline Fischer hat beides und veröffentlicht auf „Pearls of Classical Music“ eine farbenprächtige Mischung aus Werken von Haydn und Beethoven bis Moszkowski und Lyapunov.

Der Anschlag Fischers hat eine ganz eigene Note und ist unverkennbar, eint prägnante Schärfe und liebliche, beinahe fragile Zurückgehaltenheit. Caroline Fischer hat ein enormes Spektrum an Dynamiknuancen und nutzt diese gerade im Piano- und Pianissimobereich voll aus. So können melodische Linien in freier Unbekümmertheit aufleben und wieder zurückgehen, wobei sie es versteht, die Akzente am rechten Ort zu setzen und allgemein das Wechselspiel aus Spannung und Entspannung zu erspüren.

Haydns Sonate D-Dur Hob.XVI:24 entsteht gerade in den Randsätzen unprätentiös und spielerisch, mit dynamisch reflektierter Ausgestaltung kommt eine stringente Fasslichkeit der Form zur Geltung. Der Mittelsatz könnte angesichts des gemessenen Tempos mehr Glanz und Fülle des Gehalts vertragen. Wie beinahe in jeder neueren Aufnahme zu rasch eilt Beethovens Rondo a capriccio G-Dur Op. 129 unter ihren Fingern, wobei Fischer auch hier zauberhafte Feinheiten hervortreten lässt und eine fast schon berauschende Stimmführung präsentiert. Webers Ronde brillante Es-Dur Op. 62 bezaubert durch Schwung und tänzerischen Charme, mit Lockerheit und Spielfreude. In Chopin geht Caroline Fischer voll auf, verträumt sich nicht zu sehr in die zarten Weisen, gebraucht Rubato mit Bedacht und lässt mannigfaltige Zwischenschattierungen des Klangs durchscheinen. Bei Liszts Liebestraum Nr. 3 wäre dies in gleichem Maße zu wünschen, Verträumtheit und innerliche Leidenschaft kommt hier zu wenig zum Zug (aber auch interessant, üblicherweise ist dieses Werk nur „übermäßig verträumt“ zu hören). Die anschließenden vier Virtuosenwerke gelingen auf hohem Niveau, bestechen in ihrer fingerbrecherische Virtuosität mit springender Leichtigkeit.

„Pearls of Classical Music“ ist definitiv eine Empfehlung wert, die oft gehörten Werke bestechen allesamt mit einer eigenen Aussage und bieten dem Hörer die Möglichkeit, andere Aspekte der Musik zu erfahren.

[Oliver Fraenzke, Februar 2017]

Spiel mit Klang

Sony classical; EAN: 8 89853 95702 6

Der Titel des Albums von Olivia Salvadori und Sandro Mussida stellt ein Wortspiel dar: Dare Voce. Bedeutet dare im Italienischen „geben“, so steht es im Englischen für „wagen“ oder „riskieren“. Und Salvadori (die übrigens auf beiden Sprachen singt) arbeitet mit beidem, sie gibt ihre Stimme dem Experiment hin und wagt diese abenteuerliche Reise.

Die Kombination aus klassischer Musik und elektronischen Komponenten zu einem in das weite Feld der experimentellen Popularmusik fallenden Klangresultat ist keine Neuheit und es gibt zahlreiche gelungene Wagnisse in diesem Bereich, so wie von Constance Hauman mit Falling Into Now. Dies bedeutet glücklicherweise keinesfalls, dass dieses Feld bereits ausgeschöpft ist und so kann sich auch „Dare Voce“ als eigenständige Neuheit hier eingliedern. Wie der Titel bereits kundtut, steht die menschliche Stimme im Vordergrund der Produktion. Bleibt diese elektronisch unangetastet, ist es hauptsächlich die instrumentale Untermalung, die auf diese Weise umgekrempelt und angereichert wird, sei es durch die Hinzunahme von Geräuschen aus der Umwelt oder durch rein elektronisch erzeugte Klänge.

Es ist eine glockenreine Stimme, die sich über der ungewohnten Kulisse aufbaut. Olivia Salvadori passt stimmlich sowohl in die klassische Oper als auch in ein Pop- oder Rockkonzert, demonstriert reine Intonation in großer Amplitude und makellosen Umgang mit Stimmtechniken aus scheinbar uneinbaren Gattungen. Im Mix verschmelzen Singstimme und Instrument nicht durchgehend zu einer zusammengehörigen Einheit und doch bleibt die resultierende Atmosphäre „stimm“-ig.

Jedes der neun von der Sängerin und von Sandro Mussida konzipierten Stücke hat eine andere instrumentale Aufstellung und eröffnet neue Räume. Die Klangreiche sind allgemein sperrig und schwer durchdringbar, stellen den Hörer anfangs auf eine schwierige Probe, sie zu ergründen. Sie haben keine erkennbare Stringenz oder mitreißende Geradlinigkeit, viel eher handelt es sich um live miterlebbares Experimentieren und Spielen mit Klang. Die Musik ist auf den magischen Moment in schillernden Farben und betörenden Augenblicken aus.

Ich maße es mir nicht zu, über eine solche Forschungsarbeit ein Urteil zu fällen, zumal wenn es sich wie hier um eine Art „work in progress“ handelt, die sich immer weiter verfeinert und sich ihrer Selbst bewusster wird. So bleibt, gespannt zu sein auf zukünftige Projekte von Salvadori und Mussida. Vielleicht werden diese nun auch noch die Struktur der Musik mehr berücksichtigen, ein erkennbares Gerüst errichten und sich der formellen Proportionierung bewusster sein. Dieses Feld der Musik steht noch für alles offen.

[Oliver Fraenzke, Februar 2017]

„Schöne“ neue Welt

Joseph Haydn: Klaviersonaten Nr. 47, Hob 16,32; Nr. 38, Hob. 16,23; Nr. 31, Hob. 16,46; Nr. 33, Hob. 16,20; Nr. 58, Hob. 16,48 – John O’Conor (unter Verwendung des Steinway Spirio-Selbstspielsystems)

Label: Steinway & Sons; Art.-Nr. 30058 (Vertrieb: note1)

Dieses Album des Steinway-Labels zeigt uns die „schöne“ neue Welt der Klassikbranche: Ein Pianist hat an dem Ort, an dem er das Album gern einspielen möchte, einen Steinway Model B-Flügel zur Verfügung. Erklingen soll das Ganze aber (weil sich das heutzutage schließlich so gehört) auf einem Steinway Model D. Früher ging das nicht ohne Reise in ein Top-Aufnahmestudio ab. Heute spielt man das Repertoire unter Verwendung der Steinway Spirio-Technologie auf dem heimischen (?) Model B ein, schickt die dabei entstandene Spirio-Datei an das Label seines Vertrauens und lässt es dort im Studio des Labels auf einem Model D wiedergeben.

Informationen über das „hochauflösende Selbstspielsystem“ Spirio finden sich auf der Website von Steinway (Link dazu hier). Das Problem dabei: Ein Model B reagiert anders auf Anschlag usw. als ein Model D. Eine auf einem Model B eingespielte Datei wird auf einem Model D anders klingen. Vielleicht ist dies der Grund, warum diese Haydn-Sonaten des ansonsten für ausgezeichnete Könnerschaft bekannten irischen Pianisten John O’Conor merkwürdig unterkühlt und aseptisch klingen.

Ich bin mir sicher, dass das Spirio-Verfahren längst von vielen Plattenfirmen genutzt wird, ohne dass diese es auf dem Cover ausweisen, wie das Steinway-Label es hier ehrlicherweise macht. Besser wird es dadurch trotzdem nicht. Selbstspielsysteme sind heute (Spirio) wie damals (Welte Pianorolle) eben auch nur ein Ersatz für den echten Pianisten am Instrument vor Ort. Dass so heutzutage Einspielungen großer Künstler entstehen und dass diese sich darauf einlassen, ist schlicht und ergreifend enttäuschend.

[Grete Catus, Februar 2017]

Wales’ überragender Symphoniker

Daniel Jones (1912-93): Symphonien Nr. 1 & 10

Lyrita,  SRCD 358; EAN: 5 020926 035820

Der 1912  in Pembroke, Süd-Wales als Sohn eines  Komponisten-Vaters und einer Sängerin-Mutter geborene Daniel Jones schrieb 14 Symphonien neben anderen Kompositionen wie Kammermusik, aber auch zwei Opern und Musik für das Hörspiel „Under The Milkwood“ von Dylan Thomas, mit dem er auch befreundet war.

Seine „Erste“ komponierte Jones 1947, die „Zehnte“ 1981. Dazwischen liegt also eine beträchliche Zeitspanne und eine sehr deutliche Entwicklung seiner Klangsprache. Dauert die erste Symphonie über 50 Minuten, begnügt sich die 10. mit knapp 20. Beiden gemeinsam ist eine durchaus tonale und streckenweise sehr melodiöse Art, die durch sehr wirkungs-volle und beeindruckende Orchestrierung verrät, dass Jones  – so unbekannt er auch bei uns sein mag – eine Entdeckung wert ist. Besonders die langsamen Sätze seiner beiden Symphonien beeindrucken durch magische Klangwirkungen und intensive Melodik. Überhaupt ist seine melodische Erfindungsgabe verbunden mit dem Wissen um die Umsetzung ins Orchestrale ein herausragendes Merkmal seiner Musik.

Beide Aufnahmen sind Mitschnitte der BBC von 1990 unter Leitung des erfahrenen späten Bryden Thomson und überzeugen durch ein Klangbild, das dieser symphonischen Musik ein adäquates Hörerlebnis vermittelt.

Wie schade, dass diese Kleinodien vom heutigen – wenigstens deutschen – Musikbetrieb so ganz und gar übergangen werden. Um so mehr ist es zu begrüßen, dass das Label Lyrita sich Jones’ Musik annimmt und uns damit bekannt macht: Eine wahre und begeisternde Neuentdeckung eines Komponisten, dessen 1. und 10 Symphonie im Kontext  britischer Musik schon längst ihren Platz gefunden hat.

Natürlich bietet das ausführliche Booklet genügend Information zu Leben und Werk des Daniel Jones, wenn auch leider nur auf Englisch.

[Ulrich Hermann, Februar 2017)

Ouvertüren-Symphonien

Capriccio, Encore, C8006; EAN: 8 45221 08006 2

Als Vokalmusikkomponist spielte William Boyce eine wichtige Rolle im England des 18. Jahrhunderts. Weitaus weniger bekannt sind seine zahlreichen Instrumentalwerke. Dabei handelt es sich um herausragende Werke, und Boyce wird nicht grundlos nachgesagt, einer der wenigen englischen Komponisten seiner Zeit gewesen zu sein, die qualitativ den Größen des kontinentalen Festlands nahe kommen. Die acht Symphonien Op. 2 sind formal eher dreisätzige Ouvertüren als Symphonien im später etablierten Sinne, und tatsächlich leiten sich abgesehen von der achten (im Übrigen auch der einzigen in Moll stehenden) alle von Bühnen- oder Vokalwerken ab. Einen interessanten Aufbau weist die sechste Symphonie auf: sie besitzt einen ausgebreiteten Allegro-Kopfsatz mit verhältnismäßig langer Largo-Einleitung sowie Rückkehr in dieses Tempo und ein Larghetto als zweiten Satz, ohne ein schnelles oder tänzerisches Finale darauf folgen zu lassen.

Die bereits 1993 aufgenommene und dieses Jahr bei Capriccio, Encore veröffentlichte Aufnahme Sir Neville Marriners mit der Academy of St. Martin-in-the-Fields sticht durch gewohnt brillanten und lupenreinen Klang in hoher technischer Perfektion hervor. Die thematischen Keimzellen sind fein herausgearbeitet, und die Phrasierung derselben ist gewissermaßen reflektiert. Und doch gleitet die Musik immer wieder in Gleichförmigkeit ab, die weiterreichenden Entwicklung hat der Dirigent nicht im Auge, und so plätschert die Musik über längere Strecken richtungslos vor sich hin. Dies liegt nicht zuletzt an dem gleichförmigen Non-Legato, welches die Entstehung einer gesanglichen Linie durchkreuzt, aber auch an der dynamischen Gleichförmigkeit im fortwährenden Mezzo-Bereich. Da können auch manche Tricks in der Instrumentierung – wie beispielsweise, die Flöte in den Wiederholungen Solo spielen zu lassen, ohne die mächtigere Violingruppe – wenig darüber hinwegtäuschen. Zu wünschen wäre, die raffinierte Harmonisierung mancher Sätze noch deutlicher heraushören zu können, plötzlichen Umschwung ins Moll auch als solchen bewusst wahrzunehmen, und die versteckten Details in vollem Licht erstrahlen zu sehen. Bei aller Makellosigkeit und Brillanz sind doch die Manierismen und mechanischen Routinen augenfällig, weshalb aktive Mitverfolgung auf lange Zeit ziemlich ermüdet.

[Oliver Fraenzke, Februar 2017]

Ein Kompendium Neuer Musik

Darmstadt Aural Documents: Box 3, Ensembles (7 CD)
© 2016 NEOS Music GmbH,  1952-2010 Hessischer Rundfunk, Internationales Musikinstitut Darmstadt

NEOS 11230, EAN 4 260063 112300

Komponisten: Mark Barden (*1980), Richard Barrett (*1959), Günther Becker (1924-2007), Pierluigi Billone (*1960), Herbert Brün (1918-2000), John Cage (1912-1992), Julián Carillo (1875-1965), Jean-Claude Eloy (*1938), Robert Erickson (1917-1997), Julio Estrada (*1943), Franco Evangelisti (1926-1980), Johannes Fritsch (1941-2010), Marta Gentilucci (*1973), Erhard Grosskopf (*1934), Wieland Hoban (*1978), Robin Hoffmann (*1970), Maki Ishii (1936-2003), Charles Ives (1874-1954), Hanns Jelinek (1901-1969), Ben Johnston (*1926), Hans-Klaus Jungheinrich (*1938), Arghyris Kounadis (1924-2011), Thomas Lauck (*1943), Hans Ulrich Lehmann (1937-2013), Genoël von Lilienstern (*1979), Liza Lim (*1966), Walter Marchetti (1931-2015), Eduardo Moguillansky (*1977), Enno Poppe (*1969), Henri Pousseur (1929-2009), Stefan Prins (*1979), Horatiu Radulescu (1943-2008), Michael Reudenbach (*1956), Rolf Riehm (*1937), Frederic Rzewski (*1938), Tadeusz Wielecki (*1954), Iannis Xenakis (1992-2001)
Darbietende Künstler: Végh Quartett, LaSalle Quartett, Parrenin Quartett, Kronos Quartett, Arditti Quartett (Roger Heaton, Bassklarinette; Fernando Grillo, Kontrabass), Kairos Quartett, Internationales Kranichsteiner Kammerensemble (Bruno Maderna, Leitung; Pierre Boulez, Leitung; Akemi Karaki, Sopran), The Gregg Smith Singers (Gregg Smith, Leitung), Ensemble Incontri musicali (Bruno Maderna, Leitung), Contemporary Chamber Players, Schola Cantorum Stuttgart (Nicole Rzewski, Sprecherin; Frederic Rzewski, Klavier; Bernhard Kontarsky, Leitung), Ensemble Köln (Robert HP Platz, Leitung), Freiburger Schlagzeugensemble (Bernhard Wulff, Leitung), Orchester zum 13. Ton Nürnberg (Martine Joste, Klavier; Ulf Klausnitzer, Leitung), Teilnehmer der Darmstädter Sommerkurse 1998 (Julio Estrada und Isao Nakamura, Leitung), Teilnehmer der Darmstädter Sommerkurse 2006 (Wieland Hoban, Percussion; Lucas Vis, Leitung), Teilnehmer der Darmstädter Sommerkurse 2008 ( Christian Dierstein, Leitung), Ensemble Courage (Tadeusz Wielecki, Kontrabass; Titus Engel, Leitung), Ensemble Recherche (Christoph Grund, Klavier; Christian Dierstein, große Trommel), Fathom String Trio, Ensemble ascolta, Nadar Ensemble (Daan Janssens, Leitung), Klangforum Wien (Emilio Pomárico, Leitung)

Ich erinnere mich noch gut, als ich 1968 die schwere 6-LP-Box der Deutschen Grammophon Gesellschaft mit der schlichten Diagonal-Aufschrift avantgarde, vorne schwarz auf weiß, hinten weiß auf schwarz,  in Händen hielt. Der eigenartige (und unerklärliche) Löwenzahngeruch des Neuen und der Anblick der leuchtend monochromen LP-Hüllen verband sich mit der Erwartung von Abenteuern, von den 12 versammelten Komponisten kannte ich gerade mal Kagel, Ligeti und Stockhausen dem Namen nach. In den 3 nachfolgenden Jahren kamen dann Vol. 2,3 und 4 heraus. Ja, das waren goldene Zeiten, in denen ein Rainer Werner Fassbinder noch 14-teilige Filme fürs öffentlich rechtliche Fernsehen produzieren durfte … Wenn DGG heute seine Archive öffnet für die x-te Zusammenstellung historischer Aufnahmen mit Boxen zu 30, 50 oder 100 CDs, so setzt sie nur noch auf große Namen wie Karajan, Beethoven oder Mozart, scheut aber bei ihren Schätzen an neuerer Musik jedes Risiko. Einiges findet man noch verstreut in der Serie 20th Century Classics, und das war’s dann. Auf eine Remaster-Ausgabe dieser 4 avantgarde-Boxen, inzwischen Kult und im Internet für dreistellige Euro-Preise gehandelt, wartet man vergebens.

Da kommt Trost vom tapferen kleinen Münchner Label NEOS. In der Reihe „Darmstadt Aural Documents“ gibt es bereits Box 1, „Composers Conducting Their Own Works“, mit 6 CDs, Box 2 ist eine John Cage gewidmete Einzel-CD, und Box 4 mit 6 CDs ist ganz der neueren Klaviermusik vorbehalten. Die hier vorliegende Box 3 besteht aus 7 CDs und befasst sich ausschließlich mit Ensemble-Musik, in der zeitgenössischen Musik vielleicht ohnehin die interessanteste Sparte.

Wenn Ihnen der Name Darmstadt in musikalischem Zusammenhang nichts sagt, dann sind Sie auf jeden Fall ein Neuling im Fach „Zeitgenössische Musik“. Die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, 1946 von Wolfgang Steinecke, dem damaligen Kulturdezernenten der Stadt mithilfe der amerikanischen Militärregierung ins Leben gerufen, entwickelte sich schnell zu einem der wichtigsten Foren für junge Komponisten, Musiktheoretiker und Interpreten. Nach den Anfängen mit den berühmten „Seriellen“ wie Boulez, Stockhausen und Nono kamen dann Kagel, Lachenmann, Rihm und viele andere große Namen, die Darmstadt berühmt gemacht haben (oder die durch Darmstadt berühmt wurden wie z. B. Giacinto Scelsi). Und immer schon wurde fleißig polemisiert, sogar von Alex Ross in seinem Buch „The Rest is Noice“, in dem er sonst überaus unterhaltsam und erfolgreich auf die Musik des 20. Jahrhunderts neugierig macht. Alle waren sie dort, auch Cage und Feldman (sehr empfehlenswert seine „Darmstadt Lectures“). Und eines hat Darmstadt mit Rom und der Katholischen Kirche gemeinsam: Nirgends wird so viel gelästert bei gleichzeitig höchster Konzentration von Autorität, oft totgesagt und doch quicklebendig.

Und nun liegt also sowohl für Kenner, als auch für Einsteiger hier ein Kompendium an spannender Musik vor, ein wahres Schatzkästlein, noch dazu sehr hübsch und geschmackvoll wie alle Boxen der NEOS-Reihe als ansprechendes Digipack.

„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus“. Da soll sich Goethes Schauspieldirektor (Faust I) mal nicht so sicher sein! Man staunt zwar, wie viel Schönes die zeitgenössische Musik bereithält (z.B. Johannes Fritsch oder Horatiu Radulescu), aber natürlich gibt es auch ausgesprochen Sperriges und Hässliches, und wer nicht zugeben will, dass manches dieser Stücke „experimenteller Musik“ nur nervt, der möchte sich vielleicht geschmacklich nur vom gemeinen Volk („des ist koa Mussig“) absetzen. Aber eines bestätigt sich überhaupt nicht (und hat auch nie gestimmt): dass diese Musik akademisch konstruiert und trocken daherkommt. Man sieht auch, dass die als „seriell“ bezeichneten Künstler sich meist selbst nicht an ihre Komponier-Regeln gehalten haben. Und: Es wird nie langweilig. Herrlich zum Beispiel Ben Johnstons „Knocking Piece“ aus der Darmstädter Stadthalle mit den Pfiffen und Rufen („Buhh! Aufhören …“) am Ende!

Es werden in 8 Stunden 37 Werke geboten, die meisten von etwa 20 Minuten Dauer, die älteste Aufführung von 1952, die jüngste von 2010, und viele dieser Mitschnitte des Hessischen Rundfunks sind jetzt schon von historischen Rang (z.B. der oben erwähnte Ben Johnston, oder auch Evangelisti, Xenakis, Cage, Jungheinrich …). Es gibt ja oft relativ wertlose Zusammenstellungen von Minihäppchen, welche die Neugier der Anfänger wecken sollen, sie dabei aber nur nervös machen. Davon kann hier keine Rede sein: Es werden nur ganze Werke präsentiert, und es haben fast alle das Prädikat „World première“, manchmal auch „European première“ oder zumindest „German première“. Nur zwei der hier vertretenen Komponisten (Ives und Carillo) sind nicht im 20. Jahrhundert geboren, und auch der Nachwuchs (z. B. Mark Barden, Jahrgang 1980) ist gut repräsentiert.

Als Schwerpunkt finden wir die klassische Formation Streichquartett. So beginnt CD 1 mit Hanns Jelineks Streichquartett Nr. 2, dargestellt 1962 vom legendären Végh Quartet, eine wahre Trouvaille. Auch das LaSalle Quartet fehlt nicht. Dann kommt das Kronos Quartet, ein immer abwechslungsreicher, für Überraschungen guter, fast schon „populärer“ Türöffner für zeitgenössische Musik seit den 80er Jahren, hier mit der Weltpremiere der Thirty Pieces for String Quartet von John Cage. Das Werk wurde damals eigens für das Kronos Quartet komponiert, und die Aufnahme ist eine absolute Rarität, gab es doch bisher nur eine Einspielung vom Arditti Quartet, die dazu noch vergriffen ist. Übrigens gibt es ein sehr interessantes Videoclip, http://exhibitions.nypl.org/johncage/node/263, auf dem David Harrington, der Primarius von Kronos, der Geigerin Emily Ondracek-Peterson die von ihm empfohlenen Spielweisen für diese Stücke erläutert. CD 2 wird ganz vom  Arditti Quartet (mit dem vorzüglichen Cellisten Rohan de Saram) bestritten. CD 3 ist exklusiv dem Internationalen Kranichsteiner Kammerensemble gewidmet, dies allein ist schon die Anschaffung dieser Box wert. Auch viel Schlagzeug ist geboten, so z.B. Liza Lims „City of Falling Angels“ für 12 Perkussionisten.

Zahlreiche weitere höchst originelle Produktionen warten darauf, entdeckt zu werden. Das, was damals vor fast 50 Jahren für mich die schöne DGG-Cassette war, das könnte heute gut diese NEOS-Box für manchen werden: ein idealer Einstieg in die Moderne Musik.

[Hans von Koch, Februar 2017]

Erleuchtender ÜberBach

ÜberBach – von Arash Safaian

Neue Meister 0300 825 NM (Edel Classics); EAN: 885470008257

Auf diese CD haben wir lange warten müssen… seit in den 1960ern Jacques Loussier uns völlig neue Möglichkeiten der Bachschen Musik eröffnete.

Erst jetzt erleben wir durch den Münchner Komponisten Arash Safaian einen wirklich zeitgenössisch gestylten, zeitgemäßen Johann Sebastian Bach. Er passt hervorragend zum Berliner Label „Neue Meister“, das es sich ja zur Aufgabe gemacht hat, grenzenlose neukomponierte Musik der Welt zu schenken. Eine von diesen bisher acht CDs ist „Überbach“.

Ohne historischen oder hysterischen Ballast, ohne „von des Gedankens Blässe angekränkelt zu sein“ – um mit Hamlet zu sprechen –, wird hier endlich die volle Genialität der Musik des im Iran geborenen, aber in Bayreuth groß gewordenen Malers und Komponisten Safaian erlebbar. Er macht sich die Bach‘sche Musik auf seine ganz eigene, unschuldige – wie er im Programmheft schreibt – Art und Weise zu eigen. Seine Mitstreiter sind der Pianist Sebastian Knauer, der Vibraphonist Pascal Schumacher (er selbst am Synthesizer) und das Züricher Kammerorchester. Sie weisen endlich einmal ohne eine beengende Zurückhaltung auf all ihre Verdienste, Meriten oder Auftritte hin. Man weiß also als Hörer dieser CD die Tatsache zu schätzen, dass hier endlich einmal wirkliche Könner am Werk sind und keine Dilettanten.

Und so erleben wir einen zeitgemäßen ÜBERBACH, der endlich das erfüllt, was die Musik des Altmeisters seit Jahrhunderten vergeblich versprach: Die volle Erfüllung seiner Kunst, die Arash Safaian und seine höchst emsigen Mitmusiker endlich endlich hörbar machen. Das ist so allgewaltig und überzeitgemäß, dass es auch keine Spur einer erfühlenden Phrasierung braucht, sondern nur den klaren, knackig hervorgehobenen Beat, womit der Pianist voll in seinem Element ist.

Diese CD ist eine wahre „Erleuchtung“ und wird die Entwicklung der modernen Musik in gigantischer Weise neu ordnen und beeinflussen. Und wir dürfen voll Stolz sagen, dass wir dabei gewesen sind, wie der alte Goethe, als er die Schlacht um Mainz miterleben durfte.

[Ulrich Hermann, Februar 2017]

Miklós Rózsa als exzellenter Dirigent seiner eigenen Musik

Rózsa Conducts Rózsa
Miklós Rózsa: Overture to a Symphony Concert op. 26a (1956), Three Hungarian Sketches op. 14 (1938), Notturno Ungherese op. 28 (1962), Theme, Variations & Finale op. 13 (1933)
RCA Italiana Orchestra, Miklós Rózsa, Rom, Juni 1964

Vocalion CDLK 4590; EAN: 765387459024

Der gebürtige Ungar Miklós Rózsa, der In Leipzig bei Regers Schüler Hermann Grabner (dessen Harmonielehre bei einfallslosen Zuchtmeistern immer noch in Gebrauch ist) Komposition studierte und dann einige Jahre in Paris und daraufhin in London verbrachte, bevor er als Jude mit Beginn des Zweiten Weltkriegs in die USA emigrierte, zählt wie der ein Jahrzehnt ältere Erich Wolfgang Korngold zu jenen Komponisten, die in Hollywood mit Filmmusik ihr Glück machten und daraufhin in der klassischen Musikwelt nicht mehr ganz so ernst genommen wurden. Wer mit dem Soundtrack zu ‚Ben Hur’ seinen dritten Oscar abräumt, kann ja zumindest kein wirklich überragendes Genie sein, oder ist zumindest der kommerziellen Verflechtung zu verdächtigen!

Der Weltbürger Rózsa, der Italien ganz besonders liebte und in seiner Musik eine interessante Synthese ungarischen Idioms mit deutscher Gediegenheit und vielen Einflüssen aus seiner Umgebung hervorbrachte, war vielleicht nicht wirklich ein Genie, aber jedenfalls ein phänomenaler Könner, dessen Musik man auch Inspiration und persönliche Merkmal nicht absprechen kann. Geringer als derjenige von Korngolds Musik ist der Wert seiner Musik nicht. Sein Spätwerk mit dem dunkel getönten Bratschenkonzert ist noch kaum bekannt, wogegen einige frühere Werke vor allem der dreißiger Jahre immer wieder mal gespielt werden. Wie Korngold befinden sich unter seinen Auftraggebern höchst prominente Virtuosen wie Jascha Heifetz, Gregor Piatigorsky oder János Starker.

In der vorliegenden Auswahl seiner Werke gibt uns Rózsa selbst am Pult die Gelegenheit, seine orchestrale Entwicklung von 1933 bis 1962 mitzuverfolgen. Das frühe Erfolgswerk ‚Theme, Variations and Finale’ halte ich bei aller Brillanz und Eingängigkeit nicht für eine seiner stärksten Kompositionen (um wieviel ziehe ich da beispielsweise das gleichnamige, gut zwei Jahrzehnte später entstandene Werk von Nicolas Flagello vor, das viel seltener zu hören ist und auf keine gute Einspielung verweisen kann), doch ist dieses wirkungsvolle Showpiece unter vielen großen Dirigenten erklungen und schon alleine dadurch noch heute sehr bekannt, dass Leonard Bernstein es in seinem Einspringer-Debütkonzert mit den New Yorker Philharmonikern auf dem Programm hatte (man kann die CD noch hier und da finden…). Ganz herrlich ist allerdings die luzide 6. Variation daraus! Als Ganzes viel persönlicher und spannender, und auch kompakter in der Wirkung, sind die ‚Three Hungarian Sketches’, enstanden während der englischen Jahre – in drei scharf kontrastierenden Sätzen entfesselt Rózsa sein durchaus ungestümes Temperament, das er zugleich vortrefflich zu zügeln versteht. Ein sehr starkes Stück ist auch die viel rauhere Overture to a Symphony Concert, in welcher wir auf etwas moderatere Art durchaus vernehmen können, dass es in Rózsas Amerika auch Komponisten wie Hindemith, Piston, Martinu oder Mennin gab. Später bekannte Rózsa, dass der dramatische Tonfall der Ouvertüre auch mit dem niedergeschlagenen Volksaufstand in seiner Heimat zu tun hatte. Das spätere Notturno Ungherese, sehr dankbar für die Soloklarinette, ist ein pastoral introvertiertes Tongemälde feiner Färbungskunst.

Rózsa selbst erweist sich als ziemlich idealer Dirigent seiner eigenen Musik, und das römische RCA-Orchester spielte an diesen drei Aufnahmetagen ausgezeichnet unter ihm. Die RCA-Tontechnik von 1964 mit Engineer Anthony Salvatore ist beeindruckend klar und offen im Klang, wobei Michael J. Dutton wohl wie so oft beim Remastering einige Wunder vollbracht haben dürfte (was nur die beurteilen können, die die Original-LP kennen). Es wurde in dieser durch Duttons Label Vocalion von Sony Classical lizensierten Kompilation der originale Booklettext übernommen, und der Hörer hält zum Budgetpreis ein entsprechend spartanisch aber geschmackvoll ausgestattetes, jedenfalls ausgezeichnetes Produkt in Händen, und zudem – authentischen Rózsa.

[Christoph Schlüren, Januar 2017]

Rastlose Brillanz

Linn Records, CKD 555; EAN: 6 91062 05552 9

Gemeinsam mit dem Scottish Chamber Orchestra unter Antonio Méndez spielt Ingrid Fliter die Klavierkonzerte a-Moll Op. 54 von Robert Schumann und g-Moll Op. 25 von Felix Mendelssohn. Das Orchester erklingt zudem in Mendelssohns Konzertouvertüre Op. 32 „Das Märchen von der schönen Melusine“.

An der Oberfläche präsentiert sich die Aufnahme Ingrid Fliters mit Klavierkonzerten von Schumann und Mendelssohn brillant und heiter glänzend. Mit Pathos jagt Fliter über die Tasten, verströmt einen Sog nach vorne und mitten hinein in die Musik. Dabei strahlt sie nicht nur handwerkliche Souveränität aus, sondern auch ein gewisses Gespür für den Zusammenhalt einzelner Phrasen sowie eine glühende Inspiration. Mit dem Scottish Chamber Orchestra unter Antonio Méndez besteht eine spürbare Verbindung, die Partner fügen sich problemlos zu einer Einheit zusammen, die verschmilzt.

Erst der Blick auf die subtileren Ebenen legt ein anderes Bild frei. Denn so sehr Fliter in der Virtuosität aufgeht und in raschen Passagen zu zaubern scheint, so rastlos sind die langsamen wie entspannten Abschnitte genommen. Die Pianistin scheint innerlich nie zur Ruhe zu kommen, und so wird auch die gesamte Lyrik gerade im Schumann-Konzert durch atemlose Hektik ausgehebelt. Die romantische Verträumtheit und die Wendungen ins Innere sind nicht vorzufinden (natürlich dürfen diese nicht ins manieriert Willkürliche übertrieben werden, aber sie sind dennoch ein entscheidendes Merkmal für Musik jener Zeit). Dazu gehörlt auch, dass immer wieder die spannungstragenden Dissonanzen, die wie ein Gewürz dem Ganzen erst die unverkennbare Note verleihen, unter den Tisch gekehrt und verharmlost werden.

Sehr subtil kann Antonio Méndez das Scottish Chamber Orchestra auf die jeweiligen Stimmungen einschwingen, kann ausgebreitete Melodien natürlich entstehen lassen und dann doch plötzlich wieder in entschiedenstem Aufbegehren toben. Gerade in Mendelssohns Konzertouvertüre kann das Orchester sich einlassen und eine beschwingte Gestaltung erlebbar machen. Dabei geht allerdings manche Nebenstimme im Geflecht unter, die noch einen schönen Beitrag hätte leisten können. Gerade in den Klavierkonzerten hätte damit noch für eine stärkere Kompaktheit des Apparates und für einen stringenter zusammenhängenden Fluss gesorgt werden können.

[Oliver Fraenzke, Januar 2017]